Welcome to the Jungle

Quechee (Vermont) – North Adams (Massachusetts)

Ich hatte wochenlang Google Maps bemüht, um die Route unseres Roadtrips festzulegen. 100 Meilen klingt nicht nach viel. Aber wenn man den Highway mit einem ungelenken Camper statt mit Cursor abfährt, können sich 100 Meilen sehr sehr weit anfühlen. Vor allem, wenn einem die überschwengliche Ehefrau alle 5 Kilometer begeistert ins Ohr kreischt: „Oh, ein Kürbis! Wie schöööön! Halt an! HALT AN!! Ich muss ein Foto machen!!!“ Oder: „Ahornsirupeis! AHORNSIRUPEIS!!! STOOOOOOP!“

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Wir sind auf dem Highway 100 unterwegs, mitten durch die Green Mountains, die so green nicht mehr sind, sondern in allen Farben von orange bis zitronengelb leuchten. Vor allem heute, denn endlich ist die Nebelwand der letzten Tage aufgerissen und die Sonne knallt vom tiefblauen Himmel. Meilenweit nur wilde Natur, die einschüchternd wirkt und wir uns fragen, wie sich wohl die ersten Siedler fühlten, die sich hier niederließen. Ich bin sicher, dass nur die Zähesten überlebten, denn hier sind die Winter verdammt hart (Minus 40 Grad ist hier nix). Dagegen ist ein Winter in Moskau wie die Badesaison an der Copacabana. Und bis ins 19. Jahrhundert hinein gab es auch immer noch Indianerüberfälle. Von Krankheiten, knochenharter Arbeit und Einsamkeit ganz zu schweigen. Wir fragen uns, ob die Siedler damals die überwältigende Schönheit der Natur bewusst wahrgenommen haben, oder ob sie sie nur als Gegner betrachteten.

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Eine Tankstelle dient uns als Zwischenstopp, wo wir uns unser Mittagessen holen (Hmmm, Thunfischwrap!). Ich drücke die Tür auf und befinde mich mitten in einer Szene aus „Men in Trees“. Ein Schwall heißer, nach fettiger Pizza riechende Luft schlägt mir entgegen, untermalt von Axl Rose, der sein „Welcome to the Jungle“ ohrenbetäubend ins Mikro brüllt (so unrecht hat er gar nicht). Hinter dem Verkaufstresen, der umrahmt ist von diversen Tabaksorten, Munition und Magazinen, hängt ein bärtiger, zerfurchter Typ, dessen bis zum Bauchnabel offenstehendes, kariertes Flanellhemd zuviel Brusthaar zur Schau stellt (boah, ich weiß gar nicht, wohin ich schauen soll!). Er wird von seiner ebenso zerfurchten Kollegin übertrumpft, die gerade freudeerregt ins Telefon brüllt: „Oh you stupid cow, you STUPID cow! How you doin?“ Ihr magerer Oberkörper wird von einem blauen T-Shirt geziert, auf dem steht: „Feel like getting lucky tonight?“ Ich muss würgen.

Endlich wieder an der frischen Luft (Axl wurde mittlerweile von Suptertramp abgelöst), studiere ich interessiert das Schwarze Brett, an dem der ganze Ort seine Anzeigen anpinnt: „Suchen Gastfamilien für kirgisische Auszubildende“ oder „Tiersegnung in der örtlichen Scheune, bitte bringen Sie ihr Tier im Käfig mit“ oder „Ham and Bean Dinner am Sonntag in der Church of Christ“ oder „Kann alles: Babysitten, Rasenmähen, Schreinerarbeiten, Tippen, Nähen, Kochen“. Ich liebe Schwarze Bretter – auf diese Weise haben wir auch unsere Katze Muffin zurückbekommen, als diese mal für zwei Tage ausgebüxt war. Da hing dann ein handgeschriebener Zettel an unserer Bäckerei: Kleine, dicke, freche, verwöhnte Katze zugelaufen (oder so ähnlich…).

Ganz erschöpft (100 Meilen sind tatsächlich viel), kommen wir abends in North Adams an, suchen noch eine halbe Stunde nach dem Campingplatz, der diesmal sehr abseits liegt. „Office closed“ heißt es. Und so nehmen wir uns einfach den schönsten Platz, am einsamen See, unter einem bunten Blätterdach. Nachts sitzen wir glücklich auf unseren Campingstühlen, schlürfen eiskaltes Heineken und bewundern den Vollmond, der gerade über dem See aufsteigt und alles in silbernes Licht taucht. It doesn’t get much better than that,does it?

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