Familie

Unser Star

Im Keller haben wir einen Star.

Brownie, unsere Mörderkatze, hat ihn gestern gefangen, ihm einen Flügel lädiert. In letzter Sekunde rettete ich ihn, aber ich hatte kurz gezögert. Sollte ich der Natur nicht lieber ihren Lauf lassen? Wenn ich den Vogel jetzt rette, dann muss ich mich um ihn kümmern! Hilfe! Verantwortung! Tierarztkosten! Und wir müssen ihm einen Namen geben!“

Ich konnte nicht gegen mein Gewissen ankämpfen und erbarmte mich dem armen Federtier, das panisch mit abgewinkeltem Flügel durch das Dickicht hüpfte.

Er brachte meinen Tagesablauf durcheinander.

Ich fühle zum ersten Mal mit dem Priester und dem Leviten in der Geschichte vom Barmherzigen Samariter. Die beiden Gestalten, die an einem Verletzten vorübereilen, ihn liegen lassen, weil er doch ihren Tagesablauf nicht durcheinanderbringen kann! Und überhaupt, wenn sie nicht genau hinsehen, dann können sie hinterher lahm behaupten: Ach, ich dachte, er hätte sich nur am Wegesrand ausgeruht.

Schon als Kind im Kindergottesdienst identifizierte ich mich ausschließlich mit dem Barmherzigen Samariter. Denn in der Theorie sind wir alle Helden. Glaubenshelden. Und empören uns über die, die das Ding mit der Nächstenliebe und dem Glauben nicht so gut gebacken bekommen. In der Theorie wuppen wir das Ding für Jesus und die Welt und unseren Nächsten. In der Praxis? Nicht ganz so sehr. Im Grunde unseres Herzens haben wir die besten Absichten (und ich hoffe, die wird uns Gott hoch anrechnen), aber die Ausführung selbiger wird abgelenkt von der Netflixserie und der Bekannten, mit der man so herrlich tratschen kann und der eigenen Trägheit.

Ich wäre eine strahlende Glaubens- und Lebensheldin. Gäbe es da nur nicht die anderen Menschen. Und Stare.

Seit einigen Tagen möchte ich einer Freundin, der es gerade sehr schlecht geht, einen Brief schreiben. Sie liegt am Wegesrand. Aber ich habe Besseres zu tun. Osterplätzchen backen. Und Mittagsschläfchen halten. Die Fenster putzen. Lesen.

Ihr seht, wie hier der Hase läuft.

Der Hase lief in der Karwoche wie ein angeschossenes Tier. Ob du nun die Geschichten rund um Jesus glaubst oder nicht, das sei mal hinten angestellt. Wenn du sie als überlieferte Geschichte betrachtest, so transportieren sie doch ewig gültige Wahrheiten über uns Menschen.

Was wurde gejubelt, als Jesus in Jerusalem auf seinem Esel einzog. Ein Worship-Event! Es ist so leicht, sich einer Begeisterung hinzugeben und vom Wegesrand aus zu klatschen. Aber wehe, wir werden in die Geschichte hineingezogen, sitzen mit Jesus beim letzten Abendmahl, müssen mit anhören, dass er verraten werden wird. Unser Freund wird verhaftet. Wir geraten ins Visier der Behörden und plötzlich lügen wir, um unsere eigene Haut zu retten oder wir liefern unseren Freund ans Messer oder wenden uns enttäuscht ab.

In der Karwoche werden die Großartigkeit und die Abgründe unseres Menschenherzens offenbar. Wir müssen zerknirscht zugeben, dass in uns allen ein bisschen Petrus und Judas und Pontius Pilatus steckt. Aber gleichzeitig sind wir auch die Frauen am Grab, Simon von Kyrene, der Hauptmann unter dem Kreuz.

Heute morgen habe ich den Star aus dem Keller geholt. Da saß er in seinem kleinen Gefängnis und starrte mich hasserfüllt aus seinen klugen Augen an. Ach, ich will doch nur dein Bestes, kleiner dummer herrlicher Vogel. Eine Weile betrachtete ich sein schillerndes Gefieder. Ein Vogel kann nicht anders, als seiner Bestimmung nachzukommen. Frei sein. Ich öffnete den Käfig, nahm den Star vorsichtig heraus (wir hatten ihm noch keinen Namen gegeben, aber ich dachte ernsthaft über Bruno oder Brunhilde nach). Sein Flügel sah besser aus. Er entwischte meiner Hand, hüpfte über die Terrasse und setzte an zum Flug. Weg war er.

Wir werden immer wieder auferstehen. Bis zu dem Tag, an dem wir zum letzten Flug antreten.

Mit lädierten Flügeln und zerrupften Federn und unserer ganzen menschlichen Unfertigkeit werden wir bei Jesus ankommen. Und bei jedem seiner Menschenkinder wird er freudig ausrufen: Da bist du ja endlich! Er kann nicht anders, als seinem eigenen Herzen nachzukommen. Er kann nicht anders, als den ganzen Weg mit allen Abgründen mit uns zu gehen. Er kann nicht anders, als den Käfig zu öffnen, uns zu locken, uns zu lieben. Er kann nicht anders, als Leben zu schaffen. Selbst nach dem Tod.

Familie

Ein simples Leben

Am Samstag erhielt ich eine Sprachnachricht meiner Schwester. Wir werfen sie uns gegenseitig zu wie Bälle. Während ich in der Suppe rühre und Zwiebeln hacke höre ich zu, welche Bücher meine Schwester gerade liest und wie es ihren Kindern geht und was sie gerade empfindet. „Ich trau es mich kaum zuzugeben, aber ich hoffe ja, dass mein Alltag nach der Corona-Krise so ähnlich aussieht wie jetzt. Zwangsentschleunigt. Einfacher. Wahrscheinlich bin ich die Einzige, die so fühlt. Verrückt.“

„Nein!“, rief ich, während ich mittlerweile eine Zucchini mit dem Küchenmesser traktierte. „Wir sind schon zwei!“ Dieses reduzierte Leben, dieses einfache, konsumentleerte Leben mit seinem sehr klar vorgegeben Rhythmus tut mir ebenfalls in Herz und Seele gut.

Irgendwann vor ca. 10 oder 12 Jahren fing es an. Ich verspürte eine tiefe Sehnsucht nach dem einfachen Leben. Einen neuen Rhythmus wollte ich meinem Leben verpassen, mehr Kreativität, mehr Handgemachtes, mehr Natur, mehr Weniger. Mutterwerden kann so etwas mit einem machen…..

Ein einfaches Leben, das aber viel Arbeit bedeutete, wie ich in den folgenden Jahren lernte. Einfach hieß nicht leicht und schnell. Es ist leichter, kaputte Kleidung zu entsorgen und neu zu kaufen, anstatt das Flicken zu lernen und anzuwenden. Es ist leichter, die Wäsche schnell in den Trockner zu werfen, anstatt sie auf die Leine zu hängen. Es ist leichter, seine Tomaten im Supermarkt zu kaufen statt sie auf der Fensterbank vorzukeimen und dann nochmal vier Monte zu warten, bis sie im Garten Früchte tragen. Es ist leichter, seinen Beziehungshunger oberflächlich zu stillen anstatt die harte Arbeit der Beziehungspflege in der Nachbarschaft zu tun. Es ist leichter, eine Fertigpizza in den Ofen zu schieben als täglich von Hand zu kochen. Es ist leichter, den alten Lebensstil weiterzuführen, der unsere Herzen hungrig lässt und den Planeten schwer belastet anstatt umzudenken und die vielen kleinen Schritte aus der Bequemlichkeit hinaus zu tun.

Und doch, genau das wollte ich: Die harte Arbeit tun. Die vielen tausend kleinen Schritte. Das einfache Leben ist meist nicht das Ergebnis einer einzigen leichten und schnellen Aktion, sondern ein jahrelanger Prozess, genährt von den Erfahrungen und dem Wissen unserer Vorfahren. Bei mir fing er an mit Tomatensamen auf der Fensterbank und einem selbstgenähten Kissen und dem Kennenlernen meiner Nachbarschaft. Oft braucht es nur einen winzigen Schritt, der automatisch die weiteren Schritte nach sich zieht.

Das einfache, simple Leben ist kein Lifestyle, den wir uns einfach so überziehen können wie überteuerte Fair-Trade-Klamotten. Er ist kein Filter, der unser Leben in ein beneidenswertes harmonisch-minimalistisch-pastelliges Licht taucht. Sondern die harte Arbeit der sich täglich wiederholenden Rhythmen, des Lernens, des Verzichts, des Ausprobieren, Scheiterns und Weitermachen. Des Hinhörens, was wir von den Alten und Stillen und Treuen lernen können.

Ich ziehe Resümee aus dem vergangenen Jahr und heute bin ich wesentlich stiller, was die positiven Seiten dieser Zeit betrifft. Denn ich kenne zu Viele, die an den Herausforderungen schier zerbrechen, deren finanzielle Existenz und Gesundheit bedroht ist. Ich kenne meine eigene Sorge um die Gesundheit meiner Lieben. Ich habe die hässlichen, spaltenden Seiten von Verschwörungstheorien kennengelernt.

Ich stelle fest: Nie war es leichter für mich, dieses einfache Leben zu führen, als im vergangenen Jahr. Diese Zwangsreduzierung aufs Wesentliche. Bodensee statt Balearen. Das Glück des eigenen Gartens. Keine Shoppingtouren. Keine unnötigen Ausgaben. Dieses Auskosten jeder einzelnen Begegnung! Mit den Nachbarn ums Lagerfeuer sitzen. Bücher lesen. Soviele Bücher. Wanderungen. Natur statt Vergnügungspark. Mit dem, was wir haben, unseren Lebensraum zu gestalten. Zeit für die Kinder.

Mir geht es wie meiner Schwester. Ich möchte dieses simple Leben mitnehmen in die Zeiten, wenn sich alles wieder beschleunigen wird. (Auch wenn ich nicht immer jeden kleinen Schritt tun kann, weil es manche Tage dann doch erfordern, eine Tiefkühlpizza in den Ofen zu schieben).

Wie wäre das, wenn wir auch zukünftig weniger reisten und stattdessen unsere Umgebung besser kennenlernten? Wurzeln schlagen? Wenn wir uns weniger um uns selbst drehten, um unsere Bedürfnisbefriedigungen? Wenn wir jede Begegnung feierten? Wenn wir ganz im Vertrauen lebten, dass ein simples Leben genügt, weil wir hier und jetzt am richtigen Ort sind? Wenn wir weiterhin unsere Geschäfte, unseren Hofladen vor Ort unterstützten? Wenn wir weiterhin sehr viel weniger konsumierten? Wenn wir weiterhin mit dem zurecht kämen, was wir bereits besitzen?

Für mich klingt das nach einer Zukunft, die sich sehr viel richtiger und vernünftiger anfühlt. Eine, die nicht an ein grenzenloses Wachstum glaubt, sondern an freiwillige Begrenzung. Ein simples, einfaches Leben ist letztendlich kein Feel-Good-Selbstzweck, sondern Solidarität mit unserem Nächsten, mit unserem Nachbarn, mit unserer Schöpfung. Eine demütige Verneigung vor unserem Schöpfer.

Dieses einfache, simple Leben möchte ich weiterhin. Auch noch in zwanzig Jahren, wenn es schon lang wieder aus der Mode und Corona nur noch eine Fußnote der Geschichte ist.

Familie

Hunger und neue Buchprojekte

Mein Kopf ist wieder frei!

Letztens warf ich zwei Buchmanuskripte* ins virtuelle Postfach und rief: Nach mir die Sintflut! Die letzte Strecke eines Buches ist Endspurt, ich schmeiße nochmal alles rein, was ich habe und kann und bin. Um dann direkt hinter der Ziellinie erleichtert zusammenzubrechen und mein verkrampftes Hirn auszuschütteln. Zeitfenster, die in den letzten Wochen und Monaten mit Schreiben gefüllt waren, dürfen jetzt anders…oder besser noch, gar nicht gefüllt werden. Es fällt mir schwer. Das Nichtfüllen. In der Produktivität blühe ich auf, im Nichtstun übermannen mich innere Unruhe und Chaos und manchmal auch Leere.

Wenn ich mich körperlich komplett verausgabt habe, merke ich das unter anderem daran, dass mein Körper großen Hunger verspürt. Nach Massen an Kohlehydraten. Ich muss ihn richtiggehend füttern, damit er wieder zu Kräften kommt. Und genauso ergeht es jetzt meinem inneren Menschen. Nach diesem Kraftakt ist er ausgehungert.

Hungrig nach echtem, prallen Leben. Hungrig nach Worten, die nicht aus mir fließen, sondern die mir zugesprochen werden. Hungrig danach, meine Hände in die Erde zu stecken. Hungrig nach mich Fallen-Lassen-Dürfen. Hungrig danach, diesen Ort, an dem ich Wurzeln schlage, zu gestalten. Hungrig nach der ersten Grünkraft des Jahres. Hungrig nach heilen Beziehungen und Stille. Hungrig danach, nur für mich zu schreiben.

Mit dem Hunger ist das so eine Sache. In unserer Kultur kommt er durch sofortige Bedürfnisbefriedigung ja gar nicht erst auf. Und auf der anderen Seite verhungern wir. Die elementarsten Dinge verkneifen wir uns, weil uns irgendeine depperte Zeitschrift oder Influencer*in einflüsterten: Brot ist böse. Mittelmaß ist was für Loser. Sei dein bestes Selbst. Du kannst alles sein. So baust du Karriere. Multitasking leichtgemacht. 10 Dinge, die man vor 9 Uhr erledigt haben sollte. Und in diesem ganzen Botschaften-Wirrwarr verlernen wir, auf das zu hören, was in uns ist.

Deshalb bin ich ganz dankbar, dass mein Hungrigsein mitten in die Fastenzeit fällt. Ich habe beschlossen, dem Hunger Raum zu lassen. Ich muss ihn nicht bekämpfen, sondern möchte ihn willkommen heißen und ihm zuhören, was er zu sagen hat.

Haben wir eigentlich jemals gelernt, Hunger auszuhalten, ihm Raum zu geben, ihn nicht gleich stillen zu müssen? Haben wir genau hingehört, was er uns lehren will? Haben wir gelernt, selbst an die Quelle zu gehen? Oder rütteln wir beleidigt wie Kleinkinder an den Stangen unseres Laufstalls, weil Gott nicht schnell genug ist? In so mancher frommer Kultur darf so etwas wie Hunger ja erst gar nicht aufkommen, weil dies bedeutet, dass man nicht nahe genug an Gott dran ist. Der Gott, der in die Wüste ging und selbst hungerte. Heilige Highs sind der schnelle Kick, das Fast Food für eine Gesellschaft von Verhungernden, die an den falschen Orten suchen. Und sie führen dazu, sich wie ein Kreisel immer schneller um die eigene geistige Bedürfnisbefriedigung zu drehen.

Gott ist an Orten zu finden, an denen wir ihn selten vermuten. Vielleicht finde ich ihn heute im Brotteig, der gerade langsam vor sich hingeht und uns morgen früh satt machen wird. Oder in der Bedürftigkeit eines anderen. Ach, er ist doch sowieso immer im Gesicht des anderen zu finden. Es kann aber auch sein, dass ich Garten über ihn stolpere. Oder in einem Buch.

Ja, aber besonders in der Stille finde ich ein bisschen Gott und Nahrung, wenn mir alle klugen Worte ausgegangen sind. Vor allem dort. Wenn ich endlich mal die Klappe halte.

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*Im September kommen zwei neue Bücher von mir raus:


Problemzone Frau

Von einer, die freiwillig zunahm, ihren Glauben befreite und Frieden mit sich schloss
Oh, hier habe ich alles, alles, alles gegeben und dieses Buch ist mein Baby, deshalb: bitte seid freundlich zu ihm.

Coffee& Jesus
Eine bunte Sammlung von Texten, deren Länge genau zu einer Tasse Kaffee passen. Ein Buch für Vielbeschäftigte.