Reisen, USA

„Everybody needs some time on their own“ ….

…“ röhren die Guns `n Roses aus meinem Autoradio. Und ich gröhle mit. Heute habe ich frei. Fast den ganzen Tag!! Das hatte ich seit Amelies Geburt noch nie. Und zuerst ist es auch ungewohnt, nicht wie ein Sherpa beladen mit Wickeltasche, Buggy, Spielzeug und Gläschen durch die Gegend zu stampfen. Ich habe heute nur mich, eine Landkarte und meine Fototasche. Und das unbestimmte Gefühl mit Sicherheit irgendwas vergessen zu haben. Es ist herrlich: ich kann das Autoradio aufdrehen bis zum Anschlag, muss keine einzige Windel zu wechseln, muss nicht den Pausenclown spielen, muss mich um keine Bedürfnisse anderer kümmern – nur um meine eigenen. Schon komisch, dass das in mir ein schlechtes Gewissen auslöst. Aber das schiebe ich schnell beiseite und beschließe, diesen Tag zu genießen. Armin wird mit Amelie schon zurechtkommen! Und ich sage mir: „Vroni, das hast du dir verdient.“ Punkt.

Ich fahre zuerst ein bisschen ziellos durch eine Bilderbuchlandschaft: alte, von den ersten Siedlern gegründete Städtchen, Cranberryfelder, Verkaufsstände mit Kürbissen, verfallene Friedhöfe, Salzmarsche. Und dann bleibe ich in Sandwich hängen, die älteste Stadt auf Cape Cod. Und die gehört auf eine Postkarte. Ich habe erstmal gar keinen Blick für den lokalen Charme, denn meine primären Bedürfnisse melden sich: Hunger und Klo. Mein kurzer Geduldsfaden steht kurz vor dem Reißen, nirgends findet sich eine Toilette. Und weit laufen kann ich nicht mehr. Sich ins Gebüsch schlagen wäre hier keine gute Idee, die Amis sind da sehr empfindlich und man macht sich damit sogar strafbar.

In meiner Not schleiche ich mich in ein Nobelhotel. Und tue so, als wäre ich furchtbar an der Andenkenboutique interessiert. Ich stöbere mit geheucheltem Enthusiasmus durch Topflappen, Aschenbecher und Glasfiguren. Schließlich erkaufe ich mir mit einer Postkarte den Zutritt zu den Toiletten.

In einem Deli stärke ich mich mit einem Veggie-Wrap (Spinat, Möhren, Apfel, Sellerie, Cranberries, Erdnüsse, Käse und Paprika-Hummus), lese ein wenig in meinem Krimi und begebe mich dann auf Entdeckungsreise. Mir wird empfohlen, dass ich unbedingt das örtliche Glasmuseum besichtigen soll. Und schon meldet sich das touristische Pflichtbewusstsein: „Ja, wenn ich schon mal da bin, dann müsste ich da auch hin.“ Uff. Ich habe darauf keine Lust. Und heute ist ja MEIN Tag, der Tag, an dem ich nur das mache, auf was ich WIRKLICH Lust habe. Selbst wenn das heißen würde, dass ich die ganze Zeit in einem Cafe mit Buch vertrödelte. Und diese wunderbaren Sehenswürdigkeiten wie z.B. geschliffene Glaskaraffen tatsächlich verpassen sollte.

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Ich hänge mir meine Kamera um, laufe die Straßen rauf und runter, fotografiere, stöbere in Antiquitätenläden und Galerien. Dann fängt es das Regnen an, erst ganz leicht, später wird es stürmisch und es gießt in Strömen. Ich setze mich in ein Cafe und lese den Rest des Nachmittags. Und belausche ein wenig meine Tischnachbarinnen, die gerade beim Kaffeeklatsch (es gibt im Englischen tatsächlich den Begriff Coffeeklatsch!) ihre Scheidung durchkauen.

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„Take, take me home!“ Phil Collins` schnarrende Stimme begleitet mich auf der Rückfahrt. Ich fühle mich ein wenig sonderbar und rabenmütterlich, denn wenn ich ehrlich bin, so habe ich den ganzen Tag kaum an Amelie und Armin gedacht. So sehr habe ich jede einzelne Minute genossen. Mal wieder ganz ich selbst sein – ich brauche das öfters, um meine Batterien aufzuladen. Aber als ich dann unsere Ferienwohnung betrete, strahlen mich zwei aufgerissene blaue Augen mit soviel Freude an, dass ich ganz schnell wieder in meine Mutterrolle schlüpfe und das tue, was ich jeden Abend tue: Ausgiebig mit Amelie toben und schmusen und mit ihr den Tag ausklingen lassen.

Und als Krönung hat mir Armin als Entschädigung für meinen entgangenen Geburtstag einen Pannacotta-Pie und Prosecco besorgt. So sieht ein perfekter Tag aus!

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