Im Dunklen gehen.

„Die Nacht, in der das Fürchten wohnt, hat auch die Sterne und den Mond.“
Mascha Kaléko

Endlich dürfen die Mädchen wieder reiten. Ihr größte Leidenschaft. Zwar nur im wöchentlichen Wechsel, aber immerhin. Das ist unser meist gebrauchtes Wörtchen in dieser Zeit. Immerhin.

Immerhin haben wir einen Garten. Immerhin können wir in den Wald. Immerhin haben wir immer genug Essen im Kühlschrank. Immerhin haben wir eine gute medizinische Versorgung. Immerhin sind die Schulen geöffnet.

Immerhin.

Mein Mann geht neuerdings täglich am Abend eine Runde spazieren. Im Dunklen. Ich begleite ihn nie, weil ich den Reiz des Im-Dunklen-Spazierens nicht nachvollziehen kann. Aber gestern Abend stand ich dann vor dem Reitstall, in dem gerade meine Jüngste verschwunden war, um dort immerhin eine halbe Stunde Westernreiten zu dürfen, und ich beschloss eine Runde im Dunklen zu gehen.

Ui. War das finster auf der kleinen Nebenstraße, die rechts und links von mannshohem Gestrüpp gesäumt war. „Ich wette, ein Mann würde hier fröhlich-pfeifend ohne erhöhte Stresshormone entlangschlendern“, murmelte ich wütend in meinen dicken Schal. In den Tiefen meiner Manteltasche fand ich eine Mini-Taschenlampe. Was noch bis vor einer Stunde Sträucher und Bäume waren, entpuppten sich jetzt als starre Geistgestalten, die mich stumm anblickten. Eine Maus raschelte ohrenbetäubend laut im Unterholz und brachte mein Herz zum Klopfen.

Ich bog in einen Feldweg ab. Mein Herzschlag beruhigte sich. Freie Fläche. Ich roch die nasse, schwere Erde. Kuhmist. Alte Zuckerrüben. In der Ferne flackerten die Lichter der Stadt. Über mir die Sterne. Zum Takt meiner Schritte formte ich stille Worte, die wie junge Hund durcheinander purzelten. Jedes wollte zuerst drankommen und gehört werden: Corona…..Müde….bitte gib Kraft…..meine Kinder…..alleine….vermisse…..Sehnsucht….traurig.

Nichts lenkte mich ab von der stillen Zwiesprache mit dem Himmel. Da waren nur ich und die Dunkelheit und die fernen Lichter und Gott. Im Dunklen ist mehr Platz für unsere Ängste. Aber auch für Sein. Trost. Frieden.

Ich muss öfter mit meinem Mann durch die dunklen Abende spazieren. Gerade jetzt, wo alles, was im Frühjahr und Sommer noch so leicht war, sich schwer wie Lehmklumpen an mich hängt.

Die Lehmklumpen nach meinem Spaziergang im Dunklen ließ ich an meinen Stiefeln trocknen. Später werde ich sie leicht abklopfen können. Immerhin.

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PS: Lust auf einen virtuellen Frauenabend am kommenden Freitag, den 20. November? Hier halte ich einen Vortrag zum Thema: Roots – Halt finden in einer entwurzelten Welt.

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5 Kommentare zu „Im Dunklen gehen.

    1. Wann immer sich in unserer Familie Jammermentalität breitmacht, sagt unsere Jüngste: Immerhin. Sie hat den Begriff geprägt. Und ja: unsere Privilegiertheit federt so einiges ab. Das ist richtig. Aber auch hier gibt es manche dunkle Stunden. Und dann müssen wir mit einem Immerhin unsere Herzen und Köpfe wieder zurechtrücken.

  1. Du inspirierst mich, in dieser Jahreszeit auch wieder öfters mit meinem Mann noch eine kleine Runde im Dunkeln zu spazieren (statt am PC zu verhockchen). Hier, abseits der Stadt erlebe ich dabei auch immer eine besondere Art von Geborgenheit und summe innerlich oft das Lied „der Mond ist aufgegangen“…

  2. Ja immerhin finde ich einfach ein cooles Wort, das macht Hoffnung ! Ich laufe gerne im Dunkeln, vorher lässt es die Zeit nicht zu und es wird gerade so unglaublich schnell dunkel 🙂
    Herzliche Grüße und bleibt behütet
    Magda

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