Familie

Muttersein ist ein Verb.

IMG_0622_edited-1Unsere letzte Ferienwoche ist die erste Woche meines Lieblingsmonats. Ich blühe auf wie eine Primel im Februar, die monatelang mürrisch im Boden ausharrte. Ich habe die meiste Zeit der Hitzewochen mürrisch und schwitzend in verdunkelten Räumen verbracht. Jetzt komme ich ans Licht. Das schöne spätsommerliche Licht, das einem zärtlich übers Haupt fährt und nicht brutal ins Gesicht zu boxt.

Es waren langsame Wochen. Ferien daheim. Ohne Unternehmungsterror. Wir hatten nur zwei  Sachen auf unserer Sommerliste: Zoo und Rothenburg ob der Tauber. Haben wir beides abgehakt und für sehr gut befunden. Wir haben im Zelt geschlafen und sind abends an den See. Amelie war für eine Woche im Schwarzwald auf einer crossover-Freizeit und kam voller Geschichten und Glückseligkeit wieder nach Hause. Josefine hat sich gelangweilt und Freunde getroffen.

Ihre letzte Ferienwoche sind beide Mädels bei Oma und Opa. Wie meinte Armin gestern so schön, als wir noch spätabends am Neckar Hand in Hand entlangmschlenderten? „Eine Win-Win-Win-Situation.“ Win 1: Die Kids sind glücklich und vermissen uns kein bisschen. Win 2: Die Großeltern sind selig. Win 3: Wir kommen zur Ruhe und genießen den Duft der Freiheit.

Zum ersten Mal seit fast 10 Jahren spüre ich wieder, wie es sich anfühlt, wenn ich über meine Zeit zu 100 % verfügen kann. Jedes Telefonat kann ich ohne Unterbrechungen zu Ende führen. Ich kann mir scharfe marokkanische Gerichte kochen. Ohne dass jemand meckert. Ich glotze tagsüber die zweite Staffel „Anne with an E“. Ich kann stundenlang schreiben und arbeiten. Gedanken zu Ende denken. Ich kann meinen Wanderrucksack packen und einen ganzen Tag lang in den Löwensteiner Bergen verschwinden. Ich kann auf ein Konzert gehen und mit einer Freundin durch die Stadt bummeln. Sicher kann ich vieles davon auch machen, wenn die Kinder da sind. Aber ganz ehrlich: dazu fehlt mir die Energie.

In dieser Woche spüre ich etwas von der „alten lebendigen Veronika“ in mir – die, die ich vor den Kindern war. Und die ich tatsächlich immer noch bin. Nur bin ich in den letzten zehn Jahren mit meiner Mutterrolle verschmolzen und habe mich dabei selbst ein bisschen verloren. In dieser Woche lerne ich:

Mein Muttersein ist nicht meine Identität. Muttersein ist ein Verb. Eine Tätigkeit. Eine Beziehung.

Sie macht nur einen Stück von mir aus. Es gibt Teile von mir, die davon immer noch unberührt sind und in mir schlummern. Die schon vorher da waren und auch hinterher noch da sein werden. Ich bekomme diese Woche einen Geschmack davon. Und dieser Geschmack gefällt mir ungemein. Denn meine große Furcht, ich könne mich im Familienleben verlieren, ist unbegründet. Und dann gibt es anderes in mir, was erst durch mein Muttersein aufgeblüht ist….

Mit diesem Wissen kann ich die nächsten 10 Jahre mit meinen Kindern gelassen angehen. Ich freue mich auf meine beiden Süßen. Es ist doch auf Dauer etwas …. still im Haus. Mir fehlt mein Sidekick Josefine in der Küche, der mir Mehl, Butter und Zucker abwiegt. Mir fehlen Amelies Lachen und ihre Geschichten. Mir fehlt sogar das Quietschen des Trampolins. Ich bin so furchtbar gerne Mutter mit allen Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Staunen, Wehmut, Sorgen, Stolz und Ratlosigkeit.

Aber ich bin auch so furchtbar gerne Gottes Kind, das er mit so viel Interessen und Leidenschaften und Schrullen ausgestattet und auf die Erde gepflanzt hat: „Da, lebe in Beziehungen!“ Das ist doch mein primärer Auftrag.

In Beziehung leben mit unseren Kindern. Mit unserem Partner. Mit unseren Familien und Freunden und Nachbarn. Mit denen, die uns tagtäglich so schwer fallen. Mit denen, die uns aufrichten. Mit denen, die uns brauchen. In Beziehung leben mit unserem Gott. Mit uns selbst. Mit der Schöpfung. Mit unseren Fähigkeiten und Leidenschaften und Aufträgen.

In dieser Woche, in der ich alleine bin habe ich eine neue Liebe zu meiner Familie gewonnen. Zu meiner Arbeit. Zum Schreiben. Zur Schöpfung. Und zu meinem Gott.

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2 Gedanken zu „Muttersein ist ein Verb.“

  1. Schöne Worte. Ich kann das an vielen Stellen nachfühlen. Ich nehme das auch immer wieder an mir wahr. Zu der wenigen Energie für manche Dinge gesellt sich ja oft auch das Gefühl, sich dieses oder jenes nicht erlauben zu können. Zumindest ist das bei mir so.

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  2. „Mein Muttersein ist nicht meine Identität. Muttersein ist ein Verb. Eine Tätigkeit. Eine Beziehung.“ Wie schön du das ausdrückst! Diesen Satz oder besser gesagt diese Sätze will ich mir merken! Ich denke, wenn wir das erkennen, gelingt es uns auch besser loszulassen. Stück für Stück.
    Wie schön, dass du in dieser Woche so Schätze gewinnen konntest!
    Herzliche Grüsse nordwärts
    Sula

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