Familie

Ich will einfach nur Mama sein. Und das ist gut so.

Mutti und Vati waren immer da. Außer wenn Vati mit dem Traktor Gülle auf die Felder fuhr. Dann saß ich mit auf dem Traktor – mit einem Strick angebunden, so dass ich nicht runter plumpsen konnte. Als Dorfkind kannte ich es überhaupt nicht anders, dass die Eltern immer irgendwo in der Nähe waren. Vati im Hühnerstall, Mutti armtief im Brotteig versunken. Und irgendwo war immer ein Geschwister- oder Nachbarskind, das man in die Brennnesseln schubsen konnte. Erst in der Schule dämmerte mir, dass es tatsächlich Eltern gab, die auswärts arbeiteten. Ich fand das seltsam und irgendwie bedrückend. Dass da der Papa einer Freundin in der Fabrik am Fließband steht und seine Familie erst am Abend wieder sieht. 

Heute muss ich über meine kindliche Naivität lächeln. Und ich bin dankbar für das Privileg, das ich hatte. Von dem ich lange nicht wusste, dass es eines ist. 

Uns Frauen wird die „Wahrheit“ verkauft, dass es ein Privileg ist, möglichst schnell wieder arbeiten gehen zu dürfen. Um also wieder ein rentensicherndes, nützliches Mitglied der Gesellschaft zu werden, hat man uns unter dem Deckmäntelchen der Familienfreundlichkeit Betreuungsplätze für jedes Kinder versprochen. So weit, so gut. Es geht mir heute nicht darum, Mütter zu verurteilen, die ihre Kinder abgeben, um arbeiten gehen zu können. Ich habe Freundinnen, die das alles prima unter einen Hut bekommen. Ich kenne alleinerziehende Frauen, die keine andere Wahl haben. Ich selbst hatte Josefine stundenweise bei einer Tagesmutter, um mein Foto-Business aufbauen zu können. 

Aber was ist mit den Frauen, für die es eine Qual ist? Die sich ständig fragen, wie die Vereinbarkeit von Beruf und Kind und Haushalt und Ehe denn bitte funktionieren soll? Was ist mit den Frauen, die im Grunde ihres Herzens eigentlich gerne daheim bleiben und einfach nur Mama sein würden? 

Ich kenne die Argumente für einen frühen Wiedereinstieg. Das Stärkste für mich: allein erziehende Mütter und Väter. Die brauchen jede Unterstützung und jede nur mögliche Betreuungsform.

Und dann ist da immer das Argument: „Wir müssen beide arbeiten gehen. Das Geld!“

 

Geld. Lebensstandard. Könnten das eventuell die Altäre sein, auf denen wir uns selbst und unsere Kinder opfern? Ich weiß, dass es eine verwirrende Zeit sein kann, wenn Kinder kommen, Hausbau ansteht, Schulden sich anhäufen. 

Ich möchte ein gewagtes Argument in dieses ewige Streit-Thema werfen: Wie wäre es, wenn wir unseren Lebensstandard anpassen? Anstatt unser Leben dem vermeintlichen Standard anzupassen. Muss es ein Neubau sein? Muss es ein neues Auto sein? Müssen es zwei Urlaube im Jahr sein? 

Wir haben uns entschieden, weiterhin zur Miete in unserem grünen, hässlichen Haus wohnen zu bleiben. Obwohl der Wohnraum begrenzt ist und die Fenster undicht sind. Zweimal im Jahr miste ich aus und wir schaffen uns wenig Neues an. Es ist einfach zu wenig Platz. Und das ist gut so. Wenn ich morgens aus dem Wohnzimmerfenster blicke, bin ich jedesmal überwältigt von der Ruhe, dem Grün, dem Vogelgesang. Hier lernen unsere Kinder ohne störenden Verkehr Fahrradfahren, können Elstern beim Nestbau beobachten und toben, ohne dass sich ein Nachbar aufregt. Möchte ich all das hier tatsächlich eintauschen gegen ein Leben in einem seelenlosen Neubau, welcher mich dazu zwingen würde, wieder irgendeiner seelenlosen Büro-Tätigkeit nachgehen zu müssen? 

Wir wollen bewusst in manchen Dingen bescheiden bleiben, damit ich bei den Kindern sein kann. Uns sind unsere Freiheit und Selbstbestimmung wichtiger als ein optimiertes Fertighaus und Neuwagen vor der Haustür. 

Naja, und über die Urlaube müssen wir noch verhandeln….

 

 

 

 

8 Gedanken zu „Ich will einfach nur Mama sein. Und das ist gut so.“

  1. Liebe Veronika, danke für das tolle Statement. Wir sehen und praktizieren das genauso. Ich bin im Nachhinein auch froh, dass meine Mutter zu Hause geblieben ist und immer für uns Kinder da war. Wir haben aber auch viele Freunde in Frankreich, die das nicht durchziehen können. Einerseits wegen des finanziellen Drucks (in Paris ist das Leben und Wohnen einfach sauteuer), andererseits aber auch wegen des gesellschaftlichen Drucks. Ein normaler Arbeitgeber gibt einer Frau übrigens in Frankreich auch höchstens sechs Monate Zeit, wieder auf ihren Platz zurückzukehren, sonst ist er weg… C`est la vie!

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    1. Hallo Christian, ja das Problem in Frankreich kenne ich. Hab da schon einiges drüber gelesen und gesehen. Ich hoffe, wir erleben irgendwann wieder einen Wandel, der Mutterschaft einen Platz in der Gesellschaft gibt, der ihr gebührt…..

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  2. Wie schön so etwas von der jüngeren Generation zu lesen. Unsere Kinder sind nun schon groß, aber ich bereue es auch im nachhinein nicht in diesen ganzen Jahren zu Hause gewesen zu sein, auch wenn es bedeutete sich einzuschränken. Ich freue mich immer ein so klares Statement zu hören, denn ich weiß von einigen die es sehr schwierig finden zu ihrem Wunsch zu Hause zu bleiben zu stehen. Da braucht es solche Leute wie dich. Ganz liebe Grüße, ina

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  3. Genau dieses Thema liegt mir auch am Herzen und versuche es in mir zu verankern. Es tut gut diese Zeilen zu lesen und motiviert mich, zufrieden zu sein, mit dem was ich habe. Glücklich zu sein ist eine persönliche Entscheidung und muss immer wieder neu getroffen werden.

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  4. Ein immer wieder interessantes Thema finde ich. Ich versuchte trotz alleinerziehend „so wenig“ wie möglich zu arbeiten – da gab´s halt kaum Fleisch und Wurst aber wir waren auch glücklich. 🙂
    Wobei ich ehrlich sagen muss mit noch einem Mann jetzt ist es schon leichter 🙂

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