Mutter! Was für ein Tag!

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Muttertag ist schon ein bisschen überfrachtet mit Erwartungen, richtig? Genauso wie Hochzeitstag, Geburtstag und die ultimative High-Expectations-Zone Weihnachten. Er fing gut an, der Tag aller Mütter. Oder die Mutter aller Tage: Ausschlafen dürfen. Kaffee und Geschenke ans Bett. Ach, mehr brauche ich doch gar nicht als diese wunderbaren selbst gemachten Geschenke und Karten und Gutscheine, in die meine Kinder all ihre Liebe gestopft haben. Und mein Mann – der Schenk-Experte – hat mir direkt noch das Gilmore-Girls-Kochbuch oben drauf gepackt. Da saß ich inmitten von Geschenkpapier und Kaffee und glücklichen Kindern und dem Gefühl, vielleicht doch ein paar Sachen richtig gemacht zu haben.

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Ab da ging’s dann aber leider bergab. Mit dem Talfahrt-Express Richtung Frontal-Crash. Der kam dann am Nachmittag. Das Wohlbefinden meiner Mädchen und meiner selbst war am Tiefpunkt, Langeweile hat zu nicht enden wollenden Konflikten geführt, meine Erwartungshaltung war – ach, wie so oft! – hoch. Der Talfahrt-Express hielt im Tal der Tränen. Dort verweilten wir eine ganze lange Weile. Und dann schafften wir es, unsere Befindlichkeiten zu sortieren, uns alle aufs Sofa zu verfrachten, während mein Mann hektisch Taschentuch-Nachschub besorgte.

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Wir holten unser Familienandachtsbuch raus und lasen die Geschichte von Noah. Wie passend, dachte ich. Wir hatten heute ja auch unsere kleine Flut: Da herrschten Zorn und Wut und Enttäuschung und scharfe Worte. Eine große Wasserflut spülte sie hinweg. Und gegen Ende die Hoffnung, das Ölblatt, das Weitermachenwollen, das Vergebenwollen. Der letzte Satz der Andacht lautete: „Sie lagen sich gegenseitig in den Armen und lachten und weinten vor Freude.“

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Und genau so war es. Das letzte Quentchen Anspannung löste sich auf und wir mussten lachen, während uns noch ein Rest Tränen in den Augenwinkeln hing.

Wir mussten raus an diesem Nachmittag, etwas ganz anderes sehen. Da fiel mir mein letzter Blogeintrag ein…von wegen, ich schaff es nicht mehr ins Museum! Also schauten wir uns moderne Kunst in der Kunsthalle Würth in Schwäbisch Hall an. Uns stellten sich viele, sehr viele Rätsel in den Weg, die wir wild und frei interpretierten: Der Berg aus viel Salz und wenig Reis? Eine versalzene Mahlzeit, die den Künstler inspiriert hat. Eine aufgeschnittene Leinwand? Der Künstler leidet unter schwerer Scheren-Phobie. Eine Instant-Chicken-Soup-Illustration? Andy Warhol hatte wohl nie Zeit zum Kochen.

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Zum Abendessen wollten wir in ein beliebtes chinesisches Restaurant, welches in der Online-Welt hoch gepriesen wird. War natürlich ausgebucht. Meine Kinder wollten gerade das Heulen anfangen. Ein gestrenger Blick von Mama und Papa und sie rissen sich mit bebenden Lippen zusammen. Auf dem Weg zurück zum Auto kamen wir an einem unscheinbaren vietnamesichen Restaurant vorbei. Tja, und am Ende waren wir froh, dass wir nicht in China, sondern in Vietnam gelandet waren. Das war die bisher beste Mahlzeit des Jahres! Ich fühlte mich, als säße ich mitten in einem kleinen Straßenlokal in Saigon, wo ich Nudeln mit Rindfleisch, Koriander und Chili schlürfte.

Tja, so ist das, wenn man unbedingt nach China will. Und dann an einem ganz anderen Ort landet. Wir müssen den Kreislauf aus Erwartung, Enttäuschung, Hoffnung, „Auferstehung“ immer und immer wieder durchlaufen. Nicht jeder Muttertag geht freudig zu Ende. Nicht jedes enttäuschende Erlebnis erfährt am Ende die freudige Auflösung. Vieles verstehen wir nicht. Vieles stellt uns vor Rätsel. Aber ganz oft scheinen Hoffnung und Auferstehung bereits durch.

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PS: Morgen Abend bin ich mit dem Vortrag „Heiliger Alltag“ im Cellarium in Knittlingen! Sehen wir uns dort?

4 Kommentare zu „Mutter! Was für ein Tag!

  1. Ich bin immer wieder erstaunt, wie toll du es schaffst so inspirierend über „unperfekten“ Alltag zu schreiben. Egal ob dieser Alltag meinem ähnlich ist oder nicht (in diesem Fall theoretisch nicht, da ich keine Mutter bin) – ich fühle mich in irgendeiner Art und Weise angesprochen und ermutigt.
    Danke dafür!
    Lieben Gruß, Constanze

  2. Ohja.. die (zu hohen) Erwartungen kenne ich nur zu gut. Das endet dann immer in Drama und Tränen. Schön, dass ihr euch noch aufgerafft hat!

  3. Danke, danke, danke, für diesen unperfekten Muttertagsbeitrag. Mein Muttertag war auch eher zum Abgewöhnen und ganz schnell vergessen 😉 aber so ist das manchmal, wenn 4 unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen Familie sein wollen, ne. Danke fürs Teilen und danke fürs bloggen. Ich schau immer wieder gern bei dir vorbei! LG Manuela

  4. Das ging mir auch schon oft so: Gerade an den Tagen und Ereignissen, von denen ich am meisten erwarte, ist es noch viel „schlimmer“ als an normalen Tagen, wenn es nicht so läuft, wie ich es erwarte.
    Dann muss ich mich sehr anstrengen (manchmal gelingt es auch 😉 ), loszulassen und an den Spruch zu denken: „Wenn nicht geschieht, was Du willst, wird Besseres geschehen.“ (Mir fällt grad momentan nicht ein, von wem der ist.).
    Und schon oft hat Gott mich in diesen Momenten überrascht und beschenkt, zwar mit anderem, aber mit viel mehr und Besserem als ich eigentlich ursprünglich erwartet hatte. 🙂

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