Gedanken, Glaube

Mut

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Ich hatte mir zu Beginn des Jahres ein schönes Wort zurechtgelegt. Ein Motto. 

Nähe.

Dies sollte das Jahr sein, in dem ich einen Durchbruch wollte, herbeisehnte, heraufbeschwörte. Mit einem Wort.

Aber in den letzten Wochen wurde mir klar, dass Nähe nicht unbedingt durch Nähe wächst. Wir Menschen können nebeneinander leben, uns jeden Tag sehen, miteinander reden. Und doch keine echte Nähe spüren.

Ich schmeiße dieses Wort nun über Bord. Und angle mir dafür ein anderes. Eines, dass ich der Nähe voranstellen muss.

Mut.

Mut, ich zu sein. Mut, mich dem anderen zuzumuten, wie ich bin. Mut, dem anderen zu sagen, wie ich denke und fühle. Mut, das Risiko der Ablehnung einzugehen. Mut, mich mit meinem ganzen Ich mitten ins Leben zu werfen. Mut, Grenzen zu setzen und zu erweitern. Mut zu sagen, ich mag dich. Mut, mich zum Vollidioten zu machen. Mut, zu meiner Vergangenheit zu stehen. Mut zu sagen: Me Too. Mut, mich zu meinem Glauben zu bekennen. Mut, mich nicht zum Zentrum meines Universums zu machen.

Erst wenn ich die Angst und Schwäche in meinem Herzen benenne, kann ich Gott nahe kommen. Erst, wenn ich die Angst und Schwäche in meinem Herzen vor anderen Menschen bekenne, wächst Nähe.

Beides braucht Mut.

Ich wünschte, ich könnte den Mut festhalten, wenn ich ihn gefasst habe. Aber er ist wie ein Hauch, der wieder vorübergeht. Und nach dem ich jedes Mal neu suchen muss.

„Courage, dear heart,“ and the voice, she felt sure, was Aslan’s, and with the voice a delicious smell breathed in her face.“ C. S. Lewis

 

Gedanken, Glaube

Neuer Raum

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Ich wache zur Zeit immer mindestens eine Stunde vor dem Weckerklingeln auf. Manchmal mitten in der Nacht. Ich möchte mein Bett anschreien und ihm befehlen, mich sofort wieder in den Schlaf zu wiegen. Aber es starrt mich nur zerwühlt an. Seufzend steh ich auf, brühe mir koffeinfreien (!!) Kaffee. Dann starre ich meine Bibel an. Mein Schreibzeug. Frust liegt in der Luft. „Wie soll ich dich lesen, wenn ich gerade mit so vielen deiner Aussagen Probleme habe?“ Und dann doch wieder. Gute Worte. Jesusworte. An ihnen halte ich fest. An ihnen gibt es für mich nichts zu rütteln. Dafür rüttle ich umso mehr an anderen Glaubensdingen, die ich jahrelang für die unumstößliche Wahrheit hielt. Gott hat einen Plan für dein Leben. Gib nur Jesus alles ab, dann wird’s schon. Die Bibel ist in allen Dingen klar und eindeutig. Gott gibt uns nicht mehr, als wir tragen können. Die einen sind drinnen, die anderen draußen.

Dann nehme ich mein Schreibzeug zur Hand. Und schreibe: ….

….Mit meinem Glaubensleben war es in den letzten Jahren wie mit einem Zimmer, in dem ich mich zunehmend fremd fühlte. „Wer hat das hier so vollgestellt? Woher kommt all dieses Zeug?“ Ein zugemüllter Raum, der mir die Luft zum Atmen und Denken und Leben nahm. Dinge, die ich fraglos übernommen hatte. Dinge, die andere in mein Zimmer platzierten und ich aus angstvoller Höflichkeit nicht Nein gesagt hatte.

Was macht man denn, wenn ein Zimmer aus allen Nähten platzt? Man entrümpelt. Holt Kisten und Kartons und packt alles hinein. Die Möbel stellt man in den Flur. Manches wandert sofort auf den Sperrmüll. Weg, weg damit. Und dann?

Der Raum ist leer. Licht flutet hinein. Es kommt an Stellen, die jahrelang keines mehr gesehen haben. Meine Stimme hallt in der Leere. Wird von den Wänden als Echo zurückgeworfen. Zunächst Panik. Verlorenheit. Wie will ich denn nun diesen Raum gestalten? Was darf wieder hinein? Was nicht mehr?

Ich stelle etwas hierhin und dorthin. Prüfe. Verschiebe. Besorge ein gewagtes Möbelstück, das nicht harmonisch ins Gesamtbild passt. Hole ein altes Stück vom Sperrmüll zurück, dessen Wert ich übersehen habe. Ich brauche Neues. Und Altes. Nebeneinander. Gewagte Stilbrüche. Ich möchte mich selbst in diesem Zimmer wiederkennen und nicht den Stil anderer kopieren.

Nun lade ich zögerlich andere in meinen neuen Raum ein, der immer noch kleine Baustellen hat. Aber ich mute es den Menschen zu, meine „Unfertigkeit“ auszuhalten.

Aber Moment! Etwas fehlt noch. Das Herzstück. In die Mitte des Raumes kommt das Sofa. Groß ist es. Ich möchte, dass Jesus hier mit mir abhängt. „Gefällt es dir hier?“ frage ich ängstlich. „Ehrlich gesagt,“ gibt er zurück „ist mir deine Einrichtung nicht so wichtig. Hauptsache wir beide sind zusammen.“ Kurze Pause. „Aber die Couch. Ja, die gefällt mir. Wo hast du die her?“

 

 

Bilder, Familie, Fun, Fundstücke

Nostalgieanfall

Ich leide an unheilbarer Nostalgie. Alles, was vor 1970 hergestellt wurde, entlockt mir sehnsuchtsvolle Seufzer. Ich horte alte Stoffe, Kleider, Möbel, Kinderspielzeug, Bücher. Ihr Design erzählt von einer Zeit, in der lieblose Massenproduktion und Wegwerfmentalität eine untergeordnete Rolle spielten. Ich liebe Museen, Flohmärkte….alles, was meine „Krankheit“ füttert.

Gestern unternahmen wir einen Trip zurück in die Geschichte. Sommer 1945, um genau zu sein. Wir waren im Freilandmuseum Wackershofen, das sich an diesem Wochenende in eine lebendige Ausstellung verwandelt hatte. Rund 100 Darsteller erweckten die Nachkriegszeit zum Leben, bis hinein in die winzigsten Details. Mal abgesehen davon, dass ich die Mode von damals ziemlich rattenscharf finde, wurde mir auch wieder klar, vor welcher Herausforderung Deutschland und überhaupt die Weltgemeinschaft stand. Heute wissen wir im Rückblick vom schnellen wirtschaftlichen Aufschwung, der Einführung der Demokratie, der relativen Unabhängigkeit von den Siegermächten. Diesen Blick konnten unsere Vorfahren 1945 nicht haben. Da war erstmal Überleben angesagt. Das Suchen nach vermissten Angehörigen. Schuttwegräumen. Alpträume bekämpfen. Flirten mit den Amis. Das Wegdrängen der Scham. Hoffnungslosigkeit. Kleine Lebensfreuden.

All das wurde gestern vor unseren Augen lebendig. Ich hätte alle Darsteller für ihre sagenhafte Leistung umarmen können.

Und weil ich ja unheilbare Nostalgikerin bin, habe ich mich mit meinen Mädels gleich mal als Darsteller für das nächste „lebendige Museum“ angemeldet. Jetzt brauch ich nur noch ein paar rattenscharfe Kittelschürzen und Kopftücher…..

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Familie, Verlosung

Septemberlich

IMG_0712_edited-1Ferien zu Ende. Mutter glücklich…..und sehr sehr sentimental. Wie kann es sein, dass da plötzlich zwei hochgeschossene Mädchen vor mir stehen, die jetzt in die 2. und 4. Klasse kommen?

Heute früh habe ich mit besonders viel Liebe ihre Pausenbrote belegt, ihre Haare frisiert und sorgfältig darauf geachtet, dass auch alles gepackt ist. Meine eigene frühmorgendliche Motivation wird genau so schnell abflachen wie ihre guten Vorsätze, ab jetzt gaaaaanz ordentlich zu sein und fleißig zu lernen. Aber dafür liebe ich ja den September. Pausenbrote und Frisuren und Vorsätze und Schulhefte glänzen den ganzen Monat lang. Danach bröckelt der Glanz und Alltag wird einkehren.

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Ich bin froh, meine Mädels wiederzuhaben. Eine ganze Woche lang ohne sie….war zwar schön, aber auch so still. Und langweilig. Keine bunten Bastelsachen belagerten den Esstisch. Keine Gute-Nacht-Rituale, die den Übergang vom Tag zur Nacht markierten. Keine stürmischen Zuneigungsbezeugungen (oder Hass-Ausbrüche). Keine wilden Erzählungen und Kicheranfälle.

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Diese neue Woche mit Schulanfang und septemberlichem Feeling ist eine ganz besondere für mich:

Mein Buch „Frühling Sommer Herbst Familie“ ist endlich auf dem Markt. Ich hab mit meinen Kindern ein ganz Jahr lang an diesem Buch getüftelt, Projekte ausprobiert (ein Gruß in Richtung Matschküche….) und über unser Leben geschrieben, dass sich eng am langsamen Rhythmus der Jahreszeiten orientiert. Ich freu mich so sehr, dieses wunderschön gestaltete Buch in den Händen zu halten!

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Wenn ihr ein Exemplar gewinnen wollt, dann hüpft rüber zu meinem Insta-Account. Dort läuft noch bis morgen Vormittag eine Verlosung.

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Familie

Muttersein ist ein Verb.

IMG_0622_edited-1Unsere letzte Ferienwoche ist die erste Woche meines Lieblingsmonats. Ich blühe auf wie eine Primel im Februar, die monatelang mürrisch im Boden ausharrte. Ich habe die meiste Zeit der Hitzewochen mürrisch und schwitzend in verdunkelten Räumen verbracht. Jetzt komme ich ans Licht. Das schöne spätsommerliche Licht, das einem zärtlich übers Haupt fährt und nicht brutal ins Gesicht zu boxt.

Es waren langsame Wochen. Ferien daheim. Ohne Unternehmungsterror. Wir hatten nur zwei  Sachen auf unserer Sommerliste: Zoo und Rothenburg ob der Tauber. Haben wir beides abgehakt und für sehr gut befunden. Wir haben im Zelt geschlafen und sind abends an den See. Amelie war für eine Woche im Schwarzwald auf einer crossover-Freizeit und kam voller Geschichten und Glückseligkeit wieder nach Hause. Josefine hat sich gelangweilt und Freunde getroffen.

Ihre letzte Ferienwoche sind beide Mädels bei Oma und Opa. Wie meinte Armin gestern so schön, als wir noch spätabends am Neckar Hand in Hand entlangmschlenderten? „Eine Win-Win-Win-Situation.“ Win 1: Die Kids sind glücklich und vermissen uns kein bisschen. Win 2: Die Großeltern sind selig. Win 3: Wir kommen zur Ruhe und genießen den Duft der Freiheit.

Zum ersten Mal seit fast 10 Jahren spüre ich wieder, wie es sich anfühlt, wenn ich über meine Zeit zu 100 % verfügen kann. Jedes Telefonat kann ich ohne Unterbrechungen zu Ende führen. Ich kann mir scharfe marokkanische Gerichte kochen. Ohne dass jemand meckert. Ich glotze tagsüber die zweite Staffel „Anne with an E“. Ich kann stundenlang schreiben und arbeiten. Gedanken zu Ende denken. Ich kann meinen Wanderrucksack packen und einen ganzen Tag lang in den Löwensteiner Bergen verschwinden. Ich kann auf ein Konzert gehen und mit einer Freundin durch die Stadt bummeln. Sicher kann ich vieles davon auch machen, wenn die Kinder da sind. Aber ganz ehrlich: dazu fehlt mir die Energie.

In dieser Woche spüre ich etwas von der „alten lebendigen Veronika“ in mir – die, die ich vor den Kindern war. Und die ich tatsächlich immer noch bin. Nur bin ich in den letzten zehn Jahren mit meiner Mutterrolle verschmolzen und habe mich dabei selbst ein bisschen verloren. In dieser Woche lerne ich:

Mein Muttersein ist nicht meine Identität. Muttersein ist ein Verb. Eine Tätigkeit. Eine Beziehung.

Sie macht nur einen Stück von mir aus. Es gibt Teile von mir, die davon immer noch unberührt sind und in mir schlummern. Die schon vorher da waren und auch hinterher noch da sein werden. Ich bekomme diese Woche einen Geschmack davon. Und dieser Geschmack gefällt mir ungemein. Denn meine große Furcht, ich könne mich im Familienleben verlieren, ist unbegründet. Und dann gibt es anderes in mir, was erst durch mein Muttersein aufgeblüht ist….

Mit diesem Wissen kann ich die nächsten 10 Jahre mit meinen Kindern gelassen angehen. Ich freue mich auf meine beiden Süßen. Es ist doch auf Dauer etwas …. still im Haus. Mir fehlt mein Sidekick Josefine in der Küche, der mir Mehl, Butter und Zucker abwiegt. Mir fehlen Amelies Lachen und ihre Geschichten. Mir fehlt sogar das Quietschen des Trampolins. Ich bin so furchtbar gerne Mutter mit allen Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Staunen, Wehmut, Sorgen, Stolz und Ratlosigkeit.

Aber ich bin auch so furchtbar gerne Gottes Kind, das er mit so viel Interessen und Leidenschaften und Schrullen ausgestattet und auf die Erde gepflanzt hat: „Da, lebe in Beziehungen!“ Das ist doch mein primärer Auftrag.

In Beziehung leben mit unseren Kindern. Mit unserem Partner. Mit unseren Familien und Freunden und Nachbarn. Mit denen, die uns tagtäglich so schwer fallen. Mit denen, die uns aufrichten. Mit denen, die uns brauchen. In Beziehung leben mit unserem Gott. Mit uns selbst. Mit der Schöpfung. Mit unseren Fähigkeiten und Leidenschaften und Aufträgen.

In dieser Woche, in der ich alleine bin habe ich eine neue Liebe zu meiner Familie gewonnen. Zu meiner Arbeit. Zum Schreiben. Zur Schöpfung. Und zu meinem Gott.

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