Familie

Gottes langsamer Arbeit vertrauen

Der Morgen ist ein Geschenk. Ich mag schlecht geschlafen haben und des Nachts von Alpträumen geplagt worden sein. Wenn es hell wird, dann ist da wieder eine neue Chance. Selbst wenn es sich um einen Montagmorgen handelt. 

Und so einer breitet sich gerade vor mir aus. Die Kinder schlafen noch. Ich bin der Morgenvogel, der zwar um halb sechs Uhr nicht singt, aber bereits den ersten Kaffee trinkt und den anderen Morgenvögeln im Garten lauscht. Der Rest der Familie teilt meine Begeisterung für diesen Montagmorgen nicht und gleich werde ich die süßesten Töne raspeln müssen, um meine Mädchen für eine weitere Schulwoche zu motivieren. Der Morgen schmeckt schon zu sehr nach Sommer und nach diesem Schuljahr möchte man doch nur noch die Hefte ins Eck werfen und mit Freunden von früh bist spät durch die Lande ziehen oder auf dem Bett liegend lesen. Aber noch wollen Tonleitern und Englischvokalben auswendig gelernt werden. Sie bleiben aber nur kurz haften, bis zur nächsten Arbeit, bevor sie in Chlorwasser jubelnd ertränkt werden. 

Ich aber genieße jeden Morgen – ja trinke die einsamen Stunden! – denn bevor wir in den Sommer starten, wartet noch einiges an Arbeit auf meinem Schreibtisch. Artikel wollen geschrieben, Podcasts und ein Online-Frauenfrühstück vorbereitet werden (letzte Nacht hatte ich meinen üblichen Alptraum – mein Vortrag beginnt in fünf Minuten und ich stehe da mit leeren Notizen! Es ist ein Graus.)

Am Wochenende war ich für einen kurzen Tag in meiner alten Heimat. Das Haus meiner Kindheit ist zurück in die Hände der Eigentümer gegangen, die nun diesen großen Gutshof umkrempeln. Wie gut, dass in dieses eigenwillige Haus, in dem ich winters oft fror und das mich im Sommer kühlte, neues Leben einkehrt. Aber bevor das geschehen kann, verschwinden Wände und Decken und Böden. Das Dach, die alte Kastanie vor dem Haus.

Ich ging durch das entkernte Haus, wusste manchmal nicht, in welchem Raum ich mich befand. Meine Sinne, die sich stets am vertrauten Knarren bestimmter Bodendielen, dem Gefühl eines Wollteppichs unter den Füßen und an dem Geruch nach Niveacreme orientiert hatten, waren verwirrt. Im ersten Stock mein altes Kinderzimmer. Es ist das kleinste Zimmer im Haus und gerade deshalb hatte ich es geliebt. Auch wegen der rosafarbenen, glatten Wände, auf die man so schön zeichnen konnte, wenn man abends im Bett lag und von einer Karriere als Springreiterin träumte. Ich traute meinen Augen nicht, denn die Zeichnungen waren wieder zum Vorschein gekommen! Diese eine Wand war noch nicht vom Putz befreit worden. Ich kniete mich in den Dreck und strich mit den Fingern über die Spuren, die ich hier als 12-jährige hinterlassen hatte. An die Sommer kann ich mich erinnern, als ich hier lieber im Bett lag und Bücher verschlang und von Pferden träumte und Briefe schrieb und malte anstatt nach draußen zu gehen. An Samstagen hielt ich die Luft an, wenn meine Mutter nach mir rief, ich solle doch bitte die Johannisbeeren pflücken. Ich wollte lieber träumen anstatt in den heißen Garten zu gehen. Damals lag dieses Leben noch vor mir. Ich strich jeden einzelnen Kalendertag in meinem Hausaufgabenheft durch, weil ich es eilig hatte, ein fertiger Mensch zu werden.

Und nun muss ich im Rückblick erkennen, dass aus diesem Plan, „ein fertiger Mensch zu werden“ ja gar nichts geworden ist. Kein pfeilgerader Weg führte zum Ziel. Wir müssen ja Teenagerzeiten und Krisenzeiten und Wüstenzeiten und den ganzen Alltag durchschreiten und bemerken erst im Rückblick das Wachstum, das uns zu dem Mensch machte, der wir heute sind. Ich wünschte mir, ich hätte einiges überspringen, einige Male die Vorspultaste drücken, einige Umwege geradebiegen können. Aber könnte es nicht sein, dass wir in den unendlichen Warteschleifen – vor allem wenn man 12 ist! – der langsamen Arbeit Gottes vertrauen lernen?

Ich habe es selten erlebt, dass Gott schnell arbeitet. Wunder sind Mangelware und ich hätte gerne mehr davon. Vor allem, wenn es um das Besiegen von Krebs oder einer Pandemie geht. Oder das Erklimmen einer Springreiterkarriere.

Arbeit geht langsam, enervierend langsam von der Hand. Ob wir nun ein Haus renovieren oder einen Garten anlegen. Versuchen, gesund zu werden. Ob wir Kinder aufziehen oder ein Buch schreiben. Ob wir studieren oder einfach nur den Babyalltag überleben müssen. Wir fühlen uns oft, als würden wir feststecken. Aber könnte das nicht einfach auch ein Zeichen dafür sein, dass Gott sich Zeit lässt? Dass es ihm nicht so sehr darauf ankommt, dass wir endlich fertige Menschen sind, sondern vertrauende Menschen? Vielleicht müssen wir uns aber erst von der westlichen Denkart, die uns effiziente Zielstrebigkeit, Multitasking und Machbarkeit füttert, lösen.

Diese Wandzeichnungen, sie trösten mich. Und sie erinnern mich an…mich. Denn ein Teil von mir ist immer noch 12 Jahre alt. Nun verspüre ich aber nicht mehr diese Dringlichkeit, ein fertiger Mensch zu werden. Sondern jeden einzelnen dieser kostbaren und manchmal schweren Tage anzunehmen, ohne die Vorspultaste drücken zu wollen. Was ich als 12-jährige noch nicht wusste: Dieses Leben geht verdammt schnell vorüber. Und ehe du dich versiehst, werden die Wände deines Elternhauses herausgerissen und die Eltern sind alt und deine eigenen Kinder sind plötzlich 12.

Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren, Gottes langsamer Arbeit zu vertrauen.

Familie

Wir brauchen einen Muttergott

Mich trafen eure Kommentare und auch Mails ins Herz!

(Danke Danke Danke für euer An-Vertrauen – ich habe heute in den Morgenstunden für jede(n) Einzelne(n) gebetet). Hinter jedem Kommentar steht eine Geschichte. Eine Not. Eine Einsamkeit. Ein Zerbruch. Eine Kraftlosigkeit. Ein Nicht-Weiter-Wissen. Mensch-Sein in der ganzen Bandbreite. Mensch-Sein, das uns miteinander auf unsichtbare Weise verbindet.

Wisst ihr, welcher Gedanke sich mir aufdrängte, mich nicht mehr loslässt, seitdem hier Eure Gebetsanliegen eintrudelten?

Wir brauchen in dieser Zeit einen Muttergott.

Mehr denn je in einer Welt, insbesondere in der Gemeindewelt, die vom Patriarchat getränkt ist.

Ich traue mich diesen Gedanken nicht nur zu denken, sondern immer mehr zuzulassen und zu praktizieren. Wenn du wie ich aus konservativ-evangelikalen Kreisen stammst, wird sich das erst mal sperrig und vielleicht sogar blasphemisch anfühlen. Um dir die Berührungsangst mit einem Muttergott zu nehmen, hier zwei Gedanken: 

  • Gott fühlt sich nicht beleidigt, wenn wir ihn „sie“ nennen. Wenn wir ihre Weiblichkeit anerkennen. Denn selbst in der Bibel werden ihr weibliche Attribute zugesprochen. Lest mal Jesaja 66.
  • Wir sind in der Ebenbildlichkeit Gottes geschaffen. Was bedeutet, dass Gott die ganze Bandbreite an Geschlechtlichkeit in sich vereint. Das Männliche. Das Weibliche. Aber gleichzeitig ist sie völlig ungreifbar. Unaussprechlich. So nennen praktizierende Juden aus Ehrfurcht niemals den Namen Gottes, sondern nennen sie HaSchem (der Name) oder Adonai (meine Herren).

Im Laufe der Geschichte wurde Gott komplett vermännlicht. Das ist, als würde man ein gewaltiges Bild nur an einer Seite mit einem Nagel an der Wand befestigen. Es hängt schief. Aber wenn wir das Personalpronomen ändern, kann uns das zu einem umfangreicheren Verständnis von Gott und ihrer Liebe verhelfen.

Für mich persönlich ist ein rein männlicher Gott immer auch mit unerreichbarer Autorität, Gefahr, kein Zulassen von Schwäche gewürzt (und das, obwohl mein Vaterbild sehr positiv geprägt ist!). Wie mag es dann erst denen gehen- Männern wie Frauen – die mit einem schrägen Vaterbild groß wurden? Die unter einer toxischen Männlichkeit litten?

Die verzerrte Ansicht von Männlichkeit hat man lange genug auf Gott übertragen und es ist an der Zeit, unser Denken herauszufordern.

Was wir in diesen Zeiten brauchen, sind keine schrillen Aufrufe zum Kampf, sondern eine Mutter, die uns in ihre Arme zieht. Uns tröstet. Unsere Wunden verbindet. Wie eine Löwenmutter für uns einsteht. Unser Lieblingsessen kocht und uns früh zu Bett schickt mit einer Tasse warmer Milch mit Honig.

Ich tausche neuerdings öfter mal die Personalpronomen von Bibelstellen aus. Das öffnet mir die weibliche Seite Gottes. Und das ist keine Gefahr für meinen Glauben, sondern eine notwendige, überfällige Ergänzung. Der Nagel, der das Bild endlich gerade rückt.

Hier einer meiner Lieblingspsalmen, mit dem ich all diejenigen segnen möchte, die an ihrer Situation gerade schwer zu tragen haben:

Ein Auszug aus Psalm 91:

Wer unter dem Schutz der Höchsten lebt, 

der findet Ruhe im Schatten der Allmächtigen. 

Ich sage zu Adonai: Meine Zuflucht und meine Festung, mein Gott, auf die ich vertraue!

Denn sie bewahrt mich vor dem Fangnetz des Jägers, 

vor der Pest, die Verderben bringt. 

Unter ihren Schwingen birgt sie dich

und unter ihren Flügeln kannst du dich verstecken., 

ein Schutzschild, ja ein Schutzwall ist ihre Treue. 

(…)

Denn ihren Engeln hat sie den Befehl gegeben, 

dich zu bewahren auf allen deinen Wegen. 

Reisen

Engel in Südfrankreich

Wüstenzeiten platzen ungebeten in unser Leben und benehmen sich wie Partygäste, die nicht gehen wollen und die weder subtile noch grobe Hinweise lesen können. Sie strapazieren unsere Gastfreundschaft und feiern auch dann noch weiter, wenn wir schon lange im Bett sind. Sie räumen auch nie hinter sich auf, sondern erwarten, dass wir das Chaos beseitigen.

Wenn ich eines gelernt habe in meinen neuen 46 jungen Jahren auf diesem Planeten, dann dies: Wüstenzeiten kommen. Und gehen. Selbst wenn wir mit äußerster Vermeidungshaltung leben, stolpern wir unvermeidlich hinein. Manche brauchen wir sogar. Sozusagen als Wachstums- und Reifehilfe. Aber niemand von uns begibt sich freiwillig in Wüstenzeiten (es sei denn, man pflegt einen ausgeprägten Opferkomplex). 

Was allen Wüsten gemein ist: Sie sind groß. Unübersichtlich. Wir wissen nicht genau, wo sie anfangen. Wo sie enden. Wie wir sie UM GOTTES WILLEN bewältigen sollen! Und werde ich je wieder Land betreten, das nicht nur aus Steinen, Sand und Hitze besteht? 

Eine andere Sache habe ich ebenfalls gelernt: In der Wüste suchen uns Engel auf. So richtige Engel aus Fleisch und Blut. Partygäste, die nicht unsere Wohnzimmer und Seelen verwüsten und unseren Weinvorrat wegsaufen. Sondern die mit Geschenken kommen. Unsere Hand halten. Zuhören. Rat geben. Uns aus der Klemme helfen. Und meist schon wieder weg sind, bevor wir überhaupt Danke sagen können. 

Wir hatten beschlossen, eine Pause von der Wüste zu machen. Zwei Wochen hingen wir in einer Oase namens Cote d’Azur rum. Ja, du hast richtig gelesen: Wir, die wir Corona sehr ernst nehmen, sind in den Pfingstferien weggefahren. Mit viel schlechtem Gewissen im Gepäck und PCR-Testergebnissen im Handschuhfach, die dann letztendlich niemanden interessierten. Zwei Wochen fast leerer Campingplatz an der Bucht von Pampelonne. Digital Detox wollte ich machen. Gott nahm mich beim Wort und ließ mich mein Handy auf einem französischen Rastplatz verlieren. 

Ich las sieben Bücher im Urlaub. Schlief viel. Vergaß die ganze Corona-Anspannung. Ließ mich von Meereswellen schaukeln. Schwelgte in Pain au Chocolat, Roséwein, Fromage und Moules Frites. Brachte meinen Kids Phase 10 bei. Wanderte unzählige Küstenpfade. Strickte. Sammelte mit meinen Mädchen Meerglas. Machte Ausritte. Und meistens saß ich nur da und sah aufs Meer. Überlegte kurz, wieviel eine kleine Immobilie in der Provence kosten würde. Verwarf den Gedanken wieder und aß noch ein Pain au Chocolat. 

Engel kreuzen eher selten meine Wege. Aber in Frankreich scheinen sie in geballter Form vorzukommen. Eine Frau, die plötzlich wie aus dem Nichts neben meinem Autofenster stand und mir den Weg erklärte, den ich vorher verzweifelt gesucht hatte (Nebenbemerkung: wir standen im Nirgendwo). Ein Parkplatzwächter, der an einem einsamen Parkplatz genau in dem Moment auftauchte und uns die Schranke öffnete, als wir ratlos und leicht panisch vor einem kaputten Automaten standen. Eine Campingplatz-Mitarbeiterin, die sich beide Beine ausriss, um uns zu helfen. Ein Franzose, der uns wortlos Zitroneneis schenkte. Der Engel aller Engel entpuppte sich als der Manager der Raststätte, auf der ich mein Handy verloren hatte. Bei einem Zwischenstopp auf der Rückfahrt drückte er mir es wieder in die Hand. Ich fiel ihm nicht um den Hals. Aber die Tränen hinter meiner Maske sagten auch so Danke.

Ich traue mich wieder, der Welt zu vertrauen.

Und ich hoffe, dass ich demütig genug bleibe, zu wissen, dass die Wüstenzeit Anderer gerade kein Ende findet.

Deshalb biete ich dir an dieser Stelle an, für dich zu beten. Zu dem Gott, der alles neu machen will. Der schon dabei ist, diese Welt zu einem Ort zu verwandeln, wo wir wieder Vertrauen schöpfen. Der die Wüsten zurückdrängt und den Schrei der Schöpfung hört. Der sogar manchmal Engel schickt.

Schreib mir einfach in die Kommentare – auch gerne anonym – für was ich beten soll. Aber lass mich erst noch schnell ein Pain au Chocolat essen. Dann bin ich bereit….