Familie

Ein Rundgang mit Dinkelstuten-Rezept

Magst du mitkommen auf einen Rundgang durch mein derzeitiges Leben?

Spoilerwarnung: Wenig Spannung!

(Aber das Wichtigste gleich vorab: meine Freundin und ich habe ein kleines Ritual. Jedes Jahr nach den Oscars schickt sie mir eine WhatsApp mit der Frage: „Uuuund? Oscar clothes! Best of?“ In diesem Jahr für mich die Favoritin: Laura Dern. Ich würde dieses Kleid sofort anziehen. SOFORT! Hätte ich es im Kleiderschrank hängen, würde ich es aus Ermangelung an derzeitigen Möglichkeiten ausführen, wann immer machbar. Denn dieses Kleid schreit danach, ausgeführt zu werden: Zum Metzger. Zum Zahnarzt. Zur nächsten Zoom-Konferenz.)

Genug Fashion-Gequassel. Zurück zum wirklich Wichtigen: Wochenende!

Gemäß unserer vererbten protestantischen Arbeitsethik, ist der Samstag der „Schaff-Tag“. Bist du Häuslebesitzer, wird dir nie langweilig. Armin liegt in den letzten Zügen der Vollendung unserer Garagentore. Wie naiv wir waren, als wir meinten, er würde das in vier bis acht Wochen schaffen!

Ein halbes Jahr! Aber es hat sich gelohnt. Diese Tore werden hundert Jahre alt und jeden Atomkrieg überleben. Demnächst kommt dann auch endlich der Schreiner, der ebenfalls ein halbes Jahr von der Anfrage bis zur Anreise benötigte. Er soll uns mal eine ordentliche Haustür zimmern. Ob wir die vor Weihnachten einweihen können?

Und ich verlustiere meine Samstage im Garten. Fast alle Beete sind fertig. Das Gemüse eingepflanzt und gesät. Trittplatten sind verlegt. Nur an den „Rasen“ traue ich mich nicht ran. Ist Rasen in Zeiten des Klimawandels überhaupt noch angesagt? Manche meinen, Rollrasen wäre die Lösung. Ist mir aber zu teuer. Ich habe keine Lust, im Garten tausende von Euro zu verbrennen. Ist ja kein Prestigeobjekt, sondern Leidenschaft. Überhaupt scheint sich der Dürretrend der letzten drei Jahre fortzusetzen. In unseren Gärten ist großes Umdenken gefragt. Weniger Rasen, mehr Präriestauden! Momentan lasse ich einen Teil der Wiese verwildern. Sieht eigentlich ganz hübsch aus. Wir tasten uns ran an den naturnahen Garten. Letztens zierten morgens Mini-Kuhfladen unseren „Rasen“. Rätselnd stand die Familie davor und spielte Tierkacke-Bingo. Ich tippte auf einen Fuchs mit Durchfall. Amelie löste per Google das Rätsel (Generation Alpha halt….): Ein Dachs. Ich denke ernsthaft über die Anschaffung einer Wildkamera nach…..

Ich habe den Präsenzunterricht abgeschrieben. Mindestens bis zu den Pfingstferien. Unsere Inzidenzzahl im Landkreis ist unverschämt hoch. Ich klammere mich an die WhatsApp-Nachricht meiner israelischen Freundin Liron, die mittlerweile wieder in Tel Aviv essen und baden geht: „Sieh es pragmatisch. Es ist ein vorübergehender Zustand. Genau wie meine Gewichtszunahme während Pessach.“

Na dann.

Ich bin übrigens dafür, das Schuljahr bis Dezember 2020 zu verlängern. Hab dazu einen Artikel in der Zeit gelesen. Fand ich mal einen originellen und nachvollziehbaren Ansatz. (Jaja, ich weiß – dieses Vorgehen würde einen Rattenschwanz nach sich ziehen. Aber Bewegung erscheint mir besser als Stillstand). Das fehlt mir gerade in Gesellschaft und Politik: Weiterdenken (Das Wort „Querdenken“ ist leider für immer verbrannt). Mutig ausprobieren. Lebbare Zukunft entwerfen. Unseren deutschen Grundpessimismus überwinden.

Ich bin abgeschweift. Eigentlich wollte ich doch vom Wochenende erzählen. Nach dem Schaff-Tag kommt bei uns der Vergnügungstag. An dem haben wir die Kajaks aus der Versenkung geholt und sind den Kocher hinuntergepaddelt. Solche Tage im Freien, unter lichtdurchfluteten Weiden helfen ganz ungemein, Pause vom deutschen Grundpessimismus zu machen.

Jetzt ist Dienstag. Ich wasche Vorhänge. Laufe Handwerkern hinterher. Repariere Kleidung. Beantworte Fragen zum Past Participle und denke mich in die Welt der Geometrie hinein. Suche nach Passwörtern. Und ich backe Brot.

Immer und immer wieder den unfassbar leckeren, saftigen Dinkelstuten aus der Landlust. Habe das Rezept ein bisschen abgewandelt:

300g Dinkelvollkornmehl

200g Weizenmehl

330 ml Buttermilch

1/2 Würfel Hefe

50 g flüssiger Sauerteig

12 g Salz

Mehl zum Bearbeiten.

Mehl in eine Schüssel geben. Die Buttermilch lauwarm erwärmen, die Hefe darin auflösen. Mit dem Sauerteig und dem Salz zum Mehl geben. Fünf Minuten kneten. Entweder von Hand oder mit der Maschine. Dann eine halbe Stunde an einem warmen Ort zugedeckt gehen lassen. Anschließend den Teig herausnehmen, dehnen, falten, rundwirken und weitere 30 Minuten gehen lassen. Teig wieder dehnen, falten, rundwirken, zu einem Laib formen und weitere 30 Minuten zugedeckt auf dem Backblech gehen lassen. Den Backofen auf 230 Grad (Ober-/Unterhitze) vorheizen. Ein ofenfestes Gefäß mit Wasser auf den Boden des Backofens stellen. 10 Minuten bei 230 Grad backen, dann auf 200 Grad herunterstellen und weitere 20 Minuten fertigbacken.

Wir sind süchtig nach dem Brot. Deshalb verdopple ich jetzt immer die Menge. Dann reicht es wenigstens bis zum Abend…..

Familie

Transitland

Was war hier los in den letzten Wochen? So langes Blogschweigen bin ich von mir nicht gewohnt. Aber dem Schreiben kommt doch meist ganz simpel das Leben in die Quere. Und die Verschieberitis auf morgen. Und hat man längere Zeit geschwiegen, braucht man erst mal wieder einen gehörigen Anlauf, um ins Schreiben hineinzufinden. Wenn man etwas regelmäßig tut, verliert man den Schwung nicht.

Aber ja, das Leben. Es plätschert hier gleichförmig dahin, in schönster Monotonie. Ich möchte dich nicht langweilen mit den banalen Alltäglichkeiten, aber andererseits erhalten sie mich aufrecht: Die Routine, die eingeschliffenen Handgriffe, die Schlupfwinkel (Mittagsschläfchen, Teestunde, Netflixmarathon). Die Zäsur namens Pandemie hat unser Leben zusammengeschrumpft nicht wahr?

Durchs Niemandsland reisen wir. Nebel verschleiert die Sicht, wir sehen kaum jemanden, verlieren Ziel und Zweck aus den Augen. Aber das Niemandsland ist ja nicht die Endstation, nur Durchreise. So etwa wie Belgien auf der Fahrt nach England. Oder Österreich auf dem Weg ins sonnige, wunderbare Italien (Sorry an alle Belgier und Österreicher an dieser Stelle). Ich muss mir das immer wieder in Erinnerung rufen. Gerade jetzt, heute, wo echter Nebel über den Wiesen hängt und ich mich innerlich für die großen und kleinen Tagestaten aufraffen muss. Eine Reportage will geschrieben, der Garten weiter bepflanzt, Wäsche an die Leine, Kindern das Past Participle erläutert werden. Wenn man nicht weiter als fünf Meter sieht, braucht man auch nicht groß drüber nachdenken, was in zehn Metern sein wird. Dann darf man sich doch völlig auf das Sicht- und Greifbare konzentrieren, ganz nach dem Motto der überstrapazierten Achtsamkeitsmode. Aber das Herumstochern im Nebel macht auch müde. Mich zumindest. Irgendwo habe ich mein Mojo, meinen Pep, verloren. Ich finds nicht wieder. Auch egal. Im Transitland brauch ich ihn ja nicht wirklich. Den heb ich mir für Italien auf.

Manchmal rutscht mir die Quengel-Fragen aller Quengel-Fragen raus: Ist es noch weit?

Leider gibt es auf dieser Reise weder Navi noch Straßenkarte, die mir diese Frage beantworten könnte, sondern wir müssen vertrauen, dass hinter diesem Transitland etwas Besseres auf uns wartet. Und in der Zwischenzeit müssen wir dieses Niemandsland, dieses Hier und Jetzt hinnehmen und gestalten. Schöne Zwischenstopps einlegen. Ja, auch Österreich hat schöne Orte. Und ein paar Snacks helfen auch immer.