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Brückenbau statt Mauerbau

In den letzten Tagen ist in mir Trauer aufgebrochen. Wut. Zorn. Und dann wieder Trauer.

Wir haben uns gründlich verhakt. Mit wir meine ich die zwei Lager der progressiven und extrem konservativen Christen, die momentan im Netz miteinander ringen. Sie streiten über so „dringliche Dinge“ wie Aspekte der Sexualethik und die Gefährlichkeit eines Theologiestudiums (die Welt brennt, aber wir verpulvern unsere Munition für Schlafzimmer- und Hörsaalfragen?)

Ich erwische mich selbst dabei, wie ich mich von meiner eigenen Aufregung gefangen nehmen lasse, von meiner Wut darüber, dass man mir den Glauben abspricht, weil ich mehrere Lesarten der Bibel befürworte. Von meiner Trauer darüber, dass viele junge Menschen von den Absolutheiten, die junge Christfluencer*innen unreflektiert in die Welt setzen, in ihrem Glauben verunsichert werden.

Wir sollten alle mehr beten und weniger instagrammen.

ICH sollte mehr beten und definitiv weniger Zeit auf Instagram verbringen.

Ich möchte etwas finden, das uns verbindet. Heilt.

Dabei ist mir dieser Text eingefallen, den ich vor fast genau einem Jahr für die Family-Zeitschrift verfasst habe und den ich mit Euch teilen möchte:

Dieser Tag, an dem ich diesen Artikel schreibe, ist der 9. November. Unweigerlich – wie jedes Jahr – denke ich an die Reichskristallnacht. Ich hätte mir keinen besseren Zeitpunkt für dieses Thema wählen können: In der düstersten Zeit unseres Volkes hatten Lagerdenken und Nazi-Ideologie dazu geführt, dass jüdische Mitbürger misshandelt wurden und Synagogen brannten, während viele ihrer christlichen Nachbarn zuschauten. Manche applaudierten. Das, was noch vor wenigen Jahren zuvor undenkbar schien, war Wirklichkeit geworden. Endlich durfte man offen seinen Rassismus und Antisemitismus zeigen. 

Nur wer blind ist, erkennt keine Parallelen zur Gegenwart. 

Man meint ja, dass früher alles besser war. Pustekuchen. Ja, vor dem World Wide Web wussten Fanatiker weniger voneinander. Das kam unserer Weltengemeinschaft zugute. Nun sind sie bestens vernetzt und fressen sich in unser Denken und unsere Emotionen. Im Netz blühen die wildesten Fakes und nur wenn man sich radikal aus den sozialen Medien raushält, kann man sich dem entziehen und seinen Seelenfrieden wahren. Mein Algorithmus zeigt mir manchmal verstörend anders denkende Menschen. Der Ton ist schärfer geworden. Die Rhetorik spaltend. Auch unter uns Christen. Unsere Weltbilder bestehen aus ausgehärtetem Stahl. Und das ist es ja, was die momentane Situation der Lagerbildungen so schwierig macht: Unsere Weltbild ist immer ganz eng verknüpft mit unserer Identität, mit unseren innersten Überzeugungen. Und wenn andere dieses Bild in Frage stellen, fühlen wir unser Selbst in Frage gestellt. Dann ziehen wir ganz schnell Mauern hoch und bilden Lager, in denen wir unser Weltbild bestätigt bekommen. 

Ich nehme mich da gar nicht aus. Wie oft empöre ich mich über Trump-Wähler, Christen in der AfD, Verschwörungsgläubige? Wie oft schmeiße ich alle AfD-Wähler in einen Topf, rühre wütend um und markiere ihn mit „Nazis“? Und wie oft empören sich andere abfällig über mich als „Gutmenschen“? 

Wir verspielen unsere Chance auf ein echtes Verstehen, wenn wir den anderen mit einem radikalen Etikett versehen und auf Nimmerwiedersehen in einer Schublade verschwinden lassen. Natürlich möchte ich hier betonen, dass ich niemals auch nur einen Millimeter nach rechts rücken würde – aber wenn wir lernten, hinzuhören, anstatt die Nazikeule auszupacken, könnte der andere vielleicht sogar bereit sein, einen Millimeter Richtung Nächstenliebe zu rücken. Wie wäre das?

Ich glaube, dass unsere Zeit mehr Brückenbauer statt Mauernhochzieher benötigt. Und obwohl ich mich liebend gerne in mein Lager zurückziehen möchte und ein bisschen mehr meine Feindbilder pflegen würde, so ist es mir doch ein noch viel größeres Anliegen, das Brückenbauen zu lernen. Pfeiler um Pfeiler in den Boden aus Missverständnissen und Trennung und Hass zu rammen. Ob der andere dann die Brücke überqueren möchte, liegt nicht in meiner Verantwortung. Aber ob ich den ersten Pfeiler in die Hand nehme, schon. Eine gespaltene Gesellschaft kann keine gute Zukunft bauen. 

Die letzten Monate waren enorm herausfordernd. Wenn ich mich im Kreis drehe und nicht mehr weiß, was ich eigentlich noch beten soll, dann hilft mir das Vater- Unser. Der Kern unseres Glaubens. Das Gebet, das wir alle gemeinsam sprechen: Verschwörungsgläubige, Trumpwähler, Rechthaber, Gutmenschen. Wenn wir genau hinhören, können wir feststellen, dass das Vater-Unser ein äußerst subversives Gebet ist:

Vater Unser im Himmel: 

Mit diesen schlichten Worten erkenne ich an, dass nicht nur ich Gottes geliebtes Kind bin, sondern auch der Mensch, der auf Facebook Verschwörungstheorien verbreitet und der verkorkste Nachbar und der Christ mit Rechtsdrall. Diese Sicht entschuldigt nicht, aber sie weitet das Herz für Gottes skandalöse Wahrheit: Dass alle Platz und Gnade bei ihm finden. Ich ordne mich ein in eine Weltengemeinschaft, die soviel größer ist als meine Filterbubble. Ich bin nur eine unter ganz vielen. Das macht demütig und still. 

Geheiligt werde dein Name: 

Manchmal merken wir gar nicht, wie wir uns in Ideologien verbeißen. Es ist verlockend, sich der Komplexität der Welt zu entziehen, indem wir simplen Lösungen folgen und diese als Allheilmittel anpreisen. Und manchmal folgen wir blindlings Menschen, die diese Lösungen anbieten. Unsere aufkochenden Gefühle machen wir zur Leitschnur unserer Handlungen und Worte. Unüberlegt hinterlassen wir bissige Kommentare im Netz (Mit Worten ist es wie mit einem Curry. Iss es nicht frisch, sondern lass es eine Nacht durchziehen.)

Es ist immer klüger, einen Schritt zurückzugehen und sich selbst zu überprüfen, wo man das wirklich Wichtige aus dem Blick verloren hat. Geheiligt werde dein Name. Nicht indem ich Ungeprüftes weiterleite. Nicht indem ich Öl ins brennende Feuer kippe. Nicht indem ich dazu beitrage, dass Hass und Lügen zum Flächenbrand werden. Gottes Name heiligen wir, wenn wir uns und unsere vermeintliche Deutungshoheit nicht so furchtbar ernst und wichtig nehmen. 

Dein Reich komme: 

Ich glaube, dass Gottes Reich keine Zukunftsmelodie für fromme Schwärmer, sondern tagtäglich bereits in Arbeit ist. Und damit ist keine politische Agenda gemeint. Gottes Reich zeigt sich nicht durch die Großen und Lauten dieser Welt, sondern an den Rändern der Gesellschaft. Überall dort, wo Nackte gekleidet, Gefangene besucht, Kranke versorgt, Hungrige gespeist, Gäste willkommen geheißen werden. Jesus ist im Gesicht des Anderen, des Fremden, des Unterdrückten zu finden. Ist es nicht großartig, wie Gottes Reich all unsere Wertsysteme und Anschauungen auf den Kopf stellt? 

Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden. 

Gott braucht keine Fürsprecher, keine Moralapostel, keine Wächter am Tor der biblischen Korrektheit. Kurz: niemand ist der verlängerte Arm Gottes auf Erden. Natürlich gibt es geistliche Leiter, die eine besondere Verantwortung tragen. Aber dort, wo Feindbilder gepflegt werden, Ideologien auf den Thron gehoben werden und die Eigenschaft zur eigenen demütigen Reflektion schwindet, ist das immer ein Warnzeichen. Ab und an sollten wir alle einen Schritt zurücktreten, unsere Ansichten und Werte auf den Prüfstand stellen und das Loslassen üben. Gott wirkt mysteriös und oft völlig entgegen unserer Erwartungen oder luftiger Deutungshoheiten. 

Unser tägliches Brot gib uns heute

Manchmal stehe ich besonders früh auf, um einen Brotteig anzusetzen. Am Abend ziehe ich dann duftende Brotlaibe aus dem Ofen, die schneller verzehrt sind, als ich „Sauerteig“ sagen kann. Es ist der ewige Kreislauf aus Hungrigsein und Sattwerden, der uns daran erinnert, dass wir bedürftige Menschen sind. Soviel uns auch trennen mag, einen uns unsere Grundbedürfnisse, die allen Menschen gleich sind: Das Bedürfnis nach Nahrung und Wasser, nach Luft, Gesundheit, Angenommensein, Liebe, Schlaf, Sex, Nähe. Ich glaube sogar, dass fast alle Konflikte aus ungestillten Bedürfnissen entstehen. Es hilft, den anderen durch die Linse seiner Bedürfnisse zu sehen, die ich mit ihm teile.

Und vergib uns unsere Schuld

Rechthaben ist wie ein Drogenrausch. Wir wetzen unsere Wörter wie Klingen, legen uns klug klingende Argumente zurecht. Es bleibt jedoch nicht aus, dass uns der Teppich unter den Füßen weggezogen wird und unser strahlender Heiligenschein Flecken bekommt. Ganz tief drinnen kriechen Zweifel hoch und je länger wir uns auf dem Holzweg befinden, desto fester zementieren wir unsere Ansicht nach außen. Ich weiß wovon ich rede. Denn ich bin Expertin darin.

Um Vergebung bitten zu können ist aber einer der wichtigsten Brückenpfeiler hin zu einer geeinteren Gesellschaft. In seinem Buch „Dialog statt Spaltung“ nennt der Autor Patrick Nini die Fähigkeit zur eigenen, ehrlichen Reflexion integrative Intelligenz. Ohne sie ist seiner Meinung nach kein Brückenbau möglich. Nichts baut Brücken schneller und stabiler als Zugeben von Fehlern und Schuld. 

Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern

Die größten Brückenbauer waren diejenigen, deren Kernwert die Vergebung war: Nelson Mandela. Martin Luther King. Gandhi. Itzchak Rabin. Es ist eine kontraintuitive Handlung, die den wenigsten von uns leicht fällt. Aber immer, wenn ich an meinem Groll festhalten will, denke ich die Worte der Autorin Anne Lammt: Nicht zu vergeben ist wie Rattengift zu trinken und darauf zu hoffen, dass die Ratte stirbt.

Erlöse uns von dem Bösen

Ein falscher Friede deckt Ungerechtigkeit zu, der weiterhin gärt, bis es zur Explosion kommt, wie wir es in der Black Lives Matter-Bewegung erst kürzlich beobachten konnten. Aufarbeitung von Ungerechtigkeit, Schuld, Hass, klare Abgrenzung von toxischen Einflüssen und Beziehungen sind schmerzhaft und doch so essentiell wichtig. Unrecht muss Unrecht genannt werden dürfen. Denn baufällige Brücken sind gefährlich. Wir müssen sie einreißen, ein neues Fundament bauen, bevor wir wieder neu aufeinander zugehen können. 

Und führe uns nicht in Versuchung

Meide gewisse Kommentarspalten. Halte dich nur kurz oder gar nicht in sozialen Medien auf. Erweitere dein Wissen und wende es nicht an, um jemand anderen in Grund und Boden zu stampfen. Poliere nicht dein Image. Bible niemanden nieder.

Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen. 

Ich glaube aus ganzem Herzen an das göttliche Versprechen, dass wir eines Tages alle an einem Tisch sitzen werden. Dort werde ich dann vielleicht neben dem unausstehlich gesetzlichen Gemeindevorsteher, der schrillen Charismatikerin, dem verbitterten AfD-Wähler sitzen und mich empören, wie die UM GOTTES WILLEN dort hin gekommen sind. Und dann wird Gott, der uns gerade seinen ausgezeichneten Wein serviert, mir augenzwinkernd zuraunen: Und die fragen sich, warum sie ausgerechnet neben einer rechthaberischen Freigesinnten sitzen müssen. Laut ruft er uns allen zu: Und jetzt lasst uns zuprosten! 

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Hinkende Hoffnung

Ich habe soeben einen kompletten Blogeintrag gelöscht. Er hat mir nicht gefallen. Ach, er hat nur problematisiert. Und ganz ehrlich habe ich vom Problematisieren gerade die Schnauze gehörig voll. Mit jeder Faser meines Seins sehne ich mich nach Leichtigkeit. Nach dem Geschmack von Hoffnung. Und ich finde, sie liegt in der Luft. Sie liegt im erneuten Sterben der Natur und dem Wissen darum, dass alles Leben wiederkommt.

Und das Leben kommt wieder! Ja, vor allem jetzt im Oktober. Es kriecht aus seinem Loch, in das es sich vor 19 Monaten scheinbar verkrochen hatte. Ich geh wieder zum Frisör und ins Theater. Und ich kann mit Freunden im Café sitzen. Gestern traf ich mich zum ersten Mal wieder mit meinem Book Club und wir haben das mit griechischen Snacks und Wein gefeiert. Ich kann wieder meiner Arbeit als Referentin nachgehen. Wir hatten einen bunten, lustigen Flohmarkt auf unserem Hof. Leise Ideen sprudeln, wie das Leben in Gemeinschaft aussehen könnte. Ich feiere einen erneuten Herbst, in dem ich nicht müde werde, mich am Feuerwerk der Natur sattzusehen.

Hoffnung kommt nach dieser schweren Zeit mit einem Hinken daher. Sie hat einige Schläge einstecken müssen. Aber auch wenn sie nun ein wenig zerfleddert ist, so will ich sie mir überziehen wie diesen alten Pullover, von dem ich ganz vergessen hatte, dass ich ihn besitze. Er hat ein paar Stockflecken und leichtes Pilling. Die Flecken wasche ich aus und ich ziehe den Pulli über und freue mich, dass ich ihn noch habe. So viele Erinnerungen hängen an diesem Kleidungsstück. Erinnerungen, die mich tragen, weil sie mir wie ein Echo aus der Vergangenheit zurufen, dass das Leben lebenswert ist.

Ich ziehe mir diesen alten Pulli über und der vertraute Geruch, das Gefühl auf der Haut trösten mich. Es gibt Dinge, die ändern sich nicht. Das Laub, das zu Boden segelt. Der Duft reifer Quitten. Ewige Worte. Oktoberregen. Ein Herz, das sich nach Hoffnung sehnt. Ein Gott, der dem Herzen antwortet.

PS: Am 2. November werde ich im Maxhaus Düsseldorf über Hoffnung reden.

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Die freiwillige Abwärtsbewegung

Vor einigen Monaten hatte ich den us-amerikanischen Aktivisten Shane Claiborne für das Anders-Leben-Magazin interviewt. Ich bewundere ihn seit Jahren aus der Ferne und nun hatte ich ihn live am Bildschirm und konnte ihn Löcher in den Bauch fragen. Wir unterhielten uns über die Todesstrafe, Rassismus, Migranten, Dietrich Bonhoeffer. Du siehst, wir hielten uns nicht mit banalem Smalltalk auf.

Das war eines dieser Gespräche, das nachhallt und nachhallt und nachhallt. Shane selbst bezeichnet sich als heiligen Störenfried. Und das kannst du wirklich laut sagen. Er hat meine friedliche Bequemlichkeit ordentlich durcheinander gewirbelt. Es ärgert mich fast ein wenig, dass sich in meinem Sicherheitsdenken Risse gebildet haben. Kleine Nadelpiekse. Dass ich manchmal so waghalsige Gedanken denke wie: Was willst du mit deinem Reichtum aus Zeit, Bildung, Privileg, Geld, Gesundheit anfangen? Willst du es weiterhin horten wie ein Fettpolster?

Hm. Tja. Ich spüre mit jeder Faser die Aussage Jesu, dass es einem Kamel leichter gelingt durch ein Nadelöhr zu gehen, als dass ein Reicher ins Himmelreich kommt.

Shane sagte mir diesen Satz, der sich wie ein Tattoo auf mein Herz presst.

Wir sind so beschäftigt damit, die Leiter aus Status, Sicherheit und Selbstverwirklichung hinaufzuklettern, dass wir aufpassen müssen, Jesus nicht zu verpassen auf seinem Weg nach unten

Die freiwillige Abwärtsbewegung. Das ist eine kontraintuitive, gegenkulturelle Bewegung, die ich lernen möchte. Und ich frage mich, wie sie in dieser Phase meines Lebens aussehen könnte.

Ich schrecke noch ein bisschen davor zurück, Haus und Hof und Garten zu verkaufen und nach Kalkutta zu ziehen. Meine Töchter wären nicht entzückt. Gott sei Dank gibt es viele Arten der „Abwärtsstufen“. 

Wichtig ist, dass wir uns in Bewegung setzen, nicht wie schnell wir gehen. Eine erste Stufe könnte sein: 

  • Wir müssen in Gesprächen nicht das letzte Wort haben und verzichten aufs Rechthabenwollen (Schatz, wenn du das hier liest – ich mein’s ernst! Und verzeih mir, wenn ich es nicht immer schaffe)


  • Verrichten wir unsere ungeliebten Arbeiten mit einer Haltung der Liebe. Das Kloputzen. Das Bettenmachen. Das Wäscheaufhängen. Das Aussortieren und die Fahrt zum Recyclinghof. ‚

  • Lassen wir uns erschüttern. Denn wir können uns nur dann abwärts bewegen, wenn wir unser Herz weich für die Nöte unseres Nächsten halten. Lesen wir Bücher, die uns durchschütteln (wie z.b. dieses hier. Es ist eines meiner Top Ten Bücher. Selten etwas so Aufwühlendes gelesen!) Lesen wir die Bergpredigt. Lesen wir Bonhoeffer. Immer und immer wieder.
  • Trennen wir uns von Geld indem wir es spenden. Nein, bitte nicht im nächsten Sonntagsgottesdienst, wenn für eine neue schicke Soundanlage gesammelt wird, sondern für unsere Schwestern und Brüder in Not.

  • Kaufen wir rigoros Second-Hand. Und unterstützen wir mit unseren Einkäufen kleine, faire Labels.

  • Kaufen wir dem Obdachlosen am Eck ein Mittagessen.

  • Schaffen wir Treffpunkte in unseren Nachbarschaften.

  • Hören wir denen zu, deren Stimmen nicht gehört werden.

  • Hören wir auf mit allen Formen von dummer Selbstoptimierung. Wir finden kein echtes Leben im Kreisen ums Ich. Das menschliche Herz hat ein Loch, das nur dann Ruhe gibt im Sich-Selbst-Verschenken.

  • Verschönern wir unsere Viertel. Mit Blumen. Mit Kunst. Mit Lächeln.

  • Laden wir Menschen ein, die sonst niemand einlädt.

Ich werde heute die Welt nicht aus den Angeln heben. Aber ich kann einen dieser Schritte nach unten gehen.

Stell dir vor, wie unsere Welt aussähe, wenn immer mehr Menschen Macht und Geld und Rechthabenwollen aufgeben?

Könnte es sein, dass es das ist, was Jesus mit dem Reich Gottes meint?

Es ist schon da. Immer dann, wenn wir loslassen und eine Stufe abwärts gehen.

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Versöhnt mit Unfertigkeiten

Zunächst: Ein ganz großes Dankeschön für alle die lieben Gratulationen! Hach, da ging mir das Herzchen auf…..

Nun hat für unsere Familie ein neuer Abschnitt begonnen. Beide Mädchen gehen auf die weiterführende Schule und sind an drei Tagen bis halb fünf aus dem Haus und gehen ihren Lieblingsbeschäftigungen wie Geometrie, Tonleitern und Französisch-Vokabeln nach. Ich reibe mir siegesgewiss die Hände! Neue Zeitfenster! Lange Zeitblöcke ohne Unterbrechung arbeiten! Jeden Tag Sport machen! Stundenlang schreiben!

Ach ja. Ich tappe in die gleiche Falle wie damals, als die Kinder beide im Kindergarten waren. Mir wurde ein freies Zeitfenster von drei Stunden geschenkt. Wie eine Verhungernde stopfte ich alles in diese kurze Zeit, was mir appetitlich erschien. Ich quoll über vor Ideen und Arbeit. Ich war so beschäftigt mit dem hektischen Abhaken von Listen und dem ständigen Blick auf den unbarmherzig vorrückenden Minutenzeiger, dass mich das Gefühl überwältigte, noch weniger Zeit als vorher zur Verfügung zu haben.

Und jetzt, neun Jahre später, ereilt mich ein ähnliches Muster. Obwohl ich mehr Zeit habe, vergeht sie schneller und ich schaffe nicht soviel, wie ich mir vorgenommen hatte. Und das, was mich schafft, ist das Gefühl von Panik.

Ich pflüge nicht wie ein Panzer durch meine To Dos, sondern ich wate durch zähen Honig.

Da warten noch Emails auf Antwort. Bücher auf Versand. Ein Expose auf Fertigstellung. Der Boden will gesaugt werden. Ein Vortrag muss zu Papier. Das Kraut in den Sauerkrauttopf. Die Äpfel ins Geleeglas. Der Körper will bewegt werden. Der Geist auch.

Da fallen manche Emails und Äpfel hinten runter.

Ich denke, hier liegen zwei Probleme vor.

Erstens gleite ich in eine Mangelhaltung ab. Ich wache schon mit dem Gefühl am Morgen auf, hinterher zu sein. Der Mangel sagt mir: Du hast zu wenig Zeit. Du hast zu wenig geschafft. Diese Mangelhaltung treibt momentan seltsame Blüten. Auf Instagram hat sich der #5uhrclub gebildet (Basierend auf dem gleichnamigen Motivationsbuch). Das bedeutet: Man stellt den Wecker auf 5 Uhr und verbringt die erste Stunde des Tages produktiv mit Sport, Tagebuchschreiben, Bibellesen (für die Frommen) und Meditieren.

Das Ziel ist klar: Die Steigerung der eigenen Produktivität.

Das Ergebnis ist auch klar: Man ist für den Rest des Tages verdammt müde.

Unser verzerrtes Verständnis von Effizienz und Produktivität, verleiht uns dieses enge Gefühl in Brust und Bauch, immer drei Schritte hinterher zu sein.

Ich muss mir selbst predigen: Das ist keine Art zu leben. Das ist westlicher, krankmachender Bullshit. Das ist eine Religion, auf dessen Thron die eigene Produktivität sitzt und der ich meinen Seelenfrieden opfern.

Es spricht nichts gegen ein gesundes Maß an Produktivität.

Aber einen übersteigerten Produktivitätsdrang (unter dem ich angeblich leiden soll) erkennst du daran, dass es nie genügt. Egal, was du heute schon gewuppt hast. Dieses nagende Gefühl der Unzulänglichkeit bleibt wie ein schaler Nachgeschmack.

Den Blick will ich mir zurechtrücken. Versöhnung suchen mit allem Unfertigen in meinem Leben.

Was wir dringend brauchen sind Menschen, die in sich ruhen.

Nicht Menschen, die ihre Listen abgehakt haben und ausgelaugt sind, weil sie sich im Namen der Produktivität wertvollen Schlafes berauben lassen.

Und der zweite Punkt:
Ich stopfe meinen Kalender zu voll.

Ich war doch so fest entschlossen, genau diesen Fehler nach Corona nicht mehr zu begehen. Aber diese Fahrspur meines Lebens ist so tief eingegraben, dass die Alltagsräder sich ihre gewohnten Wege wie von alleine suchen.

Aber nur, weil eine Lebensspur so tief eingegraben ist, bedeutet es nicht immer, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Also anhalten. Wegrichtung prüfen. Ein paar schmerzhafte Neins verteilen. Und für den Rest des Jahres keine Termine mehr annehmen und damit einen neuen Weg frei machen auf dem ich mit dem Verstreichen der Zeit versöhnter bin.

Und was stelle ich nun mit dem Rest des Tages an? Jetzt, um 8.14 Uhr? Ich schreibe mir etwas weniger auf meine Liste. Sie soll am Ende des Tages nicht darüber entscheiden, ob ich heute ein besonders produktives Menschlein gewesen bin. Sondern ich entscheide, heute all das Gute, das Schöne, das Gelungene mit Dankbarkeit zu betrachten.

Und mit dem Unfertigen, dem Hinken, dem Unrunden will ich mich ein kleines bisschen mehr anfreunden. Denn das sind eigentlich gar nicht meine Feinde. Sondern gesundes Sand im Getriebe, um nicht einem grenzenlosen Produktivitätszwang anheim zu fallen.

Jetzt ist es 8.22 Uhr. Zeit für eine kleine Pause. Auch für dich.

Vielleicht magst du in dieser Pause ein Video ansehen oder einen Podcast hören?

Buchbesprechung Problemzone Frau

Ein paar weitere Kaninchenvideos meiner Tochter 🙂

Ein wirklich sehenswerter Ted-Talk.

Ein wirklich hörenswerter Podcast über die Würde eines „Ungläubigen“

Familie

Was ich nicht mehr mache

Es ist mein Geburtstagsmonat und weißt du, wie ich ihn feiere?

Ich genieße warmen Zwetschgenkuchen mit Sahne. Ich geh wählen. Ich freue mich jeden Morgen an Kindern, die zur Schule gehen können. Ich beziehe unsere Betten mit dickeren Decken. Ich pflanze Unmengen an Feldsalat. Ich stricke Pullover und Stirnbänder. Ich schätze jeden Menschen in meinem Leben wert. Ich setze mich unter den kobaltblauen Septemberhimmel, der immer ein bissen nach überreifen Äpfeln und reiner Frische duftet. Ich betrachte die abgeernteten Felder und laufe durch die Weinberge, die erst im September und Oktober ihre wahre Pracht entfalten. Ich blättere durch alte Fotoalben. Ich erlaube es mir, auch in diesen anstrengenden und unsicheren Zeiten, mich am Leben zu erfreuen.

Manchmal werde ich gefragt, wie ich denn alles schaffe und die Frage ist so alt wie mein Blog (der übrigens heute seinen 12. Geburtstag feiert, so wie ich meinen 47).Ich wiederhole meine Antwort, die ich schon so oft von mir gegeben habe: Ich schaffe nicht alles. Nie. Niemals. Ich habe mal ein paar Jahre versucht, ALLES zu schaffen, aber das hat mich nicht zu einem besseren Menschen gemacht, eher zu einem sehr gereizten. Fragt meine Mitmenschen.

Ich habe aufgehört, alles schaffen zu wollen.

Das bringt mich auf eine Idee!

Weißt du was?

Normalerweise schreibe ich an meinen Geburtstagen immer eine Liste mit Dingen, für die ich dankbar bin. Und das ist immer eine gute Übung für die Haltung dem Leben gegenüber.

Aber heute mach ich’s anders. Ich schreibe eine Liste mit Dingen, die ich nicht mehr mache. Denn das wirklich Wundervolle am Älterwerden: Du erkennst in manchen Dingen den Unsinn für dein eigenes Leben und handelst nicht mehr nach unausgesprochenen gesellschaftlichen Grundsätzen, sondern nach deinen ganz eigenen.

  1. Mich durch Bücher quälen
    Die vage Hoffnung, dass es doch noch spannend, relevant, interessant werden könnte, hat sich nie erfüllt. Meine Lebenszeit ist zu schade für Bücher, die ich nicht mag (das sind tatsächlich oft Bücher der Spiegelbestsellerlisten und mit 5 Amazonsternchen)
  2. Mich wiegen
    Wer bereits Problemzone Frau gelesen hat, kennt meine Geschichte. Was für ein Quatsch, sich von einer Zahl auf der Waage sein Leben und seinen Zwetschgenkuchen vermiesen zu lassen.
  3. Unbequeme Schuhe tragen
    Ab einem gewissen Alter weiß man Schuhe mit SCHUHBETT zu schätzen.
  4. In Hostelmehrbettzimmer übernachten
    Nein, nein, nein. Lange genug mitgemacht.
  5. Die Krümel nach jeder Mahlzeit unter dem Tisch zusammenfegen
    Nein, nein, nein. Lange genug mitgemacht.
    Wozu hat man Kinder, die das für einen erledigen können?
  6. Gemüse anbauen, das ich gar nicht mag
    Sorry, Topinambur.
  7. Meine eigenen Grenzen einreißen, nur damit sich andere nicht an mir stoßen
    Natürlich lese ich dein Manuskript Korrektur. Lass mich meinen eigenen Abgabetermin um vier Wochen verschieben.
  8. Ziele setzen
    Ich habe überhaupt nichts gegen Ziele, die einen motivieren. Aber ich selbst möchte mehr im Hier und Jetzt leben.
  9. Mir erst dann Feierabend erlauben, wenn alles erledigt ist
    Das schöne an der Arbeit ist, dass sie auch morgen noch da ist.
  10. Meinen Glauben optimieren
    „Immer mehr von dir, immer mehr……“ Uff. Mein Glaube soll ein Ort sein, an dem ich absolut angenommen und willkommen bin. Und wo ich nicht das Gefühl haben muss, mich nach ständig mehr auszustrecken.
  11. So tun, als ob
    Nein, ich mag keinen Aperol Spritz und keine Marvel-Filme und auch keine Festivals.
  12. Täglich kochen
    Sorry Familie, dass ihr zweimal hintereinander Kichererbsen-Curry essen müsst.
  13. Klamotten behalten, die mir nicht mehr passen
    Bye, Skinny Jeans aus dem Jahr 2016.
  14. Detox
    Das einzige, von dem ich mich detoxen muss, ist das Gift in meinem Herzen.
  15. Mich influencen lassen
    Da bin ich eisern. Ich kaufe nix. Mit 47 hab ich alles und noch mehr, was ich zum Leben brauche.

Magst du mir etwas verraten, das du nicht mehr machst?

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Einladung: Heute! Und Bücher kannste auch bestellen!

Meine Kinder haben ein altes Wimmelbuch aus dem Keller geholt. Aus der Kiste, in der ich Sentimentalitäten lagere. Es hat die Mädchen und auch uns Erwachsene jahrelang begleitet und immer wenn man meinte, man hätte schon alles auf den zwölf Seiten gesehen, die einen durch das Jahr geleiteten, entdeckte man ein weiteres, liebevolles Detail.

Ok, ich habe gelogen.

Nicht wir haben das Wimmelbuch hervorgekramt. Sondern ich.

Ja ich.

Ich sehnte mich nach dem Septemberbild. Es erinnert mich daran, warum ich den September liebe:

Dunstige Spätsommersonnenaufgänge.

Der erste Hauch von Herbst

Aufregung, die vor dem Schulstart in der Luft hängt.

In diesem Jahr gelingt es mir nicht so recht, diesen Monat wie sonst innerlich und äußerlich zu zelebrieren (ist auch mein Geburtstagsmonat). Deshalb also Wimmelhausen, durch deren Protagonisten ich wenigstens ab und zu Septemberatmosphäre aufsauge.

Mein eigener September ist voller Aufbrüche:

Ein Kind, das seit heute in die fünfte Klasse geht.

Mein Auftritt beim Frauentag in Krelingen am letzten Wochenende.

Meine neuen Bücher, die beworben werden wollen.

Ein neues feines Projekt.

Und die Ernte, die mich von allen Seiten bombardiert.

Heute Abend möchte ich mir es mit euch bequem machen. Ich werde meinen gelben Sessel in mein Arbeitszimmer schleppen, mir einen Tee machen und dann aus meinen neuen Büchern lesen. Ein Mini-Event, direkt aus meinem Arbeitszimmer zu dir in dein Wohn- oder Schlafzimmer. Wenn du auf Instagram bist, dann kannst du die Mini-Lesung von 20.15 bis 21.00 auf meinem Kanal live verfolgen.

Meine neuen Bücher (und natürlich auch die alten!) darfst du gerne ab heute bei mir bestellen. Schick mir über das Kontaktformular deine Adresse, Zahlungswunsch (Paypal oder Überweisung) und ob du eine Signatur wünschst.

Und wenn du mehr auf die Ohren bekommen möchtest, dann empfehle ich dir diese zwei Podcasts, wo ich zu Gast sein durfte:

Unterwegs zu uns – Wie befreie ich meine Weiblichkeit?

Der Flügelverleih – Problemzone Frau

Weißt du, was mir als Bloggerin und Autorin manchmal fürchterlich auf den Zeiger geht? Dass man die Werbetrommel für sich selbst rührt und das Eigene in den Mittelpunkt stellt. Manchmal wird mir davon ein wenig schlecht.

Die Medizin gegen eine Überdosis Eigenherrlichkeit?

Werbung für andere machen.

Also bitteschön:

Ich habe diese Blogbeiträge so sehr gefeiert:

Mein Tante-Emma-Laden

Vergissmeinnicht

Zurück!

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Dies und das im August

Was liegt da für ein Monat hinter mir! Der August 2021 – vielen wird er sich als vorgezogener Herbstmonat einprägen. Mir prägt er sich ein als der Monat, in dem ich endlich meine Impfung bekam, in dem es das Leben gut meinte und ich für die anstrengende Coronazeit entschädigt wurde. Es war ein Monat voller guter Arbeit und Freizeit, Reisen und Ehe, zu Tisch mit Familie und Freunden. Ach, ich nehm dich einfach mal mit, während ich einen Blick zurückwerfe.

Arbeit

Die Kinder waren immer mal wieder für einige Zeit aus dem Haus und in diesen Abschnitten habe ich fieberhaft gearbeitet. Wer nun denkt, die Veronika sitzt da stundenlang am Schreibtisch, selbstvergessen, gedankenversunken, vor sich hintippend, der irrt. Das Schreiben an sich ist eine feine Sache. Aber sie macht nur einen Teil meiner Erwerbsarbeit aus. Dazu gehören auch ganz nüchtern betrachtet: Selbstvermarktung, Networking, Kommunikation, Social Media usw.

Nun sind gleich zwei Bücher von mir auf den Markt gekommen und es ist mir wie eine kleine Geburt. Die Gedanken, welche vor ein oder fünf Jahren diffus in meinem Kopf herumgeisterten, haben Form angenommen, wurden in verständliche Wortreihen gegossen und nun sind da zwei fertige Bücher, über die ich mich ganz enorm freue!

Buch Nr. 1 Problemzone Frau. Die Idee dazu trug ich seit dem August 2015 in mir, als ich mit meinen kleinen Kindern am Badesee planschte und mich so richtig unwohl in meiner eigenen Haut fühlte. Wer einen kleinen Blick ins Buch werfen will, kann das hier tun.

Während dieses Schreibprozesses trat der SCM-Verlag an mich heran mit einer Auftragsarbeit, die ich freudig annahm. Ja, bin ich denn wahnsinnig?

Meistens leider ja. Aber ganz unerwartet war diese Bucharbeit wie die Kür, ein kleines Aufatmen mitten in einem großen, schweren Buchprojekt. Es hat mir die Freude am Schreiben zurückgegeben, als ich manches Mal den Laptop an die Wand schmeißen wollte und mich nach Jobangeboten umsah.


Das Ergebnis: Coffee & Jesus. Ein kleines Buch, das ich als Handyersatz gedacht hatte. Während du also deinen hartverdienten Kaffee schlürfst, kannst du das nächste Mal anstatt zu Instagram zum Buch greifen. Wenn du dann fünf Minuten später deine leere Kaffeetasse in den Geschirrspüler stellst, fühlst du dich hoffentlich bereichert (und nicht so schrecklich entleert wie ich mich nach fünf Minuten Social Media fühle….)

Ab nächster Woche werde ich eine Versandaktion starten. Dann hab ich Büchervorrat und Zeit, dir ein Buch zu signieren und zur Post zu bringen. Wenn es soweit ist, melde ich mich hier kurz und geb den Startschuss.

Haushalt

Die Mädchen sind momentan noch auf einer Reitfreizeit und haben die Zeit ihres Lebens. Sie vermissen uns überhaupt nicht und ich bin mir NICHT sicher, wie ich das finden sollte. Ich befürchte, sie werden uns vehementer also zuvor mit dem Wunsch nach einem eigenen Pferd in den Ohren knien. Wenn unsere Kinder eine Grenze mit beneidenswerter Geduld austesten, dann genau diese.

Aber ich komme vom Thema ab. Leute, ich habe Zeit geschenkt bekommen! Soviel Zeit! Mein Geist rast hierhin und dorthin und will alles gleichzeitig erledigt haben. Soviele Dinge verharrten lange Zeit in der Warteschleife. Jetzt drängeln alle gleichzeitig nach vorne und schreien HIER. Aber ich kann natürlich nicht jeden drannehmen. Also erledige ich in aller Ruhe, was ich schaffe. Der Rest muss zurück in die Warteschleife.

Ich habe das Bad ausgemistet, mein Arbeitszimmer auf Vordermann gebracht. Tonnenweise Apfelmus- und Marmelade eingekocht. Unseren Schuppen aufgeräumt. Und die Kinderzimmer generalüberholt. Ach, es wäre noch soviel mehr zu tun. Aber das Schöne am Nie-Fertig-Werden: es bleibt immer noch etwas für morgen übrig. Da, wo ich am Abend meine Arbeit niederlege, kann ich sie am nächsten Morgen wieder aufnehmen und weitermachen. Es liegt etwas sehr Befreiendes in dem Gedanken, dass ich mit meiner Hausarbeit nicht fertig werden muss.

Projekte

Ich schaffe nicht mehr so viele Hobbyprojekte wie früher. Früher surrte die Nähmaschine bis tief in die Nacht hinein. Das mache ich nicht mehr, weil ich einen richtigen Feierabend brauche. Einen Zeitpunkt, an dem ich die Arbeit aus der Hand lege. Dann gönne ich mir eine heiße Milch (August ist ja der neue November!) und ein gutes Buch oder eine Fernsehsendung und frühes Zubettgehen (auch so ein richtig gutes und unterschätztes Selfcare-Ding).

Seit Monaten stricke ich an einem Pullover für meine Große. Sie hat sich ihn tatsächlich gewünscht! Obwohl sie lange Zeit Selfmade-Mode abgelehnt hat. Kaum hatte sie ihren Wunsch ausgesprochen, klapperten bereits die Stricknadeln. Das Modell ist von Drops-Design und ich stricke es mit Baumwollgarn.

Mir selbst habe ich eine Bluse genäht. Endlich, endlich habe ich einen idiotensicheren Schnitt für mich entdeckt, den ich sicherlich noch in vielen Varianten nähen werde. Ich musste mich durch verschiedene Schnitte probieren (oh, wie groß war der Frust!!) bis ich diesen entdeckt habe. Fehlschläge lohnen sich, wenn man dranbleibt und ausprobiert. Und nichts schlägt selbstgemachte Mode. Oder Second-Hand-Mode (die ich fast nur noch ausschließlich kaufe).

Garten

Mein Herzensort! Jetzt, Anfang September, gibt er nochmal alles, was her zu bieten hat. Der Vorgarten gebärdet sich wie ein Haufen Teenies auf einer illegalen Coronaparty. Bunt, schrill, laut, überbordend. Ich müsste ihn dringend zur Räson bringen, aber ich bringe es nicht übers Herz, die Party zu beenden.

Ich werde von Gemüse bombardiert. Der Mais war ein voller Erfolg (ich warte noch auf das Ausreifen des Popcornmais und bin so gespannt darauf!). Genauso wie diese unbekannte Kürbissorte, die meinen Vorratskeller üppig bestücken wird. Blumenkohl kommt uns zu den Ohren raus. Sellerie, Lauch, Grünkohl und Rote Beete stehen üppig. Und wir essen seit Monaten eigene Kartoffeln. Die Himbeeren tragen ein zweites Mal, die Zweige sind dank des Regens so kräftig, dass ich mich strecken muss, um an die oberen Früchte zu kommen. Selbst die Möhren gedeihen zum ersten Mal! Nur die Tomaten haben den Regen nicht so gut verkraftet und so kämpfe ich wie alle Gärtner*innen gegen die Braunfäule. Das wird wohl dieses Jahr nix mit selbstgemachtem Ketchup….

Gestern stolperte ich über dieses Igelchen. Es lag zusammengekauert unter meiner Zierquitte und rührte sich nicht. Schaute mich nur an mit seinen dunklen Knopfaugen. Ich hob ihn vorsichtig hoch. An zwei Stellen war er übel zugerichtet. Ich brachte ihn zur Tierärztin, die mir versicherte, dass das Blut zwischen dem, was von seinen Stacheln übrig war, nicht von ihm selber stammt. Höchstwahrscheinlich wurde er von einem Hund attackiert (bitte, bitte, bitte lasst eure Hunde nicht frei rumlaufen!). Nach zwei Spritzen ging es ihm daheim wieder so gut, dass er in seinem Käfig randalierte und ich das Kerlchen laufen ließ. Da wackelte es fröhlich davon, etwas lädiert und rasiert, aber Gott sei Dank wird er sein kleines Leben hier in Ruhe weiterführen können.

Reisen

Mein Klosterwochenende im August hatte ich ja bereits hier ausführlich beschrieben. Aufgrund der Abwesenheit unserer Kinder packten wir die Gelegenheit beim Schopfe und gönnten uns ein paar Tage im großartigen Leipzig. Das ist eine Reise wert, kann ich dir sagen! Leider hatte ich meine Kamera daheim vergessen, deshalb musste ich mit dem Handy fotografieren. Ich mache einfach nicht so gute Bilder mit dem Handy wie mit meiner Canon. Mit Handy bin ich im „Knipsmodus“. Mit Kamera geb ich mir eindeutig mehr Mühe…..

Termine

Am kommenden Samstag bin ich beim Frauentag in Krelingen. Ich werde zum ersten Mal seit März 2020 wieder vor Publikum auftreten und ich fühl mich seltsam vorfreudig und sehr nervös. Sehen wir uns dort?

Links

Heute rühre ich die Werbetrommel für meine eigene Familie:

  • Gesunde Ernährung? Dann bist du meiner Schwester richtig.
  • Tipps für Kaninchenhaltung? Dann bist du auf dem You-Tubekanal meiner Tochter richtig. Ihre neuesten Videos findest du hier und hier.

Familie

Ein paar Tage im Kloster

Jetzt sitze ich hier bereits eine Viertelstunde und starre aus dem Fenster in den Regen. Von dem schickt uns der August reichlich und vorhin meinte meine Eierfrau, die jeden Montag mit ihrem Eierauto vor dem Haus hupt, dass es ja noch den September gäbe und somit die Chance auf viele warme Septembertage. Nun habe ich also wieder jede Menge Eier und Hoffnung.

Ich hatte mir ein paar Tage Auszeit genommen, was so häufig vorkommt wie ein Parteiwechsel bei der Bundestagswahl (an dieser Stelle: geht wählen im September. Sonst gibts Schlechtwetter!)

Ich bin meinen Verpflichtungsgefühlen innigst verbunden. Und die hindern mich des Öfteren daran, auch etwas mal nur für mich zu machen. Jaja, ich mach ja schon ab und zu etwas für mich. Sport und so Zeugs. Aber das ist halt immer mit Zweck und Ziel und Effektivität verbunden. Bäh, das ist alles so schrecklich vernünftig. Also bin ich für ein Wochenende ins Kloster (Das klingt noch obervernünftiger als Sport. Ich weiß.) Dank frommer Konditionierung war klar: Da muss viel für mich rausspringen. Eine geistliche Erleuchtung. Ganz ganz tolle emotionale Gottesbegegnungen. Viele kluge Gedanken für viele zukünftige Blogbeiträge.

Bereits beim Packen raunte die Panik: „Hast du auch genügend tiefgründige, hochreligiöse Bücher eingepackt?“ „Ja, fünf. Das Schreibzeug hab ich auch eingepackt.“

Ich fuhr mit verknotetem Kopf Richtung Kloster Kirchberg. Eine kleine Stimme flüsterte mir ins Herz: „Du musst nach diesem Wochenende überhaupt kein Ergebnis vorweisen, du kleine, dumme, lustige Europäerin. Vielleicht gehts nur darum, Zeit miteinander zu verbringen? Zweckfreie, wunderbare Zeit, so wie es uns beiden gefällt?“

Naaaaaa gut, Gott. Ich wollte eigentlich echt ein bisschen weiterkommen im Glauben, aber wenn es dir so wichtig ist, dann hängen wir halt nur zusammen ab.

Mein calvinistischer Geist sträubt sich gegen das Abhängen. Aber Gott hat mich nochmals sehr ernsthaft auf seinen Wunsch hingewiesen. Als ich nämlich in diesem wunderschönen Kloster ankam, führte mich mein erster Weg zum Klosterlädchen. Dort stand eine kleine Kiste vor der Tür mit antiquarischen Büchern. Ich kann an Büchern nicht achtlos vorbeigehen. Und mir fiel eines in die Hände, dessen Cover mit Kapuzinerkresse übersät war. Ich liebe Kapuzinerkresse. Also kaufte ich das Buch. Die Stimme mahnte: „Du sollst dich hier vergnügen. Das tun, was du am liebsten tust. Zum Beispiel dieses wunderbare Buch lesen. Und dabei hoffentlich Kuchen essen und Kaffee trinken.“ Und da ich eine gehorsame Christin bin, las ich besagtes Unterhaltungsbuch von Kapuzinerkresse-Buchdeckel bis Kapuzinerkresse-Buchdeckel.

Ich entspannte mich. Lies Schreibzeug und kluge Bücher links liegen. Wenn mir danach war, nahm ich an den liturgischen Tageszeitengebeten teil. Ich testete alle Parkbänke der Gegend. Spazierte durch die spätsommerliche Landschaft. Ich schlief. Und redete mit niemandem. Mein Herz jubelte, als wäre es ein Kleinkind, das immer wieder neue Wunder entdeckt. Und vielleicht war ja genau das das Wichtigste. Dass das Staunen und die Dankbarkeit dafür, dieses Leben leben zu dürfen, zurückkamen. Und dabei Unterhaltungsliteratur zu lesen und Kaffee zu trinken und Kuchen zu essen und zu beten.

PS: Leider kann ich momentan meine Kaffeekasse nicht aufstellen. Paypal hat mir einen fetten, dauerhaften Strich durch die Rechnung gemacht. Momentan bin ich auf der Suche nach einer passenden Alternative……

Familie

Ich bin Hinkende und Gesegnete

Mitten im Sommer schreibe ich mal wieder was in meinen kleinen verwaisten Blog.

Es zieht mich an diesem noch leicht diesigen Augustmorgen hierher. Es möchte geschrieben werden. Die Kinder schlafen noch. Später werden wir T-Shirts bedrucken, Eis essen und dem Leben locker begegnen.

Ich muss mich erst an dieses In-Den-Tag-Hineinleben gewöhnen. Heute war der erste Tag, an dem ich tatsächlich ausschlief (bzw. an dem ich mir unterbewusst erlaubte auszuschlafen). Ausschlafen bedeutet bei mir halb acht.

Morgens.

Du fragst, wann ich sonst aufstehe? Das kommt darauf an. Manchmal haut mich mein Biorhythmus bereits um halb sechs raus. Wenn er gnädig ist, erst um sechs. Ja, auch in den Ferien. Es ist zum Heulen, aber meine Tagesroutine hat sich in meinen Körper tief eingegraben. Der lässt sich so leicht nicht umpolen. Aus einem arbeitstreuen Calvinisten machst du halt im Handumdrehen auch nicht einen impulsgesteuerten Hippie.

Auch wenn die Leichtigkeit dieser Sommertage mich in ihre süße Umarmung ziehen möchte, so spüre ich am Rande etwas Störendes. Als hätte ich einen Stein in meinen nagelneuen Espadrilles. Ach, dieser Stein hat gerade viele Namen: Klimawandel, Corona, Bundestagswahl, Radikalisierung bestimmter Gruppen, meine To-Do-Liste, unser Chaos-Keller. Er drückt doch äußerst unbequem, vor allem, weil ich auch nicht weiß, wie es ab September für mich beruflich weitergehen soll. Ich wäge verschiedene Optionen ab. Und dann drückt es dort im Schuh, wo keine Planungssicherheit zu finden ist.

Manchmal hilft beten. Und schlafen gehen bevor der Stein zu sehr ins Fleisch bohrt. Gedichte können ebenfalls ein Mittel der Wahl bei drückenden Steinchen sein. Gestern entdeckte ich dieses wunderbare Gedicht von Mary Oliver wieder:

I Worried 

I worried a lot.
Will the garden grow,
will the rivers flow in the right direction,
will the earth turn
as it was taught,
and if not how shall
I correct it?

Was I right, was I wrong,
will I be forgiven, can I do better?
Will I ever be able to sing,
even the sparrows can do it and I am, well,
hopeless.

Is my eyesight fading or am I just imagining it,
am I going to get rheumatism,
lockjaw, dementia?
Finally, I saw that worrying had come to nothing.
And gave it up.
And took my old body
and went out into the morning,
and sang.*

Mary Oliver

Dieses Nebeneinander von Singen und Sorgen. Kann ich singen mit Stein im Schuh?

Darf ich mich freuen an einem Sommermorgen, an dem Lachen meiner gesunden Kinder, an den ersten Tomaten und Brombeeren und Äpfeln und Wildpflaumen, wenn Teile dieser Welt brennen?

Heute morgen lese ich die uralte Erzählung von Jakob aus dem Alten Testament, der eine ganze Nacht lang mit Gott ringt und aus diesem Kampf mit einer kaputten Hüfte hervorgeht. Er humpelt für den Rest seines Lebens. Und er wird zugleich von Gott gesegnet.

„Ich lasse dich nicht los, bevor du mich gesegnet hast!“ (Jakob zu Gott, während sie noch miteinander ringen)

Segen ist soviel mehr als nur materielles Versorgtsein und körperliches Wohlbefinden. Es ist das Zuhausesein in Gott, auch wenn die Welt tobt. Es ist das Aufgeben und die Erkenntnis der Wahrheit über sich selbst und über Gott. Es ist das Aufblitzen von Gottes Güte in Form einer Umarmung, einer Schüssel voller Pflaumen, einer unerwarteten Zuwendung. Es ist das Wissen darum, dass der Morgen kommt. Und sei die Nacht noch so schwarz und der Kampf noch so lang.

Ich brauche das Hinken. Es erinnert mich daran, dass ich Mitverantwortung trage. So wie Jakobs kaputte Hüfte ihn daran erinnerte, dass er mit Gott gerungen hatte. Der Stein ist mein eigenes Ringen mit den Zuständen der Welt, mit meinem eigenen Zustand und mit einem Gott, der mysteriös wirkt und sich bei mir immer wieder in dunkles Schweigen hüllt.

Wir ringen mit Gott, dass er doch die Steine aus unserem Schuh entfernen möge. Damit uns das Laufen leichter fällt. Manchmal passiert das tatsächlich. Es bleibt aber nicht aus, dass erneut Steine in den Schuh geraten. Kann es sein, dass wir wie Jakob für immer zugleich Hinkende UND Gesegnete sind? Dass das eine das andere niemals ausschließt?

Darin liegt für mich ein großer Trost. Ich hinke also weiter durch diesen Sommer. Ja, manchmal werde ich hier und da vor Wut aufstampfen und die Steine ganz besonders schmerzhaft spüren. Und zugleich will ich mir den Segen Gottes überziehen wie eine wärmende Decke. Wie einen Morgen, der neue Hoffnung und Licht mit sich bringt.

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Meine Große hat sich zum ersten Mal in die verwirrende Welt des Internets gewagt und ihren eigenen YouTube-Kanal eröffnet. Mögt ihr sie mit einem Like oder Abonnement unterstützen? Ihr solltet vielleicht Kaninchenfans sein. Könnte aber auch sein, dass ihr nach den Videos zu Nagerfans werdet……

*Auf deutsch:

Ich sorgte mich

Viel Sorgen habe ich mir gemacht.
Werden die Pflanzen im Garten wachsen,
werden die Flüsse in die richtige Richtung fließen,
wird sich die Erde drehen, wie sie soll,
und wenn nicht, wie soll Ich das korrigieren?

Habe ich recht oder habe ich mich geirrt,
wird mir vergeben,
kann ich es besser machen?
Werde ich jemals singen können,
wo doch selbst die Spatzen es können,
und bin ich, na ja, ein hoffnungsloser Fall?

Verblaßt mein Sehvermögen oder stelle ich es mir nur vor,
werde ich Rheuma bekommen,
Wundstarrkrampf, Demenz?

Schließlich sah ich ein, daß all die Sorgen zu nichts geführt hatten.
Und ich gab es auf, mir Sorgen zu machen.
Und nahm diesen meinen alten Leib,
ging aus dem Haus hinaus in den Morgen
und sang.

Familie

Wir haben unseren Hauskreis aufgegeben

Du und ich – wir sind hier bereits eine Weile gemeinsam unterwegs. Ich kann dir gar nicht sagen, wie glücklich mich das macht! (Auch wenn ich im Kommentarbeantworten so richtig mies bin. Aber ich gelobe Besserung…..). Manche von euch sind schon sehr lange dabei, andere sind erst vor kurzem dazugestoßen. Manche von euch sind gläubige Christen, andere finden das Ding mit Gott befremdlich. Manche von euch sind hier, weil sie gern ein bisschen Koch- und Haushalts- und Garteninspo haben. Andere wollen sich was für ihren Glauben mitnehmen. Und eine Handvoll von euch hat – wie ich – in den letzten Jahren das Ding mit dem Glauben und dem richtigen Bibelverständnis und der freikirchlichen Gemeindekultur zu hinterfragen begonnen. Du wirst hier weiterhin eine bunte Mischung aus allem finden. Mal den Garten, dann Glaube und auch Vorsicht Modewort! Dekonstruktion.

Ich liebe diese bunte, unsortierte Schnittmenge sehr, weil sie so sehr das echte Leben abbilden. Aber in den sozialen Medien wollte ich mich dann doch etwas besser sortieren. Deshalb gibt es neuerdings auf Instagram zwei Accounts von mir: Meinen bisherigen führe ich weiter (den findest du unter Veronika Smoor) und dort werde ich mich den vielen Fragen, die Leben und Glaube aufwerfen, widmen. Und ich habe einen neuen Account aus dem Boden gestampft, ein kleines Projekt, mit dem ich schon sehr sehr lange liebäugle:

What would Grandma do? (Was würde Großmutter tun?)

Unter dem Titel findest du mich also jetzt auch auf Instagram, wo ich mich allen Dingen widme, die mich eben auch begeistern: Ein einfaches Leben führen. Haushalt. Garten. Stricken. Nähen. Kochen. Backen. Haltbarmachen. Ökomuttis.

Aber jetzt genug des Vorgeplänkels. Wir haben Ende Juli und so Vieles neigt sich dem Ende zu. Wir haben nun unsere beide Mädchen durch die Grundschule durch und ein neuer Abschnitt steht an. Im Garten verblühen die ersten Stauden und Rosen. Und auch unseren Hauskreis haben wir verabschiedet. Nicht für die Sommerpause, sondern für immer. Gestern saß ein Teil von uns ums Lagerfeuer und wir reminiszierten, was uns als Hauskreis im Lauf der Jahre an Kuriositäten begegnet ist. Da gäbe es einiges zu erzählen, ja ganze Bücher zu füllen, aber meistens haben diese Geschichten etwas mit sehr sensiblen Dingen zu tun, deshalb schweige ich an dieser Stelle.

Heute morgen ging ich wie fast jeden Morgen durch meinen Garten. Die Reste des Lagerfeuers erinnerten mich daran, dass auch hier etwas gestern Abend zu Ende gegangen ist. Es hat eine Zeit lang gelodert, dann ist es verglüht. Jetzt ist hier nur noch Asche, die ich später als Dünger auf die Beete ausbringen werde. Die Katzenminze ist verblüht, genauso wie die wunderschöne Veronicastrum Japonicum. Ich zwicke die vertrockneten Blütenstände ab. Daran erinnert mich jeden Freitagabend Monty Don in seiner BBC-Sendung „Gardeners World“. Deadheading nennen es die Engländer. Das Tote entfernen, damit Platz wird für neue Blüten. Also deadheade ich, was das Zeug hält. Es kostet seine Zeit. Fast scheint es, als wäre die Pflanze kurz böse auf mich, weil sie nun keine Samenstände bilden kann. Aber dann rafft sie ihr Grün zusammen und blüht erneut. Ich könnte heulen vor Freude über meinen Garten. Vor allem, wenn ich ihn im Morgen- und Abendlicht betrachte.

An dieser Stelle hatte ich gerade eine laaaaangatmige Ausführung über das Verlassen unseres Hauskreises geschrieben, aber beim Durchlesen habe ich mich zu Tode gelangweilt. (Ich habe gelernt: Wenn es für dich langweilig ist, ist es auch für deine Leser*innen langweilig.) Da hilft nur der Delete-Button. Also in aller Kürze, denn wir habe heute noch alle Wichtigeres zu tun: Es hat nicht mehr gepasst. Nicht von den Leuten her (die wir von Herzen lieb haben), sondern von der Form. Mein Mann und ich sind zum ersten Mal in unserem gemeinsamen Leben völlig ohne christliche Gemeinschaft. Und es fühlt sich gut an. Richtig, richtig, richtig gut. Erleichternd. Auf einmal ist der Weg frei für neue Wege. Und wie die aussehen werden, wissen wir noch gar nicht.

Es ist eine Zeit des Verblühen, des Deadheadings. Das ist der Kreislauf des Lebens, dem wir nie entgehen können, sondern dem wir vertrauen lernen müssen. Vertrauen heißt, im Rückblick erkennen, dass Gott es auf unerklärlich verschlungenen, ja oft unerträglich schmerzhaften Wegen gut gemacht hat. Und ich werde weiterhin diese verschlungenen Wege gehen. Eigentlich leben wir doch unser ganzes Leben im Blindflug, weil wir nicht wissen können, was uns hinter der nächsten Biegung erwartet. Es wird Schwieriges sein und so viel Gutes. Es ist nie die Frage, ob mich etwas treffen wird, sondern wie ich dann damit umgehe und wo ich meinen Halt finde, wenn der Boden unter mir wackelt. Mich haben die letzten anderthalb Jahre stiller gemacht, unsicherer.

Der Sommer steht mit vielen Verheißungen und vielleicht auch mit Schwierigem vor der Tür und ich werde ihn nutzen, um ganz tief Atem zu holen. Um zu schreiben und zu träumen. Um zu beten und Menschen zu treffen. Um Zeit mit den Kindern und meinem Mann zu verbringen. Um Bücherberge zu lesen und in die Wälder zu gehen.

Und was sind deine Pläne für den Sommer?

Hast du schon einmal ein frommes Umfeld verlassen? Wenn ja, wie war das für dich?
(Ich möchte nicht dafür werben, die eigene Gemeinde, den Hauskreis zu verlassen. Um Himmels Willen, wenn du dich dort wohl fühlst, wenn es dir dort gut geht, wenn sie deine Fragen aushalten, dann halt daran fest.)

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Auch heute stelle ich wieder in guter alter Straßenkünstler-Manier meinen Hut auf. Wenn dir der Beitrag gefallen hat, dann darfst du gerne etwas reinschmeißen für einen Kaffee, ein bisschen Wolle oder Schokolade. 

Danke.