Garten für Träumer – Part 4: Was ich gelernt habe

Als ich einmal in Melbourne wohnte, wurde ich beinahe depressiv. Und das, obwohl eine Bücherei, Kinos, Galerien, trendige Läden, Coffeeshops und Restaurants direkt ums Eck meiner Wohnung lagen. Warum, warum, warum konnte ich hier nicht einfach glücklich sein?

Wann immer ich in Städten wohnte, ging etwas in meiner Seele ein und Unruhe heftete sich an meine Fersen. Ich verstand mich selbst lange Zeit nicht. Ich starrte auf Häuserwände. Auf der Suche nach meinem urbanen Ich. Ich lebte mit angehaltenem Atem. Die Verbindung zur Natur künstlich gekappt. Kultur, Kino, Konzerte konnten mir Landschaften, Grün und Erde nicht ersetzen.

Als wir aufs Land zogen, atmete ich aus. Und ein. Und wieder aus. Etwas rückte in meiner Seele an den richtigen Platz.

Und genau das hat mein Garten in den letzten 13 Jahren mit mir gemacht:

Er rückt etwas in mir an den richtigen Platz.

Und nicht nur das: Ich wachse gemeinsam mit ihm. Er hat mich so vieles gelehrt:

  • Ein Garten wird nie ein abgeschlossenes Projekt sein. Und seitdem ich das verstanden und akzeptiert habe (es hat einige Jahre gebraucht), weitet sich diese Sicht auf andere Lebensfelder aus.
  • Ich mache viele, viele Fehler. Trotzdem blüht immer irgendwas. Irgendwas kann ich immer ernten. Und wenn es Brennnesseln sind.
  • Nichts blüht das ganze Jahr über. Auch ich nicht.
  • Der Garten ist Fitnessstudio, Therapie und ein halbes Jahr lang Gemüse- und Obstlieferant.
  • Ich herrsche nicht über den Garten (das ist fürchterlich anstrengend und verdirbt die ganze Gärtnerfreude), sondern ich bin Beobachterin und Gestalterin.
  • Kein Garten lässt sich über Nacht aus dem Boden stampfen und sieht dann aus wie ein Pinterest-Cottagegarten. Es braucht Zeit. Viel Zeit.
  • Ich bin kein geduldiger Mensch. Fragt meine Familie. Nichts hat mich so sehr Geduld gelehrt wie ein Karottenbeet.
  • Lasse ich Liebe in den Garten fließen, wird er mich zurücklieben.
  • Das Staunen über die Vielfalt der Schöpfung lässt nicht nach. Man könnte meinen, mit der Zeit stumpft man als Gärtnerin ab. Aber ich werde mich wohl noch mit 80 an den ersten grünen Spitzen freuen, die sich Anfang Februar aus der Erde schieben.

Wie sehr ich mir wünsche, dass du neue Freude an deinem Garten oder Balkon bekommst. Dass du vielleicht ein paar Kräutertöpfe auf den Balkon stellst. Den Perfektionismus zur Seite schiebst. Deinen Garten mit ganz neuen Augen ansiehst.

Und einfach mal machst.

Veröffentlicht unter Garten.

5 Kommentare zu „Garten für Träumer – Part 4: Was ich gelernt habe

  1. Das sind wunder-, wundervolle Bilder und Gedanken. Wir ziehen nächstes Jahr aufs Dorf, haben dann auch einen großen Garten und ich hab schon jetzt ein wenig Stadt-Sehnsucht. Aber du machst mir Hoffnung und ich spür das Kribbeln, wenn ich ans zukünftige Gärtnern denke. Danke!

  2. Liebe Veronika, jetzt habe ich in einem Rutsch deine GartenArtikel durchgelesen und geschaut, wunderbar und inspirierend was du schreibst, wenn auch mein Garten so ganz anders ist als deiner, alles (heller) Sand, vor dem Haus komplett Schatten, norddeutsches Klima… Ich liebe auch meine Stauden und Kräuter, die völlig unkompliziert sind. Beim Gemüse habe ich gelernt, ohne wässern und Nährstoffe wird auf unserem Boden nichts, das war in unserem vorigen Garten in Hessen ganz anders, da haben uns die Tomaten und Zucchini an der Hauswand auch von selbst mit einer riesigen Ernte beschenkt. Vielleicht werde ich mal deine geniale Kartonmethode ausprobieren, mit Mulchen alleine war ich nicht so erfolgreich. Danke für die Einblicke in deine Oase.

  3. Hallo liebe Veronika,
    wie schön, dass auch andere Gärtner*innen den Kopf verlieren, sobald die Hände in Erde versinken! Durch Zufall entdeckte ich vor zwei Jahren Marie und ihren Blog Wurzelwerk.net, der inzwischen auch meine Mutter inspiriert und (vor allem ihr) eine reiche Ernte beschert. Ansonsten liegt auch bei uns „Der Biogarten“ schon sehr mitgenommen neben dem Bett für die nächtliche Lektüre (beschert die schönsten Träume von der reichsten Ernte).
    Viel Erfolg für diese so kalt begonnene Garten-Saison!
    Liebe Grüße aus dem Süden von
    Steffi

  4. So schön ehrlich, poetisch, unvollkommen und liebevoll. Ich lese so gerne deine Beiträge, wegen mir kannst du über alles schreiben – Hauptsache, es kommt von deinem Herzen. Vielen Dank, dass du es mit uns teilst!

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