Familie

Herbstferien unspektakulär.

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Ich schreibe diesen Blogbeitrag mit meinem kleinen Mädchen neben mir. Sie ist genauso früh aufgewacht wie ich und alle Versuche, sie wieder ins Bett zu schicken, waren vergebens. Sie will hier sitzen, mir beim Schreiben zusehen und dabei ihre Puppe im Arm halten. Normalerweise macht mir die Zeitumstellung nie etwas aus, aber in dieser Woche leide ich an Jetlag.

Seit ich Kinder habe, sind mir die frühen Morgenstunden immer die liebsten Stunden. Wenn ich dem Tag zusehe, wie er sich langsam reckt und streckt und Farbe bekommt. Dabei ein bisschen lesen, schreiben, in Ruhe Kaffee trinken.

Eigentlich wären wir jetzt in Lissabon oder an einem anderen Ort. Mit dem Verreisen hat es in den Herbstferien aber mal gar nicht geklappt. Mangelnde Motivation und körperliche Gebrechen haben uns einen Strich durch die Rechnung gemacht. Wir sind also zu Hause geblieben. Die ersten Tage nagte der Wohlstandsfrust an mir: Alle anderen verreisen und machen coole Sachen, nur wir nicht. Ich bin zum größten Langweiler geworden und seit wann finde ich Stricken und Lesen und Brettspiele anziehender als Reisen? Wann bin ich bitteschön zur Ober-Ommi mutiert??

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Da stand ich also mit meinem Jetlag und FOMO-Zustand (Fear Of Missing Out) am Montagmorgen in der Küche und hörte meine Kinder die Treppe runterpoltern. Sie hatten beide lange geschlafen und jetzt lag ein ganzer freier süßer Tag vor ihnen, den sie nach Herzenslust gestalten konnten. Nach dem Frühstück holte Amelie ihr Schreibzeug, um an einer Geschichte weiterzuschreiben. Sie kaute an ihrem Bleistift, überlegte, schrieb, radierte und las mir jeden neuen Abschnitt vor. Josefine schnappte sich den kleinen gelben Hocker, stellte sich ans Waschbecken und machte den Abwasch. Wobei sie weit mehr Spülmittel verwendete als empfohlen. Die Herstellung eines Seifenschaumbergs ist nun mal weitaus aufregender als ein gezielt-effizienter Abwasch. Später verlagerten sich die Tätigkeiten aufs Malen und Puppenspielen. Ich ließ mich vom interessengeleitetem Spiel meiner Kindern anstecken und verzog mich in mein Arbeitszimmer, um an einem Kleid für Josefine weiter zu nähen und dabei Hossa-Talk zu hören. Nachmittags buken die Kinder Schoko-Cookies und brauchten nur minimal meinen Beistand. Abends schnappte ich mir Amelie und wir unternahmen eine Fackelwanderung um den Ebni-See. Die Luft roch nach Frost, am sternenklaren Himmel stand ein dicker Halbmond, der sich im See zusammen mit den Fackeln spiegelte.

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Vielleicht brauchen wir ja genau davon mehr? Von diesen unverplanten Tagen, an denen wir nur zusammen sind? Wo Raum ist für spontane Brettspiele, Gespräche, Bücher und Ausflüge? Es sind keine „vergeudeten“ Tage, sondern Zeiträume, in denen wir unsere Beziehungen stärken, lernen, Wurzeln an diesem Ort schlagen und immer mehr ein Gefühl der Zugehörigkeit entwickeln. Vielleicht ist die Sehnsucht genau danach – Zugehörigkeit!-  momentan bei uns allen größer als die Reiselust.

Unsere Bücherregale biegen sich unter der Last von Reiseführern und Alben voller Fotos von vergangenen Abenteuern, aber unsere Hände und Herzen suchen nach einer Heimat, einem Ankerort, an dem unsere Körper und Seelen zur Ruhe kommen.

Also bleiben wir. Ganz ohne FOMO. Wir klinken uns ganz ungeniert aus dem Aktivitäten-Terror aus und pflegen unsere innere Ommi.

 

 

Familie

Herbstparty

IMG_3751_edited-1Vor Jahren – die Mädchen waren noch im Kindergarten – wurde die Idee zu unserer Herbstparty geboren. Ganz simpel aus dem Grund, weil wir fürchterlich gerne feiern und Blätterschlachten veranstalten und Zimtschnecken essen und Freunde einladen. Zumindest ist eine Herbstparty eine viel freundlichere Sause als das gruselüberladene Halloween, das meinen Kindern höllisch Angst macht (nicht weil wir es verteufeln, sondern wegen der blutig entstellten Kids, die an unserer Haustür klingeln).

Was zunächst nur eine vage Idee, ein kleiner Same, die Lust aufs Feiern war, hat sich zu einer jährlichen Tradition gemausert. Wir wollen sie nicht missen. Auch wenn die größeren Kinder mittlerweile mit den Augen rollen, wenn ich begeistert schreie: „Auf zur Blätterschlacht!!“ Und dann sind sie doch mit Feuereifer dabei….die kleinen Möchtegern-Teenies.

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Ernährung, Familie, Freundschaften, Gedanken

Feuer und Nebel

Soviele Gedankenfetzen wabern durch meinen Kopf. Es fällt mir schwer, sie alle einzusammeln und in geordneter Form hier wiederzugeben. Seit Tagen blinkt der Cursor in diesem Feld, lockt mich, aber ich versteck mich lieber mit einem Becher „Goldener Milch“ (unser neues Lieblingsgetränk) vor dem brennenden Kamin.

So sehr ich das Schreiben liebe, manchmal scheint es mich auch zu verspotten. Vor allem, wenn in meinem Kopf Nebel herrscht. Diesen Zustand habe ich seit einigen Monaten. Es fällt mir unfassbar schwer, mich zu konzentrieren. Ich hab es einige Zeit auf die kräftezehrende Umbauphase geschoben – aber es könnte auch hormonell bedingt sein. Jetzt pump ich mich also voll mit Magnesium, Zink, Vitamin B6, Mönchspfeffer…und Goldener Milch. Ich achte auf genug Schlaf. Und ich esse weniger Kohlehydrate sowie Zucker.

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Der Herbst ist die beste Zeit, um in sich zu gehen und zu entscheiden, was wegfallen kann. Sowie die Bäume ihre Blätter loslassen, kann auch ich meinen Griff lockern. Ich lasse die Vorstellungen los, dass unser Haus endlich fertig werden müsse. Ich lasse Aufgaben los, die im Moment einfach nicht meine Aufgaben sind. Ich lasse ungesunde Verhaltensmuster los. Ich lasse die Angst los, zu kurz zu kommen.

Ich setze mich jeden Morgen an den Schreibtisch und zwinge meine Gedanken zur Ordnung. Das Internet schalte ich ab. Manchmal kommt richtig viel und manchmal quetsche ich mühsam zwei, drei Sätze raus. Das neue Buch nimmt Gestalt an. Ein Mini-Schritt nach dem anderen. Ich lerne immer wieder: Schreiben erfordert mehr Disziplin als Inspiration. Mittenrein klingelt das Telefon. Mein Verlag ist dran. Heiliger Alltag ist ausverkauft und eine neue Auflage gibt es erst im nächsten Jahr. Voraussichtlich Mai. Ich juble und heule. Ja super! Was soll ich denn jetzt auf meinen Lesungen verkaufen? Einen warmen Händedruck und mein schönstes Lächeln?

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Apropos Lesung. Am Samstag redete ich erst bei einem Frauenfrühstück in Würzburg und anschließend war ich mit meiner lieben Freundin Rita in der Stadt unterwegs. Eigentlich wollte ich ja ganz viel Fotos machen, aber vor lauter Lachen, Reden und Essen kam ich kaum dazu. Aber lieber eine leere Speicherkarte als ein leeres Leben.

IMG_9659IMG_9656IMG_9657_edited-1Der einsetzende Regen auf der Heimfahrt machte mich noch ein bisschen glücklicher. Perfektes Wetter um endlich unseren Kamin einzuweihen. Und wie wir ihn einweihen! Wenn die Kinder mittags aus der Schule kommen, ächzen sie vor lauter Hitze und reißen sich Strumpfhosen und Shirts vom Leib. Aber mir egal. Ich liebe liebe liebe Feuer. (Jemand von euch hat mich nach dem Fabrikat gefragt. Wir haben den Globe Fire Isodora. Nettes, heißes Ding!).

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Letzte Woche kam die Holzlieferung und ich dachte zuerst: „Hurra“! Und dann dachte ich „Mist“! Das ganze Holz muss ja irgendwie in den Schuppen. Josefine und ich schufteten drei Nachmittage lang, bis wir alles verstaut hatten. Sie war eine unermüdliche Helferin. Nichts liebt sie mehr, als mit einem von uns Erwachsenen zusammen zu arbeiten und dabei ohne Punkt und Komma zu reden. Ich liebe diese Stunden mit ihr alleine im Holzschuppen oder in der Küche oder im Garten. Wenn der Fokus auf der Arbeit liegt, lösen sich die Worte oft sehr viel leichter.

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Dieser Tage findet man mich meistens auf dem gelben Sessel am Feuer. Dort stricke ich ein paar Hausschuhe für Amelie oder lese in meinem gigantomanischen Bücherstapel oder schaue Netflix. Orange is the New Black hab ich nun auch endlich durch. Selten hat mich eine Serie so stark bewegt und zum Heulen und Wüten und Nachdenken gebracht. Letztendlich ist mir wieder bewusst geworden: Hinter jedem Menschen steckt eine Geschichte. IMG_9674

Deshalb schreibe ich, auch wenn der Kopf voller Nebel und die Finger voller Blei sind. Es stecken noch einige Geschichten in mir, die raus wollen.

Das Feuer ist mittlerweile zu einem kleinen Haufen Glut geschrumpft, Bett und Buch rufen.

Ich wünsche euch allen eine erholsame Nacht und  bunte Herbsttage!

  • Was ist dein Lieblingsgetränk im Herbst?
  • Was musst du in deiner jetzigen Lebensphase loslassen?
  • Schreibst du deine Geschichte auf?
  • Welche Serie hat dich bisher am stärksten bewegt?

 

 

 

Gedanken

Alles hat seine Zeit

Ich sitze bei iranischen Bekannten im Wohnzimmer und wir diskutieren über Weltpolitik, Freiheit und Flucht. Die kleine Tochter flitzt um unsere Beine, ihre schwarzen Augen blitzen vor vergnügter Frechheit und ihre Locken wippen mit unserem Lachen um die Wette. Der Teenie-Sohn setzt sich fünf Minuten höflich zu uns, bis er  einsieht, dass Erwachsene schrecklich langweilig und kleine Schwestern fürchterlich nervig sind. „Ich mag meine Arbeit nicht,“ eröffnet der Vater das nächste Thema. Bevor ich einen banalen Trost aussprechen kann, fährt er fort: „Aber das nicht schlimm. Ich fange mit dieser Arbeit an. Und ich mache jeden Tag. Lerne mehr Deutsch, lerne mehr dazu. Dann vielleicht besser Job.“ Im Iran hatte er eine anspruchsvolle, ausfüllende Arbeit. Aber dann kam ihm die Regierung in die Quere und machte mächtig Stress. Mächtig Stress hat im Iran eine ganz andere Tragweite als hier.

Ich zitiere eine Bibelstelle. Das tue ich wirklich höchst selten, weil es in den meisten Situationen aufgesetzt und….irgendwie besserwisserisch wirkt. Aber da wir schon eine halbe Stunde vorher frei von der Leber weg über den Islam, die Bibel, Christen und den Bahai geredet haben, werfe ich ein:

Alles hat seine Zeit. 
Zerstören hat seine Zeit, und Bauen hat seine Zeit.
Weinen hat seine Zeit, und Lachen hat seine Zeit;
Klagen hat seine Zeit, und Tanzen hat seine Zeit.
Krieg hat seine Zeit,und Friede hat seine Zeit.

Der iranische Familienvater versteht und nickt lächelnd. Ja, auch ein bescheidener Job hat seine Zeit. Heimweh und Fremdsein hat seine Zeit. Irgendwann wird wieder die Zeit des Frühlings kommen.

Wir verabschieden uns an diesem Abend auf Persisch und ich bin froh, dass wir diesen warmen Oktoberabend gemeinsam verbracht haben.

Wenn ich auf unser Jahr zurückblicke, erkenne ich nun auch immer klarer, wie alles seine Zeit gebraucht hat.

Einreißen und Aufbauen.

Andere bekochen und tausend Baumarkt-Fahrten.

Pflanzen und Ausreißen.

Erschöpfung und Ausdauer.

Aufbewahren und Wegwerfen.

Umzug und Ankommen.

Fremdsein und erste Kontakte.

Wachsen von Freundschaften und leere Tage im Kalender.

Freude über das, was geworden ist.

Das Ernten der Früchte.

Zeit für Dinge, die mir Freude machen.

Zeit mit Menschen.

Ich war mir Anfang des Jahres sicher, dass ich in ferner Zukunft kaffeetrinkend auf unserer neuen Terrasse sitzen würde. Nur gab es bis zu diesem Punkt tausend Jobs, die ich überhaupt nicht mochte, die schwer waren, die alles von mir forderten. Gäbe es diesen uralten Rhythmus nicht, wie ihn König Salomo beschreibt, dann gäbe es auch keine Hoffnung. Und Hoffnung hält uns am Leben, Hoffnung ist ein Vertrauensvorschuss in die Zukunft, Hoffnung ist ein kleines Stück Glaube daran, dass irgendwann manches gut werden wird.

Wir sind im Werden, Wachsen, immer mittendrin in der Veränderung. Als einzelner Mensch, als Familien und als Völker. Das war zu Zeiten Salomos nicht anders als heute. Gut, dass er den uralten Rhythmus der Menschheit aufgeschrieben hat. Ich kehre immer wieder zu seinen Worten zurück, wenn ich der Zukunft einen Vertrauensvorschuss geben muss.IMG_3582_edited-1IMG_3579IMG_3585_edited-1IMG_3601_edited-1IMG_3591_edited-1IMG_3583_edited-1IMG_3594_edited-1IMG_3597_edited-1IMG_3595.

PS: Am kommenden Samstag, den 21. Oktober bin in der EFG Würzburg. Kommt doch vorbei in die Annastr. 12a zum Frauenfrühstück. Start ist um 9.30 Uhr. Ich freu mich auf euch!!

 

Familie, Freundschaften, Gedanken, Haushalt, Musik, Schreiben

Ein Klavier, Bücher und Sonstiges

IMG_3569_edited-1Eigentlich müsste ich jetzt schnell zum Supermarkt (kein Klopapier mehr!) und danach die Fenster putzen (Fruchtfliegeninvasion!). Aber es ist gerade so schön ruhig, ich kann das Wochenende nahen fühlen und in mir klingt diese Woche nach, die aufgeschrieben werden will. Also lasse ich mich auf meinen Lieblingsplatz am Fenster nieder, sehe den Bäumen zu, wie sie ihr Laubkleid ändern, trinke eine Tasse Tee und blicke zurück.

Es war eine richtig gute Woche, vollgestopft mit Menschen und Lärm und Musik und Büchern und Erkenntnissen und Arbeit. Ich habe natürlich wie immer nicht alles geschafft, was ich zu Wochenanfang geplant hatte. Die Terrasse wartet seit Wochen (ha, eigentlich Monaten) darauf, fertig gestrichen zu werden. Ich hoffe, dass sie nicht unter unseren Füßen wegfault. Vielleicht mache ich mich morgen an die Arbeit. Oft ist nur der erste Schritt – die Überwindung! – das Schwerste. Danach läuft’s wie am Schnürchen, weil man seinen Rhythmus gefunden hat. Das gleiche Prinzip gilt fürs Schreiben. Jeden Vormittag sitze ich nun wieder am Schreibtisch, brüte über Ideen und warte auf die Muse, die selten vorbei kommt. Manchmal schaffe ich drei Seiten. An anderen Tagen drei Sätze. Und die sind manchmal noch nicht mal gut. Schreiben ist 90% Disziplin und 10% Inspiration. Soviel habe ich mittlerweile gelernt. Es ist kein glamouröses Leben.

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Aber wenn mich die Muse im Stich lässt, setze ich mich neuerdings ans Klavier und spiele eine Runde Beethoven oder Bach. JAAAA!!!!! Wir haben endlich ein Klavier!!!! Armin und ich haben seit Jahren darüber geredet, wie es denn wäre, so ein superschickimicki Instrument im Wohnzimmer stehen zu haben. Am Dienstag klingelten die Spedition-Männer an der Haustür und hievten das Klavier meiner Eltern in unser Wohnzimmer. Wir waren ein bisschen in der Versuchung eines  Loriot-Reenactments (Ein Klavier, ein Klavier!), aber ich war zu dem Zeitpunkt gar nicht daheim – nur Armin.

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Unsere Freude über das Klavier ist aber ganz und gar nicht so unter-enthusiastisch wie in dem Loriot-Sketch. Im Gegenteil. Die meisten Kämpfe dieser Tage? Wer wann ans Klavier darf. Da fliegen schon mal die Fetzen und danach wird rachmaninoff-esk in die Tasten gehauen.

Neben dem Klavier wartet ein Stapel Bücher. Neue Bibliothek bedeutet eine ganze Menge neuer Bücher. Jetzt kämpfen sie mit Netflix um die Vormachtstellung. Nun gut: mit „Orange Is The New Black“ bin ich fast durch (dieses Drama hat mich schon nächtelang wachgehalten!!). Also steht langen Leseabenden nix mehr im Wege. Außer ich verfalle einer neuen Netflix-Serie (Empfehlungen??).

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Seit Monaten wollte ich den Kindern Hausschuhe stricken und filzen und hatte mich nie daran gewagt, weil ich dachte: Ui, das ist bestimmt viel zu schwer für mich. Pustekuchen! Es gibt kaum etwas Leichteres und die Dinger sind ruckzuck fertiggestrickt. Ganz nach meinem Geschmack.

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Mit Amelie war ich im Stoffladen und sie hat sich einen rot-weiß-gepunkteten Jersey ausgesucht. „Nähst du mir daraus ein Oberteil, Mama?“ Ach ja, mein liebes Kind. Sicher, sicher. In vier Monaten zwischen 3 und 4 Uhr früh – da wär noch was frei in meinem Kalender. Oder vielleicht morgen? Statt Terrasse streichen??

Wir leben uns hier langsam gut ein. Diese Woche bin ich zweimal eingeladen worden und es waren jedes Mal so schöne Stunden am Esstisch von supernetten, interessanten Frauen. Ich fühl mich so sehr beschenkt – ich kann’s euch gar nicht sagen! Der Wegzug aus unserem alten Ort war nicht das Ende der Welt, sondern hat Platz für neue Menschen geschaffen. Ich bin nicht so gut darin neue Freundschaften zu schließen (ich alte Sozial-Phobikerin!), umso dankbarer bin ich für Frauen, die einen Schritt weitergehen und ihre Tür für mich öffnen.

Und alles geschieht immer mittendrin im Alltags-Wahnsinn, der natürlich auch weitergeht mit seinen Hausaufgaben, verlorenen Jacken, Fruchtfliegeninvasionen, Apfelgelee-Kochen, Elternabenden, Mahnungen, Baumarkt-Fahrten, Kinderzimmerchaos.

Weil das alles noch nicht reicht, sagt mein Körper so: Haha! Ätsch. Bock auf einen neuen Hormon-Cocktail?
Ich so: Nein danke, der letzte nach der Geburt hat mir echt gereicht. Ich hatte danach sooooo einen Kater!
Mein Körper: Mir doch egal. Hier, bitteschön. Willkommen in der Prämenopause. Das wird toll! 

Fazit: Es wird niemals langweilig. Und wenn doch, lauert hinter der nächsten Kurve schon irgendwas.

Falls euch doch langweilig sein sollte, dann kommt morgen Abend nach Meckesheim/Heidelberg zu einem Lese- und Musikabend mit Sally und mir! Nähere Infos hier. Wir freuen uns darauf, dich kennenzulernen! 

Habt ein schönes Wochenende!

Familie

Noch ein Umzug.

Es ist das Jahr der Veränderungen. Vor einer fürchtete ich mich besonders. Aber nun, da sie eingetreten ist, empfinde ich sie gar nicht als so schlimm. Sie ist eher wie zu starker Kaffee: Bitter und dunkel, aber gleichzeitig belebend und aufregend.

Meine Eltern sind in ihren Alterssitz umgezogen. In das kleine Nachbarhäuschen unseres „ehemaligen“ Hofes. Für meinen Vati war es der erste Umzug seines Lebens. Am Montag fuhren wir meine Eltern in ihrem neuen Zuhause besuchen. Die letzten Meter führten wie immer am Waldrand entlang und als wir dann nicht wie gewohnt nach links, sondern rechts abbogen, hielt ich die Luft an. „Nein!“ wollte ich rufen „Armin, wo fährst du denn HIN??“ Aber das ist nun der neue Weg. Knirschend bogen wir in die Einfahrt ein. Im Fenster brannte Licht. Ich wartete auf den emotionalen Knock-Out. Fühlte in mich hinein. Nichts.

Sollte es vielleicht doch nicht zum inneren Zusammenbruch kommen? Immerhin hänge ich mindestens so stark an dem Hof wie unsere Josefine an ihrem Kuschelkissen. Er ist mein Ausgangspunkt, mein Zufluchtsort, mein Wurzelgeber, ja….auch mein Kuschelkissen irgendwie. Wenn ich ihn betrete, überfluten mich 1000 Erinnerungen und dann noch ein paar mehr.  Jede knarzende Bodendiele, der Geruch des Flurs, das Gefühl der Klaviertasten unter meinen Fingern und der Klang der Haustür haben sich in mein Gedächtnis für immer eingebrannt.

Aber nun stand ich vor einer anderen Haustür. Zögernd öffnete ich sie. Hier war auch alles vertraut. Anders. Aber gut. Mein Vati kam mir lächelnd entgegen. Wenn er lächelt, strahlt sein ganzes Wesen. Und in dem Moment wusste ich, dass alles ok sein würde. Er drückte mich. Und dann sah ich mich in ihrem neuen Zuhause um.

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Erst am nächsten Tag traute ich mich in unser altes Haus. Die Räume seltsam anders, nackt und ihres Lebens beraubt. Über 100 Jahre Geschichte liegt dort rum und wird gesichtet, aussortiert, verschenkt. Ich ging von Zimmer zu Zimmer, lauschte nach vertrauten Bodendielen, entdeckte alte hebräische Liebeserklärungen an der Wand und Nazischriften auf dem Küchentisch (diese heben meine Eltern aus geschichtlichen Gründen auf). 1936, 1959 und 1993 kamen zum Vorschein.

IMG_3519_edited-1IMG_3521IMG_3528IMG_3525IMG_3527-2IMG_3535_edited-1IMG_3531Aber das Seltsame ist: Selbst als ich dort noch wohnte, sehnte ich mich nach dem Hof. Obwohl ich doch dort war! So wie man sich nach seinem Kind sehnt, das doch nur im Zimmer nebenan schläft. Vielleicht war es ja auch nur ein kleiner Vorgeschmack auf mein ewiges Zuhause, das kurze Lüften des Schleiers. Wie ein Gutschein, den ich in die Hand gedrückt bekommen habe, aber erst später einlösen kann.

Es wird immer ein Stück mein Zuhause bleiben. Denn ich werde noch in 20 Jahren wissen, wo die besten Pilze wachsen und wie nasses Pappellaub riecht und wie der Himmel an einem Sommertag klingt. IMG_3533_edited-1IMG_3534_edited-1IMG_3512_edited-1IMG_3506_edited-1IMG_3507_edited-1IMG_3473_edited-1

Familie, Gedanken, Hobbies

Zuviel des Guten

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In unserem Briefkasten steckt jede Woche ein Provinzkäseblatt. Ich nehme es gerne als Unterlage für Brownies Katzenfutternäpfe. Am liebsten platziere ich diese auf den Promi-News. Whiskasflecken machen sich wahnsinnig gut auf dem Liebesleben von Kim Kardashian. Den Nachruf auf Hugh Hefner heb ich mir aber auf zum Auslegen des Hasenkäfigs. Bunnyköttel gefällig?

Aber bevor ich die Zeitung zweckentfremde lese ich sie von A bis Z durch. Zuerst die Todesanzeigen. Dann die amtlichen Bekanntmachungen, gefolgt von den kirchlichen Nachrichten. Mein persönliches Schmankerl sind die Veranstaltungstipps: Butterstampfen im Freilichtmuseum, Achtsamkeits-Workshops im Wald, Kürbis-, Kastanien-, Wein-, Pilz- und Apfelfest, Flohmarkt, Mittelaltertage, Halbmarathon für Einbeinige, Erlebnismarkt, Kinderkino, Maislabyrinth, Führungen durchs Atomkraftwerk und und und….. Man könnte meinen, kein einziger Mensch verbringt mehr das Wochenende in den eigenen vier Wänden, sondern hetzt vom Babybasar zur Kleinkunstbühne, vom verkaufsoffenen Sonntagen zur Vernissage. Ich finde viele der Veranstaltungen sehr verlockend, aber der Gedanken an deren Fülle schießt mir mehr Adrenalin ins Blut als jeder Sprung vom 10-Meter-Brett. Wir leiden nicht nur an materiellem Überfluss, sondern steuern auch in unseren Kalendern auf einen Kollaps zu. An dieser Stelle schlage ich das Käseblatt entschlossen zu und führe es seinem eigentlichen Zweck zu.

Es war wie immer ein Wochenende voll wunderbarer Veranstaltungen….und wir waren nicht dabei.  Aber auch daheim erschlägt mich die Fülle an Angeboten: Bücherstapel, Strickzeug, Herbstwald, Marmelade kochen, Bastel- und Nähprojekte, Kaffee-Einladungen, Briefeschreiben….. Ich werde mit guten Dingen überschüttet und kann diesen ganzen Segen, in dem ich lebe, gar nicht aufnehmen. Wie ein Schwamm, der kein Wasser mehr aufnehmen kann, weil er bereits gesättigt ist.

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Heute morgen beim Erntedank-Frühstück schmierte sich Josefine ein halbes Glas Nutella auf ihren Pfannkuchen. Ich ermahnte sie: „Mäßige dich, Kind!“ Sie sah mich mit diesem fragenden Blick an, den sie aufsetzt, wenn sie an meinem Verstand zweifelt. „Was soll denn DAS heißen??“. Also erklärte ich ihr die Bedeutung des Wortes „mäßigen“. Auf einmal fielen uns so viele Dinge ein, bei denen wir uns mäßigen müssen. Alles gute Dinge wie Nutella, tolle Events, Bloggen, Schuhe-shoppen und Kaffeetrinken. Der Wert einer Sache steigt doch immer damit, dass sie nicht inflationär wird.

Dieses Wochenende habe ich mir Weniges herausgepickt: ein bisschen lesen, ein DIY-Projekt, viel Pumpkin-Spice-Kaffee trinken und dem Herbst zuschauen, ein bisschen stricken, Birnen-Brombeer-Crumble backen, Ernte-Dank-Körbchen packen, giftige Pilze sammeln (Unwissentlich hatte ich statt Wiesenchampignons die giftigen Karbolchampignons gepflückt. Danke Wikipedia, du hast uns vor einer nächtlichen Kotz-Orgie bewahrt!).

Ich muss immer wieder mein Gutes auf Weniges beschränken, damit meine Seele darin nicht ertrinkt.

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