Familie

Wie mich meine Top 3 vor dem Wahnsinn retten

Ich stand heute mit einem Korb über dem Kopf in der Dusche.

Nein, ich probierte keine neue Haarfärbemethode aus und erlitt auch keinen Corona-Nervenzusammenbruch.

Wir spielten Verstecken, der Korb diente zur besseren Tarnung. So stand ich ungefähr fünf Minuten, kicherte angesichts meiner Cleverness still in mich hinein und ließ die letzten zwei Wochen an mir vorüberziehen.

Wie gut, dachte ich, dass ich vor kurzem die Reißleine gezogen habe. Ach, ich hätte mich sonst völlig in tausend Dinge verzettelt und würde jetzt nicht kichernd mit einem Korb auf dem Kopf in der Duschkabine stehen, sondern mit meinem Planer Haare raufend am Schreibtisch sitzen.

Was meine Reißleine ist, möchtest du gerne wissen?

Es ist eine Methode, die ich das erste Mal angewendet hatte, als meine Kinder ganz klein waren und ich mich auch manchmal gerne mit einem Korb über dem Kopf in der Dusche versteckt hätte und für drei bis fünf Tage dort geblieben wäre.

Nun – es handelt sich um meine Top-3-Methode.

Wenn dich das Leben überwältigt, musst du erst mal einen Schritt zurückgehen. Und dann überlege dir, was in dieser Lebensphase deine allerwichtigsten Dingesind. Manchmal vermischt sich das auch mit den allerdringensten Dingen, die nicht immer Spaß machen, aber hey, so ist das Erwachsenenleben nun mal.

Und dann wähle aus diesen wichtigen Dingen drei aus, die am allerallerwichtigsten sind.  Den Rest parkst du. Ich kann mich nicht mehr an meine Top-3 aus der Babyphase erinnern. Wahrscheinlich „Regelmäßig duschen“. Oder „Immer schlafen, wenn das Baby schläft“. Oder „BH anziehen, bevor du rausgehst.“

Aber vor zwei Wochen, da war es wieder so weit. Ich musste mich ganz neu fokussieren, um mit meinen Kräften hauszuhalten. Ich setzte mich hin und schrieb frei von der Leber weg meine allerwichtigsten Dinge auf: Brot backen. Gärtnern. Familie. Homeschooling. Lesen. Schreiben. Nähen. Stricken. Freunde. Fotografieren. Netflix. Social Media. Wald. Sport. Haushalt. Ablage. Renovieren. Du siehst, ich habe die Tendenz, mein Leben sehr voll zu packen, weil ich eben nur dieses eine habe und leider auch an Überambitionen leide. Ich strich bis auf drei alle anderen Posten raus. Und dann stand da vor mir auf dem Papier:

Homeschooling. Familie. Garten.

Es ist ein Befreiungsschlag, nur dieses zu müssen. Alles andere ist ein Darf oder auch ein Später. Plötzlich kannst du wieder atmen. Das Leben wird wieder weiter und ein bisschen freundlicher. (Und ja, ich weiß, es ist ein Privileg, sich seine Top 3 raussuchen zu können!)

Was passiert, wenn dein Leben zusammenschrumpft auf deine Top 3? Du wirst Zeitnischen finden, die vorher nicht da waren und die kannst du dann füllen mit so ganz sinnfreien und herrlichen Dingen wie alte Fotos anschauen und Bücher aussortieren und Schminktutorials runterladen und Verstecken an einem Sonntagnachmittag mit deinen Kindern spielen.

Die haben mich dann übrigens auch überraschenderweise schnell gefunden.

Und wenn du dich fragst, warum in meinen allerwichtigsten Dingen Gott gar nicht vorkommt und mir jetzt gleich einen erbosten Vorwurf an den Kopf werfen möchtest – Nun: Ich finde nicht, dass ich Gott extra vor Familie und  Netflix notieren muss, nur damit er nicht beleidigt und mein christliche Gewissen beruhigt ist.

Gott ist wie mein Atem. Man muss mich nicht daran erinnern, dass er es ist, der mir das Leben Minute um Minute schenkt. Und auch das Lachen mit meinen Kindern und die ersten Erdbeeren des Jahres und die Gnade des Nicht-Müssens.

 

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Garten, Gedanken, Glaube, Politisches

Dieses Land wäre ein Irrenhaus, wenn nicht……

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Die Eisheiligen sind da. Mich hatte es ja bereits im sommerlichen April gejuckt, die Tomaten und Kürbisse und Paprika und Sonnenblumen ins Freie zu setzen. Im stürmischen  Gärtnerfieber passiert so etwas schon mal schnell. Man überschätzt die Lage. Und dann, wenn man sich Mitte Mai sicher fühlt: BÄM! FROST! ALLES HINÜBER!

Es ist eine alte Weisheit, die wir im Zuge der Klimaerwärmung schon fast über Bord geschmissen haben: Pflanze frostempfindliche Pflanzen erst nach dem 15. Mai, der kalten Sophie ins Freie. Oder:

Vor Nachtfrost du nie sicher bist,
bis Sophie vorüber ist.

Während links und rechts bereits vor Wochen Tomaten ins Freie gesetzt wurden, hielt ich meine Gärtnerwut im Zaum. „Dieses Jahr kommt kein Frost mehr!“ „Die Eisheiligen sind wissenschaftlich nicht untermauert.“ „Wir haben doch die Klimaerwärmung!“ So unkten voreilige Gärtnerfreunde über den Gartenzaun.

Und ich bekam FOHO  –  Fear of Harvesting Out: „Sicher werden alle anderen einen Monat vor mir Tomaten ernten können!“ Aber meine Mutter mit 60-jähriger Gartenerfahrung mahnte am Telefon: „Warte ab. Es sind doch nur noch zwei Wochen, dann kannst du die Wetterlage besser abschätzen.“

IMG_2902Und jetzt? Jetzt freue ich mich, dass meine Tomaten im Warmen stehen und dem Frost dort draußen die Zunge rausstrecken.

Die Lage dort draußen, jenseits unserer kleinen Garten- und Balkonparadieschen, ist voller Menschen dieser Tage, die nicht abwarten können. Sie scharren seit Wochen mit den Füßen. Wollen hinaus. Ihre Freiheit. Ihre Selbstbestimmtheit. Wie trotzige Kinder stampfen sie auf den Boden. Ich kann uns Menschen ja verstehen. Unsere Ängste und Unsicherheiten. Aber können wir nicht einfach ein bisschen länger abwarten? Auf diejenigen hören, die schlichtweg mehr Erfahrung haben, als auf windige Möchtegernexperten über den Gartenzaun?

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Wohin ist unsere anfängliche Solidarität? War sie nur ein Strohfeuer? Ein kurzer Mairegen auf ausgetrocknetem Boden, wo er in den Rissen spurlos versickerte? Sind wir eine Generation von Menschen, die so verweichlicht sind, dass sie eine unangenehme Situation nicht aushalten?

Dieses Land würde ganz anders aussehen ohne die Menschen, die seit Wochen still Solidarität üben: Ohne die Mütter und Väter, die ohne Murren und Zetern ihre Kinder daheim unterrichten, auch wenn es mühsam ist. Ohne diejenigen, die sich nicht von Hysterien und abstrusen Theorien aufstacheln lassen. Ohne diejenigen, die auch heute aufstehen, gute Worte sprechen, sich um Benachteiligte kümmern, Abstand halten und trotzdem Nähe schenken. Ohne Menschen, die sich gegen Lügen stemmen. Ohne diejenigen, die treu für die Politiker beten und die Masken tragen. Ohne die breite Masse der Vernunft und Besonnenheit.

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Dieses Land wäre ein Irrenhaus ohne euch, ein kalter elender Ort, an dem die zarte Pflanze Solidarität und Nächstenliebe erfrieren würde. Ein Ort ohne Vertrauen. Ohne Liebe. Ohne Hoffnung.

Bleiben wir noch ein bisschen länger daheim. Schicken wir die geifernde Angst in die zweite Reihe und überlassen wir die Bühne den stillen Treuen, den Erfahrenen, den trotzigen Liedern und der Vernunft.

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