Familie

Ein paar Tage im Kloster

Jetzt sitze ich hier bereits eine Viertelstunde und starre aus dem Fenster in den Regen. Von dem schickt uns der August reichlich und vorhin meinte meine Eierfrau, die jeden Montag mit ihrem Eierauto vor dem Haus hupt, dass es ja noch den September gäbe und somit die Chance auf viele warme Septembertage. Nun habe ich also wieder jede Menge Eier und Hoffnung.

Ich hatte mir ein paar Tage Auszeit genommen, was so häufig vorkommt wie ein Parteiwechsel bei der Bundestagswahl (an dieser Stelle: geht wählen im September. Sonst gibts Schlechtwetter!)

Ich bin meinen Verpflichtungsgefühlen innigst verbunden. Und die hindern mich des Öfteren daran, auch etwas mal nur für mich zu machen. Jaja, ich mach ja schon ab und zu etwas für mich. Sport und so Zeugs. Aber das ist halt immer mit Zweck und Ziel und Effektivität verbunden. Bäh, das ist alles so schrecklich vernünftig. Also bin ich für ein Wochenende ins Kloster (Das klingt noch obervernünftiger als Sport. Ich weiß.) Dank frommer Konditionierung war klar: Da muss viel für mich rausspringen. Eine geistliche Erleuchtung. Ganz ganz tolle emotionale Gottesbegegnungen. Viele kluge Gedanken für viele zukünftige Blogbeiträge.

Bereits beim Packen raunte die Panik: „Hast du auch genügend tiefgründige, hochreligiöse Bücher eingepackt?“ „Ja, fünf. Das Schreibzeug hab ich auch eingepackt.“

Ich fuhr mit verknotetem Kopf Richtung Kloster Kirchberg. Eine kleine Stimme flüsterte mir ins Herz: „Du musst nach diesem Wochenende überhaupt kein Ergebnis vorweisen, du kleine, dumme, lustige Europäerin. Vielleicht gehts nur darum, Zeit miteinander zu verbringen? Zweckfreie, wunderbare Zeit, so wie es uns beiden gefällt?“

Naaaaaa gut, Gott. Ich wollte eigentlich echt ein bisschen weiterkommen im Glauben, aber wenn es dir so wichtig ist, dann hängen wir halt nur zusammen ab.

Mein calvinistischer Geist sträubt sich gegen das Abhängen. Aber Gott hat mich nochmals sehr ernsthaft auf seinen Wunsch hingewiesen. Als ich nämlich in diesem wunderschönen Kloster ankam, führte mich mein erster Weg zum Klosterlädchen. Dort stand eine kleine Kiste vor der Tür mit antiquarischen Büchern. Ich kann an Büchern nicht achtlos vorbeigehen. Und mir fiel eines in die Hände, dessen Cover mit Kapuzinerkresse übersät war. Ich liebe Kapuzinerkresse. Also kaufte ich das Buch. Die Stimme mahnte: „Du sollst dich hier vergnügen. Das tun, was du am liebsten tust. Zum Beispiel dieses wunderbare Buch lesen. Und dabei hoffentlich Kuchen essen und Kaffee trinken.“ Und da ich eine gehorsame Christin bin, las ich besagtes Unterhaltungsbuch von Kapuzinerkresse-Buchdeckel bis Kapuzinerkresse-Buchdeckel.

Ich entspannte mich. Lies Schreibzeug und kluge Bücher links liegen. Wenn mir danach war, nahm ich an den liturgischen Tageszeitengebeten teil. Ich testete alle Parkbänke der Gegend. Spazierte durch die spätsommerliche Landschaft. Ich schlief. Und redete mit niemandem. Mein Herz jubelte, als wäre es ein Kleinkind, das immer wieder neue Wunder entdeckt. Und vielleicht war ja genau das das Wichtigste. Dass das Staunen und die Dankbarkeit dafür, dieses Leben leben zu dürfen, zurückkamen. Und dabei Unterhaltungsliteratur zu lesen und Kaffee zu trinken und Kuchen zu essen und zu beten.

PS: Leider kann ich momentan meine Kaffeekasse nicht aufstellen. Paypal hat mir einen fetten, dauerhaften Strich durch die Rechnung gemacht. Momentan bin ich auf der Suche nach einer passenden Alternative……

Familie

Ich bin Hinkende und Gesegnete

Mitten im Sommer schreibe ich mal wieder was in meinen kleinen verwaisten Blog.

Es zieht mich an diesem noch leicht diesigen Augustmorgen hierher. Es möchte geschrieben werden. Die Kinder schlafen noch. Später werden wir T-Shirts bedrucken, Eis essen und dem Leben locker begegnen.

Ich muss mich erst an dieses In-Den-Tag-Hineinleben gewöhnen. Heute war der erste Tag, an dem ich tatsächlich ausschlief (bzw. an dem ich mir unterbewusst erlaubte auszuschlafen). Ausschlafen bedeutet bei mir halb acht.

Morgens.

Du fragst, wann ich sonst aufstehe? Das kommt darauf an. Manchmal haut mich mein Biorhythmus bereits um halb sechs raus. Wenn er gnädig ist, erst um sechs. Ja, auch in den Ferien. Es ist zum Heulen, aber meine Tagesroutine hat sich in meinen Körper tief eingegraben. Der lässt sich so leicht nicht umpolen. Aus einem arbeitstreuen Calvinisten machst du halt im Handumdrehen auch nicht einen impulsgesteuerten Hippie.

Auch wenn die Leichtigkeit dieser Sommertage mich in ihre süße Umarmung ziehen möchte, so spüre ich am Rande etwas Störendes. Als hätte ich einen Stein in meinen nagelneuen Espadrilles. Ach, dieser Stein hat gerade viele Namen: Klimawandel, Corona, Bundestagswahl, Radikalisierung bestimmter Gruppen, meine To-Do-Liste, unser Chaos-Keller. Er drückt doch äußerst unbequem, vor allem, weil ich auch nicht weiß, wie es ab September für mich beruflich weitergehen soll. Ich wäge verschiedene Optionen ab. Und dann drückt es dort im Schuh, wo keine Planungssicherheit zu finden ist.

Manchmal hilft beten. Und schlafen gehen bevor der Stein zu sehr ins Fleisch bohrt. Gedichte können ebenfalls ein Mittel der Wahl bei drückenden Steinchen sein. Gestern entdeckte ich dieses wunderbare Gedicht von Mary Oliver wieder:

I Worried 

I worried a lot.
Will the garden grow,
will the rivers flow in the right direction,
will the earth turn
as it was taught,
and if not how shall
I correct it?

Was I right, was I wrong,
will I be forgiven, can I do better?
Will I ever be able to sing,
even the sparrows can do it and I am, well,
hopeless.

Is my eyesight fading or am I just imagining it,
am I going to get rheumatism,
lockjaw, dementia?
Finally, I saw that worrying had come to nothing.
And gave it up.
And took my old body
and went out into the morning,
and sang.*

Mary Oliver

Dieses Nebeneinander von Singen und Sorgen. Kann ich singen mit Stein im Schuh?

Darf ich mich freuen an einem Sommermorgen, an dem Lachen meiner gesunden Kinder, an den ersten Tomaten und Brombeeren und Äpfeln und Wildpflaumen, wenn Teile dieser Welt brennen?

Heute morgen lese ich die uralte Erzählung von Jakob aus dem Alten Testament, der eine ganze Nacht lang mit Gott ringt und aus diesem Kampf mit einer kaputten Hüfte hervorgeht. Er humpelt für den Rest seines Lebens. Und er wird zugleich von Gott gesegnet.

„Ich lasse dich nicht los, bevor du mich gesegnet hast!“ (Jakob zu Gott, während sie noch miteinander ringen)

Segen ist soviel mehr als nur materielles Versorgtsein und körperliches Wohlbefinden. Es ist das Zuhausesein in Gott, auch wenn die Welt tobt. Es ist das Aufgeben und die Erkenntnis der Wahrheit über sich selbst und über Gott. Es ist das Aufblitzen von Gottes Güte in Form einer Umarmung, einer Schüssel voller Pflaumen, einer unerwarteten Zuwendung. Es ist das Wissen darum, dass der Morgen kommt. Und sei die Nacht noch so schwarz und der Kampf noch so lang.

Ich brauche das Hinken. Es erinnert mich daran, dass ich Mitverantwortung trage. So wie Jakobs kaputte Hüfte ihn daran erinnerte, dass er mit Gott gerungen hatte. Der Stein ist mein eigenes Ringen mit den Zuständen der Welt, mit meinem eigenen Zustand und mit einem Gott, der mysteriös wirkt und sich bei mir immer wieder in dunkles Schweigen hüllt.

Wir ringen mit Gott, dass er doch die Steine aus unserem Schuh entfernen möge. Damit uns das Laufen leichter fällt. Manchmal passiert das tatsächlich. Es bleibt aber nicht aus, dass erneut Steine in den Schuh geraten. Kann es sein, dass wir wie Jakob für immer zugleich Hinkende UND Gesegnete sind? Dass das eine das andere niemals ausschließt?

Darin liegt für mich ein großer Trost. Ich hinke also weiter durch diesen Sommer. Ja, manchmal werde ich hier und da vor Wut aufstampfen und die Steine ganz besonders schmerzhaft spüren. Und zugleich will ich mir den Segen Gottes überziehen wie eine wärmende Decke. Wie einen Morgen, der neue Hoffnung und Licht mit sich bringt.

*****************************************************************************************

Meine Große hat sich zum ersten Mal in die verwirrende Welt des Internets gewagt und ihren eigenen YouTube-Kanal eröffnet. Mögt ihr sie mit einem Like oder Abonnement unterstützen? Ihr solltet vielleicht Kaninchenfans sein. Könnte aber auch sein, dass ihr nach den Videos zu Nagerfans werdet……

*Auf deutsch:

Ich sorgte mich

Viel Sorgen habe ich mir gemacht.
Werden die Pflanzen im Garten wachsen,
werden die Flüsse in die richtige Richtung fließen,
wird sich die Erde drehen, wie sie soll,
und wenn nicht, wie soll Ich das korrigieren?

Habe ich recht oder habe ich mich geirrt,
wird mir vergeben,
kann ich es besser machen?
Werde ich jemals singen können,
wo doch selbst die Spatzen es können,
und bin ich, na ja, ein hoffnungsloser Fall?

Verblaßt mein Sehvermögen oder stelle ich es mir nur vor,
werde ich Rheuma bekommen,
Wundstarrkrampf, Demenz?

Schließlich sah ich ein, daß all die Sorgen zu nichts geführt hatten.
Und ich gab es auf, mir Sorgen zu machen.
Und nahm diesen meinen alten Leib,
ging aus dem Haus hinaus in den Morgen
und sang.