Sturmtief

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Es gibt Tage, an denen ist das Schließen der Kinderzimmertüren und die anschließende Ruhe die allergrößte Erlösung. Ihr hättet gerade den Freudensprung sehen müssen, den ich vollführt habe. Kein Dora-the-Explorer-Geplärre, keine epischen Handtuchschlachten und Badezimmerüberflutungen, keine geschwisterlichen Zusammenstöße, kein Türenschlagen, keine Tonleiterübungen, kein Bitteln und Betteln um eine weitere Geschichte. Nur süße, watteweiche Ruhe. Bis auf den Sturm, der seit Tagen im Kamin heult.

Den Bilderbuch-Advent haben wir heute nicht erlebt. Aber den gibt es ja sowieso nicht – das ist ein Idealbild, welches uns die grenzdebile Milkawerbung untergejubelt hat. Stattdessen jede Menge Anfälle. Meinerseits. Und kinderseits. Chaos, das sich in alle Winkel dieses Hauses ausdehnte, wenn ich nicht höllisch aufpasste. Alle paar Stunden habe ich zum Wegräumen von Schulsachen, Verkleidungskram und Bananenschalen trompetet. Hat wenig genützt. Meine Kinder sind wie Ameisen. Völlig taub. Aber leider nicht so uneigennützig fleißig. Ab wann verliert ein Mensch eigentlich seinen kindlichen Egozentrismus? Wächst man da überhaupt je wirklich raus? Ich frage mich an solchen Tagen, wie ich meinen Kindern beibringen kann, dass sie nicht das Zentrum des Geschehens sind. Aber erstmal sollte ich mir für diese Erziehungsmaßnahme ein besseres Timing als die Weihnachtszeit suchen. Herrje, die Überhäufung an Geschenken und Events. Fördert ja mal gar nicht die Anspruchshaltung.

On top gab’s dann noch ein paar vorpubertäre Rotzigkeiten, die mir echt den Tag vermiest haben. Wenn mir die Worte an den Kopf knallen und dort explodieren, dann kann ich das überhaupt nicht cool abtun oder ignorieren. Ein Kind muss lernen, was es darf und was nicht. Familie ist die kleinste Zelle der Gemeinschaft, Kinder müssen hier fit werden für den Umgang mit Menschen in ihrem Umfeld. Sie dürfen hier ausprobieren. Aber bei Grenzüberschreitungen gibt’s halt Konsequenzen. Ja Mann, wir sind echt altmodisch, verhängen Strafen und so. Ist ja heutzutage total verpönt und total anti-attaching. IMG_9990_edited-1

Nachmittags hab ich mich aus dem Haus geschlichen, weil ich dringend frische Luft brauchte. „Lass sie doch die Bude abbrennen“, dachte ich mir und ließ mich vom Sturm durchpusten. Manchmal braucht man räumlichen Abstand, eine Fuhre kalter Luft und etwas Vitamin D, um wieder auf den Anderen zugehen zu können. Also wanderte ich eine Weile durch den Garten, entdeckte einen entwurzelten Baum, bewunderte mein erstes Permakultur-Beet und Armins meisterliche Erweiterung des Kaninchenstalls.

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Nein, dachte ich, als ich so gegen den Wind anstapfte. Advent ist echt kein süßliche Idyll, sondern die Zuversicht, dass es mitten im Sturm Hoffnung gibt. Die Umstände sind selten  ideal und so oft mehr Mühseligkeit als Lebkuchen-Jingle-Bells-Welt. Unsere Versuche das Leben, Weihnachten, die Erziehung unserer Kinder zu meistern, sind eher unbeholfen als meisterlich. Aber ich hoffe auf den, der Meister alles Lebens ist und an Weihnachten ebenfalls als unbeholfenes Kind in die Welt gekommen ist. Mitten hinein in den Sturm.

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10 Kommentare zu „Sturmtief

  1. Oh wow. Was für ein harter Tag – das wird echt in jeder Zeile spürbar. Fühl dich gedrückt. Auf das morgen alles besser wird. Und denk dran – im Advent muss gar nix Jinglebellsig sein 😚

  2. Liebe Veronika,
    gerade gestern hatte ich einen ähnlichen Tag und sass am Abend auf dem Sofa und habe gedacht : „Die Veronika hat sich auch schon lange nicht mehr gemeldet“…
    Deine Beiträge sind für mich kleine Inseln im Alltag, in denen ich alles liegen lasse und das was du schreibst auf mich wirken lasse. Oft denke ich, so fühle ich auch oder so denke ich auch – aber ich könnte es nie so gut und in so tollen Bildern ausdrücken. Manche Beiträge sprechen mich auch nicht so an, aber das müssen sie auch nicht.
    Vielen Dank, liebe Veronika, dass du deine Gedanken mit uns teilst! So wertvoll!
    Ich wünsche dir und deiner Familie bereits jetzt schöne und gesegnete Weihnachtstage – nicht solche wie im Bilderbuch, sondern solche, die das echte Leben schreibt.
    Cornelia

  3. Liebe Veronika! Danke, dass du deine Gedanken immer wieder mit uns teilst. Es geht mir gleich wie Cornelia. – Eine Frage: Ist das Buch zu empfehlen?? Es sieht sehr spannend aus 🙂 Liebe Grüsse Sonja

    1. Hallo Sonja, Danke für deinen Kommentar! Ich hatte das Buch halb durchgelesen – es ist aber doch eher für die amerikanische Gesellschaft geschrieben…. Liebe Grüße zurück

  4. Guten morgen ,
    eben hab ich deinen Beitrag gelesen und könnte mich so reindenken .
    Meine Kinderphase ist abgeschlossen und doch bläst mir grad der Sturm so wild ins Gesicht , dass ich mich oft kaum aufrecht halten kann.
    Danke für deine Ermutigung , ja so ist manchmal das Leben , wie gut , dass auch wieder ruhiger Zeiten kommen !
    Sturmerprobt , das macht uns stark .
    Wünsch dir immer wieder ruhige Zeiten
    und eine gesegnete Adventszeit ,
    Es ist schon schön , wenn die Kinder noch Zuhause sind , auch wenn es manchmal wild ist !
    Grüssle Anne

  5. Danke, Veronika, für deine befreiend ehrlichen Zeilen. Sitze hier zwischen sechzig Umzugskisten und kein bisschen Weihnachtsdeko und bin durch dich daran erinnert worden, dass Advent sich auch schrecklich chaotisch anfühlen darf und eigentlich noch nie besinnlich war. Jetzt geht’s mir schon wieder ein bisschen besser. Ich pack dann mal weiter. Liebste Grüße!

    1. Hi liebe Jenny! Ihr zieht um – wow, was für ein Kraftakt. Ich hoffe, dass es bald geschafft ist? Wenn der Advent anstrengend und chaotisch ist, dann denke ich immer an Maria. Die hatte es auch nicht besinnlich und musste hochschwanger auf einem Esel durch die judäische Wüste reiten. Danach ging’s dann gleich weiter auf die Flucht. Entsprach sicher nicht ihrer Wunschvorstellung 🙂
      Viel Kraft dir und deiner Familie! Habt trotzdem gesegnete Weihnachten…

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