Familie, Ich

Ich…

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…backe: Bananenmuffins. Seht ihr den ganz rechts? Yep, ich kann mich nie zurückhalten, wenn sie frisch aus dem Ofen kommen und MUSS einem den Kopf abreißen.

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…rieche: den Frühling. Viel zu früh – mein innerer Klimawandelpaniker panickt.

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…schaue: dem Knoblauch beim Wachsen zu.

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…schreibe: jeden Tag an meinem neuen Buch. So langsam dringe ich zum Kern vor. Dann erst macht die Bücherschreiberei richtig Spaß. Vorher ist das eine elende Quälerei.

…repariere: Berge von Kleidung. Ich habe die löchrigen Hosen lange genug ignoriert. Jetzt liegen sie wieder anziehbereit in den Schränken.

…überlege: wie ich mehr Zeit fürs Schreiben finde.

…spüre: dass die Erholung der Kur immer noch anhält.

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…schlafe: meistens wie ein Stein.

…nähe: mir endlich selbst ein Kleid. Das hatte ich mir diese Woche in meinem Planer („Heiliger Alltag“) in die Rubrik „Das mache ich für mich“ geschrieben.

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…komme: mit dem Putzen überhaupt nicht hinterher.

…habe: meine riesige Freude an Möbeln, denen neues Leben eingehaucht wird.

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…bete: für mein FREEDOM DINNER. Es sind schon eine ganze Reihe Leute an Bord, die am 6. April mitmachen. Es dürfen noch mehr werden! Die Türen zu den Esszimmern öffnen sich von Berlin bis an die Ostsee. Von den Alpen bis zum Rhein. Stellt euch vor, wir feiern an diesem Abend alle irgendwie gemeinsam – das ist eine grandiose Vorstellung. Bestell deinen Newsletter hier!

…lese: soviel, dass mir schwindlig wird. Henri Nouwen und Stephen King sind eine gewagte Mischung. Eine, die ich mag.

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…verwöhne: meine Gemüse-Aufzucht-Stationen, die ich im ganzen Haus verteilt habe.

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…lache: über unsere Tiere.

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…grübele: ob die Sache mit der neuen Frisur eine gute Idee war. Irgendwie hätte ich doch gerne mal etwas radikaleres als immer nur Pony. Überhaupt…sobald ich beim Frisör war, wandert nach fünf Minuten eh wieder ein Haargummi in die Frisur. Vielleicht muss ich mich einfach nur mit meinem älter werdenden Gesicht versöhnen!

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Familie, Glaube

Ein Tag, der mein ganzes Leben ist

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Wie ein ruhiger Fluß fließen meine Tage dahin. Manchmal sehne ich mich nach Stromschnellen, aber wenn ich sie dann überquere, kneife ich die Augen zu, halte mich fest und bete, dass ich nicht untergehe. Ja, manchmal hätte ich gerne mehr Abenteuer. Davon wurde früher so oft gesprochen…..oh ja, das Leben mit Jesus sei ein großes Abenteuer….warte nur ab…er hat für uns alle eine große Berufung.

Hust. Hust. 

Ich bin nach wie vor auf den ausgetretenen Pfaden meines Alltags unterwegs. Mein Leben unterscheidet sich nicht großartig von dem anderer Leute. Auch wenn ich doch so sehr dafür bete, einen Unterschied zu machen!!!

Ich stehe früh auf, bin kurzeitig verwirrt und taste nach meiner Brille. Mache Frühstück und ersticke die ersten Flammen eines aufziehenden Dramas am Tisch. Schicke die Kinder zur Schule, beantworte Emails, schiebe ein Gebet ein, plane, gestalte, schreibe. Koche. Höre meinen Kindern zu, tröste, ermahne. Mathehausaufgaben lassen unsere Köpfe rauchen, welche wir an der frischen Luft bei einer Runde durchs Dorf auslüften. Dann Abendessen. Fünf Worte mit meinem Lieblingsmann. Kinder ins Bett. Eine Runde Netflix, lesen, schlafen.

Annie Dillard sagte einmal: Wie wir unsere Tage verbringen, so verbringen wir natürlich unser ganzes Leben. 

Nein, es ist durchaus gar kein schlechtes Leben das ich führe. Aber ich frage mich, ob dieser Tag, den ich so verheißungsvoll mit einem Gebet starte und dann nicht mehr ganz so viel an Gott denke, kennzeichnend für mein ganzes Leben mit ihm ist.

Ja, ich glaube, das ist es. Und es ist ok – Mein Alltag ist nicht getrennt von ihm, nur weil ich keine geistlichen Höhenflüge unternehme. Gott hat mich hier hineingestellt.  In ein Leben aus Fleisch und Blut. Mit einer begrenzten Anzahl an Menschen. Mit meinen Aufgaben und Routinen. In diesen Körper und an diesen Ort.

Was, wenn Gott uns dazu geschaffen hat, unsere Tage mit all diesen kleinen, langweiligen Dingen zu füllen? Was, wenn ihm diese kleinen, langweiligen Dinge von Bedeutung sind, weil sie unser Leben sind?

Nein, ich unterscheide mich nicht groß von anderen Menschen. Ich baue Mist und fluche und nehme die Dinge großspurig selbst in die Hand. Ich fühle mich isoliert und unsicher und maure gerne hübsche Fassaden. Aber jeden Morgen, wenn ich weitsichtig und verwirrt nach meiner Brille taste, durchströmt mich Dankbarkeit wie ein Stromschlag. Ein neuer Tag. Eine kleine Auferstehung. Licht bricht durch. Ich blinzle und sage Danke für diesen Tag, von dem ich noch nicht weiß, ob er mich ruhig tragen oder durch Stromschnellen jagen wird. Ich gebe Gott meinen Vertrauensvorschuss für diesen Tag. Vertrauen, dass dieser Tag nicht umsonst ist. Ein Tag, der mein ganzes Leben ist.

 

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Freedom Dinner

FREEDOM DINNER

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Es begann alles mit einer kleinen Idee.

Wie wäre es, mal wieder Freunde einzuladen und so richtig gut zu essen?
Das machen wir viel zu selten. 

Hmmm. Klingt gut.

Aber es soll mehr sein als das…

Wie wäre es, gemeinsam zu essen und dabei Gutes zu tun?

Klingt schon besser!

 

Die Idee für FREEDOM DINNER war geboren!Freedom Dinner logo

 

Wie wäre es, Freunde einzuladen, richtig gut zu essen mit Live-Musik und Live-Lesung? Und was, wenn am gleichen Abend an vielen anderen Orten Menschen ebenfalls ihre Freunde an den Tisch einladen und Essen mit ihnen teilen? Und auch via Liveübertragung an Lesung und Musik teilnehmen?

Am Ende des Abends geht der Hut rum und jeder Gast darf spenden. Der Erlös geht an International Justice Mission.

Das ist eine Organisation, die sich für Abschaffung von Menschenhandel und Sklaverei einsetzt.

Wir wollen an diesem Abend also nicht nur mit den Menschen an unserem Tisch verbunden sein, sondern mit auch mit denen, welchen wir aus Unrecht und Sklaverei helfen möchten.

Ich bin ganz aufgeregt, dass diese Idee so langsam Hände und Füße bekommt!


Das Ganze geht so:

Wenn es jetzt bei dir zu kribbeln anfängt, dann veranstalte Dein eigenes
FREEDOM DINNER am 6. April.

Du kannst dich mit deinen Gästen an diesem Abend entweder via Facebook- oder Instagram Live bei uns dazuschalten. Ich werde etwas Neues aus „Willkommen an meinem Tisch“ lesen und Sally Grayson wird einige ihrer neuen Songs darbieten.

Bestell den Newsletter mit allen näheren Infos gleich hier!

Familie, Gedanken, Glaube

Was Anne Frank mit meinem Leben zu tun hat

Ich habe heute morgen dieses Kapitel ausgegraben, das ich ursprünglich für „Heiliger Alltag“ schrieb. Es schaffte es aber nicht ins Buch. Ich hole das Kapitel aus der Mottenkiste und lüfte es hier. Es passt gerade so gut zu meinem Leben!
Mach dir eine Tasse Kaffee und nimm dir 15 Minuten Zeit. Das hier ist ein bisschen länger als meine üblichen Blogeinträge….

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„O ja, ich will nicht umsonst gelebt haben wie die meisten Menschen. Ich will den Menschen, die um mich herum leben und mich doch nicht kennen, Freude und Nutzen bringen. Ich will fortleben, auch nach meinem Tod.“ – Anne Frank, Tagebucheintrag, 5. April 1944

Auf dem Schreibtisch stapeln sich Papiere, mein neues Buchprojekt verläuft schleppend, in meiner Inbox stauen sich unbeantwortete Emails, von denen ich sicher einige wieder übersehen werde, die Steuererklärung ist überfällig und das Katzenklo ist voll. Ich bin ein bisschen gelähmt angesichts des Arbeitsbergs. Soll ich den Anfang wagen oder einfach alles am Besten anzünden? Die Versuchung ist groß. „Mamaaaaa, ich will heute das blaue Shirt nicht anziehen, das ist doof!“ reißt mich meine  Tochter aus meinem Kopfkino. Seufzend zwinge ich mich dazu, ihr geduldig und liebevoll zu begegnen. „Komm, wir schauen mal nach, was dein Kleiderschrank hergibt.“ Ich öffne ihn und mir fällt ein Kleiderberg entgegen. Zeit, mal wieder auszumisten.

 

Am besten fange ich mit einer Tasse Kaffee und einer Runde Facebook an. Sozusagen als Aufwärmrunde vor der Bergbesteigung. Mein Kaffeekonsum ist dieser Tage Mount-Everest-mäßig. Am liebsten würde ich mir den ganzen Tag Katzenvideos auf Youtube ansehen und Schokoriegel futtern. Meine Kinder wären davon begeistert und ich wäre eine Weile die coolste Mutter auf Gottes Erdboden. Nach einer Stunde im Internet und nach dem dritten Kaffee fühle ich mich null aufgewärmt, sondern nur sehr müde. Ich schleppe mich auf meinen Arbeitsberg, der dummerweise in der Zwischenzeit nicht kleiner geworden ist.

Mein Alltag fühlt sich zur Zeit  so grau und unbedeutend an. Ich sehe nichts von Gottes Großartigkeit, keine Durchbrüche, kein grandioses Wachstum, kein Erleben. Das heiligste an mir ist momentan nur die hübsche Anstecknadel, die ich zur silbernen Konfirmation stolz entgegen genommen habe.

Ich zwinge mich jeden Tag zu schreiben. Gerne würde ich über etwas Großes schreiben. Stattdessen schreibe ich auf, dass ich müde und zornig bin, wo ich scheitere und wo ich Erfolg habe, was meine Kinder gesagt haben und dass mein Mann mich angelächelt hat, dass ich Apfelgelee gekocht habe und bald der erste Schnee fällt. Und dass ich dann im Garten einen Schnee-Engel machen werde.

Wenn ich dann lese, was ich geschrieben habe, schäme ich mich und mir wird dabei ein wenig schlecht. Klein, belanglos, klingt mein Leben. Scham. Sie steuert soviel von mir. Sie hat mich früher dazu bewegt, Seiten aus meinen Tagebüchern herauszureißen. Die Teile meines Lebens, die nicht meinen Idealen entsprachen, musste ich löschen.

Manchmal verbringen mein Mann und ich einen kompletten Tag in Amsterdam. Die Eltern meines Mannes wohnen an der niederländischen Grenze in einem typischen Backsteinhaus. Wenn wir sie besuchen, parken wir unsere Mädchen bei ihnen und fahren weiter Richtung Amsterdam. Dann drehen wir die Musik, die WIR mögen, im Autoradio bis zu äußersten Lautstärke auf, singen laut anstößige Lieder mit und futtern Schokolade, ohne dass wir sie mit gierigen Kindern teilen müssen. Das Leben kann so schön sein.

In Amsterdam werden wir immer ein wenig unvernünftig. Das liegt vielleicht an der Cannabis-geschwängerten Luft und den lockeren Sitten. Wir parken in der Innenstadt, wohlwissend, dass wir dafür ein Vermögen zahlen müssen. Und dann stopfen wir uns voll mit Strop-Waffeln, indonesischer Rijstafel und Chocomel. Nach einer Stunde in Amsterdam ist uns immer schlecht. Die Übelkeit kompensieren wir mit noch mehr Geld-Rausschmeißerei. Ich kaufe mir schrille Kleidung auf dem Flohmarkt, die besten Pralinen der Welt in der Staalstraat, Tulpenzwiebeln auf dem Blumenmarkt und Rembrandt-Playmobilfiguren. „Jetzt hab ich ein schlechtes Gewissen. Wir haben uns überfressen und eine Menge Plunder eingekauft. Wir sollten wenigstens noch ein bisschen Kultur machen“, ermahne ich uns beide. Ein Van-Gogh-Gemälde zu betrachten würde den luxuriösen Trip nach Amsterdam wenigstens ein bisschen rechtfertigen.

Aber Kunstmuseum erscheint uns zu anstrengend. Das Anne-Frank-Haus jedoch, das wollen wir uns ansehen. Ich kenne den Weg dorthin auswendig, durch einige kleine Gassen, über die Herengracht und Keizersgracht. Kreischende Möwen schweben über unseren Köpfen. Vorbei an jahrhundertealten Herrenhäusern. Durch die Grachten weht eisiger Wind. Und dann biegen wir in die Prinsengracht ein. Die Schlange vor dem Anne-Frank-Haus reicht bis zur Westerkerk, die Kirche, deren Glocken Anne Frank in ihrem Tagebuch beschrieb.

Mit 14 Jahren las ich zum ersten Mal das Tagebuch der Anne Frank. Im Anschluss begann ich sofort wieder von vorne und las es noch fünf weitere Male. Ich war ein von extremen Stimmungen geplagter Teenager und fühlte mich zum ersten Mal verstanden. Annes Worte sanken in mein Herz und beruhigten dort einen sehnsüchtigen Winkel. Ich war nicht wie Anne eingesperrt, ich musste mich nicht vor einem Feind verstecken. Aber ich war auf andere Weise eingesperrt, in einem Körper, den ich nicht mochte, in einem Wesen, das ich nicht sein wollte.

Jedes Mal hoffte ich, das Buch würde anders ausgehen. Dass es nicht mit dem 4. August 1944 endet, sondern damit, dass Anne den Krieg überlebt und sich ihren Traum erfüllt und als Schriftstellerin nach Paris geht. Ich bewunderte ihre Schreibgabe. Anne inspirierte mich, Tagebuch zu schreiben. Ich schrieb und schrieb.  Und dann riss ich Seiten raus, weil sie dem Vergleich nicht standhielten, weil ich mich für meine Alltäglichkeiten schämte. Meine Sehnsucht nach Gesehenwerden und Anerkennung verhallte unbeantwortet auf den Seiten meines eigenen Tagebuchs.

Wir bewegen uns stumm durch das Anne-Frank-Haus. Ich weine seit dem Betreten, es herrscht eine eigenartige Schwermut. Ich bin kein Teenager mehr, sondern Mutter. Und ich nehme Anne Frank nicht mehr als Gleichaltrige wahr, sondern aus der Mutter-Perspektive. An der Wand entdecke ich Bleistift-Markierungen. Margots und Annes Wachstums-Schübe, aufgezeichnet vom Vater. Bis sie nicht mehr weiter wachsen durften. Ich weine immer noch, als wir nach dem Rundgang durch das Versteck im Hinterhaus eine Multimedia-Show ansehen. Wegbegleiter Annes und berühmte Persönlichkeiten äußern sich zu ihr. Nelson Mandela erzählt, dass viele Häftlinge auf Robben Island Annes Worte gelesen hatten und neuen Mut schöpften.

Und meine Lieblingsschauspielerin Emma Thompson sagt in einer bewegenden Rede:

“All her would-haves are our opportunities.”

(Alle ihre potenziellen Möglichkeiten sind unsere echten Möglichkeiten)

Dieser Satz bleibt hängen. Ich kaufe mir eine Postkarte mit einem Bild von Anne und ihrer Schwester Margot. Das hänge ich mir daheim auf und schreibe darunter: „All her would-haves are my opportunities.“ Mein Alltag fühlt sich wieder bleiern an, wie schon vor unserem Amsterdam-Trip. Belanglose Tage reihen sich aneinander. Und dann sehe ich mir die Postkarte an. Wie viele von Annes Teenager-Tagen fühlten sich unwichtig und wie eine endlose Warterei an? Sie schrieb sie alle nieder und Gott nahm ihre Worte und schlug sie der Welt um die Ohren. Als Offenbarung, dass kein Leben zu klein, zu unbedeutend und wertlos ist. Als Beweis, dass in den verstecktesten Winkeln unseres Lebens Schönheit und Hoffnung zu finden sind. Als Aussicht auf unsere Möglichkeiten, die sich jeden Tag vor uns ausbreiten.

Im Gegensatz zu Anne darf ich in die Welt hinausrennen und meinen Mund weit aufreißen: „Ich liebe dich“ und „Ich bin dagegen“ und „Ich komme dich besuchen“ und „Ich will für Gerechtigkeit aufstehen“ und „Das machen wir jetzt“. Ich muss nicht flüstern, mich verstecken und meine Träume unterdrücken. Ich darf laut singen, lachen, schreien, heulen, planen. Ich darf jüdische und muslimische und atheistische Freunde haben und mit ihnen gemeinsam Essen teilen. Ich darf meine Gedanken öffentlich niederschreiben und die größte Angst ist die, eine schlechte Rezension zu erhalten.

Ich kann heute Morgen aufstehen und mit Gott reden. Ich kann die Waschmaschine anstellen, den Kühlschrank öffnen, Brot auf den Tisch stellen und meine Kinder wecken. Ich kann mit meinen Mädchen den pinken Morgenhimmel anschauen und sie dann zur Schule schicken. Ich kann meine Haare kämmen und dabei graue Strähnen entdecken. Ich darf heute einen Tag älter werden. Ich darf laut Musik hören und dabei Gemüse im Garten pflanzen. Ich darf Betten machen, die noch warm sind. Ich darf mit meiner Mutter, meinem Mann, meinem Nachbarn reden. Ich darf den Fernseher anschalten und für Beirut, Paris und Nigeria beten. Ich kann per App Geld spenden und Kleidung für Flüchtlinge sammeln. Ich darf reinen Wein einschenken und Essen kochen. Ich darf Kind Gottes sein und darüber reden. Ich darf meinen Mann küssen und meine Kinder nachts zudecken.

Unser Leben mit all seinen Möglichkeiten ist bereits ein heiliges Geschenk und wir müssen es nicht künstlich mit Bedeutung aufladen. Eugene H. Peterson sagt dazu: „Der biblische Glaube hat wenig Toleranz für „Große Ideen“, „grandiose Wahrheiten“ oder „inspirierende Gedanken“ abgetrennt von den Menschen und Orten an denen sie sich zutragen. Gottes große Liebe und seine Absichten mit uns werden hineingearbeitet in das Durcheinander, die Stürme, die Sünde, den blauen Himmel, den Alltag, in die Sehnsüchte unseres gewöhnlichen Lebens.“ (frei übersetzt aus The Message)

Die Postkarte hängt jetzt, ein halbes Jahr später, immer noch an ihrem Platz. Im Flur, wo ich täglich hundert Mal dran vorbei gehe. Und manchmal bleib ich bewusst stehen, schaue die Karte an. Annes Blick richtet sich zur Seite, in die Ferne. Das Kinn gereckt. Zu dem Zeitpunkt der Foto-Aufnahme ist sie noch frei. Wenige Monate später wird sie ein eingesperrtes Mädchen mit Stift und Tagebuch in der Hand sein. Zwei Jahre später wird sie in Bergen-Belsen sterben und in ein Massengrab geworfen werden. Eine Mahnung an mich, eine gereckte Faust in den Himmel.

„Ich will fortleben, auch nach meinem Tod“, schrieb Anne ein Jahr vor ihrem Tod in ihr Tagebuch. Diese Worte drücken eine Sehnsucht aus, die wir alle in uns tragen. Wir wollen etwas Größeres, Besonderes. Im Hier und Jetzt gibt es das aber nicht abgetrennt von unserem Leben. Das Große und Besondere kommt daher im Alltagsgewand. Still und leise. Anne schrieb einmal darüber, wie sie aus dem Dachfenster einen blühenden Kastanienbaum betrachtete. Es war eine so alltägliche, nebensächliche Sache, die Anne aber mit Leben und unbändiger Sehnsucht füllte. Ich stelle mir vor, wie sie ihre Hand ausstreckte und den Drang verspürte, nach draußen in den luftigen Mai-Tag zu rennen und unter dem Baum zu tanzen.

Das letzte halbe Jahr habe ich alles aufgeschrieben. Meine Stürme, meine Sünden, über den blauen Himmel und meinen Alltag, meine Sehnsüchte. Ich will lebendig sein, denn ich habe nur dieses eine Leben. Und Gott webt seine Liebe, seine Absichten, seine Möglichkeiten hinein.