Familie

Darf Frau sich langweilen?

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Wie den Schnee mit der Schneeschaufel schiebe ich diesen Blogpost vor mir her.

Es geht heute nämlich ums gefürchtete Nichtstun. Leerlauf. Langweile.

Welche Familienfrau gibt in in dieser pandemiegeplagten Zeit zu, dass sie sich langweilt?

Ich.

Deshalb fällt mir dieser Blogpost so schwer. Weil ich mit meinem Ennui aus der Reihe tanze. Und anderen damit auf die Füße trete – obwohl ich das ja gar nicht möchte.

Aber von Anfang an. Meine Mädels sind nun in einem Alter, in dem sie das Homeschooling zum größten Teil alleine wuppen. Sie brauchen mich nur noch zum Mittagessenkochen, Tintenpatronenkaufen und gelegentlich zum Vokabelnabfragen. Vielleicht nehme ich das alles auf eine allzu leichte Schulter. Vielleicht sollte ich mich mehr in ihren Lernprozess investieren, aber dummerweise habe ich den Überblick bereits vor sechs Wochen verloren und keine Absicht ihn wiederzufinden. Ich bin an dieser Stelle wahrscheinlich genau so müde, wie einige von euch. Nun sage ich mir: „Dann werden meine Kinder halt KEINE Nobelpreisträger!! Wir alle werden mit Lücken aus dieser Zeit herausgehen.“ Und ich hoffe – ich naives Wesen! – dass die Lehrpläne angepasst werden. Denn schließlich sollte ja die Schule für den Schüler da sein und nicht der Schüler für die Schule. So hat das Jesus doch mal gesagt, oder?

Während meine Kinder lernen, setze ich mich selbst an den Schreibtisch und arbeite an meinen zwei Buchprojekten. Mein Flow wird von hereinplatzenden Kindern unterbrochen. Mal blockiert der Drucker oder eine Frage kann ohne elterliche Hilfe nicht gelöst werden. Kleine Bodenwellen. Nichts, worüber ich mich aufregen müsste. Das Leben halt. Und ich erinnere mich an die Zeit, als die Kinder kleiner waren und ich fünf Jahre lang keinen Gedanken zu Ende denken konnte.

Nach drei Stunden Kopfarbeit mache ich Feierabend, putze irgendwas, koche irgendwas und dann sitzen wir alle gemeinsam am Mittagstisch. Die Kinder lernen nach dem Mittagessen meist noch eine Zeitlang und ich hau mich aufs Ohr. Lese. Mache ein leckeres Nickerchen.

Am Nachmittag setzt meine Antriebslosigkeit ein. Ich könnte zwar soviel machen. SOVIEL! Den Keller streichen. Die Garage aufräumen. Dieses ausmisten. Jenes putzen. Aber ich sitze mit einem Kaffee vor dem Holzofen und starre in die Flammen. Dann packen wir uns warm ein, gehen eine Runde Schlitten fahren, durch den Wald laufen. Anschließend heiße Schokolade, Kartenspiele, Stricken, noch ein Fitzelchen Hausarbeit, Abendessen, Lachen, Erzählen, Fernsehschauen, Telefonieren. Immer mit vielen Leerlauf-Lücken. Manchmal setzt sich ein Kind zu mir und wir reden einfach, während wir unsere Füße in Sofaritzen stecken. Nutze den Tag. Nutze die Stunde.

Das schlechte Gewissen habe ich in den Urlaub geschickt.

Ganz sicher erlebt die Mehrzahl von euch lieben Lesern / Leserinnen diese Zeit ganz anders. Vor allem, wenn ihr kleinere Kinder im Haushalt habt oder eine Baustelle oder Kinder, denen das Homeschooling schwerfällt, etc. Ich wollte eigentlich nicht mit meinem entspannten Alltag vor eurer Nase herumwedeln, aus Angst, mich unbeliebt zu machen, aus Angst, Neid hervorzurufen. Und das hat mich zu einer ganz anderen Frage geführt:

Welches Frauenbild lassen wir in unserer Leistungsgesellschaft gelten und welches nicht?

Dürfen Frauen entspannt sein? Nickerchen machen? Faulenzen? Dinge gut genug sein lassen, ohne sie perfektionieren zu müssen? Sich Optimierungen verweigern? Dürfen Frauen zugeben, dass sie nicht unter Stress leiden?

Gerade wir Frauen müssen uns an die eigene Nase packen, denn jene steckt sich allzu gerne in die Angelegenheiten anderer (das kann ich leider auch nur allzu gut!). Sobald wir „unangemessenes Verhalten“ erschnüffeln, zielen wir mit Spott oder Neid oder Misstrauen oder Abwertung auf die Frau, die anders lebt.

Und genau dieses Gefühl verfolgt mich dieser Tage. Ich bin nicht „richtig“, weil es mir mitten in der Pandemie ganz ordentlich geht. Weil ich Zeit habe. Mir Zeit nehme. Und lieber mit meinen Kindern Schlittenfahren gehe, anstatt Vokabeln abzufragen.

Wir geben in Achtsamkeitsseminaren und so mancher Therapie viel Kohle aus, um einen Zen-Zustand zu erreichen und dann verbieten wir uns und anderen diesen zu leben? Steht uns die Angst im Weg? Die Angst, wir könnten ins Mittelmaß abrutschen? Unsere Kinder könnten ins Mittelmaß abdriften? Wann wurde eigentlich aus dem guten alten Mittelmaß ein No-Go?

Was lernen Mädchen von uns? Unsere Töchter? Lernen sie, dass Weiblichkeit an Überproduktivität und Stress geknüpft sein muss? Dass Pausen etwas Schlechtes sind? Dass ihr Wert an ihre Leistung geknüpft ist? Dass sie ihrem inneren Antreiber mehr gehorchen müssen als dem natürlichen Rhythmus ihres Lebens? Dass wir nichts sind, solange wir nicht etwas Besonderes sind? Dass es wichtiger ist, die Häkchen immer an die richtige Stelle zu setzen, als mutig die eigene Lebensrealität zu leben?

Das Leben ist doch keine Ziellinie, die wir überqueren müssen, sondern ein Weg mit vielen Abzweigungen, die wir neugierig erforschen sollten.

Ich träume davon, dass wir Frauen aufhören uns gegenseitig kritisch zu beäugen, uns Solidarität schenken, auch wenn die Lebenswirklichkeit der anderen gerade ganz konträr zu meiner eigenen steht. Unsere Vielfalt feiern.

Uns mit unserer Mittelmäßigkeit versöhnen und damit unsere Töchtern tausend Mal besser beschenken als mit einem geschliffenen französischen Vokabular.

Familie

10 Dinge, die unseren Lockdown erleichtern

  1. Puzzles
    Vor einigen Jahren erwischte mich ein intellektueller Freund beim Puzzeln. Der Spott war vorprogrammiert. „Du bist doch noch nicht 60!“ Damals beschloss ich, dass ich mich niemals für nerdige Hobbys und Leidenschaften schämen würde. Ganz im Gegenteil. Sie gehören zu mir. Und wenn ich schon beim Outen bin: Ich habe als Kind Briefmarken und Heilkräuter gesammelt und ich lese gerne Kochbücher. Aber heute ist Puzzeln auf einmal total trendig. Die Puzzlehersteller haben während der Coronazeit fette Umsätze gemacht. Auch mit uns, liebe Leute, auch mit uns. Hier liegt immer ein angefangenes Puzzle rum, an dem wir gerade arbeiten. Es ist therapeutisch und lockt die Kinder weg von irgendwelchen Bildschirmen. Dieses Puzzle habe ich hier bestellt.

2. Bücher
Muss ich das Lesen überhaupt erwähnen? Ja, muss ich. Unsere Bücherei hat leider geschlossen, aber die Kinder haben sich Lesematerial bei unserer Buchhandlung bestellt. Und ich habe alle Bücher ausgelesen, die ich zu Weihnachten bekam. Jetzt ist mein Nachttischchen leer und ich hole alte, geliebte Bücher hervor und lese sie ein zweites Mal. Das ist ganz wunderbar, denn anstatt wild ständig neues Lesematerial zu konsumieren und nur kurz bei den Worten zu verweilen, begrüße ich die alten Bücher wie lange nicht gesehene Freunde. Und wenn ich meine echten Freunde schon nicht im wahren Leben sehen kann, dann hole ich sie mir eben aus dem Bücherregal.

3. Spazieren
Meine Liste wird leider echt extrem nerdig. Aber auch das Spazieren oder Flanieren erlebt ein Revival. Ich mache es uns zur Pflicht, jeden Tag – und seien es nur fünf Minuten – an die frische Luft zu gehen. Beim Gehen entspannt sich etwas, man wird empfänglich für die Schönheit der Januarnatur. Man kann stumm nebeneinander hergehen, sich gegenseitig Schnee in den Kragen stecken, sich angeregt unterhalten oder die Sorgen mit ausgelassenen Albernheiten vertreiben.

4. Loslassen
Ach, ist der Lockdown eine gute und schmerzhafte Übung im Loslassen. Manche Dinge, die uns über Jahre wertvoll waren, erfahren einen langsamen, leisen Tod. Ich muss jeden Tag die Vorstellung loslassen, wie ich das Leben gerne hätte. (WIE WENIG WIR DOCH ALLE DAS JAHR 2015 ZU SCHÄTZEN WUSSTEN!!!!) Ich lasse meine Präsenz in den sozialen Medien an den meisten Tagen los. Ich lasse meine Zukunftspläne los. Aber das Loslassen birgt ein leises Versprechen: Hier wird Raum für etwas Neues und Zartes. Es wird vielleicht jetzt, ohne dass wir es merken, bereits geboren.

5. Gute Serien
Da sind wir uns einig, nicht wahr? Gutes Fernsehen ist ein Schatz. Wie zum Beispiel „The Crown“. Aber wenn ich in leisen Selbstgesprächen mich selbst in royalem britischem Englisch frage, ob ich noch einen Tee möchte, muss ich mich fragen, ob es nicht langsam zuviel des Guten wird.
Welche Serien suchtet ihr gerade? Welche Filme könnt ihr empfehlen?

6. Briefe schreiben
Ich beginne wieder mit dem Briefeschreiben. Oh, ich habe ganz vergessen wie schön das ist! Die Gedanken haben auf dem Papier Platz sich zu räkeln, in schwungvollen Buchstaben sprechen sie dem Empfänger Mut und Liebe zu. Ein Brief ist sattes Essen, eine WhatsApp Fast Food.

7. Spiele
Wir sind momentan nach SkyJo süchtig – ein geniales und einfaches Kartenspiel. Und außerdem lieben wir „Die Schule der magischen Tiere – Nicht zu fassen“ und das gute, alte Twister.

8. Ordnung schaffen
In den eigenen Schränken Ordnung zu schaffen, hat etwas zutiefst Therapeutisches. Wenn ich schon nicht die Kontrolle über das Weltgeschehen habe (haha), so habe ich zumindest Kontrolle über den Inhalt meiner Schränke. Anfangs fühlte ich mich abgeschreckt, denn das Ausmisten erschien mir als enorme Aufgabe. Aber man muss nur anfangen, dann gewinnt man an Momentum, dann mag man gar nicht mehr aufhören. Neue, übersichtliche Schränke und Arbeitsflächen inspirieren mich. Zum Beispiel zum Briefeschreiben, weil ich das alte Briefpapier beim Ausmisten gefunden haben.

9. Schlitten fahren
Hier in der Gegend ist es bergig und wir haben Schnee. Schlittenfahren schenkt uns ein Gefühl von Normalität. Wir brauchen Aktivitäten, die das innere Kind herauslocken und uns zum Lachen und Jubeln bringen, bis uns der Bauch wehtut.

10. Schreiben
Ich versuche jeden Tag zu schreiben. Tagebuch. Briefe. Blog. Instagram. Und an einem neuen Buchprojekt. Schreiben schenkt meinem Tag Struktur. Und meinem Leben Zielstrebigkeit und Sinn. Ohne Schreiben würde ich wie ein faules Gemüse im Schlafanzug den ganzen Tag vor mich hinvegetieren und Nutellatoast in mich hineinstopfen. Und das will ja nun wirklich niemand.

Familie

Was ich mir wünsche.

Wir haben das Jahresende mit einem Raclette gewürdigt und gingen früh zu Bett. Genau mein Lieblings-Silvester-Szenario. Ich werde alt, Leute.

Den 1. Januar mit frischem, wachem Geist zu beginnen ist aber auch ein Novum und hoffentlich ein Vorbote für bessere Zeiten. Selten bin ich in ein neues Jahr ohne Hauruck-Aktivismus gestartet. Und seien wir doch ehrlich: spätestens Anfang Februar versanden die guten Absichten im Trott des Alltags und ersticken in alten Gewohnheiten. Der Weg zum Ziel war bei mir schon immer gespickt mit zu vielen Ausfahrten (Erdnuss-Dose, I look at you). Überhaupt finde ich gute Absichten überbewertet. Wieviel mehr Lebensenergie stünde uns allen zur Verfügung, wären wir versöhnter mit uns selbst. Wieviel Zeit und Kraft würden wir uns sparen, wenn wir uns weniger an uns selbst abarbeiteten, sondern in der Sicherheit ruhten, dass der Herr unser Hirte ist, der uns nicht aufs Laufband jagt, sondern in Frieden grasen lässt.

Ich starte tatsächlich hoffnungsvoll ins neue Jahr. Nicht, weil ich mich wie früher darauf eingeschworen habe, dass dieses Jahr ALLES anders wird und ich mein BESTES Selbst werde, sondern weil ich einfach nur mit offenen Händen dastehe. Du findest in ihnen zwar noch so manches zitternde Fragezeichen, aber die sollen mich nicht daran hindern, mich und alle meine losen Enden Gott anzuvertrauen.

Diese Pandemie hätte beinahe eine kleine Pessimistin aus mir gemacht. Hast du mich im April 2020 gefragt, wie meine Prognose für die nächsten Monate sei, antwortete ich lachend: „Ich glaube, ab Mitte Mai wird alles wieder normal sein!“ Naive, süße Optimistin, die ich war! Im Oktober verkündigte ich murmelnd: „Das wird noch Jahre so gehen. And by the way: Warum gibt es nur noch Querdenker??“ Wie schnell doch so eine Pandemie unseren Panzer aus Fröhlichkeit und Hoffnung aufmeißelt und darunter unsere ganze Hilflosigkeit und Zerbrechlichkeit zum Vorschein kommt. Das gilt übrigens nicht nur für Pandemien, sondern für so ziemlich jede Lebenskrise. Es hilft aber auch nichts, sich in Negativität und Schuldzuweisungen und Endzeitphantasien zu hüllen.

Die kleine Pessimistin schicke ich heute raus in den Schnee. Dort soll sie mal eine Weile spielen. Sie muss auch wieder vermehrt in der Bibel lesen, weil sie dort Worte findet, die Menschen schon immer getröstet und gestärkt haben. Und es hilft ihr auch, sich zu überlegen wofür sie ist und nicht wogegen. Was sie sich wünscht, und nicht wovor sie sich fürchtet.

Was wünsche ich mir also fürs neue Jahr? Es sind die ganz großen, globalen Wünsche wie z.B., dass die Menschheit doch ZUM KUCKUCK endlich das Wohl des Planeten und der an den Rand gedrängten Menschen bitterernst nimmt. Dass ein Nadelpiks alle heiße Luft aus den Populisten entweichen lässt und die Menschheit gesund impft. Dass die Kirche zu einem Ort wird, die mit radikaler Nächsten- und Gottesliebe und Inklusion vorangeht und gesellschaftliche Weichen stellt.

Und es sind die ganz persönlichen Wünsche. Dass wir eine geistliche Heimat finden, in der wir uns gut einbringen können (ohne uns verbiegen zu müssen). Dass immer genug Kraft vom Alltag übrig bleibt für die Menschen, die ich liebe. Dass ich mich gut um die Dreifaltigkeit aus Körper, Seele und Geist kümmere. Dass ich den Glauben und die Hoffnung nicht verliere, egal, was da meines Weges kommen mag. Lichttage, erfüllt von Lachen und gutem Essen und Gemeinschaft.

Das wünsche ich dir auch für dieses neue Jahr: Ein Ort, an dem du sein darfst. Glaube und Hoffnung. Lichttage. Kraft für Deine Menschen. Und dass du dich selbst nicht vergisst.