Ich will nicht härter werden

Diese Woche hat stabil angefangen. 

Mit einer Schneemasse, die vom Himmel plumpste, mich ins Home Office verbannte und die Kinder von der Schule befreite. 

Nach dem ersten Tee rodelten wir unsere Straße hinunter. Kein Räumfahrzeug weit und breit. Selbst meine Teeniemädchen wurden wieder zu Kindern. Sie schnappten sich unsere neue Work-Awayerin, eine junge Frau aus Wales, und gemeinsam zogen sie mit ihren Schlitten von dannen, Richtung Weinberge, wo sie an diesem Morgen über Schanzen flogen anstatt französische Deklinationen zu üben.

Ich konnte mich im Home Office kaum konzentrieren, immer wieder wanderte mein Blick auf die Watte-Landschaft. 

Abends saßen wir bei Bagels und Suppe zusammen. Unsere Volontärin erzählte von zu Hause. Dass ihre Mutter eine Aktivistin ist, die sich auch schon mal drei Tage lang an ein Schiff gekettet hat, um gegen den menschengemachten Klimawandel zu protestieren. „Sie musste Windeln tragen.“ 

Ich würde nach drei Stunden einknicken. Vielleicht auch schon nach zwei. Wie tragisch, dass mir ein bequemer Sessel und ein trockener Hintern wichtiger sind als der Protest gegen Erderwärmung. 

Ich sehe dieser Tage viele Menschen, die Unbequemlichkeiten aushalten, um Wandel herbeizuführen. Uns werden Bilder aus den USA auf unsere Bildschirme gespült, wo Mütter und Väter in dicken Winterjacken vor Schulen patrouillieren, um Migrantenkindern vor den Häschern zu schützen. Wo mutige Pastorinnen und Pastoren auf eisigem Untergrund kniend gegen die Migrationspolitik der Trump-Regierung protestieren. Aber auch hier: Menschen, die ihre Zeit eintauschen gegen das Ausliefern kostenloser Lebensmittel. Auf Gehwegen kniende Menschen, die Stolpersteine polieren. Und Leute, die sich an Bäume ketten, um eine Landschaft vor dem Ausbluten zu retten. 

Ein Teil von mir wünschte, ich wäre mutiger, hätte mehr Energie. Ich wünschte, ich hätte die Zeit, mich besser zu informieren und die Wuchtkraft, politischer zu schreiben. Ich wünschte, ich wäre eine kämpferischere Christin.

Aber in erster Linie bin ich eine müde Christin und überreizt und möchte vor dem Ofen stricken und Jazz hören. Vielleicht kann man auch strickend protestieren?

Letztens las ich irgendwo, dass man das Gute zuerst leben muss. Und dann trägt es sich nach außen. Das klingt auf den ersten Blick nach einer bequemen Ausrede, sich nicht in den Schnee knien zu müssen. 

Ich denke schon den ganzen Morgen darüber nach, was mit dem Guten gemeint ist. 

Was ist das Gute, das wir leben sollen?

Ganz sicher ist es nicht eine perfektionierte Ästhetik. 
Und auch nicht die heile Vorzeigefamilie. 
Es ist nicht die Häufigkeit unserer Gottesdienstbesuche. 
Und auch nicht das Einhalten von religiösen Diktaten. 
Es ist auch nicht mein Gutseinwollen, das mich manchmal mit peinlicher Ergriffenheit erfüllt. 

Alles, was von Gott kommt, ist gut. 
Und damit ist auch seine Schöpfung und der Mensch mitgemeint.
Siehe, es war sehr gut. 

Obwohl ich es in meiner christlichen Tradition anders gelernt habe, glaube ich heute, dass der Mensch gut zur Welt kommt. 
Dass Gott ihn gut gemeint und gewollt hat.
Natürlich neigen wir dazu, es komplett zu vergeigen. 

Aber er hat eine Würde in uns hineingelegt, die in jedem von uns wohnt und wahrgenommen werden will. 

Und deshalb ist Jesus weniger zu denen gegangen, die ihre Würde mit Imagepflege verwechselt haben. 
Sondern zu denen, deren Würde missachtet wurde und die einen Riss im Herzen trugen. 

Er hat den Menschen hinter dem Steuerhinterzieher, dem Tagedieb, der Prostituierten, der schwer arbeitenden Freundin, der Ausländerin, dem psychisch Kranken, dem Trauernden gesehen. 

Wenn mir auch nicht viel von meinem früheren evangelikalen Glauben geblieben ist: Jesu Herzenshaltung ist meine Leitlinie. 

Er erinnert mich daran, dass es für uns und unsere Gemeinschaften überlebenswichtig ist, unser Herz weich zu halten. 

Das Gute, das wir leben sollen, ist, unser Herz weich zu halten. 

Das gelingt uns nicht auf Instagram. 

Und nicht beim Doomscrolling. 

Und nicht beim Gossip mit Nachbarn. 

Und nicht, wenn wir unsere Ängste schüren lassen. 

Und nicht, wenn wir den anderen als Rasse, Religion und Gefahr sehen. 

Es hat den ganzen Januar gebraucht, bis ich mir klar wurde, was dieses Jahr und alle folgenden Jahre für mich von größter Dringlichkeit ist: 

Die Pflege eines weichen Herzens.

Mit jedem Lebensjahr, mit Widrigkeiten, Enttäuschungen wächst die Verlockung, sich der Außenwelt zu verschließen und sich hinter Feindbildern und Zynismus zu verschanzen. Aber was ich auch in den letzten Jahren gelernt habe: Meine zynische Haltung ist anstrengend. Und sie macht einsam. In einem zynischen Herzen ist es verdammt eng und ungemütlich. Die Mächte dieser Welt profitieren davon, wenn wir den Anderen nicht mehr als Menschen mit Würde ansehen. Wenn wir uns abwenden, abspalten, isolieren.

Die Herzenskälte hat aber dauerhaft keine Chance, wenn wir unsere Innentemperatur immer wieder auf Jesuswärme einstellen. 

Das hat nichts mit harmlosen „Nettsein“ zu tun. Weiche Herzen knien sich in den Schnee und schützen Nachbarn und segnen den Feind. Es ist das radikalste, was wir tun können.

Heute fällt erneut Schnee zur Erde. In vier Wochen werden hier die Krokusse blühen. 

Mitten im Winter kann es sich verrückt anfühlen, an eine Zukunft in der Wärme zu denken. Aber weiche Herzen erhöhen unmerklich die Umgebungstemperatur. Sie leben automatisch das Gute. Und das trägt sich nach außen. Ob wir wollen oder nicht. Wahrscheinlich halten wir damit den Klimawandel und faschistoide Politiker nicht auf. 

Aber so könnte unser winziger Wirkungskreis zu einem sichereren Ort für Mensch und Tier und Schöpfung werden. Weiche Herzen produzieren weiche Herzen. 

Das ist die gute Botschaft für eine Welt, in der momentan wieder Härte gefeiert wird. Auch wenn man uns als Narren, als Gutmenschen und Naivlinge verschreit.

Vielleicht fehlen uns Zeit und Kraft und Mut, um uns an Boote und Bäume zu ketten oder kostenlose Lebensmittel auszufahren. 

Aber wir können unsere Herzen weich halten. Von da aus wirkt der Geist Gottes weiter. 


👉 Nur noch heute kannst du dir einen Platz in meiner Schreibwerkstatt für den Vorteilspreis von 59 anstatt 69 Euro sichern.



Kommentar verfassen