Über das Loslassen

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Ich klappe den Laptop zu, verstaue das Keyboard und den Bildschirm. Atme aus. Lockere die Schultern. Acht Stunden saß ich am Schreibtisch, im Home Office, und hatte mich um Redaktionelles und das Backoffice und um KPIs für den Arbeitgeber gekümmert. 

Der Mensch ist eigentlich nicht dafür gemacht, so lange auf einen Bildschirm zu starren. Jede Faser in mir sehnt sich nach Natur und Weite. Fünf Minuten später stehe ich in meinem Walking-Outfit im Wald. Ich fühle mich, als würden sich meine Zellen ausschütteln und frisch anordnen. Dann laufe ich los, meine Gedanken ebenfalls. Vor allem denke ich an den Abschied von meiner großen Tochter vor einigen Tagen. Mit einem großen Koffer, mehreren Tüten und einem Plüschaffen, den sie von Freundinnen geschenkt bekam, zog sie in ihr Internatszimmer im Süden des Landes. Ich wäre am liebsten auch dortgeblieben, in diesem Klostergebäude mit seiner Bücherei, den kleinen Klassenräumen, Musik- und Kreativzimmern. Und mit seiner Vielfalt an Nationalitäten. 

Aber stattdessen bin ich hier. In meinem Wald. Der mich immer wieder auffängt und tröstet. Und ich denke: Wie kann ich loslassen? Vor einigen Tagen las ich, dass der Mensch immer ein Gegengewicht braucht. So wie ich nach acht Stunden vor dem PC eine Stunde im Wald als Ausgleich brauche. Oder nach einem Tag der Völlerei einen Tag der bescheidenen Mahlzeiten. Oder nach einem Tag mit vielen Menschen einen Ausgleichstag (oder Woche!!) ganz mit mir allein benötige.

Was ist mein Gegengewicht zum Loslassen?

Der Waldboden ist feucht, es riecht nach Moder. Und Pilzen. Tatsächlich! Vor mir spitzen rote, kleine Köpfchen aus dem Boden. Immer mehr und mehr werden es. Fast sehen sie aus wie Maronenröhrlinge, aber das kann nicht sein, hier sind nur Buchen und Eichen. Wer seid ihr? frage ich stumm. Fasziniert beuge ich mich zu den roten Pilzen hinunter, die Hüte weich wie Samt. Ich sammle so viele wie in meine Hände passen. Vergessen sind Tochter, Backoffice und KPIs. Über mir singen die Baumkronen. 

Zuhause sitze ich über Pilzratgebern und forsche so lange, bis ich weiß: Es handelt sich um den Blutroten Röhrling, ein essbarer Pilz. Später brate ich meine Exemplare mit viel Zwiebeln und esse sie auf Toast. Ein erster V…

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