Familie

Von Winter auf Frühling in fünf Minuten

Zugegeben, ich mache mich hier momentan ein bisschen rar. Mir fehlt es an Inhalt (was erlebe ich schon im Lockdown-Alltags-Einheitsbrei??) und andererseits an Zeit (zwei Bücher schreiten auf ihren Abgabetermin zu). Aber zwischen einer Text-Überarbeitung, der Wäsche auf der Leine und dem Mittagessenkochen sage ich hier kurz Hallo!

Was für ein Monat, nicht wahr? Da war gar kein Raum für eine gemächliche Übergangszeit, sondern innerhalb von gefühlten fünf Minuten wurde aus dem klirrenden Winter ein singender Frühling. Ich überlege, die Wintersachen einzumotten und fröhlich Karotten zu säen, aber mein voreiliger Überschwang ging schon öfter nach hinten los. Also hängen jetzt dünne Strickjacken neben dicken Mänteln. Ich säe aus, aber nur in Vorzuchtschalen. Aber Gartenstühle, die habe ich gekauft. Und den Garten planen und gestalten, auch das mache ich in so mancher freien Nachmittagsstunde. Alle Materialien besorge ich mir über Ebay Kleinanzeigen. Denn erstens Mal ist das Zeug aus dem Baumarkt überteuert und zumeist unansehnlich. Und zweitens haben sie eh geschlossen. Aber der Kleinanzeigenmarkt im Netz blüht und ich freu mich ganz verrückt über die altmodischen Gartenstühle, die drei Häuser weiter zum Verkauf angeboten wurden und auf denen ich in Zukunft meinen Morgenkaffee trinken werden. Ich habe gelernt, dass ein Garten mehrere Sitzplätze haben sollte, da jeder eine andere Sichtachse bietet und man je nach Tageszeit immer der Sonne folgen kann (oder dem Schatten im Hochsommer).

Ein Staketenzaun liegt im Garten rum und wartet darauf, dass er die Gemüsebeete umranden darf. Und auch an anderen Stellen hole ich Mörtelkelle und Spaten raus, um kräftig neue Blumenbeete zu gestalten. Wenn letztes Jahr das Jahr des Gartens in unserem Hause war, dann setz ich heuer noch einen drauf. Ich hab mich unheilbar in Gartenarbeit verliebt. Und ich nenne es auch nicht mehr Arbeit (auch wenn an manchen Abenden mein Rücken schreit) sondern Leidenschaft.

Und mein Liebster? Der setzt sein Talent beim Bau unserer Garagentore ein. Langsam geht es voran. Nun wohnen wir schon vier Jahre in diesem Haus, das ursprünglich einfach nur ein trauriger Haufen Steine und Gestrüpp war.

So, ich springe rüber in die Küche. Homeschooling macht hungrig. Schreiben auch.

Und noch eines. Nur dass wir nicht missverstehen: ich freue mich immer ganz irre über jeden Kommentar. Es ist keine Gleichgültigkeit meinerseits, wenn ich sie selten beantworte, sondern einfach Zeitmangel. Aber seid gewiss. Jedes Wort kommt an und zaubert mir ein fettes Lächeln ins Gesicht. Danke euch. Ihr seid großartig!

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Nach vorne träumen

Im vergangenen Juli (erinnert sich noch jemand an warme Sommernachmittage?) saß ich im Garten einer Freundin. Wir kannten uns erst kurz und sie hatte mich zum Tee eingeladen. Die Sonne brannte auf meine Arme, wir kamen aufs Stricken zu sprechen (ein naheliegendes Thema bei 30 Grad!). Ich konnte mein Glück nicht fassen, einem anderen Menschen gegenüber zu sitzen, der diesem langweiligen, langwierigen Hobby mit Enthusiasmus frönt. Wir fachsimpelten über Strickmuster, vergangene und zukünftige Projekte und ich kehrte mit einem Stapel neuer Strickanleitungen nach Hause. Noch am selben Abend orderte ich Wolle. Graue Alpaka-Novemberwolle für ein großes Schultertuch.

Und drei Tage später schlug ich die ersten Maschen an. Ich wollte nämlich nicht erst im November mit dem Tuch beginnen und dann pünktlich zum Frühlingsbeginn, wenn mir nach luftigen, hellen Schals ist, fertig werden. Also strickte ich mich durch den Sommer und Frühherbst. Ich strickte einige Traurigkeiten in das Tuch, schlechte Nachrichten, Sorgen ebenfalls und jede Menge leichter Schwimmbadnachmittage. Und pünktlich zum November war ich damit fertig. Ich muss euch sagen: Ich bin meinem Sommer-Ich äußerst dankbar für ihre Strickausdauer, denn bei den jetzigen Gefrierschrank-Temperaturen gibt es nichts Angenehmeres, als mich wie ein Burrito in das Tuch zu wickeln. Vor allem, wenn ich in meinem Arbeitszimmer sitze, dessen Heizungswärme nur meine Füße erreicht, aber nie meinen Rücken.

Vieles, das wir heute tun, hat nicht nur unmittelbare Auswirkung auf die Gegenwart, sondern meist auch auf die Zukunft. Mir hat das Stricken im August die Zeit vertrieben, mir Momente der Entspannung geschenkt und mich von November bis heute gewärmt.

Und wer weiß? Vielleicht werden wir im kommenden Herbst und Winter unserem Februar-Lockdown-Ich Danke sagen? Für die Hartnäckigkeit, mit der wir jeden Tag in jener Zeit meisterten. Für jedes Vokabelabfragen. Für jeden Kampf, dem wir uns stellten. Das schwere Gespräch, das wir führten. Für Tomaten, die wir vorzogen und Kürbisse und Gurken. Für Gebete, die wir sprachen, auch wenn uns die Hoffnung fast schon abhanden gekommen war. Für Worte, die wir schrieben. Für die Mobilisierung letzter Kräfte. Für diese Idee, die so verrückt klang und der wir doch nachgegangen sind. Für unsere Treue mit zusammengebissenen Zähnen. Für unser Schweigen an den Kampforten der sozialen Medien und die Klärung eines Missverständnisses mit einem Freund. Für das Ordnen und Ausmisten unserer Ablagen und Kellerräume und Küchenschränke. Für jedes Klavierstück, das wir übten und jede Runde, die wir durchs Viertel trabten. Dafür, dass wir uns mit aller Macht gegen Hoffnungslosigkeit stemmten. Und als wir liegenblieben, holten wir uns Hilfe. Wir ließen los und stellten erstaunt fest: Die Welt gerät nicht aus ihren Fugen. Wir werden uns bei uns selbst bedanken, dass wir uns erlaubten zu träumen. Von einem Frühling. Einem Sommer. Dass wir Träume füllten mit Sehnsüchten, die wir uns tagsüber verboten, aber denen wir kurz vor dem Einschlafen die Tür öffneten.

Diese Tage fühlen sich an wie ein Einheitsbrei, kein Ereignis sticht heraus und den erneuten Lockdown nehme ich mit einem Schulterzucken hin. Der Winter, so hatte man uns angekündigt, werde hart. Nun ist er da. Ich träume nach vorne. Und ziehe das Tuch ein wenig enger über meine Schultern, während ich Maschen für ein Frühlingstuch anschlage.