Asche, Auferstehungskraft, Anno Dazumal

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Vorgestern Abend lag ich in meinem Bett und dachte: Heute war der erste Tag seit gefühlt 100 Jahren, der sich von Anfang bis Ende ganz normal angefühlt hat. Er hätte nicht schöner sein können. Ich glaube, ich schlief mit einem schiefen Lächeln ein. Es war nichts Spektakuläres passiert. Nur ein Tag ohne Störungen, ohne große Sorgen, ohne diesen Betonklotz im Bauch, den ich seit langer Zeit mit mir herumtrage.

In einem meiner Vorträge betone ich, dass ein normaler Alltag immer Abwesenheit von großem Leid bedeutet und er schon allein durch diesen Umstand sehr wertvoll ist. Nur dass dies der Mensch leicht vergisst zwischen seinen vielen Terminen, dem grauen Wetter, den anstrengenden Kindern und der eigenen Gefühlslage. Erst wenn das „Normal“ für einen wegbricht, dämmert einem gewaltig, was man an diesem Alltag hatte. 

Aber zurück zu vorgestern. Die große Tochter befand sich auf Studienfahrt in Hamburg und hat dort die Zeit ihres Lebens, wenn man den Fotos vertraut, mit denen sie unsere Familien-Gruppe zuspamt. (Ich freue mich über jedes Foto, jedes einzelne. Wenn du ein 15-jähriges Kind hast, weißt du jedes Fitzelchen persönlicher Information wie ein Stück Gold wertzuschätzen). Die jüngere Tochter blieb von der Schule daheim. Sie war erkältet und fraß sich den ganzen Tag über durch ein dickes Buch. Der Mann war ausnahmsweise nicht im Home Office (ja, wir wohnen noch vorübergehend zusammen). Es war herrlich ruhig. Ich nutzte die Zeit, um das Zimmer der Großen von oben bis unten zu putzen und stieß auf viele verwaiste Socken nebst fettgefressenen Wollmäusen unter dem Bett. Den Prozess des Aufräumens und Möbelrückens und Staubwischens empfinde ich als sehr mühsam und lästig, aber wenn dann das Zimmer in neuem Glanz erstrahlt, dann fühle ich mich, als hätte ich im Lotto gewonnen. 

Der Kühlschrank war leer bis auf Senf und welke Möhren und Käserinden, aber ich hatte keine Lust einzukaufen. Wozu auch, wenn auf der Wiese hinter dem Haus die Wildkräuter sprießen. Ich pflückte ein ganzes Sieb voller Giersch und Sauerampfer und Scharbockskraut und kochte daraus eine grüne Suppe, die hier (ohne Witz) alle lieben. Dazu ein paar Croutons aus altem Brot. 

Den Nachmittag verbrachte ich im Garten. Befüllte die Hochbeete mit Gartenschnitt und Kompost. Pflanzte die ersten Salate, Kohlrabi und säte Radieschen, Möhren, Rucola und Spinat. Über mir in den noch kahlen Baumwipfeln keckerten die Elstern, stritten die Amselmännchen, piepsten die Blaumeisen und zilzalpten die Zilzalpe. Auf dem Küchentresen wölbte sich der Hefeteig für die Focaccia, die ich für den Abend geplant hatte. 

An diesem Tag musste ich niemanden fahren, keine Termine drängten. Das Kind, welches am Vormittag noch sehr krank war, fühlte sich besser und gegen Abend spielten wir Karten und Brettspiele. Dann ein schlichtes Abendessen mit Rosmarin-Focaccia und Kräuterbutter. Die grünen Gaben der Erde finden wieder ihren Weg auf unseren Tisch. 

Als ich am Abend bis zur Nasenspitze wohlig zugedeckt im Bett lag, ließ ich den Tag Revue passieren, durchwanderte ihn noch einmal vom Morgen bis zur Nacht. Ic…

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