Ja-Tag!

IMG_3917Ich hab leider einen fürchterlichen Tick als Mutter.

Sobald mich meine Kinder um etwas bitten, formt sich in meinem Mund bereits das Nein. Egal, wie das Ende des Satzes meiner Kinder aussehen könnte. Das Nein drängelt auf meiner Zungenspitze, um ins Freie zu können.

„Mama, können wir auf dem iPad spielen?“ „Nein!“ (Sonst werdet ihr tech-süchtig)

„Dürfen wir uns ein Eis holen?“  „Nein.“ (Der viele Zucker!)

„Machst du heute Pizza zum Abendessen?“ „Nein.“ (Keine Lust)

„Dürfen wir heute bis 10 Uhr aufbleiben?“ „Nein.“ (Wann soll ich denn in Ruhe die Doku über Serienkiller ansehen?)

„Gehst du mit uns zum Skaterplatz?“ „Nein.“ (Ich muss doch noch eure Pizza backen!!!!)

Ich bin Anhängerin einer etwas altmodischen Erziehung mit einem Schuss gesunden Egoismus. Das schlechte Gewissen hab ich mir mit den Jahren abgewöhnt. Fehler mache ich sowieso. Am laufenden Band. Manchmal sag ich ja, wenn ich nein sagen sollte. Manchmal sag ich nein, wenn ein Ja dran wäre. Manchmal fordere ich Regeln zu hart ein. Oder spreche irgendwelche verrückten Strafen aus, deren Konsequenzen ich nicht einfordere. Und manchmal höre ich gar nicht richtig zu.  Das Leben ist – wie Anne Lamott so schön sagt – Vergebungsschule (Forgiveness School). Ich als Mutter darf hinfallen und meine Kinder um Vergebung bitten. Nein, nicht wenn ich ihnen ein Eis vorenthalte, wenn sie schon drei hatten. Sondern wenn ich mich mal wieder verrückt-autokratisch verhalten habe. Das kommt vor….man sollte es nicht meinen….

Vor einigen Wochen kam mir eine Idee und die sprach ich auch sofort aus. Dass ich keinen Filter besitze, ist leider auch wahr. Ideen sprudeln einfach aus mir heraus, denn ich rede gerne, bevor ich denke.

Es war Freitagmittag, die Kinder saßen gerade beim Essen und ich war bester Laune:

„Wie wäre es, wenn Freitag unser Ja-Tag wird?“ Meine Kinder ließen die Löffel sinken und starrten mich an. „Was auch immer ihr wollt, ich sage zu allem Ja!“ (Eine heikle Versprechung, ich weiß. Was hat mich an diesem Tag nur geritten? Die gute Laune??)

Meine Kinder konnten ihr Glück nicht fassen und fingen sofort an mit dem Wünschen:

„Können wir heute zum Skaterplatz?“ Ja.

Auf dem Weg zum Skaterplatz kamen wir an einem Obststand vorbei.

„Können wir anhalten und gucken?“ Ja.

„Kannst du uns Datteln kaufen?“ (Mist, das sind die teuren Medjool-Datteln!) Ja.

„Können wir noch 10 Minuten länger bleiben?“ Ja.

„Können wir uns für 2 Euro irgendeinen Mist im Billigmarkt kaufen?“ Ja.

„Können wir Monopoly spielen?“ Gerne. Das macht Papa mit euch (Ich HASSE kapitalistische Spiele…und meine Kinder lieben sie leider)

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Es war ein grandioser Freitag und wir waren bester Laune. Skateboards und Schoner, Datteln und Kekse, Billigschrott und lachende Kinder purzelten am Abend aus dem Auto. Das Monopoly-Brett wurde aufgebaut. Selten waren Mutter und Töchter so gelöst.

Der „Ja-Tag“ ist nun wöchentliches Ritual geworden. Immer am Freitag. Denn das ist der Tag, an dem ich mir dafür bewusst Zeit nehme. Ein kleiner Feiertag, wenn die Kinder erleichtert von der Schule heimkommen und wir das beginnende Wochenende mit großen und kleinen Jas feiern.

Ja, der „Ja-Tag“ ist riskant. Wer weiß, was sich die Kinder alles wünschen?? Aber bisher bleiben sie immer im Rahmen. Sie haben gar nicht so viele „unerfüllbare“ Wünsche. Was ich immer wieder feststelle: Ihnen geht es darum, Zeit als Familie zu verbringen. Materielle Wünsche sind drittrangig. Sie wollen, dass wir Zeit für sie haben, ihnen beim Skaten zuschauen, uns mit ihnen kaputtlachen, wenn wir im Billigmarkt Plastikmasken anprobieren, ihnen etwas Gutes gönnen, Brettspiele spielen.

Wie gut tut das, wenn jemand Ja zu meinen Herzenswünschen sagt! 

Übrigens gilt der „Ja-Tag“ in beide Richtungen. Also auch für meine Kids. Wenn ich eine Bitte an sie habe, darf sie nicht maulend abgeschlagen werden. Egal ob Tischabräumen, Klavierüben, Katzefüttern.

Wenn du selbst mal einen Ja-Tag ausprobieren willst, ein paar Tipps für dich:

  • Beachte das Alter deiner Kinder. Wenn sie noch kleiner sind und einen engeren Rahmen brauchen, dann probiere eine Ja-Stunde aus.
  • Mach das nicht sofort zu einem wöchentlichen Ritus, sondern teste aus, ob das in deiner Familie funktioniert.
  • Wähle einen Tag, an dem du wirklich innerlich und äußerlich frei bist.
  • Stell dich innerlich auf den Ja-Tag ein.
  • Falls deine Kinder dazu neigen, völlig utopische Wünsche äußern, musst du vorher doch ein paar Grenzen festlegen.
  • Wenn du eine Großfamilie bist, die Altersrange groß ist, dann kannst du den Ja-Tag nach deinen eigenen Möglichkeiten abwandeln. Vielleicht pro Kind eine Ja-Stunde pro Woche. Einen Ja-Nachmittag alle paar Wochen.
  • Und wenn du eine Mutter bist, die gerade an den Rändern ihrer Kräfte entlang wankt, dann ignoriere diesen Blogpost und alle anderen gut gemeinten Appelle an dich ebenfalls.  Überleben reicht, tapfere Mama.

Probierst du einen Ja-Tag aus?
Wie sind deine Erfahrungen mit dem Ja-Sagen? 

14 Kommentare zu „Ja-Tag!

  1. Der Ja-Tag klingt nach einer netten Idee, insbesondere für Kinder in Deinem Alter.
    Mein Sohn hat inzwischen ein Alter erreicht, indem er kaum noch aus seinem Zimmer kommt 😉
    Das Problem mit dem zuschnellen Nein-Sagen kannte ich, als er noch klein war, aber auch und habe gemeinsam mit meinem Mann eine Regel (für uns zwei) eingeführt. Da ich nämlich auch manchmal zu schnell „Nein“ gesagt habe, und mir dann auffiel „Warum eigentlich nicht?“. Wir haben uns darauf geeinigt, dass ein „Nein“ auch revidiert werden kann, allerdings beim dritten Mal „Nein“ bleibt es dabei. Egal, ob das jetzt so toll war oder nicht, denn wichtig war uns auch, kein ständig nölendes Kind zu haben, das glaubt, ich muss nur lang genug quengeln, dann bekomme ich was ich will.
    Und aus meiner Erfahrung kann ich sagen, das hat super funktioniert.
    Liebe Grüße von
    Rosalina

    1. Herzlichen dank für die tolle Idee
      ABER noch mehr für den allerletzten Punkt bei den Tipps fürs Umsetzten. Als Mami gerade sehr an den Ränden ihrer Kräfte ist dies ein so freimachender Satz. Darum DANKE…und bis dahin kümmere mich erst erstmals ums überleben

  2. Mir gefällt es auch sehr. Mir schlüpft nämlich auch sehr schnell ein (oftmals vorschnelles und unreflektiertes) nein heraus…
    Ich bin dazu übergegangen, erst einmal ruhig zuzuhören und dann abzuwägen. Langweiliger als ein Ja-Tag, aber dennoch mit Erfolg. Vielleicht traue ich mich mal an so einen Tag heran… Danke für den Impuls!

  3. Die Idee an sich find ich gut. Ich befürchte allerdings, ich hab Kinder, die das extrem ausnutzen würden. Na ich denk mal drüber nach. Bin nämlich auch schneller mit reden als mit denken und ein nein liegt ganz weit vorne im Mund. Da find ich mich zu 100% in dem Artikel wieder.
    LG von TAC

  4. Ich glaube, ich werde das im Geheimen ausprobieren. Oder mir vornehmen, mich kurz „warum eigentlich nicht?“ zu fragen. Freitag ist bei uns ein guter Tag dafür, da ist zwischen Schule und Pfadfindern nur begrenzt Zeit zum Eskalieren, das könnte also klappen … 😏

  5. JA! 👍🏻🎉🎶
    Veronika, du hast einfach immer wieder die besten Einfälle 😊
    Hätte ich solche Ideen früher gelesen als unsre Kinder noch klein waren ….
    Liebe Grüße und morgen dir und deiner Familie einen wunderschönen JA-Tag !
    Liebe Grüße von Sonja

  6. Danke für den schönen Post. Nein sagen finde ich auch oft öde. (Noch öder, wenn mein Kind es sagt. Ausschliesslich und von morgens bis abends…). Und ich habe auch gemerkt, dass es oft unnötig ist und ein Ja (aber) netter. Gibt es Pfannkuchen? Ja, aber nicht heute. Kann ich noch mehr fernsehen? Ja, morgen wieder. Ich finde, das ist mehr als ein linguistischer Trick, es macht wirklich bessere Stimmung und betont ausserdem Vorfreude und Geduld. „Warum eigentlich nicht?“ aus den obigen Kommentaren finde ich auch cool. Nach dem ersten Nein kann man gut noch einlenken, nach dem zweiten (bei mir) aber bleibts dabei (also sag ich das nur, wenn ich auch bereits bin, es durchzusetzen (pick your fights). Fazit: kein fixer Ja-Tag bei uns, aber soviel Ja wie möglich. Und oft geht es mir ja auch gleich wie den Kids! Dann ist es schöner zu sagen: Oh ja, darauf hätte ich jetzt auch Lust. Vielleicht können wir das nächstes Mal machen. Klingt doch besser als: Nein, das geht nicht.

  7. Ach, liebe Veronika! Das schlechte Gewissen hab ich mir auch schon längst abgewöhnt… ha, ha… Und deine Idee finde ich wunderbar! Mal überlegen, ob ich mich das wirklich traue bei meiner wilden Horde?! Bis dahin halte ich mich einfach an deinen letzten Satz und überlebe… Ich finde dich wirklich wunderbar!! 🙂

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