Noch ein Umzug.

Es ist das Jahr der Veränderungen. Vor einer fürchtete ich mich besonders. Aber nun, da sie eingetreten ist, empfinde ich sie gar nicht als so schlimm. Sie ist eher wie zu starker Kaffee: Bitter und dunkel, aber gleichzeitig belebend und aufregend.

Meine Eltern sind in ihren Alterssitz umgezogen. In das kleine Nachbarhäuschen unseres „ehemaligen“ Hofes. Für meinen Vati war es der erste Umzug seines Lebens. Am Montag fuhren wir meine Eltern in ihrem neuen Zuhause besuchen. Die letzten Meter führten wie immer am Waldrand entlang und als wir dann nicht wie gewohnt nach links, sondern rechts abbogen, hielt ich die Luft an. „Nein!“ wollte ich rufen „Armin, wo fährst du denn HIN??“ Aber das ist nun der neue Weg. Knirschend bogen wir in die Einfahrt ein. Im Fenster brannte Licht. Ich wartete auf den emotionalen Knock-Out. Fühlte in mich hinein. Nichts.

Sollte es vielleicht doch nicht zum inneren Zusammenbruch kommen? Immerhin hänge ich mindestens so stark an dem Hof wie unsere Josefine an ihrem Kuschelkissen. Er ist mein Ausgangspunkt, mein Zufluchtsort, mein Wurzelgeber, ja….auch mein Kuschelkissen irgendwie. Wenn ich ihn betrete, überfluten mich 1000 Erinnerungen und dann noch ein paar mehr.  Jede knarzende Bodendiele, der Geruch des Flurs, das Gefühl der Klaviertasten unter meinen Fingern und der Klang der Haustür haben sich in mein Gedächtnis für immer eingebrannt.

Aber nun stand ich vor einer anderen Haustür. Zögernd öffnete ich sie. Hier war auch alles vertraut. Anders. Aber gut. Mein Vati kam mir lächelnd entgegen. Wenn er lächelt, strahlt sein ganzes Wesen. Und in dem Moment wusste ich, dass alles ok sein würde. Er drückte mich. Und dann sah ich mich in ihrem neuen Zuhause um.

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Erst am nächsten Tag traute ich mich in unser altes Haus. Die Räume seltsam anders, nackt und ihres Lebens beraubt. Über 100 Jahre Geschichte liegt dort rum und wird gesichtet, aussortiert, verschenkt. Ich ging von Zimmer zu Zimmer, lauschte nach vertrauten Bodendielen, entdeckte alte hebräische Liebeserklärungen an der Wand und Nazischriften auf dem Küchentisch (diese heben meine Eltern aus geschichtlichen Gründen auf). 1936, 1959 und 1993 kamen zum Vorschein.

IMG_3519_edited-1IMG_3521IMG_3528IMG_3525IMG_3527-2IMG_3535_edited-1IMG_3531Aber das Seltsame ist: Selbst als ich dort noch wohnte, sehnte ich mich nach dem Hof. Obwohl ich doch dort war! So wie man sich nach seinem Kind sehnt, das doch nur im Zimmer nebenan schläft. Vielleicht war es ja auch nur ein kleiner Vorgeschmack auf mein ewiges Zuhause, das kurze Lüften des Schleiers. Wie ein Gutschein, den ich in die Hand gedrückt bekommen habe, aber erst später einlösen kann.

Es wird immer ein Stück mein Zuhause bleiben. Denn ich werde noch in 20 Jahren wissen, wo die besten Pilze wachsen und wie nasses Pappellaub riecht und wie der Himmel an einem Sommertag klingt. IMG_3533_edited-1IMG_3534_edited-1IMG_3512_edited-1IMG_3506_edited-1IMG_3507_edited-1IMG_3473_edited-1

6 Kommentare zu „Noch ein Umzug.

  1. Ich liebe Deine Fotos so sehr, Veronika!
    Da werden selbst ungemachte Betten zu Kundstwerken ;-).
    Danke für Deine zahlreichen und wertvollen Gedanken, in denen ich mich so oft wiederfinde und verstanden fühle, wie selten sonst.
    Gott segne besonders Deine Arbeit als Mama, Autorin und Fotografin.
    Lieben Gruß
    Susanne

  2. Hallo Veronika,
    ja, mit geht es so wie dir. Du hast das wirklich sehr schön und treffend ausgedrückt bzw. fotografiert …. Ich kann deine Gedanken so gut nachvollziehen.
    Martin

  3. Liebe Veronika! Vielen Dank für diesen berührenden Einblick! Ich kann die Sehnsucht, die Erinnerungen und die Dankbarkeit fast schon greifen! Alles Gute dir! Elina

  4. Liebe Veronika, heute hat mich Dein Buch zu Hause erwartet, da ich 8 Tage mit meinem Mann in unserer alten Heimat war, da ein lieber Freund im Alter von 81 Jahren plötzlich verstorben ist. Das Buch ist wunderschön, die Fotos sind sehr stimmungsvoll und laden zum Träumen ein. Vielen lieben Dank für diesen wunderschönen Buchgewinn. Alles Liebe Theresia

  5. Hallo Veronika,
    bei aller Wehmut die mitklingt, kam mir sofort in den Kopf, dass ich deine Eltern wahnsinnig mutig finde!
    Nochmal neue Wege gehen, anpacken, aussortieren, Aufbruch statt Einrosten. Geliebtes hinter sich lassen und neugierig Schritte auf neuem Boden machen. Sich reduzieren aber dafür Platz machen für neue Erfahrungen, Ideen und Gedanken.
    Ich wünsche euch allen, dass ihr die alte Heimat im Herzen bewahrt und in der neuen viele schöne Momente gemeinsam erlebt!
    Alles Liebe
    Jule

  6. Danke für die ehrlichen Einblicke und die wunderschönen Bilder aus deinem Leben. Ich warte immer schon hart auf deinen nächsten Beitrag und lasse mich so gerne inspirieren!
    Alles Gute auch für deine Eltern in ihrem neuen Heim, sieht toll aus! Liebe Grüße – Karoline

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