Ihr seid der Hammer!

Als ich sehr viel jünger war, dachte ich immer, ich wäre der einzige Mensch auf der Welt, der sich hundeelend einsam fühlt . Ich versteckte die Einsamkeit wie einen hässlichen Makel. Sie war mein Versagen, ein Gefühl, das ich mit aller Macht bekämpfte, weil es nicht sein durfte.

Vor einiger Zeit führte ich ein Gespräch mit meiner Schwester. Zum ersten Mal redeten wir darüber, wie es uns zu unseren Teenie-Zeiten ging.

Ich: „Weißt du was, ich hab dich immer so beneidet um deine Freunde und deine Klamotten. Ich dachte immer, du bist voll beliebt.“

Schwester: „Hä? Ich hab DICH immer beneidet und hab mich immer ganz elend einsam gefühlt.“

Ich: „Ich auch!! Hätten wir das beide einfach mal ausgesprochen. Uns wär vielleicht viel Seelenleid erspart geblieben.“

Als ich den gestrigen Beitrag schrieb, war ich mir noch unsicher, ob ich ihn wirklich veröffentlichen soll. „Schon wieder so ein peinlicher Seelen-Striptease. Ach, was soll’s. Vielleicht gibt’s da draußen ein oder zwei Leser, die sich ebenfalls einsam fühlen.“

Und dann trudelten die Reaktionen ein. Leute, ihr wisst gar nicht, was mir eure Kommentare bedeuten! Tausend Dank für jeden einzelnen. Ich habe gestern gelacht und geweint. Vor Erleichterung und Freude darüber, dass wir unsere Seelennot aussprechen dürfen und dass wir damit NICHT alleine sind! Ihr seid echt der Hammer!

Es ist so unglaublich befreiend, wenn wir Orte schaffen, an denen wir die Wahrheit aussprechen dürfen. Ohne gleich mit der frommen Keule bearbeitet zu werden. Mein Wunschtraum ist es ja, dass unsere Gemeinden solche Orte werden. In denen endlich ausgesprochen werden darf, was nicht ausgesprochen werden darf. „Ich bin einsam.“ „Ich fühle mich überfordert.“ „Ich trinke zuviel.“ „Ich fühle mich zum gleichen Geschlecht hingezogen.“

Aber heute genügt mir erstmal dieser seltsame Ort hier. Online. Mit Menschen, von denen ich die meisten nicht mal kenne. Und doch habt ihr es geschafft, dass ich mich nicht wie der letzte Freak fühle. Danke.

4 Kommentare zu „Ihr seid der Hammer!

  1. Ich hatte deinen Beitrag über die Einsamkeit gestern auch schon gelesen und wollte eigentlich kommentieren, aber der Alltag kam mal wieder dazwischen. Ich glaube, ich weiß, was du meinst. Nur nenne ich es in meinem Leben gar nicht Einsamkeit, weil ich ja theoretisch gar nicht einsam sein kann, im Gegenteil, manchmal wünschte ich mir ein bisschen mehr davon. Ich fühle mich aber sehr oft unverstanden, so als ob mir mein perfect match fehlen würde. Klar, mein Mann ist das im Grunde schon. Aber ich denke oft, dass mir eine Freundin fehlt, die mich total und komplett versteht. Ich habe Freundinnen, sehr gute sogar. Aber gerade, seit ich Mutter bin, fühle ich mich oft wie ein Alien. Meine Freundinnen sind entweder noch kinderlos oder leben ihre Mutterrolle so ganz anders als ich und ich fühle mich immer so mittendrin und das in einer Welt, in der Erziehungsgrundsätze für viele auch eine Art Religion zu sein scheinen. Irgendwo in der Bloggerwelt schrieb mal jemand (im Zusammenhang mit dieser unsäglichen „Eltern schauen zu viel auf ihre Smartphones“ Diskussion), dass Eltern sehr, sehr oft einsam sind und dass wir manchmal gerade im Netz das finden, was wir im Alltag vermissen – perfect matches, Menschen, die uns verstehen. In der Anonymität des Netzes trauen wir uns ja oft auch eher, Masken fallen zu lassen und Dinge einzugestehen, die wir sonst lieber für uns behalten, bspw. dass wir uns manchmal überfordert fühlen, dass wir motzen, brüllen und pädagogisch zweifelhafte Entscheidungen treffen, dass wir Beikost nicht selbst kochen wollen usw. Ich fand auch #regrettingmotherhood war genau sowas, da haben sich Frauen auf einmal getraut etwas auszusprechen, was bis dahin völlig außerhalb dessen lag, was frau sagen darf. Sie haben dafür viel Kritik bekommen, aber sie fanden auch andere Frauen, die es ähnlich sahen und waren somit weniger allein, einsam mit ihren Sorgen und Nöten.
    Ich persönlich weine z.B. fast nur noch, wenn ich allein bin, ich kann das gar nicht mehr vor anderen und es gibt so gut wie niemanden mehr auf der Welt, den ich mir als „Schulter zum Ausheulen“ vorstellen könnte. Meinen Mann in ganz seltenen Fällen, aber ich finde, das ist irgendwie was anderes. Also, wahrscheinlich bin ich auch sehr, sehr einsam. Selbstgewählt einsam, weil um mich rum genug Leute wären, die bereit ständen, aber ich will nicht, kann aus irgendeinem Grund nicht.
    Wie wird man so? Stählt einen das Leben irgendwann so, die Erfahrungen, die wir machen? Vielleicht weil wir als Mütter selbst immer stark sein müssen, selbst Schulter sein? Ich weiß es nicht.

  2. Danke für Deine Zeilen. „Es ist so unglaublich befreiend, wenn wir Orte schaffen, an denen wir die Wahrheit aussprechen dürfen. Ohne gleich mit der frommen Keule bearbeitet zu werden.“ Es braucht so geschützte Räume in Gemeinden. Der Theologe Klaus Bockmühl hat mal gesagt: „Menschen, die auf Gott hören, fördern das Heilwerden, statt neue Probleme zu schaffen. Sie werden in der Tat Menschen geistlicher Hilfsquellen, d.h. sie sind beständige Quellen von Inspiration, statt beständige Quellen von Irritation zu sein.“ Ich selber habe das in der Endlich Leben Gruppenarbeit positiv erlebt. (Ich könnte jetzt ins Schwärmen kommen. Es bleibt aber beim Punkt. http://www.endlich-leben.net)

      1. Ich habe Klaus Bockmühl leider leider nicht mehr während meines Studiums erleben können. Dafür bleibt seine Literatur und die Erinnerungen an die Gespräche mit seiner Frau.

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