Unser langsamer Sommer

Wenn du mich fragst, was ich in unseren Ferien gemacht habe, dann antworte ich dir mit einem Schulterzucken und dem lapidaren Satz: Nicht übermäßig viel.

Die Corona-Gangart der vorangegangenen Monate hatte uns in eine langsamere Gangart gezwungen und ich habe das schnelle Leben verlernt. Manchmal trieb ich mich an, aber meine Kondition scheint abgebaut zu haben. Nach ein paar schnellen Schritten habe ich keine Lust mehr und verfalle wieder in langsamen Schritt. Wie ein alter Ackergaul, der sich sagt: Ich habe bereits genug Äcker gepflügt, nun ist es auch mal gut.

Ein bisschen fatalistisch? Mag sein. Aber in besonders steinigen Zeiten sollte man langsam über seinen Lebensacker schreiten.

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Ich habe wie in jedem Jahr zusammen mit den Kindern eine Ferienliste geschrieben ohne Anspruch darauf, alles abhaken zu müssen. Sie ist ein Vorschlag, ein Vielleicht, ein Und-Wenn-Wir-Darauf-Keinen-Bock-Haben-Dann-Machen-Wir-Etwas-Anderes. Wir sind ja keine Listensklaven. Aber an diesen zähen, nicht enden wollenden Ferientagen sind sie Erlösung, wenn wir begeistert ausrufen: Stimmt, wir waren ja noch gar nicht am Fluss baden! Und dann werfen wir Badeanzüge, Strickzeug (ich), Handtücher ins Auto, fahren eine kurvige Strecke, auf denen den Rückbankkindern schlecht wird und springen ins gefühlt 10 Grad kalte Wasser. Oder wir kramen alte Sommertraditionen raus und bedrucken T-Shirts oder essen außen verbranntes, innen rohes Stockbrot, das wir zu lange übers Lagerfeuer hielten. Und basteln aus alten Resten ein Memoboard für die Bilder des Sommers.

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Der einzige überflüssige Luxus, den wir uns sehr bewusst in dieser Coronazeit gönnten, waren zwei Kajaks. Vor zwei Jahren lernten unsere Kinder das Kajakfahren in den USA und seitdem ist das neben Wandern unser Outdoorsport. Auch wenn wir nicht im Weitesten dem Idealbild einer Outdoorfamilie gleichen, so haben wir unendlich viel Freude daran, durch Wälder zu stapfen und per Kajak Seen und Flüsse zu erkunden. Ein paar Tage verbrachten wir am Bodensee und während sich Hitzegeplagte an den Stränden stapelten, suchten wir uns vom Wasser aus kleine einsame Buchten, wo wir Steine flitzen ließen und Abkühlung fanden. Wenn du demnächst eine Familie in der Nähe eines Gewässers beobachtest, die mit hochroten Köpfen große rote Kajaks aufs Auto stemmt und dabei mächtig aus der Puste gerät und sich gegenseitig anzicken: Yep, das könnten wir sein.

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Dann waren die Kinder eine Woche auf einer Reiterfreizeit, auf die sie fast ein Jahr hingefiebert hatten. Kein italienischer Strand, keine französische pittoreske Stadt, keine holländische Eisbude kann mit staubigen Pferden mithalten, denen man den Dreck aus den Hufen pulen darf und die einem in den Hintern zwicken, sobald man ihnen jenen zukehrt. Sie waren im Pferdehimmel und in den kommenden dunkleren, kühleren Monaten werden sie sich immer wieder dorthin zurückträumen. Wir alle brauchen innere und äußere Traumorte.

Mein Mann und ich haben uns zwei Wochen freigenommen. Und haben unsere eigenen Traumorte gesucht und gefunden und genossen. Es fühlte sich ein bisschen an, als hätten wir uns selbst wiedergefunden. Wir werden auch noch davon zehren in den dunkleren, kühleren Monaten, wenn wir wieder kreuz und quer über unsere Lebensäcker galoppieren. Manchmal werden wir Halt machen und die Gespräche und Erkenntnisse und Lachen des Sommers wieder herausholen und ansehen und uns daran erinnern, dass wir nicht nur Team, sondern auch Liebende sind.

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Ganze Tage habe ich damit verbracht, Kinderzimmer neu zu sortieren und Vorhänge zu waschen und Tomaten zu ernten und Gurken einzuwecken und Apfelmus zu kochen und zu lesen und ganz ganz oft an gar nichts zu denken, während ich aufgeplusterten Wolken hinterher sah. Die ganz kleinen Dinge genügten mir. Die zahmer werdenden Eichhörnchen bei uns im Garten. Eulen, deren einsamer Ruf uns nachts nach draußen lockte. Leuchtende Stieglitze, die sich an den Kernen verblühter Sonnenblumen gütlich taten. Sonne- und windgetrocknete Bettwäsche. Eine letzte Runde Uno vor der weit nach hinten gerückten Bettzeit. Die erste Tasse Kaffee in der Morgenkühle. Das eisige Wasser auf meiner Haut, während ich unter nickenden Weiden entlangschwamm.

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Das waren und sind meine Gottesdienste in einer Zeit, in der alte Wege wegbrechen, die üblichen Zugangswege verschüttet sind. Denn Gott findet neue Wege hin zu mir und nur weil sie nicht mit dem konform gehen, was ich ursprünglich gelernt hatte, sind sie nicht schlechter.

Das war ein Sommer ohne viel Schnickschnack und Gedöns und mit viel Pause vom Schreiben und von christlicher Literatur. Es war einer der besten Sommer.

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