Familie

Altes Eisen

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„Da schleichen zwei Männer durch den Garten!“ ruft Armin. Es ist gerade halb acht früh, ich versuch im Bad einen ordentlichen Kajalstrich hinzukriegen. Im nächsten Moment klingelt es Sturm an der Haustür und ich stech mir vor Schreck mit dem Kajal fast das Auge aus.

Vor der Tür stehen ein Riese mit gigantischer Narbe auf der Stirn und ein Bub, der noch nass hinter den Ohren ist. „Wo ist Ihr Sperrmüll?“ Ich schaue panisch zu Armin. Er zuckt nur mit den Schultern. Ich hatte vor einigen Wochen in meinem Entrümpelungs-Wahn die Sperrmüll-Abfuhr bestellt. „Ich hab dir doch die Benachrichtigungs-Karte mit dem Datum in die Küche gelegt“, raunt mir mein Mann vorwurfsvoll ins Ohr. Hm. Muss ich in meinem Entrümpelungs-Wahn wohl entsorgt haben. 

Ich schaue den Riesen und den Bub hilfeflehend an. „Haben Sie fünf Minuten Zeit? Dann stellen wir Ihnen alles raus an die Straße.“ Gesagt, getan. Armin und ich starten einen Blitzkrieg gegen das Garagengerümpel. Schwitzend und ächzend schleppen wir den ganzen Mist an die Straße. Unter anderem auch ein 10-Mann-Zelt, dass uns unsere Schwiegereltern vor Jahren heimlich unterjubelten (In der Hoffnung auf eine große Enkelschar? Wer weiß…). Der Riese baut sich vor mir auf und erklärt mir in gebrochenem Deutsch und dramatischer Gestik, dass die Zeltstangen Altmetall seien. „Die nehm wir net mit. Musst du zu altes Eisen bringen!“

Altes Eisen….hmmm…ALTES EISEN! Ich hab ja diese Woche Geburtstag!! 42 Jahre werd ich! So schießt es mir heißkalt durchs Hirn. Da steh ich – noch 41jährig in unserer Garage – und schüttele den Kopf angesichts dieser unfassbaren Tatsache.

Später dachte ich darüber nach, ob ich wirklich schon zum alten Eisen gehöre. Und ich wusste die Antwort: Nein. Äußerlich bin ich zwar definitiv keine 30 mehr. (Früher hätte mich das tierisch gestresst.) Aber Leute, das ist der Lauf der Zeit! Seitdem ich alle Frauenzeitschriften und Werbung für mich persönlich boykottiere, fallen verdammt viele Vergleichsmöglichkeiten weg und ich fühle mich immer wohler in meiner Haut. Auch wenn diese nicht mehr ganz so straff ist wie vor 10 Jahren. Zum alten Eisen gehöre ich erst, wenn meine gedankliche Flexibilität, meine Lebensfreude, mein innerer Friede in einen großen Kübel aus Altersstarrsinn und Bitterkeit fallen. Aber das findet hoffentlich niemals statt.

Ich feiere diese Woche mein Leben. Dankbar schaue ich zurück auf 42 gelebte Jahre, voll mit Höhen und Tiefen, die ich durchschritten habe. Und da stehe ich jetzt, hier und heute, immer noch mitten im schönsten Leben. Warum sollte ich über diese Zahl klagen? Warum soll ich mich wieder einklinken in die Reihe der Frauen, die über ihr Alter, ihr Gewicht, ihr Aussehen, ihre Sorgen jammern – so angsterfüllt, irgendwann als altes Eisen aussortiert zu werden? Mädels, mit dieser Jammerei sortieren wir uns selbst aus, trinken aus dem Kübel der Bitterkeit und Angst. Und das sieht man uns am Ende an.

Lieber will ich feiern! Meine Mädels sind schon seit Tagen am Flüstern und Planen. Vorhin schlüpfte Josefine noch schnell im Schlafanzug in den Garten, um ein paar Herbstblumen für den Tisch zu pflücken. „Mama, du bist jetzt mittel-alt,“ erklärte sie mir und schaute mich mit strahlenden Augen an. Richtig, aber zum alten Eisen gehöre ich noch lange nicht…..

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11 Gedanken zu „Altes Eisen“

  1. 42 ist ein gutes Alter 😉 In deinem Blog und in deinen Fotos spüre icn nichts von altem Eisen, im Gegenteil. Der Verzicht auf Frauenzeitschriften und Werbung ist sehr nachahmenswert. Ich nehme mir auch immer wieder gleichaltrige und ältere Frauen als ermutigende Vorbilder.

    (Bist du wegen des japanischen Buches aufs Entrümpeln gestossen? Ich habe eine Zusammenfassung gelesen und bin nun fast etwas süchtig…)

    Alles Gute zum Geburtstag!

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    1. Hi Sonja, meinst du die Marie-Kondo-Methode? Ich hab das Buch gelesen, aber es hat mich nicht angesprochen. Ich glaube, diese Methode kann man nur 1 zu 1 umsetzen, wenn man einen Single-Haushalt führt. Außerdem war sie mir einen Tick zu neurotisch. Aber ich glaube, man kann ein paar Ansätze gut übernehmen….
      Liebe Grüße
      Veronika

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      1. Ja, genau die meine ich. Ich habe eine Zusammenfassung einer Mutter gelesen, was gut war. Was du schreibst, kommt auch in der Zusammenfassung deutlich heraus. Aber genau, Ansätze konnte ich übernehmen, und diese gefallen mir.
        Liebe Grüsse
        Sonja

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  2. Liebe Veronika,
    herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag und einen schönen Tag mit der Familie wünsch ich Dir, fürs neue Lebensjahr viel Freude und Bewahrung! Auch ich habe diese Woche Geburtstag und werde feiern! Den 39., denn 40 kann ja jeder! Schön, dass es Herbst geworden ist, ich genieße das auch. Meine Kinder schenken mir dein Buch (das ich mit dem Geld von meinem Mann besorgt habe). Ich habe es noch nicht gesehen, Grüße, Christine

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  3. 42 — das ist doch die Antwort auf alle Fragen, oder?
    ergo wird es ein Jahr der Erkenntnis. Ein Jahr der Antworten. Wenn man nach Jeremia oder Mose oder so einem geht, ein Jahr des Jubels und des Friedens.
    Na, besser kanns ja kaum kommen.
    Allex Jute!

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