Familie

Wanted: Besonnenheit!

Letzte Woche war ich das erste Mal in meinem Leben in einem Fernsehstudio. Und zwar beim ERF Fernsehen mit meinem Buch „Problemzone Frau“. Soviel vorweg: Ich bin nicht fürs Fernsehen geboren. Lasst mich weiterhin Bücher schreiben in meinem einsamen Kämmerlein und ab und zu eine linkische Story auf Instagram teilen.

Der Fernsehauftritt fühlte sich wie der erste Schultag an einer neuen Schule an: Was und wer kommt auf mich zu? Habe ich beim Griff in den Kleiderschrank richtig gelegen? Kann ich auf alle Fragen eine allgemein verständliche Antwort geben (oder werde ich aus Nervosität plappern wie ein geistloser Wasserfall?)? Werden die mich mögen? Werden andere besser sein als ich?

Vor der Aufzeichnung ließen wir uns das Mittagessen schmecken und dabei konnte ich die anderen Teilnehmer der Talkrunde beschnuppern. Neben mir saß ein wahrhaftiger Popstar der Gegenwart: Eine Virologin. Mirjam Schilling, eine junge Frau (neuerdings nenne ich Frauen Mitte 30 jung), die an der Uni Oxford an der Interaktion zwischen Viren und dem angeborenen Immunsystem forscht. Sie hat ein Buch darüber geschrieben. Und sie kennt sich natürlich auch mit dem Corona-Virus und den Impfungen aus. Mir brannten zwischen meiner Falafel und dem Couscous tausend Fragen auf der Zunge. Ich hielt mich höflich fünf Minuten zurück, denn die arme Frau muss sicherlich tagtäglich ein regelrechtes Fragen-Bombardement ertragen. Aber ihre Gelassenheit gab mir letztendlich den Mut, sie nach ihrer Einschätzung der aktuellen Lage zu befragen. Ihre sachlichen, fundierten Aussagen waren wie sanfte Chillout-Musik nach einer Nacht in einem dröhnenden Technoclub. Wohltuend in einer Zeit der schrillen, aufgeheizten Debatten. Unser Gespräch erinnerte mich daran, dass Besonnenheit eine fast vergessene Tugend ist, die einer dringenden Renaissance bedarf.

Ich weiß nicht, wie es euch geht. Aber bei mir hat das Treibgut aus Verschwörungstheorien und Impfhysterien und neuer frommer Gesetzlichkeit einen gewissen emotionalen Schaden angerichtet. Nicht, dass ich mich an dieses Treibgut hängen möchte. Aber mir tut es in der Seele weh, dass gerade in meiner Ecke der christlichen Welt so viele Menschen – ja schon fast gierig! -nach dem Treibgut greifen und immer mehr aus der Realität weggespült werden. Ich fühle mich abgehängt.

Und mich bedrängen schmerzhafte Fragen und Erkenntnisse wie:

Warum fühle ich mich in der evangelikalen Ecke mittlerweile so alleine?
Wo gehöre ich denn hin, wenn ich einer Virologin Glauben schenke (die ihr Fachwissen nicht aus YouTube-Videos bezieht, sondern dafür *shocking!* jahrelang studiert hat)?
Warum „muss“ ich in Gesprächen mit anderen verheimlichen, dass ich geimpft bin? (Leider passiert es, dass ich dafür gerade in frommen Kreisen stellenweise angefeindet werde)
Ich weigere mich, mich der apokalyptisch-christlich aufgeheizten Hysterie und dem daraus resultierenden Verfolgungskomplex anzuschließen.
Wie kann ich falsche Schuldgefühle entlarven und unschädlich machen, die auftreten, wenn man sich aus alten Frömmigkeitsmustern löst? Wenn ich die Bibel differenzierter betrachte und unterschiedliche Lesarten stehen lassen kann?

Wir brauchen sehr viel mehr ruhige Besonnenheit. Die finden wir (ICH!) aber nicht in den Kommentarspalten diverser sozialer Medien und in aufgeheizten Debatten. Ich impulsives Menschlein bin der Frage nachgegangen, wie ich Besonnenheit kultivieren kann, und ich bin zu diesen Antworten gekommen (magst du deine eigenen Erfahrungen hinzufügen?):

Mich und meine Deutungshoheit nicht so fürchterlich ernst nehmen. Überhaupt haben wir das Lachen verlernt. Vor allem über uns und unsere eigenen Dummheiten.

Den Stimmen kluger, erfahrener, ausgewogener Menschen zuhören.

Stille suchen.

So wenig Online-Nachrichten und soziale Medien konsumieren wie möglich.

Meinen Drang zum Rechthabenwollen wie einen kratzigen Wollpulli ausziehen. Die Erleichterung folgt auf dem Fuß.

Menschheitsgeschichte studieren. Dann wird schnell klar, dass früher nicht alles besser war.

Einen gesunden Tagesrhythmus einüben: Frische Luft. Gute Arbeit. Es gut sein lassen. Mit Menschen gemeinsam essen. Am Abend Handy und Laptop ausschalten. Vernünftige Bücher lesen. Beten.

Und ich finde Besonnenheit in der Hinwendung zu einem lebensbejahenden Gott. Einem Gott, der die Viren erschaffen hat und unsere Gehirne und Virologinnen und unseren Verstand. Einem Gott, der immer für das Leben ist und der sich hartnäckig dem menschlichen Schubladendenken entzieht. Einem Gott, der klare Worte spricht und sich dann wiederum ins Mysteriöse zurückzieht, so dass wir nicht in Versuchung kommen, ihn zu deuten. Einem Gott, der Gerechtigkeit liebt und immer IMMER ganz besonders die Randfiguren:

Alle, die sich abgehängt fühlen.

Alle, deren Seele in der Coronazeit einen Knacks bekommen haben.

Alle, die mit ihrer Frömmigkeitsform und Glaubensgeschwistern nicht mehr klar kommen.

Alle, die es schwer haben, sich aus manipulativen Verstrickungen herauszuwinden.

Alle, die sich verwirrt und überfordert fühlen.

Alle, die genug damit zu tun haben, ihren Alltag zu bewältigen und doch vom Gefühl geplagt werden, nie genug zu tun.

Alle, die sich auf den Intensivstationen und in der Pflege einen Burnout holen.

Ihr seid Helden.

Szenenwechsel: Der Drehtag ging zu Ende, ich sagte, was ich sagen wollte. Und hörte den anderen Talkteilnehmern zu. Die Virologin flog zurück zu ihrer Arbeit nach England. Und ich habe einen Beutel Catering-Donuts und den Entschluss zur Besonnenheit mit nach Hause genommen. Die Donuts sind aufgegessen, die Besonnenheit muss erst noch eingeübt werden.

Drei Dinge zum Ende:

  1. Mein Buch Coffee and Jesus geht bereits in die zweite Auflage. Machst du mit mir eine Flasche Sekt auf?
  2. Herzliche Einladung zu zwei Frauenabenden im November. Bist du dabei?
  3. Bitte lass dich impfen zum Wohle der Allgemeinheit. Just saying.

Familie

Brückenbau statt Mauerbau

In den letzten Tagen ist in mir Trauer aufgebrochen. Wut. Zorn. Und dann wieder Trauer.

Wir haben uns gründlich verhakt. Mit wir meine ich die zwei Lager der progressiven und extrem konservativen Christen, die momentan im Netz miteinander ringen. Sie streiten über so „dringliche Dinge“ wie Aspekte der Sexualethik und die Gefährlichkeit eines Theologiestudiums (die Welt brennt, aber wir verpulvern unsere Munition für Schlafzimmer- und Hörsaalfragen?)

Ich erwische mich selbst dabei, wie ich mich von meiner eigenen Aufregung gefangen nehmen lasse, von meiner Wut darüber, dass man mir den Glauben abspricht, weil ich mehrere Lesarten der Bibel befürworte. Von meiner Trauer darüber, dass viele junge Menschen von den Absolutheiten, die junge Christfluencer*innen unreflektiert in die Welt setzen, in ihrem Glauben verunsichert werden.

Wir sollten alle mehr beten und weniger instagrammen.

ICH sollte mehr beten und definitiv weniger Zeit auf Instagram verbringen.

Ich möchte etwas finden, das uns verbindet. Heilt.

Dabei ist mir dieser Text eingefallen, den ich vor fast genau einem Jahr für die Family-Zeitschrift verfasst habe und den ich mit Euch teilen möchte:

Dieser Tag, an dem ich diesen Artikel schreibe, ist der 9. November. Unweigerlich – wie jedes Jahr – denke ich an die Reichskristallnacht. Ich hätte mir keinen besseren Zeitpunkt für dieses Thema wählen können: In der düstersten Zeit unseres Volkes hatten Lagerdenken und Nazi-Ideologie dazu geführt, dass jüdische Mitbürger misshandelt wurden und Synagogen brannten, während viele ihrer christlichen Nachbarn zuschauten. Manche applaudierten. Das, was noch vor wenigen Jahren zuvor undenkbar schien, war Wirklichkeit geworden. Endlich durfte man offen seinen Rassismus und Antisemitismus zeigen. 

Nur wer blind ist, erkennt keine Parallelen zur Gegenwart. 

Man meint ja, dass früher alles besser war. Pustekuchen. Ja, vor dem World Wide Web wussten Fanatiker weniger voneinander. Das kam unserer Weltengemeinschaft zugute. Nun sind sie bestens vernetzt und fressen sich in unser Denken und unsere Emotionen. Im Netz blühen die wildesten Fakes und nur wenn man sich radikal aus den sozialen Medien raushält, kann man sich dem entziehen und seinen Seelenfrieden wahren. Mein Algorithmus zeigt mir manchmal verstörend anders denkende Menschen. Der Ton ist schärfer geworden. Die Rhetorik spaltend. Auch unter uns Christen. Unsere Weltbilder bestehen aus ausgehärtetem Stahl. Und das ist es ja, was die momentane Situation der Lagerbildungen so schwierig macht: Unsere Weltbild ist immer ganz eng verknüpft mit unserer Identität, mit unseren innersten Überzeugungen. Und wenn andere dieses Bild in Frage stellen, fühlen wir unser Selbst in Frage gestellt. Dann ziehen wir ganz schnell Mauern hoch und bilden Lager, in denen wir unser Weltbild bestätigt bekommen. 

Ich nehme mich da gar nicht aus. Wie oft empöre ich mich über Trump-Wähler, Christen in der AfD, Verschwörungsgläubige? Wie oft schmeiße ich alle AfD-Wähler in einen Topf, rühre wütend um und markiere ihn mit „Nazis“? Und wie oft empören sich andere abfällig über mich als „Gutmenschen“? 

Wir verspielen unsere Chance auf ein echtes Verstehen, wenn wir den anderen mit einem radikalen Etikett versehen und auf Nimmerwiedersehen in einer Schublade verschwinden lassen. Natürlich möchte ich hier betonen, dass ich niemals auch nur einen Millimeter nach rechts rücken würde – aber wenn wir lernten, hinzuhören, anstatt die Nazikeule auszupacken, könnte der andere vielleicht sogar bereit sein, einen Millimeter Richtung Nächstenliebe zu rücken. Wie wäre das?

Ich glaube, dass unsere Zeit mehr Brückenbauer statt Mauernhochzieher benötigt. Und obwohl ich mich liebend gerne in mein Lager zurückziehen möchte und ein bisschen mehr meine Feindbilder pflegen würde, so ist es mir doch ein noch viel größeres Anliegen, das Brückenbauen zu lernen. Pfeiler um Pfeiler in den Boden aus Missverständnissen und Trennung und Hass zu rammen. Ob der andere dann die Brücke überqueren möchte, liegt nicht in meiner Verantwortung. Aber ob ich den ersten Pfeiler in die Hand nehme, schon. Eine gespaltene Gesellschaft kann keine gute Zukunft bauen. 

Die letzten Monate waren enorm herausfordernd. Wenn ich mich im Kreis drehe und nicht mehr weiß, was ich eigentlich noch beten soll, dann hilft mir das Vater- Unser. Der Kern unseres Glaubens. Das Gebet, das wir alle gemeinsam sprechen: Verschwörungsgläubige, Trumpwähler, Rechthaber, Gutmenschen. Wenn wir genau hinhören, können wir feststellen, dass das Vater-Unser ein äußerst subversives Gebet ist:

Vater Unser im Himmel: 

Mit diesen schlichten Worten erkenne ich an, dass nicht nur ich Gottes geliebtes Kind bin, sondern auch der Mensch, der auf Facebook Verschwörungstheorien verbreitet und der verkorkste Nachbar und der Christ mit Rechtsdrall. Diese Sicht entschuldigt nicht, aber sie weitet das Herz für Gottes skandalöse Wahrheit: Dass alle Platz und Gnade bei ihm finden. Ich ordne mich ein in eine Weltengemeinschaft, die soviel größer ist als meine Filterbubble. Ich bin nur eine unter ganz vielen. Das macht demütig und still. 

Geheiligt werde dein Name: 

Manchmal merken wir gar nicht, wie wir uns in Ideologien verbeißen. Es ist verlockend, sich der Komplexität der Welt zu entziehen, indem wir simplen Lösungen folgen und diese als Allheilmittel anpreisen. Und manchmal folgen wir blindlings Menschen, die diese Lösungen anbieten. Unsere aufkochenden Gefühle machen wir zur Leitschnur unserer Handlungen und Worte. Unüberlegt hinterlassen wir bissige Kommentare im Netz (Mit Worten ist es wie mit einem Curry. Iss es nicht frisch, sondern lass es eine Nacht durchziehen.)

Es ist immer klüger, einen Schritt zurückzugehen und sich selbst zu überprüfen, wo man das wirklich Wichtige aus dem Blick verloren hat. Geheiligt werde dein Name. Nicht indem ich Ungeprüftes weiterleite. Nicht indem ich Öl ins brennende Feuer kippe. Nicht indem ich dazu beitrage, dass Hass und Lügen zum Flächenbrand werden. Gottes Name heiligen wir, wenn wir uns und unsere vermeintliche Deutungshoheit nicht so furchtbar ernst und wichtig nehmen. 

Dein Reich komme: 

Ich glaube, dass Gottes Reich keine Zukunftsmelodie für fromme Schwärmer, sondern tagtäglich bereits in Arbeit ist. Und damit ist keine politische Agenda gemeint. Gottes Reich zeigt sich nicht durch die Großen und Lauten dieser Welt, sondern an den Rändern der Gesellschaft. Überall dort, wo Nackte gekleidet, Gefangene besucht, Kranke versorgt, Hungrige gespeist, Gäste willkommen geheißen werden. Jesus ist im Gesicht des Anderen, des Fremden, des Unterdrückten zu finden. Ist es nicht großartig, wie Gottes Reich all unsere Wertsysteme und Anschauungen auf den Kopf stellt? 

Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden. 

Gott braucht keine Fürsprecher, keine Moralapostel, keine Wächter am Tor der biblischen Korrektheit. Kurz: niemand ist der verlängerte Arm Gottes auf Erden. Natürlich gibt es geistliche Leiter, die eine besondere Verantwortung tragen. Aber dort, wo Feindbilder gepflegt werden, Ideologien auf den Thron gehoben werden und die Eigenschaft zur eigenen demütigen Reflektion schwindet, ist das immer ein Warnzeichen. Ab und an sollten wir alle einen Schritt zurücktreten, unsere Ansichten und Werte auf den Prüfstand stellen und das Loslassen üben. Gott wirkt mysteriös und oft völlig entgegen unserer Erwartungen oder luftiger Deutungshoheiten. 

Unser tägliches Brot gib uns heute

Manchmal stehe ich besonders früh auf, um einen Brotteig anzusetzen. Am Abend ziehe ich dann duftende Brotlaibe aus dem Ofen, die schneller verzehrt sind, als ich „Sauerteig“ sagen kann. Es ist der ewige Kreislauf aus Hungrigsein und Sattwerden, der uns daran erinnert, dass wir bedürftige Menschen sind. Soviel uns auch trennen mag, einen uns unsere Grundbedürfnisse, die allen Menschen gleich sind: Das Bedürfnis nach Nahrung und Wasser, nach Luft, Gesundheit, Angenommensein, Liebe, Schlaf, Sex, Nähe. Ich glaube sogar, dass fast alle Konflikte aus ungestillten Bedürfnissen entstehen. Es hilft, den anderen durch die Linse seiner Bedürfnisse zu sehen, die ich mit ihm teile.

Und vergib uns unsere Schuld

Rechthaben ist wie ein Drogenrausch. Wir wetzen unsere Wörter wie Klingen, legen uns klug klingende Argumente zurecht. Es bleibt jedoch nicht aus, dass uns der Teppich unter den Füßen weggezogen wird und unser strahlender Heiligenschein Flecken bekommt. Ganz tief drinnen kriechen Zweifel hoch und je länger wir uns auf dem Holzweg befinden, desto fester zementieren wir unsere Ansicht nach außen. Ich weiß wovon ich rede. Denn ich bin Expertin darin.

Um Vergebung bitten zu können ist aber einer der wichtigsten Brückenpfeiler hin zu einer geeinteren Gesellschaft. In seinem Buch „Dialog statt Spaltung“ nennt der Autor Patrick Nini die Fähigkeit zur eigenen, ehrlichen Reflexion integrative Intelligenz. Ohne sie ist seiner Meinung nach kein Brückenbau möglich. Nichts baut Brücken schneller und stabiler als Zugeben von Fehlern und Schuld. 

Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern

Die größten Brückenbauer waren diejenigen, deren Kernwert die Vergebung war: Nelson Mandela. Martin Luther King. Gandhi. Itzchak Rabin. Es ist eine kontraintuitive Handlung, die den wenigsten von uns leicht fällt. Aber immer, wenn ich an meinem Groll festhalten will, denke ich die Worte der Autorin Anne Lammt: Nicht zu vergeben ist wie Rattengift zu trinken und darauf zu hoffen, dass die Ratte stirbt.

Erlöse uns von dem Bösen

Ein falscher Friede deckt Ungerechtigkeit zu, der weiterhin gärt, bis es zur Explosion kommt, wie wir es in der Black Lives Matter-Bewegung erst kürzlich beobachten konnten. Aufarbeitung von Ungerechtigkeit, Schuld, Hass, klare Abgrenzung von toxischen Einflüssen und Beziehungen sind schmerzhaft und doch so essentiell wichtig. Unrecht muss Unrecht genannt werden dürfen. Denn baufällige Brücken sind gefährlich. Wir müssen sie einreißen, ein neues Fundament bauen, bevor wir wieder neu aufeinander zugehen können. 

Und führe uns nicht in Versuchung

Meide gewisse Kommentarspalten. Halte dich nur kurz oder gar nicht in sozialen Medien auf. Erweitere dein Wissen und wende es nicht an, um jemand anderen in Grund und Boden zu stampfen. Poliere nicht dein Image. Bible niemanden nieder.

Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen. 

Ich glaube aus ganzem Herzen an das göttliche Versprechen, dass wir eines Tages alle an einem Tisch sitzen werden. Dort werde ich dann vielleicht neben dem unausstehlich gesetzlichen Gemeindevorsteher, der schrillen Charismatikerin, dem verbitterten AfD-Wähler sitzen und mich empören, wie die UM GOTTES WILLEN dort hin gekommen sind. Und dann wird Gott, der uns gerade seinen ausgezeichneten Wein serviert, mir augenzwinkernd zuraunen: Und die fragen sich, warum sie ausgerechnet neben einer rechthaberischen Freigesinnten sitzen müssen. Laut ruft er uns allen zu: Und jetzt lasst uns zuprosten! 

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Hinkende Hoffnung

Ich habe soeben einen kompletten Blogeintrag gelöscht. Er hat mir nicht gefallen. Ach, er hat nur problematisiert. Und ganz ehrlich habe ich vom Problematisieren gerade die Schnauze gehörig voll. Mit jeder Faser meines Seins sehne ich mich nach Leichtigkeit. Nach dem Geschmack von Hoffnung. Und ich finde, sie liegt in der Luft. Sie liegt im erneuten Sterben der Natur und dem Wissen darum, dass alles Leben wiederkommt.

Und das Leben kommt wieder! Ja, vor allem jetzt im Oktober. Es kriecht aus seinem Loch, in das es sich vor 19 Monaten scheinbar verkrochen hatte. Ich geh wieder zum Frisör und ins Theater. Und ich kann mit Freunden im Café sitzen. Gestern traf ich mich zum ersten Mal wieder mit meinem Book Club und wir haben das mit griechischen Snacks und Wein gefeiert. Ich kann wieder meiner Arbeit als Referentin nachgehen. Wir hatten einen bunten, lustigen Flohmarkt auf unserem Hof. Leise Ideen sprudeln, wie das Leben in Gemeinschaft aussehen könnte. Ich feiere einen erneuten Herbst, in dem ich nicht müde werde, mich am Feuerwerk der Natur sattzusehen.

Hoffnung kommt nach dieser schweren Zeit mit einem Hinken daher. Sie hat einige Schläge einstecken müssen. Aber auch wenn sie nun ein wenig zerfleddert ist, so will ich sie mir überziehen wie diesen alten Pullover, von dem ich ganz vergessen hatte, dass ich ihn besitze. Er hat ein paar Stockflecken und leichtes Pilling. Die Flecken wasche ich aus und ich ziehe den Pulli über und freue mich, dass ich ihn noch habe. So viele Erinnerungen hängen an diesem Kleidungsstück. Erinnerungen, die mich tragen, weil sie mir wie ein Echo aus der Vergangenheit zurufen, dass das Leben lebenswert ist.

Ich ziehe mir diesen alten Pulli über und der vertraute Geruch, das Gefühl auf der Haut trösten mich. Es gibt Dinge, die ändern sich nicht. Das Laub, das zu Boden segelt. Der Duft reifer Quitten. Ewige Worte. Oktoberregen. Ein Herz, das sich nach Hoffnung sehnt. Ein Gott, der dem Herzen antwortet.

PS: Am 2. November werde ich im Maxhaus Düsseldorf über Hoffnung reden.

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Die freiwillige Abwärtsbewegung

Vor einigen Monaten hatte ich den us-amerikanischen Aktivisten Shane Claiborne für das Anders-Leben-Magazin interviewt. Ich bewundere ihn seit Jahren aus der Ferne und nun hatte ich ihn live am Bildschirm und konnte ihn Löcher in den Bauch fragen. Wir unterhielten uns über die Todesstrafe, Rassismus, Migranten, Dietrich Bonhoeffer. Du siehst, wir hielten uns nicht mit banalem Smalltalk auf.

Das war eines dieser Gespräche, das nachhallt und nachhallt und nachhallt. Shane selbst bezeichnet sich als heiligen Störenfried. Und das kannst du wirklich laut sagen. Er hat meine friedliche Bequemlichkeit ordentlich durcheinander gewirbelt. Es ärgert mich fast ein wenig, dass sich in meinem Sicherheitsdenken Risse gebildet haben. Kleine Nadelpiekse. Dass ich manchmal so waghalsige Gedanken denke wie: Was willst du mit deinem Reichtum aus Zeit, Bildung, Privileg, Geld, Gesundheit anfangen? Willst du es weiterhin horten wie ein Fettpolster?

Hm. Tja. Ich spüre mit jeder Faser die Aussage Jesu, dass es einem Kamel leichter gelingt durch ein Nadelöhr zu gehen, als dass ein Reicher ins Himmelreich kommt.

Shane sagte mir diesen Satz, der sich wie ein Tattoo auf mein Herz presst.

Wir sind so beschäftigt damit, die Leiter aus Status, Sicherheit und Selbstverwirklichung hinaufzuklettern, dass wir aufpassen müssen, Jesus nicht zu verpassen auf seinem Weg nach unten

Die freiwillige Abwärtsbewegung. Das ist eine kontraintuitive, gegenkulturelle Bewegung, die ich lernen möchte. Und ich frage mich, wie sie in dieser Phase meines Lebens aussehen könnte.

Ich schrecke noch ein bisschen davor zurück, Haus und Hof und Garten zu verkaufen und nach Kalkutta zu ziehen. Meine Töchter wären nicht entzückt. Gott sei Dank gibt es viele Arten der „Abwärtsstufen“. 

Wichtig ist, dass wir uns in Bewegung setzen, nicht wie schnell wir gehen. Eine erste Stufe könnte sein: 

  • Wir müssen in Gesprächen nicht das letzte Wort haben und verzichten aufs Rechthabenwollen (Schatz, wenn du das hier liest – ich mein’s ernst! Und verzeih mir, wenn ich es nicht immer schaffe)


  • Verrichten wir unsere ungeliebten Arbeiten mit einer Haltung der Liebe. Das Kloputzen. Das Bettenmachen. Das Wäscheaufhängen. Das Aussortieren und die Fahrt zum Recyclinghof. ‚

  • Lassen wir uns erschüttern. Denn wir können uns nur dann abwärts bewegen, wenn wir unser Herz weich für die Nöte unseres Nächsten halten. Lesen wir Bücher, die uns durchschütteln (wie z.b. dieses hier. Es ist eines meiner Top Ten Bücher. Selten etwas so Aufwühlendes gelesen!) Lesen wir die Bergpredigt. Lesen wir Bonhoeffer. Immer und immer wieder.
  • Trennen wir uns von Geld indem wir es spenden. Nein, bitte nicht im nächsten Sonntagsgottesdienst, wenn für eine neue schicke Soundanlage gesammelt wird, sondern für unsere Schwestern und Brüder in Not.

  • Kaufen wir rigoros Second-Hand. Und unterstützen wir mit unseren Einkäufen kleine, faire Labels.

  • Kaufen wir dem Obdachlosen am Eck ein Mittagessen.

  • Schaffen wir Treffpunkte in unseren Nachbarschaften.

  • Hören wir denen zu, deren Stimmen nicht gehört werden.

  • Hören wir auf mit allen Formen von dummer Selbstoptimierung. Wir finden kein echtes Leben im Kreisen ums Ich. Das menschliche Herz hat ein Loch, das nur dann Ruhe gibt im Sich-Selbst-Verschenken.

  • Verschönern wir unsere Viertel. Mit Blumen. Mit Kunst. Mit Lächeln.

  • Laden wir Menschen ein, die sonst niemand einlädt.

Ich werde heute die Welt nicht aus den Angeln heben. Aber ich kann einen dieser Schritte nach unten gehen.

Stell dir vor, wie unsere Welt aussähe, wenn immer mehr Menschen Macht und Geld und Rechthabenwollen aufgeben?

Könnte es sein, dass es das ist, was Jesus mit dem Reich Gottes meint?

Es ist schon da. Immer dann, wenn wir loslassen und eine Stufe abwärts gehen.