Die Qual der (Schul-)Wahl

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Seit Amelie ihren Fuß in ein nahe gelegenes Gymnasium gesetzt hat, träumt sie davon, genau dort hin zu gehen. Es ist ein heller, moderner Ort. Kleine Klassen. Christliche Ausrichtung. Familiär. Mensa mit Bio-Essen (was meinem Bald-Fast-Vegetarier-Kind sehr entgegen kommt).

Der Haken an der Geschichte? Es gibt hier in der Umgebung noch eine weitere Handvoll guter Schulen, die in Frage kämen. Nicht nur Gymnasien.Und damit geht bei uns Eltern die Unsicherheit einher, OB WIR DIR RICHTIGE WAHL TREFFEN!!?? Was, wenn wir ganz aus Versehen und in bester Absicht unser Kind auf die falsche Schule schicken? Wo es genau in ihrer Klasse einen fiesen Bully gibt? Wo die Englischlehrerin und unser Kind völlig inkompatibel sind? Wo sich der Schulweg als die „tägliche Reise nach Mordor“ entpuppt? Wo der Lehrplan einfach eine Nummer zu groß für unser Mädchen ist?

Wir besuchen Info-Abend um Info-Abend. Die Tage der offenen Türen stehen uns noch bevor. Ich kann mich nicht erinnern, dass in meiner Kindheit so ein Zirkus um den Wechsel von Grundschule auf weiterführende Schule veranstaltet wurde. Da hieß es einfach vom Grundschullehrer: Das Kind geht aufs Gymnasium. Und hopp, schickten mich meine Eltern besten Gewissens und mit den uncoolsten Pausenbroten auf das einzige Gymnasium weit und breit. Nun, dort wurde ich alles andere als glücklich, nämlich eher gemobbt (von gewissen Lehrern) und verachtet (von einer ganzen Reihe von Mitschülern) und es lag nach ca. 8 Wochen bereits auf der Hand, dass ein naturwissenschaftliches Gymnasium nicht unbedingt meinen Gaben entsprach. Meine Schulzeit war wahrlich keine Glanzzeit und ich frohlockte, als ich nach der 10. Klasse einen Haken dahinter setzte, mir den Staub von den Schuhen schüttelte und mit meinem Leben fortfuhr, wie ich es für richtig hieß.

Nun könnte es sein, dass ich momentan meine eigenen schmerzlichen Schulerfahrungen auf mein Kind übertrage. Innere Panik vor einer NICHT WIEDER GUT ZU MACHENDEN ENTSCHEIDUNG!

Bis heute war mir das Helikoptern und Sorgen als Mutter weitgehend fremd. Ich bin die Mutter, die ihre Kinder nach den Hausaufgaben nach draußen schickt, dann oft nicht weiß, wo sie sich rumtreiben und darauf zähle, dass sie pünktlich zum Abendessen wieder daheim sind. Ich bin die Mutter, die ein robustes Vertrauen in ihre Kinder und ihren Gott hat. Ich muss nicht alles wissen und alles mikromanagen. Wie sollen sie denn zu selbständigen, selbst denkenden und handlungsfähigen Wesen heranwachsen, wenn ich ihnen jeden Schritt abnehme? Und jede Minute ihres Tages mit wohlmeinenden Aktivitäten bereichere? Nun gut, eine gehörige Bequemlichkeit als Mutter spielt dabei auch eine Rolle – aber das nenne ich einfach mal gesunden Selbstschutz und Egoismus, ja?

Und jetzt das. Der Schulwechsel, der mich aus meinen unerschütterlichen Muttersocken haut.

Haben wir denn unser Kind nicht zu einer robusten Grundschülern heranwachsen sehen? Ist sie nicht von Anfang mit einer gehörigen Portion Chuzpah und Lebensgier ausgestattet? Geht Gott nicht seinen Weg mit ihr, auf den wir als Eltern sowieso nur einen kleinen Einfluss haben? Wenn wir auch die falsche Entscheidung treffen, so wird sie nicht unumkehrbar und unheilbar sein.

Ihr Lebensheil hängt nicht von der richtigen Schulwahl ab. Ja, es wird Gegenwind kommen. In einer Form oder der anderen. Ja, es wird Zerbruch kommen, in der einen Form oder einer anderen. Liebeskummer, schlechte Noten und vielleicht noch Schlimmeres. Aber zwei Dinge werden unerschütterlich bleiben: Unsere Liebe zu ihr. Und Gottes Liebe zu ihr. Das sind doch die zwei Hauptzutaten für ein Leben, das abseits der Bildungshysterie stattfinden muss. Und das nur dann gelingt, wenn diese Liebe immer wieder beharrlich durchdringt. Vor allem in Zeiten von schlechten Noten und Schulstress und Angst und Sorge. Die Kinder lernen fürs Leben, aber das Lernen ist nicht ihr Leben.

Ich wünschte, ich vertraute meine Kinder einem Gott an, der ihnen den Weg ebnet und alles Schwere von ihnen fern hält. Aber so ist Gott nicht. Er mutet uns das Leben zu und ich vertraue meine Kinder einem Gott an, der ihren Weg mit ihnen geht. Das wird aber Sein Weg mit ihnen sein, nicht unserer…..so sehr wir auch Pro- und Contralisten über Schulen führen und uns unsere hübschen Mittelstandsköpfe zerbrechen.

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Die zwei Fotos sind fast 10 Jahre alt (waaaaah!!!). Amelie in Yale. Jaja, es gefiel uns sehr, sie dort zu sehen. Wenig wussten wir damals. So seligmachend wenig. Kinder großziehen ist ein einziges großes Loslassen. Von Träumen, Erwartungen und Ansprüchen. Aber was wir im Gegenzug bekommen ist soviel besser: Beziehung, Echtheit, Entspanntheit. 

 

 

 

 

 

 

 

 

14 Kommentare zu „Die Qual der (Schul-)Wahl

  1. Da bist Du wieder mal ganz schön als „Bedenken tragender Bedenkenträger“ reingerasselt. So dick muss man bei dem Thema nicht auftragen, weil man das Leben im Allgemeinen und wie hier im Speziellen immer von einem Schritt zum nächsten durchstabieren muss Das Ende von allem liegt im absoluten Nebel.
    Außerdem gibt es noch den guten alten Jesus (wenn es schon um christliche Schulen geht), der in Matthäus 6 die Sache ganz einfach auf den Punkt bringt:
    26 Seht euch die Vögel des Himmels an: Sie säen nicht, sie ernten nicht und sammeln keine Vorräte in Scheunen; euer himmlischer Vater ernährt sie. Seid ihr nicht viel mehr wert als sie? 27 Wer von euch kann mit all seiner Sorge sein Leben auch nur um eine kleine Zeitspanne verlängern? 28 Und was sorgt ihr euch um eure Kleidung? Lernt von den Lilien, die auf dem Feld wachsen: Sie arbeiten nicht und spinnen nicht. 29 Doch ich sage euch: Selbst Salomo war in all seiner Pracht nicht gekleidet wie eine von ihnen. 30 Wenn aber Gott schon das Gras so prächtig kleidet, das heute auf dem Feld steht und morgen ins Feuer geworfen wird, wie viel mehr dann euch, ihr Kleingläubigen! 31 Macht euch also keine Sorgen und fragt nicht: Was sollen wir essen? Was sollen wir trinken? Was sollen wir anziehen?
    Vers 31a (gerade neu ausgegraben) In welches Gymnasium sollen wir gehen?

  2. Hallo, ohja ich verstehe dich zu gut. Bei uns steht auch der Schulwechsel an und das Gespräch mit der Lehrerin hat uns auch nicht wirklich Klarheit gebracht. Jetzt hoffe ich das sich manches klärt wenn wir die einzelnen Schulen anschauen. Aber ich denke auch, es regelt sich irgendwie und egal welche Schule es kommen immer Hindernisse auf einen zu, die Frage ist nur wie man damit umgeht.

  3. Die Frage, die wir uns damals als Familie gestellt habe (und die ich als Lehrerin einer vierten Klasse auch bei den Gesprächen stelle) „Was passt zu ihrem Kind UND was passt zu ihnen als Familie?“ hat uns bei der Entscheidung damals sehr weitergeholfen. Wir haben deshalb unseren Sohn, trotz sehr gutem Einserschnitt und der Empfehlung „der muss unbedingt Latein lernen“, auf eine neu gegründete Gemeinschaftsschule geschickt. Es gab zuerst Widerstände von unserem Sohn und die Lehrerin war entsetzt , aber der Slogan „Wir machen Schule, sie Familie“ passte einfach zu uns und tut es immer noch (auch Kind 2 ist mit Gymnasialempfehlung dort sehr glücklich und unser Familienleben ist , ohne den ewigen Lern-und Hausaufgabendruck, viel entspannter als in der Grundschule. Beide sagen, sie gehen richtig gerne zur Schule). Im Nachhinein finde ich es auch sehr interessant, wie sehr meine Kinder durch den Kontakt mit ganz unterschiedlichen Kindern und Lebenssituationen gewachsen sind und welche Werte ihnen wichtig sind. Ich glaube , beim Wechsel auf unser örtliches Elitegymnasium (und es ist wirklich sehr elitär), wäre das nicht so eingetreten und viele gute , aber natürlich auch anstrengende Gespräche hätten so nicht stattgefunden.
    Ich glaube mit dieser Frage (oben), viel Vertrauen auf’s Bauchgefühlt und dem festen Willen, die Entscheidung miteinander zu treffen (und nicht sie dem Kind aufzubürden, was ich leider auch immer wieder erlebe), kann fast nichts schiefgehen. Und: Beim zweiten Kind wird’s leichter – versprochen!

    1. Tja wenn es so einfach wäre. Unser Sohn hat eine Lrs die aber bei der Notengebung nicht berücksichtigt wurde, daher jetzt Realschulempfehlung. Er selber möchte aber unbedingt aufs Gymnasium. Wir haben hier ein G9 Gymi das in den ersten 2 Jahren keine Mittagsschule hat. Dies würde ihm die Chance bieten sein Lrs Training das er täglich macht weiter durchzuziehen. Unsere Gemeinschaftsschule bietet in dieser Hinsicht leider keine Förderung, das Gymnasium allerdings schon. Die Lehrerin hat empfohlen er solle auf die Realschule und wenn er sich weiter so steigert wie in den letzten Monaten dann nach Klasse 6 aufs Gymnasium wechseln. Das halte ich für Unsinn wiederum. Und komischerweise bleiben mein Mann und ich doch ihr wieder am Gymnasium hängen, aber ob unser Bauchgefühl das Richtige ist? Wir and gespannt wie es weiter geht.

      1. Liebe Anna, so einfach wie es sich vielleicht liest, war es tatsächlich gar nicht. Mein Sohn war ab Klasse 2 an „der Grenze zur LRS“ ( so hatten es umfangreiche Tests ergeben). Unsere Gemeinschaftsschule bot ebenfalls keine Förderung an, so dass wir gemeinsam mit ihm mit einem speziellen Computerprogramm gelernt haben. Funktioniert hat das so für uns, weil eben die Lern-und Hausaufgabenlast bei der GMS weggefallen ist und wir dieses eine Thema intensiv angehen konnten. Unsere Tochter (jetzt Klasse 5) ist extrem schüchtern und passte, laut Klassenlehrerin Klasse 4 „eigentlich auf gar keine Schule“- eine extrem hilfreiche Empfehlung in einem Gespräch das sage und schreibe zehn Minuten gedauert hat (wir planen in unserer Schule 30 Minuten und oft mehr). Unser Bauchgefühl war also auch hier wieder sehr gefordert ;o)

      2. Liebe Melanie,
        mit welchem Computerprogramm habt ihr gearbeitet bzw. arbeitet ihr? Ich suche nach einer guten Unterstützung für meine Tochter, die auch ein Grenzergebnis hat.
        Liebe Grüße Kerstin

      3. Liebe Kerstin,
        das Programm heißt Gut1. Du findest es im unter dem Name im Internet .
        Herzliche Grüße
        Melanie

    2. Das Kommentar von Melanie könnte von mir sein!!!
      Wir stehen gerade mit unserem 2. Kind vor der gleichen Herausforderung und haben es beim 1. Kind 100 Prozent genau so gehandhabt wie Melanie (unbekannterweise). Und machen die gleichen Erfahrungen! Unser Kind geht plötzlich gerne zur Schule, ohne Druck.
      Nun hoffen wir, dass unser 2. Kind auch an dieser Schule genommen wird.
      Gott hat alles im Griff. Wir dürfen Ihn um seine Führung bitten und Er wird es wohl machen! IHM sei Dank!
      Das sage ich mir immer wieder:)

  4. Ich wünsch Euch ne gute Entscheidung :-). Bei uns war es zum Glück ganz einfach, es standen zwei Gymnasien zur Auswahl, wobei eines davon ohne Mittagsschule ist und sie über den Sommer mit dem Fahrrad dort hin fahren kann – somit stand unsere Wahl fest und wir haben das andere nicht mal angeschaut ;-). LG Miri

  5. es tut doch einfach gut, dass Gott uns gerade dann, wenn wir wieder mal ins Schleudern geraten neu vor Augen hält, was letztlich wirklich zählt. Es geht hier nicht um lebenswichtige Entscheidungen. Von unseren drei Kindern geht derzeit nur noch Eines zur Schule (11.Klasse) und zweimal war die Schulwahl tatsächlich nicht befriedigend, aber eben auch nicht unumkehrbar, sodass sich jeweils nach einem Wechsel in der 6.Klasse die Weichen neu stellten. Bei sämtlichen Infoveranstaltungen zeigen sich die Schulen ohnehin nur von der besten Seite und erst die Realität zeigt dann, ob es grundsätzlich passt. Also einfach offen und entspannt bleiben 🙂

  6. So lange es keine reine Mädchenschule ist…
    Uns nicht überall, wo christlich draufsteht, ist auch christlich drin.

    1. Sie hat bereits ihre Wunsch-Schule (siehe erster Absatz). Nur, die muss halt auch finanzierbar sein….Ihr Wunsch spielt mit eine Rolle, ist aber sicherlich nicht der Weisheit letzter Schluss.

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