Tag 15 – Bist du zu Hause?

Bist du zu Hause?

Eine doch meist rhetorische Frage in diesen Zeiten. Ich kann bei Freunden zu jeder Tageszeit anrufen, denn ich weiß: Sie sind immer zu Hause. Und wenn Sie nicht ans Festnetz gehen, dann sind sie entweder a) auf dem Klo b) liegen mit gebrochenem Bein auf der Treppe oder haben c) absolut keine Lust ans Telefon zu gehen.

Bist du in deinem Zuhause zu Hause?

In den letzten Monaten – pre-Corona – war ich unruhig, zappelig, unzufrieden. Meine Güte!: Seit 12 Jahren bin ich zu Hause, arbeite in meinen vier Wänden als eine Mischung aus Stay-At-Home-Mum, Autorin, Fotografin und Hausfrau. Ich begann Annoncen zu wälzen auf der Suche nach einem Job. Ich wollte raus, Abwechslung. Neue Anfänge. Und nun bin ich wieder in meinem Square One. Aber die Unruhe ist weg. Das ist genau der Ort, an dem ich sein soll. Sein muss. Wo mein Wirkungsgrad am höchsten ist. Und nun – im Rückblick – bin ich unfassbar dankbar, dass ich in diesen 12 Jahren ein Zuhause geschaffen habe. Tag für Tag, Wäschekorb für Wäschekorb, Vorlesestunde für Vorlesestunde. Dieses Haus ist kein Ort, an dem wir uns nur zum Schlafen niederlegen, sondern vor Leben pulsierende Heimat.

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Die Wände erzählen von Kunstwerken, die wir lieben, von Liebesbotschaften der Kinder, von Reisen und Vorfahren und anderen Orten. In der Küche steht immer irgendein Projekt auf dem Tresen: ein frisch angesetzter Sauerteig, Buttermilch, Joghurt, Keimlinge. Die Nacht- und Beistelltische quellen über vor Büchern und Zeitschriften. Ein funktionaler Schrank beherbergt alte Tagebücher, Fotoalben, Briefe…..unser ganzes Leben in Schrift- und Bildform. Wäsche hängt am liebsten im Freien um den Duft von Wind zu speichern. Stifte und Papier und angefangene Projekte bedecken jeden Zentimeter der Schreibtische.

Irgendein Nähprojekt liegt neben der Nähmaschine – mal eine Patchworkdecke, mal zu reparierende Kleidung. Die Terrassentür steht an warmen Tagen offen. Unsere Katze spaziert herein und sucht sich den schönsten Schlafplatz auf einem der Betten aus. Immer der Sonne nach. Auf dem Dachboden poltert es, die Kinder haben dort ihr schönstes Chaos, das sie nur selten aufräumen müssen. Es ist ihr Reich. Tulpen, Tulpen ohne Ende aus dem Vorgarten. Der Flur ist halbgefliest, der Mann des Hauses muss immer wieder auf YouTube die Arbeitsschritte studieren.

Vor dem Bettgehen Fernsehen. Die Sendung mit der Maus für die Kinder. This is Us für uns. Rituale, Rituale! Sie geben unserem Zuhause einen Anfang und ein Ende. Eine Form, aus der wir nicht herausfallen. Pfannkuchen an Sonntagen zum Frühstück. Ab und zu eine kleine Andacht am Morgen. Mittagspause für alle. Im Putzschrank warten selbstgemachte Putzmittel auf ihren Einsatz. Es geht auch ohne Chemie, wie ich vor einiger Zeit staunend lernte. Lästiges Putzen, aber ein bisschen Ordnung und Sauberkeit lassen das Zuhause lächeln. Musik beim Kochen. Ein Schrank voller Farben und Stoffe und Papier. Und dann die Menschen in diesem Haus! Ganz normale Menschen mit ungewaschenen Haaren und Launen und Geheimnissen und Leidenschaften. Mindestens einmal pro Tag müssen wir gemeinsam essen. Geschichten erzählen. Uns ansehen. Nachfragen. Lieben.IMG_2795_edited-1IMG_2782_edited-1IMG_2781_edited-1IMG_2793_edited-1

Wenn du ein Zuhause hast in diesen Tagen, dann geh auf die Knie und danke Deinem Gott. Und wenn nicht, dann fange heute damit an, dir eines zu schaffen. Egal, ob du in einer Einzimmerwohnung oder in einem Reihenhaus wohnst. Selbst in einem Wohnwagen kannst du dir ein Zuhause schaffen. Es geht nicht um instawürdiges Interior Design oder makellose Sauberkeit oder das Nacheifern einer Ferrero-Küsschen-Werbung.

Dein Heim muss ein Ort sein jenseits von Hamsterrad und Konsumirrsinn.

Dein Herz, deine Sehnsüchte, deine Identität sollen sich in deiner Umgebung widerspiegeln.

IMG_2798_edited-1IMG_2792_edited-1Hänge Dir Erinnerungen an besondere Reisen und Menschen an die Wände. Lerne etwas, das dich interessiert. Bedecke deine Couch und dein Bett mit weichsten Kissen und der besonders schönen Bettwäsche. Schaffe dir Rituale, die dir helfen, nicht aus deinem Leben herauszufallen. Pflanze etwas und beobachte es beim Wachsen. Dein Heim ist ein atmender, sich verändernder Organismus. Lerne backen – auch wenn die Hefe ausverkauft ist. Schaffe dir ein gutes Ablagesystem und ordne deine Finanzen. Richte einen medienfreien Tag ein. Schreibe Briefe und telefoniere viel. Hänge dir Fotos deine Freunde auf und immer wenn du an ihnen vorbei gehst, sprich ein kleines Gebet für sie. Wenn dir die Decke auf den Kopf fällt, die Einsamkeit dich erdrückt, dann vergrabe dich in Bücher. Dann kannst du wenigstens im Kopf eine Weile verreisen, die irrsten Menschen kennenlernen, Abenteuer bestehen. Halte Stille aus. Meditiere. Bete.

In dieser ungewissen, harten Zeit brauchst du einen Ort, an dem du weich landen kannst.

„Ich glaube, innerhalb unserer Wohlstandsgrenzen müssen wir andere Tode sterben, jeden Tag und immer wieder. Erst, wenn wir unseren Irrglauben an Leistung und Besitz, Aussehen und die Meinung anderer zu Grabe getragen haben, sind wir frei, unsere wahre Identität in Gott zu finden. Diese Identität ist frei von Angst nicht zu genügen, frei von der Sorge zu kurz zu kommen. Wir gewinnen, wenn wir verlieren.

Und deshalb brauchen wir Orte, die Gottes Werte widerspiegeln, wo wir genügen, ohne Gegenleistung. Orte, an denen wir uns fallen lassen dürfen und weich landen und die uns für eine Welt stärken, in der wir so manche Bruchlandung erleben.“ (Aus Heiliger Alltag)

Zu Hause.

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3 Kommentare zu „Tag 15 – Bist du zu Hause?

  1. Wundervoll geschrieben…
    Kein perfekt inszenierter Insta- Account kann dies schaffen: ein echtes Zuhause!
    Auch wenn’s mal drunter und drüber geht. Streit und Versöhnung, Lachen und weinen sich abwechseln. So ist es eben… das echte Leben. Danke!!

    1. Hallo liebe Veronika,
      seit Jahren lese ich dein Blog, weil es mir unglaublich gut tut.
      Danke für deine Worte und Gedanken.
      Ich bin auch zu Hause und es ist erstaunlich schön, trotz allem.
      wie die Petra so gut ausgedruckt hat, ich spüre auch „turbulenten Frieden“, komisch oder!?
      Ich wünsche euch eine gesegnete Zeit,
      bleib Gesund und schreib weiter bitte,
      viele liebe Grüße
      Ellen

  2. Liebe Veronika!
    Das spricht mein Herz an und spricht aus meinem Herzen!!!!!
    Vielen Dank für dein Schreiben!!!!
    Ich spüre „turbulenten Frieden“. Vielleicht ein neues Wort für den Frieden Gottes, der all unseren Verstand, unsere Vernunft, übersteigt. Diesen Frieden wünsche ich mir immer wieder, er ist das Wichtigste, vor allem anderen.
    Und so wünsche dir genau den auch, immer, immer wieder!!!!!
    Herzliche Grüße,
    Petra

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