Israel, Palästina und meine Zerrissenheit

Ich traue mich.

Nach langer Zeit habe ich es endlich geschafft, meiner Zerrissenheit im Nahostkonflikt Worte zu schenken. Ich habe lange an diesem Eintrag gearbeitet. Ich hatte einen ersten Entwurf geschrieben und wieder gelöscht. Er war nicht ehrlich genug gewesen. Und dann habe ich nachgeschärft. Das hat weh getan. Richtig weh. Denn da war viel schmerzhafte Selbsterkenntnis im Spiel. Und das Ringen um die Wahrheit.

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Los geht’s. Yallah!

„Kannst du den Aufnäher vom Rucksack entfernen? Mich haben viele Leute seltsam angeschaut. Ich habe mich echt unwohl gefühlt. “

Das war die Bitte meiner Tochter vor zwei Jahren. Sie hatte ein Vorbereitungsseminar für ihr USA-Austauschjahr besucht und ist mit meinem alten Backpack gereist. Ja, der mit den vielen Flaggen, die ich während meiner Reisen sammelte und dann per Hand in  schäbigen Hostels aufnähte.

Darunter auch die Flagge mit dem blauen Davidsstern. Es ist kein Geheimnis, dass ich einen Teil der 90er Jahre in Israel verbracht hatte. Mein Freund war Israeli. Ich lebte in einem Kibbuz. Aus der Ferne schoss die Hisbollah. Die Hamas sprengte Busse in die Luft. Die PLO und Israel unterzeichneten das Osloabkommen. Die verrückte Idee von Frieden lag in der Luft.  Ich war zugleich skeptisch und glücklich. Würde er halten? Ich schnorchelte im Roten Meer, tanzte in Tel Aviv, aß mit Beduinen, diskutierte, diskutierte, diskutierte und las alles, was ich zur Geschichte des Nahen Ostens in die Hände bekam.

Der kurze, wackelige Friede kam mächtig ins Stolpern, als der israelische Ministerpräsident Rabin blutend am Rande einer Kundgebung auf dem Boden lag und kurz darauf verstarb. Ein radikalisierter Jude hatte ihn erschossen.

Ich holte meinen Nahttrenner und entfernte die kleine Flagge. Zwischen Kanada und Kambodscha klaffte nun ein Loch. Ich saß eine ganze Weile da, mit dem Rucksack zwischen den Knien, starrte in die Ferne. Wann war der Stern zur Provokation geworden? War er das vielleicht schon immer, nur jetzt konnte man seine Feindseligkeit offener zeigen? Und warum war ich eingeknickt? Es ging mir ja um die Sicherheit meiner Töchter. Schließlich trugen viele männliche Juden in Berlin auch ihre Kippa nicht mehr.

Etwas war gekippt.

Und etwas kippte in mir.

Mein Weltbild hat einen ordentlichen Schaden abbekommen.

Nach dem Angriff der Hamas am 7. Oktober stand ich hinter Israels Anliegen, seine Bevölkerung zu schützen, die Geiseln zurückzuholen und die Hamas zu zerschlagen. Doch mit dem Fortgang des Krieges wuchsen leise Zweifel an der israelischen Kriegsführung und an ihrer Verhältnismäßigkeit, bis ich sie nicht mehr ignorieren konnte

Freundschaften gingen auseinander, weil ich mich nicht eindeutig auf die Seite der Palästinenser stellte.

Israel wurde zunehmend international isoliert.

In anderen Kreisen wurde das Leiden der Palästinenser schlichtweg ignoriert.

Ich erschrak über hasserfüllten Extremisten in den Reihen der israelischen Regierung. Sie waren doch bisher für mich die „good guys“ gewesen.

Die Flut an Bildern, Videos, Meinungen – alle, alle widersprechen sich ständig! – hielt ich irgendwann nicht m…

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