Familie, Garten, Gedanken, Glaube

Vom Wert des Bleibens

Vielleicht liegt es an der Jahreszeit.

Ich fühle mich gefangen in meiner Routine, in den immer gleichen Abläufen, in den Ecken und Winkeln meines Hauses, die mich täglich grüßen und aus denen ich in schöner Regelmäßigkeit den Staub kehre.

Normalerweise juckt es mich schon um fünf Uhr früh in den Fingern, den Tag zu starten. Aber momentan juckt mich gar nichts. Und mein Blick schweift in die Ferne. Was könnte noch alles sein? So gerne würde ich meinen Mamajob, meine Schreibtischarbeit für einige Zeit an den Nagel hängen, meinen verstaubten Rucksack aus dem Keller holen und meine Nase in den Wind stecken.

Ich fühle mich, als wäre ich hier festgenagelt. Unfähig, einen Schritt nach vorne zu gehen. Gefangen im Netz des Alltags. Obwohl ich ja ein Buch über die Heiligkeit des Alltags geschrieben habe. Ein Loblied auf die Töpfe und Pfannen und Routinen und Kleinigkeiten. Aber niemand kann permanent jubilieren. Vielleicht mal im Himmel. Aber das ist genau der Knackpunkt, an dem ich mit Gott hadere: Bitte mach, dass ich im Himmel nicht permanent Lobpreis machen muss! Ich halte das ja hier auf der Erde kaum länger als 30 Minuten aus. Aber ich hoffe, dass der Himmel eine Weiterführung unserer glücklichsten Momente hier auf Erden ist. Und die glücklichsten Momente habe ich in meinen Beziehungen. In der Natur. Im Stillwerden vor Gott. In richtig gutem Essen. Also muss der Himmel für mich ein Ort sein voller glücklicher Begegnungen und wo ich mit Jesus auf schönen Wiesen abhänge, während wir Creme Brulee in uns reinschaufeln.

Mein Kopf hängt in den Wolken, meine Füße stehen auf der Frühlingserde.

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Gestern haben Josefine und ich die erste Voranzucht gestartet: Rote Beete, Zuckererbsen, Paprika, Tagetes, Sommerastern, Cosmeen, Salate, Zitronenbasilikum, Kornblumen, Oregano, Zinnien, Kamille, Schopfsalbei.

Draußen regnete es Bindfäden vom blechernen Himmel.

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Wir füllten Erde in kleine Behälter und bauten den Samen ein Nest. Und was für drollige Samen wir in den einzelnen Tüten fanden! Kornblumensamen wie Miniaturpinsel. Basilikumsamen, die nach Kontakt mit Wasser zu Froscheiern wurden. Mikroskopisch winzige Oregano- und Salatsamen. Kamillesamenstaub. Rote-Beete-Asteroiden-Samen.

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Nun stehen die Pflanzbehälter mit ihrer satten Erde, in der die kleinen Samen schlafen, am großen Fenster im Wohnzimmer. Alle paar Stunden nähert sich ein Kind und schaut, ob sich bereits etwas tut. Manche der Samen werden in einer Woche keimen. Die gemütlicheren unter ihnen werden 4-6 Wochen brauchen. Und bis aus den Keimlingen stattliche Sommerblumen werden, die sich im heißen Augustwind wiegen, bis wir saftigsüße Paprika ernten können, werden wir selbst ein ganzes Stück älter sein.

 

Die Pflanzen sind mir die besten Lehrmeister. Auch sie sind festgenagelt, können sich nicht fortbewegen. Es hat etwas zutiefst gegenkulturelles an sich, zu bleiben. Sich tief in die Erde versenken zu lassen, wo man so manche Tode stirbt und erst lange Zeit später erkennt, dass dies vielleicht die fruchtbarsten Jahre waren.

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Aber dort, wo ich bleibe, wächst einiges von echtem Wert: Beziehungen. Beständigkeit. Treue.*

Und anderes kann schrumpfen: Meine eigene Selbstüberhöhung und Selbstzentriertheit.

Ich bin hier. Und nur im Bleiben wachse ich in die Tiefe und in die Höhe. Momentan  bewegt es sich quälend langsam voran. So langsam, dass ich es als Stillstand empfinde.

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Die schmutzigen Winkel und Ecken und Wäscheberge und der Bürokratiekram halten mich demütig. Die vielen Bücher in unseren Regalen, die Natur vor der Haustür, die Menschen in diesem Haus, mein Schreibzeug, meine Musikinstrumente, mein geheimnisvoller Schrank voller kreativer Rohstoffe, die Pflanztöpfe mit nasser Erde eröffnen mir immer wieder neuen Raum, in dem ich wachsen kann.

 


 

*Bleiben ist nur dann wirklich gesund, wenn deine Umgebung gesund ist. Hol dir bitte Hilfe, wenn du in toxischen Beziehungen und Geflechten feststeckst!

 

 

 

 

 

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