Familie

Erziehen ist immer auch Theater

Zwei verschlafene Gesichtchen blinzeln mir entgegen, wenn ich früh die Rollos hochziehe. Innerlich bete ich, dass sich diese Gesichtchen gleich zu einem Lächeln verziehen und nicht zu einem Schmollmund. Das ist immer Glückssache. Heute ist mir das Glück gewogen und mich begrüßen zwei bettwarme und gut gelaunte Mädchen. Sie schmeißen sich in meine Arme und ich inhaliere ihren Duft. Dankbar, dass ich um diese Uhrzeit nicht in einer Stadtbahn mit missgestimmten, stinkenden Mitmenschen sitzen muss.

Meistens wird der Tag von der Aufwach-Stimmung diktiert. Hängt die Laune schief, gerät auch der Rest des Tages in Schieflage. Aber wenn der Tag so wie heute beginnt, erwartet mich ein Feuerwerk der guten Laune. Zwei Mädchen tanzen um mich herum, wollen helfen, ziehen Grimassen, üben Schielen, sind laut und wild. Ich kann nur brummen und nicken und tief durchatmen. Ich habe noch keinen Kaffee.

Meistens wird der Tag aber auch von meiner Reaktion auf die vermeintlichen Schwachpunkte der Kinder diktiert. Es gibt gewisse Knöpfe und wenn die gedrückt werden (und wie die gedrückt werden!), dann spult sich immer das gleiche Programm ab. „Jetzt ess endlich und spiel nicht mit deinem Bio-Bircher-Müsli!“ „Wie oft soll ich dir noch sagen, du sollst dich JETZT anziehen!“ „Ärger deine Schwester nicht, sonst darfst du heute Abend nicht fernsehen!“ „Ich werd gleich verrückt, es ist immer das selbe mit dir!“ „Nicht auf der Zahnbürste rumkauen, putzen, PUTZEN, PUUUUUTZEN!!!“. Bin voll die Supermutter. Mit einem klug durchdachten pädagogischen Programm.

Eigentlich sind das nur einprogrammierte Reaktionen, die sich tief in unseren Alltag eingegraben haben. Und die so gar nichts nützen. Überhaupt null nullinger nichts! Ich fühl mich, als wäre ich hinter einer schalldichten Glaswand und würde auf meine Kinder einreden. Sie sehen mich, lachen, winken und ziehen ihr eigenes Ding durch.

Ich versuche mich gerade umzuprogrammieren. Studiere neue Verhaltensweisen ein. Weniger reden (Hä, warum nörgelt Mama nicht mehr??). Mehr handeln. So tun, als wäre ich gelassen, geduldig, konsequent.

Praktisch sieht das so aus:

Ich: „Josefine, bitte wasch dir die Hände vor dem Essen.“

Josefine: „Nein, ich mag nicht!!!“

Ich: „Schade, dann müssen wir ohne dich essen.“

Josefine (dramatisch aufheulend): „Aber ich will mir nicht die Hände waschen, MAMA!“

Ich sage nichts. Denke: „Oneinoneinoneinonein. Bleib ruhig, bleib gelassen, jetzt blooooß nicht ausflippen.“

Josefine heult weiter in den höchsten Tönen. Ich nehme sie. Trage sie ins Bad, mache die Tür zu. Gehe supergelassen superangespannt zurück ins Esszimmer und beginne mit braver Tochter Nr. 2 zu essen. 

Josefine heult und heult und heult. Lange nachdem wir fertig mit Essen sind, kommt sie aus dem Bad mit sauberen Händen. Wie ein begossener trauriger kleiner Pudel. Sie schaut mich strafend an, setzt sich und beginnt zu essen. Ich hole zum ersten Mal seit fünf Minuten wieder Luft. 

Ich glaube, Erziehen ist wie Theaterspielen. Es ist völlig ok, so zu tun als ob. Wenn ich willenlos meinen Emotionen nachgebe, dann bin ich ein Clown, den auf Dauer niemand ernst nimmt. Aber wenn ich meine Emotionen klug verpacke und sie wie einem gut durchdachten Drehbuch transportiere, dann sind sie ein Lernfeld. Auf dem nach einiger Zeit mehr gute als schlechte Früchte wachsen. Wenn ich eine Weile so tue als ob, dann wird es vielleicht irgendwann Wirklichkeit.

“Acting is not being emotional, but being able to express emotion.“ (Kate Reed)

3 Gedanken zu „Erziehen ist immer auch Theater“

  1. Ich danke Dir, für deine Ehrlichkeit und deinen Humor. Ja, wir lassen manchmal unseren Tag vom Aufstehgesicht unserer Kinder steuern und ja, wir reagieren manchmal so bescheuert, dass uns die Kinder nicht so ernst nehmen, wie wir es uns wünschen. Wir sind eben oft auch Schauspieler in unserem Leben und von der Rolle der Supermom meilenweit entfernt.

    Schön, dass Du einen neuen Weg ausprobierst und gut zurecht kommst. Und schön, dass Du barmherzig mit Dir selbst und den wunderbaren, nervigen, anhänglichen, bezaubernden Kindern bleibst – nicht immer, aber doch immer wieder! Ich wünsch dir, dass Du weiterhin so eine erfrischend tolle Mutter und Frau bleibst 🙂

    Euch eine sonnige Woche.

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  2. Diese Tage, an denen das Gehirn tatsächlich die entsprechenden Impulse weitergibt, dass man auch so handeln kann, wie man’s sich vorgenommen hat, verdienen definitiv ein Kreuzchen im Kalender!
    Die Hoffnung, dass sich das Ganze irgendwann mal automatisiert, tja, die gibt’s – bis dahin muss man halt mit Kalenderkreuzchen überbrücken …wann war noch schnell mein letztes?
    Finde die immer etwas schlecht… Wie auch immer: „Give your best – God does the rest!“

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