Familie, Gedanken

Analoges August-Leben

IMG_2421_edited-1Hab ich nicht im letzten Beitrag groß getönt, dass ich auch in den Ferien vom Bloggen nicht loskomme? Und dann habe ich vor lauter Sommer….tja, das Bloggen vergessen. Es gab und gibt soviel Wichtigeres, als vor einem Bildschirm zu versumpfen. Vor allem, wenn die Tage bereits merklich kürzer werden, die Nächte kühler und man die verbleibenden Sommerabende an zwei Händen abzählen kann. Herbstzeit ist dann wieder Schreib- und Pflichten- und Schulzeit, aber jetzt ist Lebe-Zeit. Ihr findet mich weniger am Schreibtisch und mehr im Garten, wo ich mein erstes Beet mit Erdbeeren bepflanze, und bei den Brombeerhecken, und in der Küche wo ich Kinderhorden füttere, und auf der Terrasse mit meinem Mann beim abendlichen Schwatz und auf der Couch mit einem guten Buch. Die letzten Augusttage erinnern mich daran, dass alles Gute vorübergeht und ich es niemals festhalten kann. Gerade deshalb will ich das Gute würdigen, alles andere wär a Schand.

Vorgestern saß ich noch lange mit Armin auf der Terrasse und wälzte mit ihm die Frage, ob ich nicht doch endlich ein Smartphone bräuchte, einen weiteren Bildschirm, der mich an sich fesseln würde (ihr merkt, das Thema ist für mich hochkontrovers). Ich betrachtete jedes Für und Wider mikroskopisch genau. Fragte mich ehrlich, ob ich mich weiterhin einem gesellschaftlichen Trend verweigern könnte. Und ob ich mich nur aus purem Trotz verweigerte. Würde ich den Anschluss verpassen, zur technikfeindlichen Omma werden? Oder würde ich mir nur ein Smartphone anschaffen, weil mich die Leute mittlerweile verwundert anstarren, wenn aus meiner Handtasche der peinliche Nokia-Klingelton erschallt?

Am Ende entschied dieser Punkt den Wettstreit zwischen Für und Wider:

Wenn ich in den Urlaub fahre, dann bin ich offline. So richtig altmodisch offline! Digital Detox! Es geht mir richtig RICHTIG gut. Ich höre mich dann endlich mal wieder denken ohne die Versuchung: Oh, das muss ich googeln. Ich habe Lebe-Zeit ohne Likes und Blogs und Tweets und Whatsapps (hab ich übrigens auf meinem Laptop installiert, den ich auf Reisen immer daheim lasse). Diese Woche war ich bei meiner Schwester in Wiesbaden, analog, face-to-face statt Facebook. Ich musste nicht ständig nachschauen, was in der Welt da draußen los ist und konnte mich auf meine kleine Welt bei meiner Schwester konzentrieren.

Also bleibe ich weiterhin Smartphone-los und ernte verwunderte Blicke und Kommentare. Aber mir sind meine digital-freien Nischen so wichtig, dass ich gut auf alle Vorteile (noch) verzichten kann. Spätestens aber wenn meine Kinder dann an ihrem Phone hängen, werde ich wohl auch eines brauchen. Alleine schon, um mich mit ihnen auf Facebook anzufreunden und sie zu stalken.

Jetzt klappe ich den Laptop zu und spiele eine Runde mit meiner kleinen Tochter, die bereits an meiner Seite klebt und einen Teil meiner Lebe-Zeit braucht!

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Bücher, Bilder, Dankbarkeit, Familie, Nähen

Ein Rundgang

Ich mache ja eigentlich immer eine Sommerpause, aber ich kann mich gar nicht dazu durchringen. Wirklich nicht. Ich fühl mich hier gerade pudelwohl. Und täglich stolpere ich über Dinge, von denen ich mir eine Gedankennotiz für den Blog mache. Oder ich schieße schnell ein Foto, bevor der Augenblick vorüber ist. Also vielleicht doch keine Sommerpause? Oder nur eine klitzekleine…. Mal sehen.

Diese Woche fühlt sich richtig nach Urlaub daheim an. Ich reiße mich unheimlich zusammen, um nicht wieder in den Hektik-Modus zu verfallen. Keine Basteleien am Haus. Diese Arbeiten werden mir nicht wegrennen. Nur Dinge will ich tun, die mir tatsächlich Freude machen. Wollen wir einen kleinen Rundgang machen?

Garten: Eine Feier mit Freunden als Dankeschön fürs Helfen und als Einweihung.

IMG_1206IMG_9294IMG_9320_edited-1IMG_9330_edited-1Ich kann es kaum fassen, wie sehr sich dieser kleine Fleck Erde innerhalb kürzester Zeit von einer Wildnis in unser Zuhause verwandelt hat. Wo noch vor Monaten 60er-Jahre-Muff, Brombeergewucher und winzige Zimmerchen herrschten, ist jetzt Licht, Grün und Schönheit. Wo jahrelang Dunkelheit und Tod war, ist jetzt Leben und Lachen und Feiern.

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::Februar 2016::

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:: August 2017::

Küche: Hier ist dieser Tage unser Lebensmittelpunkt. Kaum steh ich am Herd und rühr in irgendeinem Topf, stehen meine Kinder neben mir und wollen helfen. Heute haben wir den ganzen Morgen in der Küche verbracht. Der August bringt immer ein Zuviel. Ein Zuviel an Hitze, Mücken, manchmal Regen und aufgeschürften Knien. Aber auch immer ein gutes Zuviel an Gurken, Brombeeren, Äpfeln, Zucchini, Tomaten und Blumen. Den Überfluss packen wir in Einweckgläser, Marmeladen, Vasen, Sirups und direkt ins Müsli.

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Wohnzimmer: Endlich haben wir für all das Zeit, was in der Schulzeit auf der Wartebank saß. Handarbeiten und Brettspiele. Tagebuch schreiben und Gitarre spielen. Oder einfach nur rumfläzen und erzählen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass daheim die Schule weitergeht,aber im freiesten und wildesten Sinne. Wir lernen Kreuzstich und unsere Namen rückwärts sagen. Wir lernen Eichhörnchen zeichnen und Raben nachahmen. Wir lernen Senfgurken einmachen, Honig-Rosmarin-Kuchen backen und Buttermilch herstellen. IMG_9348IMG_9332IMG_9347

Schlafzimmer: Der Bücherstapel auf meinem Nachtisch wird nicht kleiner. Er ist so lecker hoch und am liebsten würde ich drei Bücher auf einmal lesen.

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Arbeitszimmer: Das ist leider gerade lahmgelegt, weil sich hier unsere Dielen gewölbt haben, dank fehlender Dehnungsfuge. Aber kurz bevor Armin mir den ganzen Raum ausgeräumt hat, habe ich noch schnell einen Vorhang für Josefines Zimmer genäht.

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Ich genieße es von Herzen, in den Tag zu leben und vor mich hinzupuzzeln und einfach nur ungeteilte Zeit mit meinen Kids zu verbringen. Komisch, wie friedlich es hier die letzten Tage war. Kann es sein, dass sich meine Entspanntheit auf die Kinder übertragen hat? Schleichend unbemerkt ist der Sommer ins Haus gezogen – sogar an diesem Regentag, der einfach nur köstlich war.

Familie, Freundschaften, Gedanken

Kindergarten adieu.

Vorhin rief meine Mutter an. Ihre Stimme verriet einen Hauch Besorgnis. Ich hatte mich eine Weile lang nicht gemeldet….und seit meinem letzten Blogeintrag ist auch Zeit ins Land gegangen. Meine Eltern lesen eifrig mit und erinnern mich gegebenenfalls immer daran, wenn mal wieder ein Eintrag überfällig ist. Es ändert sich nicht viel in der Eltern-Kind-Beziehung, auch wenn das Kind die 40 bereits überschritten hat. Meine rüstige Mutter mit ihren 80 Jahren steckt gerade selbst im Umzug, hat sich aber ein paar Minuten Zeit genommen, um nachzuhaken und ein paar Low-Carb-Tipps zu geben.  Schön, finde ich.

Immer wenn es so fürchterlich heiß ist, dann mache ich mich rar. Denn ab 19 Uhr abends streckt mich die Tropenmüdigkeit nieder. Josefine und ich zählen schon sehnsüchtig die Tage bis zum Herbstanfang. Die Wildkirsche prescht bereits voraus und wirft in fatalistischer Selbstaufgabe gelbe Blätter von sich. Ich würde auch am liebsten alles von mir werfen, aber ich stecke in dieser schwitzenden, überhitzten Haut fest. Grässlich, finde ich.

Meine Gedanken wandern aber heute ganz oft zu einem Wintertag 2009 zurück. Damals schob ich meine Amelie jeden Tag im Kinderwagen durch das kleine Waldbach. Ich kannte damals noch keine Menschenseele im Ort, wir waren erst neu in dieses Hohenloher Örtchen gezogen. Und jeden Tag kam ich an einem 70er-Jahre-Kindergarten vorbei, in dessen Garten Spielgeräte standen, deren Farbe nach unzähligen Jahreszeiten abgeblättert war. Sicherlich kein Vorzeigekindergarten mit ultramodernen Konzepten. Aber da er direkt ums Eck lag, parkte ich an jenem verschneiten Januartag den Kinderwagen vor der Tür, klingelte und meldete Amelie an. Ich hatte ja keine Ahnung.

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Ich hatte ja keine Ahnung, dass dieser Kindergarten nicht nur eine pädagogische Aufbewahrungsstelle für mein Kind war, sondern ein Ort des Segens.

Ich hatte ja keine Ahnung, dass meine Kinder hier ihre ersten richtigen Freundschaften knüpfen würden.

Ich hatte ja keine Ahnung, dass ich hier ebenfalls herzliche Freundschaften finden würde.

Ich hatte ja keine Ahnung, wie sehr meine Kinder das rostige Klettergerüst, die blühenden Bäume und die Puppenecke ins Herz schließen würden.

Ich hatte ja keine Ahnung, wieviel Freude im Laternenlaufen, Apfelernten, Sommerfestfeiern und den vielen kleinen Schwätzchen beim Abholen zu finden ist.

Ich hatte ja keine Ahnung, dass Kindern hier ganz viel Respekt und Liebe entgegen gebracht wird. Ja, auch den schwierigen. Besonders den schwierigen.

Ich hatte ja keine Ahnung, wie sehr hier Gott im Mittelpunkt stehen würde und die Kinder mehr über Weihnachten, Ostern und Pfingsten wissen als so mancher Erwachsener.

Ich hatte ja keine Ahnung, dass das moderne Konzept von Entschleunigung und Simplifikation hier schon immer gelebte Realität ist.

Ich hatte ja keine Ahnung, dass wir einen Kindergartenstammtisch gründen würden, der uns so manche harte Woche versüßt hat.

Ich hatte ja keine Ahnung, wie wertvoll diese Zeit werden würde und dass ich tatsächlich einmal Rotz und Wasser heulen würde, wenn sie vorüber ist.

So ist das heute geschehen. Ich stand mit anderen Muttis im Kindergarten-Garten  und überreichte den Erzieherinnen ihr Abschiedsgeschenk. Das war es jetzt? Jahrelang habe ich innerlich meine Kinder gedrängt, doch bitteschön endlich groß zu werden. Und nun ist es passiert und ich möchte die Zeit anhalten. IMG_1394IMG_2532klein_edited-1IMG_2454klein_edited-1

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Wenn ich heute eines gelernt habe, dann dieses:

Wir stecken immer schon drin – in der guten alten Zeit von morgen. Heute, hier, jetzt. Ja, auch die Kindergartenzeit war oft chaotisch, anstrengend, schweißtreibend. Aber manchmal sieht man im Rückspiegel klarer. Vielleicht auch verklärter. Deshalb schreibe ich den heutigen Tag auf: Die Hitze, die Erinnerungen, der Abschied, die Tränen. Der Stolz meiner kleinen Tochter, nun endlich bald Schulkind zu sein. Die Freude meiner Großen, auf ihre zweiten Übernachtungsparty eingeladen zu werden. Die Kaninchen, die zahm durchs Kinderzimmer hoppeln. Das Licht, das am Ende des Tages durch die Gewitterwolken bricht. Der Mann, der nach Feierabend noch tapfer Lampen anschraubt. Der Geruch nach Chlorwasser und der Geschmack reifer Pfirsiche.

Deshalb höre ich nie auf zu schreiben (keine Sorge, liebe Mutti!). Sonst würde ich aufhören zu sehen und zu fühlen.