Gedanken, Glaube

Die erste Liebe

IMG_3039_edited-1

Der Mittsommer ist da und ich fahre mit dem Fahrrad durch die Wiesen in den Nachbarort, kaufe Kräuter in der Gärtnerei, rede mit Bekannten in der Post und auf dem Rückweg feiere ich Geburtstag mit einer Freundin. Sie hat sich getraut, ihre Freunde einzuladen und gemeinsam auf ihrer lauschigen Terrasse essen wir Käsekuchen und Brausebonbons und endlich kann ich all die lieben Gesichter wiedersehen, die mir in den letzten Monaten gefehlt hatten.

Wir sind sofort mittendrin im Reden. Was war bei dir los in den letzten Monaten? Ich höre Geschichten. Viel Alltägliches. Viel Coronalastiges. Und eines wird mir klar: Wir bemühen uns alle, dieses Leben richtig zu machen. Es gut hinzubekommen. Und doch scheitern wir an uns selbst, an dem Anderen und an dieser Welt. Diese Welt, die wie ein kranker Patient auf der Intensivstation liegt, während wir bienenfreundliche Stauden pflanzen und unsere Kinder unterrichten und versuchen, weniger Fleisch zu essen und mit Sekt auf neue Lebensjahre anstoßen.

IMG_3025_edited-1

Ich komme zurück nach Hause, die Sonne steht tief und die Schatten sind lang, aber die Dunkelheit wird noch lange nicht kommen. Die Tomaten gieße ich mit lauwarmem Regenwasser.

Das Dunkel der Welt greift nach mir in der Nacht und ich kann nicht schlafen. Wenn die Nächte so kurz sind, verlernt mein Körper das Schlafen. Bis 2 Uhr wälze ich mich im Bett. Um 5 Uhr erwache ich wieder. So voller Unruhe. Ich muss weniger Nachrichten sehen.

Und weil ich mich festhalten muss an ewigen Wahrheiten, an göttlichen Weisheiten, schlage ich heute früh die Bibel auf und lese die Offenbarung.

Guter Tipp: Wenn du unter innerer Unruhe und Angststörungen leidest, dann ist die Offenbarung das allerletzte Buch, das ich dir empfehle!

Aber mich drängte es, diese Stelle mit der ersten Liebe lesen. Wo Jesus zu seiner Gemeinde in Ephesus spricht:

„Du hast geduldig für mich gelitten, ohne aufzugeben.  Aber ich habe gegen dich einzuwenden, dass ihr nicht mehr wie am Anfang in der Liebe lebt.  Erkenne doch, wie weit du dich von deiner ersten Liebe entfernt hast! Kehre wieder zu mir zurück und bemühe dich so, wie du es am Anfang getan hast.“ (Offenbarung 2, 3-5)

Falls du schon ein paar Jahre mit Jesus unterwegs bist, dann verwette ich mein ganzes Vermögen, dass du irgendwann eine Predigt zu diesem Thema gehört hast. Wie wir UNS NOCH MEHR ANSTRENGEN MÜSSEN, UNS WIEDER GANZ VERLIEBT IN JESUS ZU FÜHLEN. Wenn wir ein kleines Predigt-Bullshit-Bingo spielten, kämen auch die Begriffe Leidenschaft, inneres Feuer, lau, Begeisterung und Staunen darin vor.

Nach solchen Predigten versuchte ich so richtig dolle verliebt in Jesus zu sein. Und weißt du was? Das klappte ungefähr 2 1/2 Stunden. Wenn ich gut drauf war, auch 3 Stunden. Und dann war ich wieder lau und leidenschaftslos.

Es ist der ewige Kreislauf aus schlechtem Gewissen und Besserungsversuchen, den wir Christen tausende Male durchlaufen. Und Jesus steht daneben und schüttelt den Kopf.

Schau: wenn ich versuchte, das Gefühl zu reproduzieren, welches ich für meinen Mann in den ersten Monaten hatte, dann ist das künstlich. Natürlich liebe ich ihn, aber anders als am Anfang. Und mit Jesus geht es mir genauso. Das ist eine Liebe, die wächst und tiefer wird. Eine, die einen kleinen dicken Bauch bekommt, weil sie manchmal ein bisschen bequem wird. Jesus will nicht unsere künstliche Liebe, sondern unsere Beständigkeit, unser Festhalten, auch wenn uns der dicke Bauch manchmal im Weg ist.

Was ich zwischen den Zeilen des Appells an die Gemeinde in Ephesus entdecke: „Warum lauft ihr vor meiner Liebe weg? Erinnert euch an den Freudenschock, als ihr entdeckt habt, wie sehr ihr geliebt seid! Es ist ja prima, was ihr als Gemeinde alles auf die Beine stellt, aber das Wichtigste sind nicht eure Programme und Stärken, sondern die Fähigkeit, euch lieben zu lassen.“

Es geht nicht darum, dass ich eine alte Emotion für ein paar Stunden oder Tage reanimiere, sondern dass ich mich lieben lasse, da wo ich gerade bin.

Es ist so viel einfacher zu lieben, als sich lieben zu lassen. Die leise Scham will uns einflüstern, dass wir diese Liebe gar nicht verdienen, nicht wahr? Lass dich zuerst lieben. Und dann kannst du lieben. Und genau das ist die heilige Reihenfolge, die empörende Gnade, die alles auf den Kopf stellt.

Dieser Liebe ist es egal, wie du heute aussiehst, was du kannst und wer du bist. Diese Liebe spricht deinen Namen aus, wie du ihn noch nie gehört hast, mit einem Wissen um dich, mit einer Akzeptanz, nach der du dich im Inneren sehnst. Lass dich von dieser Liebe lieben. (Ja, auch wenn du dich windest bei dem Gedanken. Lerne, dass du es wert bist). Ich bin so schlecht darin, mich lieben zu lassen, dass ich nur kleine Kostproben davon bekomme, aber alleine die reichen, um mich weich zu machen für die Nöte dieser Welt.Wenn unser Liebestank leer läuft, ergeht es uns wie den Ephesern. Wir funktionieren prima, aber unsere Motive werden nicht mehr aus Liebe gesteuert.

Ich liebe mit löchriger Liebe, oft verzerrt von eigensüchtigen Motiven, und sie wird nie reichen, um perfekte Beziehungen – weder zu Menschen noch zu Gott – zu leben. Aber ich will lernen, die heilige Reihenfolge der Liebe zu leben. Immer wieder neu.

„Und das ist die wahre Liebe: Nicht wir haben Gott geliebt, sondern er hat uns zuerst geliebt und hat seinen Sohn gesandt, damit er uns von unserer Schuld befreit.“

1. Johannes 4, 10

IMG_3030-2_edited-1

 

 

Gedanken, Glaube

Reduziert!

Wenn ich diesem Lebensabschnitt einen Namen geben dürfte, dann diesen:

Reduziert.

Nicht im Sinne von billigem Sonderangebot. Sondern die Essenz suchen und leben. Es war keine bewusste Entscheidung, kein Marie-Kondo-Enthusiasmus. Angefangen hat es mit einer diffusen Sehnsucht nach: Weniger. Ruhe. Klarheit. Konzentrierter Kraft. Selbstbestimmung. Gegenkultur.

IMG_3007_edited-1IMG_3012_edited-1Das alles schlummert schon viele Jahre in mir und hat auf diesen Raum hier abgefärbt.  Die letzten Corona-Monate wirkten als Katalysator. Noch reduzierter. Kein Shopping (was ich hasse wie die Pest). Keine Treffen. Keine geistlichen Angebote. Kein Ausgehen. Keine Reisen. Kein Urlaub. Was brauche ich tatsächlich für ein gutes Leben? Für einen gewichtigen Glauben?

IMG_3022_edited-1

Und wisst ihr was? Mir fehlt nichts. Gar nichts. Manchmal frage ich mich, ob etwas nicht mit mir stimmt!

Nehmen wir zum Beispiel meinen Glauben und vergleichen ihn mit den Kunstepochen. Gestartet bin ich mit einer überbordenden Barockphase. Überfrachtet. Goldgeglitzer. Hoch, höher, ganz hinauf. Die Engel fielen zu Boden. Am Zierrat fraß der Zahn der Zeit. Und nun ähnelt mein Glaube dem Bauhaus: Schnörkellos. Und doch in seiner Reduziertheit und Einfachheit wunderschön. Raum zur Entwicklung und für eigene Ideen und Gedanken ist jede Menge vorhanden. Aber momentan möchte ich einfach nur in diesem großen Raum sitzen und still sein. Das Echo der Gedanken sortieren. Was wurde mir übergestülpt und muss als Zierrat auf die Müllkippe? Was entspringt meinem eigenen Herzen? Was tatsächlich dem Herzen Gottes?

So werde ich noch eine Weile hier sitzen. Still sein. An einem Buchprojekt arbeiten. Dem Regen zusehen und mich über diesen Segen freuen. Dem inneren Drängen nach Rückzug nachgeben.

IMG_3006_edited-1

Und ich denke über eure Kommentare und Mails nach, die mich nach meinem letzten Eintrag hier erreichten. Ich habe alles sehr aufmerksam gelesen und mein Herz tanzte Samba. Vielen Dank für jedes persönliche Wort – ich habe sie alle abgespeichert (ich würde jedem von Euch so gerne ausführlich antworten, das würde aber leider meinen Zeitrahmen sprengen). Ihr habt das bestätigt, was mir selbst auf dem Herzen liegt. Worüber soll ich schreiben? Von allem ein bisschen und hauptsächlich über das pure Leben, wie es mir in die Quere kommt. Ganz ohne Branding.

IMG_3019_edited-1

IMG_3023_edited-1

 

 

 

 

 

 

Garten

Vom Internet-Junkietum und der notwendigen Therapie

IMG_2977_edited-1Ich bin hier stiller als sonst. Es ist nicht die Zeit die mir fehlt. Haha, als meine Kinder noch Babies waren, habe ich jede Sekunde zum Bloggen genutzt! Der Blog war Ventil,  kreative Tobefläche und  Gemeinschaft. Das ist er immer noch, wenn auch etwas in die Jahre gekommen. Heute bloggt man nicht mehr einfach so. Man braucht eine Marke, ein Branding, starke Statements, polierte Beiträge, Werbeverträge. Hinter allem steckt mehr Agenda und weniger Spontanität, die wenig anfangen kann mit kreativer Ziellosigkeit. Und vielleicht ist es diese spontane Ziellosigkeit, das Aufklappen des Laptops und einfach drauflosschreiben, was mir fehlt. Dieses Fehlen der Leichtigkeit drosselt meine Kreativität.

Gestern postete meine Freundin Rita auf Insta folgenden Satz:

Dort wo zuviel gepostet wird, dort staunt keiner mehr. 

Ist das viele Posten ein weiterer großer Sargnagel unserer Kreativität? Nicht nur, dass wir zuviel posten, sondern auch der enorme Konsum des Geposteten? Was mir anfangs Inspiration war, mein Herz zum Schwingen brachte, braucht nun immer höhere Dosen. Das Surfen ist zur Betäubung verkommen.

Ich möchte meine Worte und Bilder langsam verfassen, reifen lassen. Und tatsächlich (mal wieder!) meinen Konsum drastisch drosseln. Alles Jammern über die Sozialen Medien ist sinnlos, wenn wir wie Junkies weiterhin durch die Feeds scrollen. Und ein Junkie, das bin ich. Ein regelmäßige Therapie ist von Nöten.

Dieser Tage findest du mich wirklich sehr sehr oft in meinem Garten, der die richtige therapeutische Wirkung auf mich hat. Das beste Gegengift zum blinden Konsum ist das Arbeiten mit den eigenen Händen. Gestern konnte ich das erste Gemüse einfrieren: Spinat (soviel Spinat!) und Kohlrabi. Morgens plumpsen Kirschen, Erd- und Himbeeren in unser Müsli. Bei Streifzügen durch die Wildnis jenseits des Gartens landen Brennnesseln, Minze, Kleeblüten und Frauenmantel in der Teekanne. Abends sitze ich meist ohne Handy und mit Buch im Garten. Lese dann aber gar nicht, sondern schaue den Vögeln und dem Licht zu.

Es ist eine Notwendigkeit, uns aus dem Lärm des Internets regelmäßig zurückzuziehen und unserem eigenen Leben zuzuhören. Wir wollen doch unser Staunen nicht verlieren!

Ganz am Ende bitte ich dich noch um einen Gefallen:

Erzähl mir, was du hier am liebsten liest.

Und welche Themen dich, speziell von mir, am meisten interessieren (würden). 

IMG_2990_edited-1IMG_2992_edited-1IMG_2989_edited-1IMG_2993_edited-1