Was mir fehlt

Mein Mann und meine Kleinste sind nach Norddeutschland gefahren. Meine Große, unsere französische Work-Awayerin Angèle und ich sind hier zu Hause. Endlich eine Minipause nach einem unglaublich arbeitsreichen Monat. Innerlich fühle ich mich wie die letzten 10 Sekunden nach einem 100-Meter-Lauf: Die Beine pumpen noch, obwohl das Rennen vorbei ist.

Meine Gedanken ordnen sich wieder, nachdem sie wie panische Hühner für einige Zeit in tausend verschiedenen Richtungen rannten und ich sie partout nicht mehr einfangen konnte. Alles beruhigt sich. Eigentlich wäre ich heute gerne zu einem Gottesdienst gegangen. Aber ich saß einfach nur eine Weile da. Las mein neues Buch von Madeleine L’Engle. Pflanzte ein paar Spitzkohlpflänzchen. Freute mich an meinem neuen Sonnen-Gemüsegarten. Saß mit Angèle und Amelie am Tisch und trank Tee. Arbeitete an meinem Linolschnitt weiter. Machte ein Schläfchen. Probierte die ersten Bissen von meinem allerersten fermentiertem Gemüse (es hat nach zig Anläufen endlich geklappt!). Trank noch mehr Tee.

Mein Gottesdienst hieß heute also Schlafen, Teetrinken, Worte, Gemeinschaft, Gastfreundschaft, Kreativität, Freude. Manchmal frage ich mich, ob das ausreicht. Ist es ok, dass ich zufrieden bin mit einem geistlichen Leben, das sich aus Gemeindestrukturen zurückgezogen hat?

Vielleicht ist das die falsche Frage. Sie müsste eher lauten: Nährt das alles meinen persönlichen Glauben? Und darauf antworte ich: Ja. Dieses Ja war noch vor einigen Jahren an große Schuldgefühle gekoppelt. Als Christ*innen sind wir gewohnt, dass Glaube nur innerhalb stattfinden kann, abgeschottet von der Welt und von weltlichen Dingen. Wir zweiteilen unser Leben. Und alles, was kein frommes Branding besitzt und ganz physisch daher kommt, wird als weniger heilig empfunden: Säkulare Bücher, Gedichte, Kunst, Erde, Pflanzen, Schlaf, Küsse, Blumen, Kochen, Laufen, Stillen, Putzen, Schreiben.

Oh, wie klein wir Gott, die Unaussprechliche, machen.

Aber da ist doch das Eine, was mir fehlt. Wonach ich seit Jahren suche. Eine innere Heimat. Eine äußere Heimat. Ein Ort, an den ich gehöre. Es ist weniger der Ort, von dem ich stamme als ein Ort, auf den ich mich zubewege, der aber noch im Nebel liegt. Viele, die gemeindelos leben, kennen dieses diffuse Gefühl und die Sehnsucht nach einer Gemeinschaft, in der man gekannt ist.

Das ist die Lücke, mit der ich lebe. An der ich leide. Eine Lücke, mit der ich mich anderen Menschen zumuten muss. Und sie macht erfinderisch, diese Lücke. Ich fülle mein Leben mit Menschen. Manchen begegne ich in Sprachnachrichten und auf Instagram. Anderen auf meiner Terrasse oder hier auf meinem Blog.

Angèle sagte mir letztens: „Ich fühle mich so wohl hier. Es ist sehr friedlich und wie ein Zuhause.“ Und ich antwortete ihr: „Genau so ist unser Zuhause gedacht. Ein Ort, an dem man weich landet.“

Vielleicht finde ich auch noch die Kirche, wo ich weich landen kann. Wo ich nicht Veronika, die Autorin oder Veronika, die Referentin oder Veronika, die „Rebellin“ bin. Sondern nur Veronika, die Bedürftige.

Ich bewege mich auf diesen Ort zu. Sehnsuchtsvoll. Die Wartezeit fülle ich damit, Essen zu machen. Beete anzulegen, den Himmel zu bestaunen und Leben in den kleinsten Winkeln meines Lebens zu finden.

13 Kommentare zu „Was mir fehlt

  1. Guten Morgen! Es hat funktioniert!!! Ganzer Blog 100% angekommen!😃👍
    Und: Deine Worte passen derzeit auch gut zu meinem Glaubensleben und sind so ermutigend für mich. Danke!💞

    1. Wie gut es tut, sich in deinen Worten wiederzufinden und der Kopf nickt, das Herz applaudiert und die Hand streckt sich dir symbolisch entgegen. Danke.
      „Wohl denen, deren Stärke in dir gründet, die in ihren Herzen barfuß zu dir unterwegs sind. “ Psalm 84,6 BigS
      Walk on!

  2. Du sprichst mir aus dem herzen. Ich bin verglichen zu dir noch frisch im Christsein, aber auch auf der Suche nach diesem (Sehnsuchts)ort, nach Zugehörigkeit und Angenommensein in meinem Glauben.

    1. Es fällt mir ehrlich gesagt schwer mir Glauben ohne meine Gemeinde vorzustellen. Damit meine ich nicht das Konstrukt Gemeinde, die Veranstaltungen, die Angebote – sondern ohne meine „Glaubensgeschwister“. Meinen Hauskreis wo wir zusammen und füreinander beten, uns beistehen und ermutigen, das Miteinander von Jung und Alt im Gottesdienst, gemeinsam Abendmahl zu feiern und zu singen… Die Gemeinschaft mit Menschen die Jesus lieben (in aller Unperfektion) finde ich bereichernd in meinem (Glaubens)Leben.

  3. Oh wie du schreibst, als ob du das Innerste meiner Gedanken und Beobachtungen kennen würdest! Ich danke für das Worte-Leihen, für das Vage, das Undefinierbare, das Noch-Nicht-Fassen-Können in mir. Du bist ein Segen für diese Community. Und das ist kostbar. Das ist Kirche. Reich Gottes. Kirche ohne Mauern. Danke Veronika!

  4. Oh ja, GENAU so geht’s mir auch! Ich habe jetzt keine Schuldgefühle mehr und finde Gott in so vielen Dingen. Aber die Sehnsucht nach Gemeinde bleibt irgendwie. Bei mir ist das Problem, dass ich immer denke, ich muss dann auch was tun, mitarbeiten, mich engagieren – und davor schrecke ich dann aufgrund vieler schlechter Erfahrungen zurück!

  5. Liebe Veronika, wenn meine zwei Kinder aus dem Gröbsten heraus sind, möchte ich gerne mal wieder mit dir Käse-Nachos essen und Wein trinkend über das Leben reden. Ich mag es, dass ich noch immer an deinem Leben „teilhaben“ kann, obwohl wir uns schon so viele Jahre nicht mehr sehen konnten.

  6. Danke!!! Für diesen wunderbaren Text, der mich sehr berührt hat. Auch ich möchte mein geistliches und „alltägliches“ Leben nicht mehr zweiteilen. Irgendwie ergibt das ja auch gar keinen Sinn….Aber ich kenne auch die Schuldgefühle und die Frage, ob das ausreicht, ob das so in Ordnung ist? Auf der anderen Seite spüre ich, dass Anbetung auf so vielen Wegen möglich ist und eben nicht nur auf einen Lebensbereich (Gottesdienst, Kirche) reduziert ist. Es ist eine spannende Reise…
    Ich habe mich über das Foto der wunderschönen Rose gefreut:) Kennst Du ihren Namen?

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