Alltags-Liturgie

Im Winter verliere ich jedes Jahr den Glauben. 

Den Glauben daran, dass mich im Frühjahr die Leidenschaft erneut nach draußen zieht in den Garten. Im Winter stirbt sie und ich bin froh, wenn sich das Leben in die vier Wände zurückzieht und meine Hände nicht mehr so aussehen, als wären meine direkten Vorfahren Maulwürfe. Ich mag keine Gartenbücher ansehen, keine Pläne für den kommenden Frühling schmieden, keinen einzigen Gedanken mehr über Saatgut und Keimlinge und Fruchtfolge und Mischkultur denken müssen. Ich lasse den Garten in Ruhe und er lässt mich in Ruhe. Und jedes Mal befällt mich kalte Angst, meine Leidenschaft hätte mich für immer verlassen. 

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Dann spitzt das erste Grün aus dem Boden und die Amsel flötet und die Luft schmeckt zum ersten Mal nicht mehr grau sondern luftiggrün und erdig. 

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Ich weiß, das Frühlingsklischee wurde schon so oft bemüht, dass es den Hund hinter dem Ofen nur zum Gähnen bringt. Aber es ist wahr. Draußen schütteln die Forsythien ihre Blüten aus und in mir erwacht die Liebe zum Boden und zu allem, was daraus wächst. Die sonnigen Tage sind noch selten, aber kaum sind sie da, findest du mich im Garten, wo ich im Frühbeet Salat säe und Rosen umpflanze und dämlich grinsend im Staudenbeet stehe und mit den Schneeglöckchen plaudere. 

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Die letzten zwei Jahre waren steinig und die Gegenwart zeichnet sich nicht durch Rosigkeit aus. An manchen Tagen fühle ich mich eingesperrt und isoliert und sowieso völlig nutzlos, weil ich nicht irgendetwas Großes vollbracht habe. Da ist sie wieder. Die alte Prägung, dass wir „Großes für den Herrn tun sollen“. Und damit das schlechte Gewissen, dass alles, was ich in Wirklichkeit vollbringe, kaum weiter reicht als bis zum Gartenzaun. Ach, so langsam freunde ich mich mit der Mittelmäßigkeit an und fühle mich in ihr mehr und mehr zu Hause. Mich nicht mehr von geistlichen Optimierungsappellen leiten zu lassen bedeutet frei für das zu werden, was direkt vor meinen Füßen liegt. 

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Aber weißt du was? Könnte es sein, dass es wichtiger ist in die Tiefe statt in die Breite zu wachsen?

Unser Alltag, der Ort an dem wird sind, unsere täglichen Handgriffe, das Kümmern und Zuhören und Putzen und Arbeiten und Versorgen verankert uns in unserem Leben.  Ein kleines Gespräch mit der Nachbarin, das Plaudern mit den Schneeglöckchen im Vorgarten, das Gute-Nacht-Ritual mit den Kindern, jedes Lesevergnügen, das Erleben der Jahreszeiten sind kleine Alltags-Liturgien, die wir unbewusst jahrein jahraus mit unseren Sinnen beten. 

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Ich habe mal gehört, dass das Wurzelwerk eines Baumes genau die Krone widerspiegelt. Ob das stimmt, weiß ich nicht, aber ich mag dieses Bild von tiefen Wurzeln und einer sich darin widerspiegelnden Baumkrone. Menschen, die ganz zu Hause in ihrem Leben und an ihrem Ort sind, erinnern mich daran. In ihren Zweigen lässt es sich bequem sitzen und man fühlt sich geborgen in ihrem Schatten. 

Meine Gartenleidenschaft nimmt wieder Fahrt auf, tagsüber mache ich mir die Hände dreckig und abends sehe ich die Nachrichten. Gerade im Angesicht einer Welt, die schon immer unheil war und die einem manchmal Angst machen kann, will ich trotzig meinen Alltagsliturgien nachgehen und nach unten wachsen: Bücher lesen, Menschen einladen, schreiben, durch die Natur gehen, Schönheit willkommen heißen, Milchbrötchen backen, Dinge bauen, pflanzen, wüten, beten.

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Der Glaube kommt wieder. Er ist nicht für immer tot, sondern schlummert nur. 

8 Kommentare zu „Alltags-Liturgie

  1. Ohja das kann ich so nachvollziehen. Hier schneit heute seit langem mal wieder die Sonne und ich habe den ersten Krokus entdeckt. Ich freu mich wieder auf die Zeit im Garten.
    Und die Milchbrötchen sehen sehr lecker aus!

  2. Oh doch, liebe Veronika!
    Mit deinen Büchern und deinem Blog vollbringst du ebendies: Großes!
    Du ermutigst andere Frauen, feuerst sie an, machst Mut, regst zu Veränderung an, verkündest Liebe. Davon können andere nur träumen. Und nichts anderes bedeutet für mich „Groß“.

    Und spontan kommen mir bei deinem Artikel die Zeilen von Heinz Kahlau in den Sinn:

    –Überzeugung–
    Endlich
    wurde auch ich überzeugt,
    dass es Bessere und Größere,
    Bescheidwisser, Richtigmacher
    und Verantwortungshaber gibt.

    Warum
    soll ich da nicht
    ruhig mein Glas austrinken,
    die Augen schließen,
    die Hand unter
    deinen Rock schieben
    und
    in der Sonne liegenbleiben?

  3. Einfach wunderschön. Ich habe auch einen Garten und freue mich schon bald wieder schmutzige Maulwurfhände zu haben. Ich finde was du machst mega ermutigend.

  4. sag es doch beim nächsten Mal so: dein Glaube ist eine Staude.

    (ich plaudere auch mit Schneeglöckchen. Und den Primeln. Und wenn ich einer Pflanze begegne, die ich länger nicht gesehen habe und die sich seither gut entwickelt hat, gibt es auch schon mal einen Jubelruf.
    Ich weiß nicht, was die Nachbarn von mir denken … aber sie alle lächeln. Seis drum)

  5. Liebe Veronika, du sprichst mir aus dem Herzen!
    Ich genieße auch die Ruhe im Winter, mal nicht in den Garten zu müssen. Aber bei den ersten Sonnenstrahlen zieht es mich raus , ich freue mich über die Winterlinge die Bienen holen in der Sonne ihren ersten Nektar , ich schau nach den Kräutern, den Ackersalat , restliche verblühte Stengel und schon sind meine Hände nicht mehr sauber. Und dann auch der Gedanke , tue ich das Richtige ? Wie sieht mich Jesus.? Danke für deine Offenheit und die wertvollen Impulse .

  6. Heute gab es die erste Gartenrunde. Dazu noch mit Sonnenschein zu Beginn. Ich freue mich im Herbst immer, wenn ich nichts mehr tun muss im Garten. Ich hab letzten Herbst noch Salate für den Winter gezogen. Sind alle eingegangen wegen mangelnder Zuwendung. Ich bin keine Wintergärtnerin.
    Ich warte noch auf den nächsten sonnig warmen Tag, dann wird der Zweitgarten inspiziert. Mir schwant böses. Ich hab ihn einfach sich selbst überlassen im Herbst. Ich war so gartenmüde.

    Außerdem hab ich gestern etwas gefunden, was ich von ganzem Herzen hasse (dein letzter Blogeintrag): Beerdigungen. Da war ich nämlich gestern und die sind immer fürchterlich.
    Vielen Dank für deine Gedanken hier.

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