Ohne Gemeinde

Es geschah an einem ganz normalen Sonntag Vormittag. Mein Hals wurde eng. Ich wollte an allen anderen Orten sein, nur nicht hier im Gottesdienst. „Ich muss hier raus. Nicht nur heute, sondern…..für längere Zeit.“

So begann meine Gemeindepause. Harter, aber notwendiger Schnitt. Ich wollte schon so lange darüber schreiben. Aber mir fehlten anfangs die Worte und dann der Mut. Ich wollte niemanden verletzen oder Gemeinde schlecht machen. Aber wenn Glaube eine Landkarte ist, dann gibt es darauf eine Mitte und einen Rand. An beiden Orten ist Gott. In der Wüste Sinai und im Tempel in Jerusalem. Manchmal braucht man den Tempel, um sich Gott nahe zu fühlen, und manchmal muss man der Enge entfliehen und sein Lager unter den Sternen am Rand der Welt aufschlagen.

Vieles in Gemeinden fühlte sich für mich an wie ein Schuh, in den ich nicht mehr hineinpasste. Ich zog die Zehen ein, machte mich kleiner, aber am Ende half nicht mal mehr ein Schuhlöffel. Es passte nicht. Ich konnte nicht noch eine Predigt hören, in der Verse zu Selbsthilfe-Zwecken aus dem Zusammenhang gerissen wurden. Mit Epheser 4, 1 gelingt euer Leben besser! Oder wo ich zum 1000. Mal hörte, dass ich erlöst bin und Gott immer gut ist und wir uns alle noch ein bisschen anstrengen müssen und überhaupt: Wie sieht es aus mit Mitarbeit? Alles richtig und gut. Aber ich fühlte mich manchmal doch wie ein kleines Kind, dem man alles immer wieder von vorne erklärte. Meine Anfragen und Unsicherheiten und Zweifel hatten in dem Schuh keinen Platz.

Außerdem fehlten mir die Schwachen, die Außenseiter, die Feinde, die Anderen. Kurz: die Vielfalt. Viel mehr fühlte ich mich in einer Subkultur gefangen, in der wir alle gleich dachten, gleich redeten, die gleichen Bücher lasen und die gleiche Musik hörten.  Ich sah nie Andersgläubige, Homosexuelle, Zerbrochene, Rebellen. Doch: Einmal! Da kam ein stinkender Obdachloser in eine Gemeinde in Stuttgart. Er setzte sich in die letzte Reihe. Dort saß er eine Weile alleine. Und dann ging er wieder. Ich schämte mich. Für mich. Weil ich zu beschäftigt mit dem Lobpreis war. Und der Rest der Gemeinde anscheinend auch.

Ich weiß, dass Gemeinden von der freiwilligen Mitarbeit leben. Aber da frage ich mich auch mittlerweile, ob nicht zuviele Mitarbeiter einem hippen Gottesdienst mit Saftbar geopfert werden. Geht es eine Nummer kleiner und schlichter? Manchmal beschlich mich der Eindruck, dass alle Energie in die Erhaltung einer Gemeindekultur gesaugt wurde und dann einfach nichts mehr übrig blieb für die Menschen um uns herum.

Vielleicht entfloh ich meinem schlechten Gewissen, weil ich mich nicht zur Mitarbeit durchringen konnte? Ich wollte Zeit haben für die Menschen, die Gott mir anvertraut hat. Und mit Dienst in der Gemeinde wäre das nicht gut möglich gewesen. Zumindest nicht in meiner Mama-Phase mit kleinen Kindern.

Eine Zeit lang habe ich in der Wüste campiert. Aber ich war nicht alleine. Ich habe meinen Hauskreis, meinen Book Club, mit denen ich gemeinsam unter den Sternen am Rand der Welt sitze. Hier passe ich rein mit meinen eckigen Fragen, hier kann ich Dogmen durchleuchten, die ich einst ungeprüft übernahm. Gemeinde war auf einmal unsere Couch und unser Esstisch. Eine Bar und Sallys Wohnzimmer.

Als ich nach unserer Gemeindepause zum ersten Mal wieder in einen normalen evangelischen Gottesdienst ging, atmete ich tief ein. Die Poesie der Lieder und der Liturgie brachten etwas Uraltes in mir zum Klingen. Hier musste ich Inhalte nicht mehr ständig auf ihren theologischen Wahrheitsgehalt hin abtasten, sondern konnte mich in jahrhundertealte Gebete hineinsinken lassen. „Vater unser im Himmel“…..“Ich glaube an Gott, den Vater, den Schöpfer des Himmels und der Erden“….

Glaube ist eine Reise auf einer Landkarte, die alles durchschreitet: Das Zentrum und die Wüste. Die Berge und Täler. Reißende Sturzfluten und liebliche Wiesen. Wie gut, dass überall für jeden Platz ist. Wie gut, dass Gott sich in unseren holprigen Versuchen ihm nahe zu sein finden lässt: In den hippen Gemeinden, in der Landeskirche, in einer katholischen Messe, in chaotischen Gottesdiensten, in Wohnzimmern und Bars.

Wie gut, dass wir auf dieser Reise nie alleine sein müssen. Und genau das ist Gemeinde für mich: Gemeinsam Suchende und Liebende und Erlösungbedürftige und Fallende und Aufhelfende zu sein.

 

 

 

Veröffentlicht unter Glaube.

18 Kommentare zu „Ohne Gemeinde

  1. Danke für diesen Beitrag! Mutig und konsequent von dir , dir diese Auszeit zu nehmen.
    Vieles hat mir aus dem Herzen gesprochen.
    Ich hoffe, dass auch deine Gemeinde ins Nachdenken kommt.
    Alles Gute für dich und deine Familie!

  2. HI
    auch ich habe eine Gemeinde Pause hinter mir und stecke immer noch drin. Mir geben meine Bücher, die Verlagswelt und auch die Messen deutlich mehr, als Gemeinden, wobei ich die Jesus Freaks Stuttgart auch klasse fand. Doch das war vor 7 Jahren, wies nun dort ist, weiß ich nicht. Dennoch danke für deine Offenheit und Ehrlichkeit 🙂 Finde ich stark!
    Und ja es fehlt das besondere, das was man vielleicht in Gemeinden nicht erwartet muss wieder mehr Raum und Zeit finden, leider gibt es immer mehr Kuschelclubs Gemeinden.
    Ich freue mich aber, das du nicht alleine auf dem Weg bist, sondern Hauskreis und Freunde hast, die den gleichen Weg gehen, mit dem gleichen großen Bruder den wir alle haben.
    Es grüßt dich herzlich
    Nicole

  3. Liebe Veronika, remember me…. Silvia und Marco aus Sallys Kuhdorf Winzerhausen 😄 Ich schreib Dir lieber ne Mail, ich bin nicht so der öffentliche Facebook -Mensch.

    Danke für Deine Offenheit und Ehrlichkeit. Kann Deine Kämpfe sehr gut nachvollziehen.

    Oft hat mich die Frage bewegt, was ist eigentlich Gemeinde? Dabei bin ich über das Thema Reich Gottes gestolpert. Es hat mir mal vor einiger Zeit sehr geholfen alle Bibelstellen über das Reich Gottes anzuschauen. Habe mich dazu auf das Lukasevangelium begrenzt. Wahrhaftig faszinierend, es bricht unser kleines Gemeindebildchen auf.

    Falls Du das vertiefen möchtest, kannst Du dazu unten weiter lesen.

    Wünsche Dir auf Deinem weiteren Weg alles Liebe! Viele Grüsse aus Winzerhausen Silvia

    Reich Gottes (40x) Lk 1:33, 4:43, 6:20, 7:28, 8:1, 8:10, 9:2, 9:11, 9:27, 9:60, 9:62, 10:9, 10:11, 11:2, 11:20, 12:31, 12:32, 13:18, 13:20, 13:28, 13:29, 14:15, 16:16, 17:20, 17:20, 17:21, 18:16, 18:17, 18:24, 18:25, 18:29, 19:11, 21:10, 21:31, 22:16, 22:18, 22:29, 22:30, 23:42, 23:51

    Möglicher workshop: 1. Was ist das Reich Gottes? 2. Wann ist das Reich Gottes? 3. Wer ist Teil des Reiches Gottes? 4. Wo ist das Reich Gottes? 5. Wie kommt man ins Reich Gottes? 6. Was sind die Forderungen des Reiches Gottes? Hätte dazu auch eine Worddatei mit allen Bibelstellen.

  4. Hallo veronika.als oberaktive christin bin ich von der bühne in den zuschauerraum getreten.und: ich lebe noch.ich muß niemandem mehr etwas vorspielen.der zuschauerraum ist auch gut.alle freuen sich,wenn ich komme…
    Das war ein langer prozeß voller schmerzen….und schießlich bekommt man nicht mehr so viel lob…für das was man ,trotz familie, noch schafft.
    Gott hat.mich hierhingestellt.er verläßt mich nicht
    Maria

  5. Verrückt. Gestern saß ich nach einer kleinen Pause erstmalig wieder im Gottesdienst meiner Gemeinde und war unglaublich froh, zurück zu sein. Dann musste ich tatsächlich an dich denken, an deine Gemeindemüdigkeit, die du mal beschrieben hast und ich habe über die Frage gegrübelt, ob jemandem wie dir wohl unsere Gemeinde gefallen würde. Und jetzt schreibst du heute darüber. Ein bisschen unheimlich, oder?

  6. Ein mutiger Artikel, und ich wünsche Dir (weiter) viele unterstützende Kommentare. Ich hab mich noch nicht getraut, über dieses Thema zu bloggen, und dabei bin ich auch schon seit sehr vielen Monaten gemeindelos. Leider auch ziemlich heimatlos, denn in unserer Gegend ist so gar nichts los … Das macht die seltenen Zwischendurch-Gemeindebesuche dann doch wieder zu etwas erbauenden. Und die Leute freuen sich viel mehr, wenn man nur mal kommt … schon lustig. Gerade Leute von „meinem Schlag“ – geschieden, in neuer Partnerschaft aber (noch) nicht verheiratet, mit traumatisiertem Hintergrund, die Machtmissbrauch aus erster Hand kennen – ist es furchtbar eng in unseren Gemeinden. Luft zum Atmen und sich entfalten haben vor allem die, die sowieso schon recht fit wirken. Klar, die Gemeinde will nicht in die Willkür abrutschen, will gewisse Standards aufrecht halten … und das geht dann eben hie und da auf dem Rücken derjenigen, die das so gar nicht gebrauchen können. Schon eine spannende Gratwanderung.

  7. Hallo Veronika,
    verstehe dich so gut. Ich und mein Mann haben immer mal wieder in den letzten Jahren gewechselt. Teile waren schön, aber nur zu bestimmten Zeiten und dann passte es nicht mehr. Heute sind wir grade soweit, dass wir erst einmal einen Hauskreis bilden und dann sehen was passiert. Wir haben mit Amerikanern (Missionare) Gottesdienst zuhause abgehalten und es war wunderschön. Die letzten Jahre nur zu drei Paaren, mit unseren Kindern. Auch das war eine besondere Erfahrung. Man spürt, wenn man Veränderung brauch es nicht mehr passt und das darf sein. Jesus wird euch führen.
    Lieben Gruß
    Susanne 😉

  8. Liebe Veronika, wie oft hab ich schon gedacht, dass die Gemeinde, in der du bist, sich wirklich glücklich schätzen kann, dich zu haben, weil du einfach so wertvolle, tiefe Gedanken hast und eine große Bereicherung bist (zumindest für mich als Blog-Leserin). Ich wünsch dir sehr, dass du ankommst, dort, wo du dich am richtigen Platz fühlst, dort, wo Gott etwas mit dir vorhat, nicht im Sinne von Arbeit/Mitarbeit sondern von einfach SEIN. Lg Stefanie

  9. Liebe Veronika. Vielen Dank für deine Worte. In vielem fühle ich genauso wie du. Ich habe mich noch nie in einer Gemeinde wirklich angenommen, geschweige denn wohl und frei gefühlt. Und ich bin fast 40ig und schon in eine Gemeinde hineingeboren worden.
    Immer wieder war und bin ich verzweifelt… Aber jetzt habe ich etwas entdeckt: ich bin hochsensibel (du doch auch?) und ich glaube darum fällt mir die Gemeinde so schwer. Ich beschäftige mich mit Glaube und Hochsensibilität und ich komme langsam zu der Überzeugung, dass es für mich nie möglich sein wird, mit meinen Fragen, meinen Zweifeln und meinen intensiven Emotionen mich in einer Gemeinde wohlzufühlen. Und jetzt? Ich habe für mich noch keine Antwort gefunden.
    Herzlich Rika

    1. Ich glaube, dazu gibt es auch keine allgemeingültig Antwort. Ich kenne diese Situation auch sehr gut, dachte lange, ich wäre gemeinschaftsuntauglich. Aber mich hat es herausgefordert, auf Jesus zu gucken und zu fragen, was jetzt? Weg von all den vorgegebenen Terminen und Strukturen – nur ich und Jesus.
      Was mich dabei sehr unterstützt hat, war Geistliche Begleitung und Stille Tage. Das hat mir dem Mut gegeben, mich auf diese „Leere“ einzulassen und mal wieder ganz neu zu schauen, was eigentlich so der Urgrund meines Glaubens ist. Und inzwischen empfinde ich es wirklich so, dass meine Füße auf weiten Raum gestellt wurden. Und erfahre Führung und erstaunliche Überraschungen, die vorher nicht möglich gewesen wären.
      Zwei Bücher finde ich richtig gut: Der Schrei der Wildgänse von Jacobsen/Coleman und „Verwandelt “ von Birgit Schilling.
      Liebe Grüße von Bettina

  10. Ich hatte meine „Auszeit“ innerhalb meiner Gemeinde. Meine Vermutung ist, dass Mitarbeit in vielen Gemeinden ein Reizthema ist. Ich weiß, dass eine Familie unsere Gemeinde deshalb verließ. Ich finde, man muss das immer auch wieder laut sagen: Ich fühle mich unter Druck. Ich will grad nicht mitarbeiten. Ich will einfach nur kommen. Ich finde meine Zweifel nicht in den Predigten. Es gibt vielfältige Ansätze, Dinge zu verändern: Vereinfachung des Gottesdienstes (=weniger Mitarbeiter), Zeit geben, seinen Platz in der Gemeinde zu finden, neue Gottesdienstformen. Zum Beispiel eine kürzere Predigt und dafür anschließend Austausch darüber. Oder sogenannte „Thomasmessen“… Ich wünsche mir, dass Gemeinden sich da auf den Weg machen. Ich habe viele Jahre nicht mitgearbeitet und darüber geredet, wie es mir damit geht. Das Verständnis war unterschiedlich. Jetzt mache ich etwas, das meine Familiezeit nicht beschneidet und mir entspricht (zB. Kindergottesdienst
    http ://bit.ly/2rHyNFT und am Gemeindebrief schreiben). Ich finde es nicht immer leicht mit Gemeinde. Manchmal auch echt anstrengend… Aber dauerhaft ohne? Ich kann mir vorstellen, dass es auch nur mit Hauskreis oder ähnlichem geht. Allerdings kommt da auch eher kein Obdachloser 😉 Aber vielleicht doch eher der ein oder andere Zweifelnde… Ich für mich möchte eine „Gemeindefamilie“ und meine Kinder darin aufwachsen lassen. Ich glaube, letztendlich hat Gott uns so angelegt: Glauben teilen und leben teilen. Es wird immer unvollständig beleihen und einiges könnte man in jeder Gemeinde ausbauen. Ich wünsche jedem, dass er eine Form für dieses Teilen findet, in der er sich entfalten kann… Liebe Grüße, Martha

  11. Liebe Vroni, tja, die Gemeinde (jeder Couleur) – und unsere Fragen und Erkenntnisse, die anscheinend immer komplexer, vielleicht tiefer sind als das, was die einzelne Tradition und Prägung fassen kann…
    Wollte Dich eigentlich nur mal kurz auf diese junge Frau hinweisen: http://www.nadiabolzweber.com/ Finde ich unheimlich spannend und ansprechend; neulich am Kirchentag selbst erlebt und – wow, auch live überzeugend!
    Liebe Grüße & Du gehst einen guten Weg 🙂

  12. Hallo, ich lese schon seit langer Zeit deine Gedanken und empfinde oft ähnlich! Seit über einem Jahr ertrage ich die Predigten in unserer Gemeinde auch nicht mehr. Nachdem ich in einem Gottesdienst richtige Magenschmerzen wegen ausgrenzender Gedanken des Predigenden bekam, ermutigte mich eine (eigentlich recht strenge) Freundin, die Gottesdienste nicht mehr zu besuchen. Nach und nach ging ich seltener, inzwischen nahezu gar nicht mehr hin. Nur ab und zu, damit unsere Tochter, die bald zum Konfer will, den Anschluss nicht verliert. Ohne Kinder wäre ich vermutlich komplett weg. Und erstaunlicherweise treffe ich die netten Leute, wenn ich mal hingehe, auch nicht mehr. Weil es ihnen ähnlich geht. Und auch Gespräche mit der Gemeindeleitung waren nicht förderlich, sondern eher verletzend. Es ist wie, wenn man eine alte Freundin trifft und merkt, dass man sich auseinandergelebt hat.
    Ich liebe die neuen Freiräume, die Zeit am Sonntag, höre (durch deinen Tipp) die Vorträge von Dr. Siegfried Zimmer und bin gespannt, wo ich eines Tages landen werde.

  13. Hallo Veronika,

    danke für deinen ehrlichen Beitrag… Aber ehrlich gesagt, hat er mir eine schlaflose Nacht gebracht. Wir sind eine Familie, die auf ganz altmodische Art und Weise trotz Familienchaos und vielen weiteren Ansprüchen, die Gemeinde ziemlich weit oben in der Prioritätenliste hat. Vielleicht kommt meine Unruhe über deinen Post auch einfach aus dem Gefühl heraus, ein dogmatischer und unkritischer Mitläufer zu sein. Das schreibst du nicht. Aber das Gefühl blieb halt hängen nach dem Lesen.
    Auch auf die Gefahr, jetzt einfach nur eine beleidigte Verteidigungsrede zu halten, ein paar Gedanken.
    Warum sind es gerade die reflektierten Leute mit den schlauen Gedanken, die Gemeinde nur als eine Option sehen, seinen Glauben zu leben (siehe letzte Joyce-Ausgabe und die weiteren Kommentare hier) ? Warum redet ihr nicht mit euren Pastoren und weiteren Leuten in Verantwortung, um Dinge anzugehen? Sondern seid einfach mal weg? Ist das nicht der Weg des geringsten Widerstands?
    Du schreibst, du hörtest immer das Gleiche sonntags. Aber kann denn jede Predigt, für jeden immer das Richtige zur richtigen Zeit sein? Und kann man nicht entlang eines Bibeltextes oder eines Beispiels seine eigene Geschichte in die Predigt quasi hineindenken?
    Auch den Vorwurf, dass die Vielfalt fehlt, finde ich schade. Vor allem, wenn du es wirklich so erlebt hast. Ich habe es bisher immer anders erlebt. Ich finde sogar, dass in keinem Hauskreis, Book-Club, Sportverein oder sonstigen Gruppen so eine Breite besteht, wie in christlichen Gemeinden. Bei uns und in den Gemeinden, die ich bisher kennengelernt habe, waren immer „Schwache“. Aus der Gemeinde kenne ich Depressive, Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen (Rollstuhl), zu Dicke, Schüchterne, nicht schöne, nicht moderne Leute, Frauen, die ohne ihre Männer kommen, weil die den Glauben nicht teilen, Leute ohne Schulabschluss oder Ausbildung, Migranten (ja auch die), Messis und wirklich eine ganze Menge Leute, die ich nicht mag.
    Gemeinde ist oft ein großes „trotzdem“ – und gerade deswegen, glaube ich, ist es wichtig dabeizubleiben.

    Ein Buchtipp von mir: Warum ich heute noch glaube (Menschen, die mir halfen die Gemeinde zu überleben) von Phillip Yancey

    Gruß, A.

    1. Hallo A.,
      Danke für deinen Beitrag. Und sorry, dass ich dir eine schlaflose Nacht verursacht habe! Ich bin echt froh, dass du hier deine Gedanken mitteilst, denn wo kämen wir denn hin, wenn wir alle das Gleiche dächten und fühlten? Ich tausche mich gerne kontrovers aus, solange keine Seite versucht, den anderen auf seine Seite zu ziehen (der Gefahr erliege ich nur allzu gerne). Ich wollte mit meinem Beitrag dir und anderen Lesern nicht das Gefühl vermitteln, unkritische Mitläufer zu sein. Im Gegenteil: es ist so schön, wenn Menschen ihren Platz in einer Gemeinde und Sicherheit im Glauben haben. Aber es gibt halt auch die anderen, wie mich. Die sich auf einmal ganz unwohl mit ihrer bisherigen Art des Glauben fühlen, die zweifeln. Und denen der Schuh nicht mehr passt. Es gibt im Glauben verschiedene Phasen, die einfach wichtig sind und durchlebt werden müssen. Und ich befinde mich gerade in der Phase des Aussortierens. Was gehört noch zu mir? Und was nicht? Was glaube ich wirklich und was habe ich immer nur nachgeplappert? Nehme ich die Bibel 100 % wörtlich? Gibt es eine Hölle nach meinem bisherigen Verständnis? Wie stehe ich zu Homosexualität, Transgender, etc?
      Ich möchte gar nicht ins Detail gehen, sondern nur deutlich machen, dass diese Phasen sein dürfen und dass so mancher in dieser Zeit das Gefühl hat, nicht mehr in die Gemeinde zu passen.
      Was du schreibst ist völlig richtig. Eine Predigt kann nie für alle richtig und ansprechend sein. Und ja: in Gemeinden herrscht Diversität bis zu einem gewissen Punkt. Aber eben dann auch nicht darüber hinaus. Haben Menschen einen Platz in einer freikirchlichen Gemeinde mit all ihren Fragen und Zweifeln, ohne sofort mit den üblichen Aussagen überschüttet zu werden aus Angst, sie könnten vom rechten Weg abweichen? Können wir Menschen in den Gemeinden aushalten, die ganz anders sind und denken….ohne sie gleich missionieren zu wollen?
      Für mich steht Jesus über allem. Er bleibt übrig, nachdem ich alles andere aussortiert habe. Und ich glaube, ich musste all die Schichten aus Dogmatik, Sprache und Tradition abschälen, um ihm wieder nahe zu sein. Dabei helfen mir auch Bücher, wie z.B. das von dir Genannte (vielleicht sollte ich es nochmal lesen?).
      Ich bin übrigens nicht ganz gemeindelos. Meinen Hauskreis sehe ich durchaus als Ersatz. Und in die Landeskirche gehe ich ebenfalls. Aber ohne irgendeinen Dienst. Das tut gerade sehr gut und wirkt heilend.
      Du hast recht: Gemeinde ist ein Trotzdem. Und nicht nur, weil man trotzdem bleibt. Sondern weil es auch ein Trotzdem an die Welt ist: Trotzdem glaube ich. Trotzdem gehören wir zusammen. Trotzdem gibt es Hoffnung.

      Mein Buchtipp: Warum ich da noch hingehe von meiner Freundin Christina Schöffler. Es kommt im August raus und ich sprech schon jetzt eine fette Empfehlung aus.

      Ganz liebe Grüße zurück
      Veronika

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