Was Familien wirklich bedroht (Spoiler: es sind nicht die Schwulen).

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So manches mal im Gespräch mit Glaubensgeschwistern muss ich mich ein wenig wundern. Mit einem unerschütterlichen Selbstverständnis ihrer wortwörtlichen Bibelauslegung wird jedes noch so haarsträubende und haltlose Argument herangezogen, um gesellschaftliche Entwicklungen abzuwehren. Weil es am Ende halt doch sicherer und angstfreier ist, in einer christlichen Blase zu leben, in der alle gleich denken und handeln…

Ja, das Reich Gottes ist schon hier. Es macht sich immer bemerkbar, wo Gefangene besucht, Nackte gekleidet, Hungrige gefüttert, Obdachlose aufgenommen werden. Dort, wo Kindern zugehört, füreinander gebetet und vergeben wird. Wo das Ego zurücksteht, sich opfert, immer wieder Liebe spricht. Aber es macht sich mir nicht bemerkbar in den Kommentarspalten der idea Spektrum oder hitzigen Debatten über Gender, Homosexualität, etc. Die Wächter an den Toren zur korrekten Bibelauslegung machen mir Angst. Genauso viel Angst wie die Sklavenbefürworter vor 300 Jahren, die ihre Praktiken (die ein wichtiger Baustein für ihren Reichtum waren) )mit wenigen Bibelstellen untermauerten.

Was mich in letzter Zeit immer wieder auf die Palme bringt sind abgewetzte, in Dauerschleife kreisende Vorurteile, Schwule und Lesben würden die traditionelle Familie zerstören. Sicher: mein schwuler Freund reibt sich jedes Mal die Hände, wenn eine Ehe in unserem Freundeskreis vor die Hunde geht und schreibt nachts heimlich an Pamphleten gegen die Kernzelle der Gesellschaft (*Ironie off*).

Darf ich eine steile Behauptung in die Runde schmeißen?

Die traditionelle Familie ist ganz gut darin sich selbst zu zerstören. 

Leute, ihr kämpft an den falschen Stellen!

Was uns Familien tatsächlich bedroht, sind folgende Dinge:

  1. Die Überfrachtung von Familien
    Cello-Unterricht, Fußball-Training, Gemeinde, Shoppingerlebnisse, Ehrenämter, Arbeit, Freizeitterror…..Familien heute stehen in einer Zerreißprobe aus einem ZUVIEL. Sie sind immer auf dem Sprung, hetzen von einem Tagespunkt zum nächsten. Letztens hörte ich eine Mutter klagen: Wir schaffen es unter der Woche nie, uns alle wenigstens einmal am Esstisch zu treffen. 
    Dieser moderne Familienstil z.e.r.f.r.i.s.s.t uns. Ehrlich.
  2. Die überhöhten Erwartungen an die Kinder
    Früher sind Kinder, die nicht funktionierten irgendwie mitgelaufen. War auch nicht immer knorke, aber wenigstens wurde nicht alles, das nicht ins normale Spektrum passte überanalysiert. Heute werden Kinder sofort zur Ernährungsberatung geschickt, wenn sie einen Speckring am Bauch haben. Sie werden mit Medikamenten ruhig gestellt. Man schickt sie selbst mit zweifelhaften Noten aufs Gymnasium.
  3. Unsere Arbeitskultur
    Ja, ich bin nach wie vor eine Verfechterin davon, dass das Kind in seinen frühen Jahren eine dauerhafte Bezugsperson hat. Egal ob Vater, Mutter oder Oma. Eine gute Bindung zum eigenen Kind der schnellen Rückkehr in den Beruf zu opfern ist einfach keine gute Entscheidung. Ich höre nun bereits das Argument: „Ja, aber viele sind ja dazu gezwungen aus finanziellen Gründen!“ Das stimmt in einigen Fällen….aber…
  4. Unser Anspruch ans Leben
    ….da wären wir bei unserer Konsumhaltung gelandet. Können wir denn nicht – zumindest in der Kinderphase – einen bescheideneren Lebensstil fahren? Zum Wohl unserer Familien? Weniger Aktivismus, weniger Förderungswahn, Lebensentwürfe überdenken, bevor uns das Leben überrollt. Weniger große Urlaubsreisen. Weniger neue Klamotten. Weniger Gadgets und topausgestattete Wohnungen. Weniger neu und mehr Second-Hand. Radikale Rückschnitte.
  5. Treue mit Halbwertszeit
    Treue ist solange cool, wie sie uns in den persönlichen Kram passt. Nicht mehr durch gute und vor allem schlechte Zeiten, sondern….bis mir mein Partner nicht mehr passt und etwas Besseres daher kommt. Ich sehe viele Familien in meinem Umfeld genau daran zerbrechen. (Andere Fälle sind sehr viel komplexer – da hilft manchmal auch keine Ehetherapie mehr, sondern tatsächlich Trennung.)

 

Hören wir auf, eine ominöse Gay-Agenda für den Zerfall der Familien verantwortlich zu machen und setzen wir bei uns selbst an.

 

 

20 Kommentare zu „Was Familien wirklich bedroht (Spoiler: es sind nicht die Schwulen).

  1. Ich stimme dir in allen Punkten zu; du hast es wie immer sehr auf den Punkt gebracht! Nur etwas möchte ich anfügen; Aus dem Arbeitsalltag einer Kinderarztpraxis kann ich sagen, dass Medikamente nicht in jedem Fall einfach nur zur Ruhigstellung von Kindern gebraucht werden. Ja, das gibt es, leider kommt das tatsächlich vor. Aber meine Vorgesetzten gehen SEHR verantwortungsvoll mit Medikamenten um und ich sehe, dass oft grosse Not dahinter steckt und diese Medis nicht leichtfertig abgegeben werden … Zu sagen, „man stellt die Kinder einfach ruhig“ ist für mich zu wenig differenziert und es geht auch in die Sparte der Pauschalisierung … Ansonten seh ich das genau wie du, danke für deine Gedanken!

    1. Richtig Tanja. Das ist eine pauschalisierende Aussage von mir. Ich kenne durchaus auch Fälle, wo eine Gabe von Medikamenten durchaus sinnvoll ist. Da steht ja oft ein gewaltiger Leidensdruck dahinter. Mir ging es eher darum, das Funktionierenmüssen der Kinder etwas zu überspitzen.

      1. Und in diesem Sinne hast du das genau richtig geschrieben – 👍🏻! Hab einen schönen Tag, ich freue mich immer, deine Posts zu lesen, deine Einträge sind sehr inspirierend und regen zum Nachdenken an! ☺️

  2. Als könntest du meine Gedanken lesen (und sie viel besser formulieren, als es mir jemals gelungen wäre :o). Mit fielen beim „Perfektionswahn“ noch die Zahnspangen ein… Da lohnt es sich tatsächlich auch mal kritisch zu hinterfragen, wie perfekt so ein Gebiss denn sein muss… wir haben letzte Woche der Krankenversicherung 3000 Euro ge- und unserer Tochter die feste Zahnspange erspart, weil wir darauf verzichtet haben , auch noch ihre Backenzähne (!) in eine perfekte Position zu bringen. Kommentar Kieferorthopäde .“ GANZ perfekt ist es dann aber nicht“. Macht nix.

    Fehlende Grenzen finde ich auch noch so ein Thema und die Angst , auch mal Konflikte mit Kindern auszutragen (Beispiel Handyzeiten – die meisten Freunde meiner Kinder haben zwischenzeitlich überhaupt keine zeitliche Begrenzung mehr). Dann wird Eltern-Sein halt auch sehr sehr anstrengend…

    Am meísten treibt mich aber um, wie viele Eltern ihre Kinder zu Opfern machen (was nicht heißt, dass es das Thema Mobbing nicht gibt . Ich finde es wird nur sehr inflationär gebraucht), die augenscheinlich nur an böse Lehrer geraten und ausschließlich mobbende Mitschüler haben . Es ist manchmal spannend diese „Opfer“ live erleben zu dürfen – da fragt man sich gerne mal, wer da Opfer und wer Täter ist…

  3. Veronika – Du sprichst mir ganz aus dem Herzen. Ich habe auch mit dem Mainstream mitgeschwommen bis mir klar wurde vieles abzubrechen und inneuzuhalten und meine Kinder mitzunehmen. Das war eine sehr gute Entscheidung. Da ich arbeiten musste um die Existenz zu sichern habe ich die Zeit genutzt „einfach Zeit zu haben“. Alles Liebe Dir. Marlene

  4. Veronika – Du sprichst mir ganz aus dem Herzen. Ich habe auch mit dem Mainstream mitgeschwommen bis mir klar wurde vieles abzubrechen und inneuzuhalten und meine Kinder mitzunehmen. Das war eine sehr gute Entscheidung. Da ich arbeiten musste um die Existenz zu sichern habe ich die Zeit genutzt „einfach Zeit zu haben“. Alles Liebe Dir. Marlene

  5. Ach, Veronika – klug und mutig und auf den Punkt gebracht. Es denkt weiter in mir. Danke und liebste Grüsse von einer, die gewisse Kommentarspalten auch nicht lesen mag.

  6. Das hast Du sehr gut zusammengefasst. Es ist für mich auch so ein Bereich, in dem weniger mehr ist. Weniger mit dem Finger auf andere zeigen. Weniger Erwartungen und Anforderungen an ein Familienleben, in dem alle nur noch irgendwie funktionieren, Liebe und Gemeinschaft jedoch auf der Strecke bleiben. Vor allem in den ersten Lebensjahren mehr Entscheidungen für ein Leben als Vollzeitmutter. Das hat tatsächlich viel mit dem angestrebten Lebensstandart zu tun und ich kann es oft nicht nachvollziehen welchen Maßstab von Powerfrau Manche an sich legen. Allen Respekt denen, die alleinerziehend sind und so kämpfen müssen. Aus eigener Erfahrung habe ich es nie bereut und zähle sogar zu den heutzutage fast ausgestorbenen Frauen, die fast 20 Jahre lang daheim war 😉 Was hätte ich alles verpasst, wenn ich die Entwicklung meiner Kinder nur bruchstückhaft mitbekommen hätte…

  7. Ich finde es schade, wieder mal einen Seitenhieb auf die Gemeinde in deinem Blog zu lesen… Ja, natürlich muss man schauen, vor allem als Familie, wie und welchem Ausmaß das Engagement in der Gemeinde stattfindet. Das darf man auch kritisieren. Aber ich habe das Gefühl, dass hinter dieser Kritik auch ein übersteigerter Individualismus unserer Zeit steht. „Hm, ist mir zu stressig, geh ich nur noch ein mal im Monat hin…“ Dabei ist es doch eine gewisse Treue, Zuverlässigkeit und – ja – Nächstenliebe für die Geschwister, von der Gemeinden leben. Bin da mehr bei deiner Blogger-Kollegin Christina: „Warum ich da immer noch hingehe“

    Und zu deinem Aufhänger: Wahrscheinlich sind gerade viele Kommentare zu lesen, weil die Württembergische Landeskirche ihre Regelungen zur Segnung/ Trauung (?) von Homosexuellen geändert hat. Daran störst du dich, wahrscheinlich hauptsächlich an der Formulierung, dass dadurch „die Familie bedroht ist“. Das ist natürlich Quatsch (und du triffst da absolut die Punkte, wo Familien aufpassen müssen, sich nicht selber kaputtzumachen). Aber, dass man solche Beschlüsse kritisiert, ist doch nachvollziehbar. Nicht jeder kann aus der Bibel ein Ja zu gelebter Homosexualität herauslesen.

    Ok, ich lese deinen Blog echt gern!

  8. Ich finde, du schießt etwas zu stark in die Richtung derer, die sich öffentlich gegen z.B. eine Segnung von homosexuellen Paaren in der Kirche oder eine absolute Gleichstellung von Regenbogenfamilien (Adoptionen) positionieren. Dass diese Entwicklungen die Familien zerstören, ist natürlich Quatsch – und ich stimme dir total zu, dass die wahren „Zerstörer“ ganz andere sind. Aber wer solche unpopulären Meinungen vertritt, hat in der Debatte eh nichts zu lachen. Trotzdem ist es natürlich durchaus so, dass jeder sich fragen muss, wie fair, lieblos oder jesusmäßig seine Statements sind.

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