Gedanken, Wochenende

Das skandalöse Herzpochen

IMG_1245_edited-1Ist es nicht seltsam, wie oft wir uns ein kleines Vergnügen verkneifen?

Weil unsere Listen nicht abgearbeitet sind.
Weil wir erst noch die Krümel unter dem Tisch aufkehren müssen.
Weil wir durch unsere Tage eilen, ohne auf das Pochen in uns zu hören.
Weil – um Himmels Willen – wir erst noch das Auto waschen, die Hemden bügeln und die Emails beantworten müssen!

Ich habe etwas von den Lupinen am Straßenrand gelernt. Aber ich muss etwas weiter ausholen: Am Wochenende unternahm ich einen spontanen Kurztrip in die alte Heimat zu einem Klassentreffen, von dem ich erst letzte Woche erfuhr. Mein Pflichtbewusstsein antwortete auf die Einladung: „Nein, das ist mir zu kurzfristig. Ich hab Verpflichtungen. Wo kämen wir denn hin, wenn wir so spontan sind?“ Und mein Herz flüsterte: „Aber ich würde schon gerne hin.“ Die beiden lagen eine Weile im Streit und ich schwankte hin und her. Wollte ich Verpflichtungen zur Seite schieben und meinem Vergnügen nachgehen? Kurzerhand erteilte ich mir selbst die Erlaubnis und sauste mit alten Schulfotos und Poesiealbum Richtung Franken.

Ich bereute es nicht. Neben der Freude über das Wiedersehen mit alten Klassenkameraden dominierte das Gefühl des Älterwerdens. Die Vergänglichkeit allen Seins. Darin liegt auch eine Schönheit – weil wir es gemeinsam erleben. Wir teilen die leise Wehmut über den immer größer werdenden Abstand zur Kindheit, die immer eindimensionaler und vergilbter wird wie ein Foto aus den 70er Jahren. Unsere regelmäßigen Treffen halten die Erinnerungen lebendig.

Und am nächsten Morgen – nach einem ausgiebigen Frühstück mit meinen Eltern – setzte ich mich wieder ans Steuer und fuhr zurück Richtung Süden. Sie wohnen so versteckt auf dem Land, dass man gut eine Viertelstunde bis zur nächsten Autobahnauffahrt fährt. Die Erde war noch nass und dampfte vom nächtlichen Regen und erste Sonnenstrahlen brachen durch die graue Wolkendecke. Sie beleuchteten die stattlichen Lupinen, die in rosa, weiß und dunklem lila den Straßenrand regierten. Ich wollte anhalten, ein paar für unsere Blumenvase daheim pflücken, denn ich bin fürchterlich verknallt in Lupinen. Aber mein Pflichtbewusstsein trieb mich voran: „Du kannst doch jetzt nicht einfach anhalten, deine Kinder warten daheim.“ Also fuhr ich weiter. Beim nächsten Lupinenfleck drückte ich auf die Bremse. Und gab doch wieder Gas. Ach, mein Herz wollte Lupinen. Ich lag im Widerstreit. Bis ich kurz vor der Autobahnauffahrt – letzte Chance! –  in die Eisen ging, den Wagen an den Straßenrand lenkte. Ich kämpfte mich durchs nasse, hohe Gras, meine Jeans saugte den Regen auf wie ein nasser Schwamm und dann pflückte ich mir einen prächtigen Strauß Lupinen in allen Farben. Ich lachte glücklich in mich hinein.

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Martin Schleske schreibt in seinem Buch „Herztöne“:

Denn der Zugang zum Heiligen ist nur durch die Befreiung vom Zweckdienlichen möglich. 

Ist das nicht wunderbar befreiend? Wir müssen sogar von Zeit zu Zeit dem skandalösen Pochen unseres Herzens folgen, damit sich der Vorhang zwischen mir und dem Göttlichen einen Moment hebt!

Vielleicht können wir heute in unseren Tag fünf Minuten zweckfreie Zeit einplanen. Oder sogar – WIE SKANDALÖS – eine halbe Stunde! Darauf hören, was in uns pocht. Was wir eigentlich wirklich wollen (Und nein, es ist nicht das Beantworten deiner 54 Emails!) Vielleicht sollten wir das jeden Tag ein bisschen einüben.

Wir könnten für Lupinen bremsen. Das Blech Cookies backen. Mit der Freundin Kaffee trinken. Die neue Netflixserie anfangen. Eine Galerie besuchen. Die Konzertkarten kaufen. Eine Stunde still im Garten liegen. Durch einen See schwimmen. Musik hören. Vor Gott still werden. Malen. Tanzen.

Wer weiß, auf welche kleinen und großen wunderbaren Heiligkeiten wir stoßen würden, wenn wir uns ganz extravagant dem Zweckfreien widmeten?

 

 

Bilder, Familie, Garten, Gedanken

Alltäglichkeiten

Zwischen meinem Aufstehen und den Abendstunden passiert selten Aufregendes. Das Spannendste heute war die Salat- und Radieschenernte, die unser Abendbrot bereicherte. Ansonsten sitze ich hier meist still herum und schreibe. Oder werkle im Garten. Oder versorge meine Kinder. Heiliger Alltag eben. Manchmal nehme ich mein altes Buch her und muss mich selbst wieder daran erinnern, warum ich tue, was ich tue. Und warum ich es mit meinem ganzen Herzblut machen möchte:

„Christus wartet in all diesen Tätigkeiten schon auf uns, denn er braucht unsere fünf Brote und zwei Fische für sein Königreich. Wir benötigen keine Konferenzen, keine Seminare, keine Gaben-Tests, um umständlich unsere Berufung herauszufiltern. Denn wir sind schon mittendrin, jeden Tag, zwischen unseren Töpfen und Pfannen. Manchmal hege ich den Verdacht, dass wir in christlichen Kreisen zu lange um das Herausfinden unserer Gaben kreisen, weil wir etwas Besonderes sein wollen. Oder weil unser Alltag so grau und unsexy ist.

Mein Alltag fühlt sich nicht besonders oder wichtig oder sexy an. Ein lebendiger Moment reiht sich an den anderen und ich darf sie unbekümmert und scham-los wie das kleine Kind in der Geschichte Jesus hinhalten. Unsere Momente sind göttliche Funken, aus denen Er seine Geschichte seit Jahrtausenden webt. Mit gewöhnlichen Fischern und Kindern, Shakern und Müttern, Andersgläubigen und Prostituierten, Kranken und Starken. Am Ende der Kette stehen wir. Mit unserem heiligen Alltag, der im grauen Licht eines Mittwochs oder Samstags stattfindet. Jetzt in diesem Moment. Zwischen unseren Töpfen und Pfannen, Wickeltaschen und Laptops, Spüllappen und Bettpfannen.

In unseren Büros und Werkstätten, Gärten und Zimmern.

Heiliger Raum, in dem wir und andere gedeihen. Heiliger Boden, aus dem jeder neue Moment, jeder neue Baustein im Reich Gottes wächst, wenn wir ihn Gott zur Verfügung stellen.

Der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber schreibt:

Darum gilt es nicht, in einzelnen Stunden nur und mit bestimmten Worten und Gebärden Gott zu dienen, sondern mit dem ganzen Leben, mit dem ganzen Alltag, mit der ganzen Weltlichkeit.

Das ist es. Genau das. Ich wünsche uns, dass wir ohne Scham und Zurückhaltung unsere fünf Brote und zwei Fische geben. Dass wir im Kleinwerden Zufriedenheit erleben. Dass wir in unseren Lebensräumen Gott begegnen. Und dass wir neben aller Mühe und Zerbrochenheit in unserem Alltag etwas von der Schönheit und Heiligkeit entdecken, die von einer Geschichte erzählt, die noch nicht zu Ende ist. Eine Geschichte, in der wir ein Rolle spielen. Zwischen unseren Töpfen und Pfannen.“

(Aus „Heiliger Alltag“)

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Familie, Gedanken, Glaube

Immer wieder dasselbe schreiben….

Gestern Abend hatten wir wieder Hauskreis.

Wir sind eine aufgeweckte Truppe, die sich gerne theologisch in Bibelstellen verbeißt. Wenn das nicht so dein Ding ist, keine Sorge. Jeder hat seine Leidenschaft. Ich hatte mal eine Freundin, die Halsketten aus getrockneten Heringen herstellte. Sie war Designerin mit Herz und manchmal völlig ohne Verstand, denn sie heiratete sich selbst. Das ist aber eine andere Geschichte, die in einem anderen Land spielte, vor langer Zeit und für viel Furore in der Presse sorgte.

Ich will nicht abschweifen. Wir vergnügten uns also beim Bibellesen (obwohl ich ahne, dass dich die Geschichte mit meiner Designerfreundin mehr interessiert). Momentan fressen wir uns durch den Philipperbrief. Und gestern bat ich meine aufgeweckte Truppe, ihren messerscharfen Intellekt an der Haustür abzugeben und dafür die Intuition an dessen Stelle treten zu lassen. Manchmal erzählt uns nämlich die Intuition eine ganz andere Geschichte als der Intellekt. Wir lasen eine Stelle und ließen die Worte auf uns wirken, ergründeten, welche Satzfetzen, welche Worte etwas in uns zum Klingen brachten. Oft sind das Worte, die gerade an etwas anknüpfen, womit wir ringen.

Ich blieb an folgendem Satz hängen: „Mir macht es keine Mühe, euch immer wieder dasselbe zu schreiben.“ (Philipper 3,2). Der gute alte Paulus erregt so manches Mal meine Empörung, aber an dieser Stelle musste ich erleichtert auflachen.

Immer wieder dasselbe schreiben.  

So geht es mir hier. Manchmal sitze ich vor dem blinkenden Cursor und fühle mich müde. Was soll ich denn noch schreiben? Hab ich denn nicht über Familie und Glaube und Garten und Küche tausend Mal geschrieben? Ist es nicht an der Zeit weiterzuziehen, den Laden dicht zu machen und ein „Für unbestimmte Zeit geschlossen“-Schild aufzuhängen?

Aber es geht mir doch in anderen Lebensbereichen ähnlich. Meine Morgenroutine: seit 40 Jahren dieselbe. Der wöchentliche Putztag. Das Wäschelegen. Rasenmähen. Kinder ins Bett bringen. Kochen. Und mein Schreiben. Diese Routinearbeiten, die uns manchmal ermüden, weil sie nie enden. Sich von Woche zu Woche, Tag zu Tag so ähneln. Aber sie verraten etwas über unsere Treue. Unsere Fürsorge.

Mein Blog wird dieses Jahr 10. Als er noch in den Windeln lag, hab ich ihn umsorgt, gehegt und gepflegt und gepampert. Er lernte laufen und ich postete unzählige Bilder und stellte fast jeden Tag einen Beitrag ins Netz. Und jetzt geht er ein bisschen bereits seine eigenen Wege, so wie meine Kinder.

Mir macht es keine Mühe, hier weiter zu schreiben. Aber ich werde von der Familienthematik etwas mehr abrücken und nichts mehr über meine Kinder – höchstens nur im Vorbeistreifen – schreiben. Sie sind nun ihre eigenen Menschen und ihre Klassenkameraden sollen nicht montags laut verkünden: Alter, ich weiß, was du am Wochenende gemacht hast! 

Familie wird für mich immer privater, je älter die Kinder werden. Und ihre Geschichten sind nicht mehr meine Geschichten.

Außerdem definiere ich mich mittlerweile weniger über mein Muttersein. Es wird immer ein ganz wertvoller, geschätzter Teil meines Ichs sein. Aber es steht nicht mehr so akut im Vordergrund wie früher. Anderes hat sich für mich aus dem Hintergrund herausgelöst und spielt nun größere Rollen: Eine Leidenschaft fürs Leben, für Glaubensfragen, die sich nicht leicht lösen lassen, für soziale Gerechtigkeit, für Alltagsbeobachtungen, für Musik und Kunst und Literatur und Theologie. Für die Frage, wie wir besser Gemeinschaft leben können und wie wir Randgruppen integrieren können. Und ja, auch weiterhin für mein Leben in Garten und Küche.

Immer wieder dasselbe machen. Das ist der Untergrund, auf dem wir laufen lernen und funktionieren. So ist das mit der Treue in den kleinen Dingen: An vielen Tagen fühlt sich das Zähneputzen und Schreiben, Wickeln und Kochen, Holzhacken und Beten zäh an. Aber am Ende sind wir dankbar für ein gesundes Gebiss, große, ordentlich ernährte Kinder, ein warmes Zuhause und so manche Gebetserhörung.

Und ich bin dankbar für einen bunten Blog, der überquillt vor Lebenserfahrung, manchen peinlichen Gedankenergüssen und Fotos.

Wer weiß, vielleicht kehre ich nochmal zur Familienthematik zurück. In den kommenden Jahren, wenn ich mir die Haare einzeln ausreißen möchte und in Emotionsstürmen untergehe….

PS: An alle meine lieben Schweizer Leser! Ich bin am 3. Oktober 2019 zu einem Vortrag in Zürich. Am 4. Oktober ist noch ein offener Spot – falls ihr mich buchen möchtet. Ich freu mich!