Ich darf

Sally und ich sind unterwegs zu einer Lesung nach Schriesheim. Gerade haben wir Zwischenstopp in Heidelberg eingelegt, wo wir bei Raja Rani essen waren. Der Inder, bei dem sich nie was ändert. Das Interieur ist noch dasselbe wie vor 13 Jahren. An dem Tisch hinter dem Eingang haben Armin und ich früher immer Dhal und Chicken Tikka Masala gegessen. Damals, als wir noch ohne Kinder waren und nicht wussten wohin mit unserer vielen Zeit.

Wir reden über Haushalt, Kinder, Schreiben, Musik, Kunst. All diese Dinge füllen unsere Stunden, Tage, Wochen, Jahre. Und oft haben wir das Gefühl, dass das Alltägliche unserer anderen Berufung – dem Schreiben, der Musik – im Weg steht. Sally ist top in Sachen Selbstdisziplin und rechnet akribisch aus, wann ich aufstehen müsste, um ALLES zu schaffen. 5 Uhr früh. Das hieße, ich müsste abends um 9 Uhr ins Bett! 

Wir lachen und hauen uns zuviel Chili auf unser Palak Paneer und Karahi Murgh. Dann gibt mir Sally einen Rat, der mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf geht: „Ersetze einfach Ich muss durch Ich darf.“

Wie klingt das?: Du darfst deine Spülmaschine ausräumen. Du darfst Essen für deine Kinder kochen. Du darfst eine Arbeit verrichten, die dir Freude macht. Du darfst das Bad putzen. Du darfst deine Wäsche aufhängen. Du darfst abends deinen Kinder Geschichten vorlesen und sie dann zudecken.

Das klingt nach einem Leben voller Privilegien, die ich wieder einzeln vor mein inneres Auge halten und wertschätzen möchte. Viele kleine Segensmomente.

Nach einem laut-fröhlichen Abend mit Wort und Musik und schönen Begegnungen treten Sally und ich die Heimreise an. Sally hält mich wach, während ich fahre. Sie erzählt Geschichten aus ihrem Leben und dann verfahre ich mich genau an der Stelle, an der ich mich immer verfahre. Wir lachen. Und wir sind so unendlich müde.

Die neue Woche fängt weniger glamourös an. Kein Publikum, kein indisches Essen, keine Geschichten über Prominente. Aber dafür darf ich früh aufstehen. Ich darf schreiben und die Küche – meine eigene! – putzen. Ich darf Emails beantworten und Eis machen. Ich darf meinen Kindern vorlesen und ihre Wäsche waschen. Ich darf unseren Komposthaufen (den ich am Wochenende selbst gebaut habe – ich glaub’s net!) mit Blumen verschönern. Ich darf Brombeeren pflücken und Pausenbrote schmieren.

Segensmomente. Und wirklich das Leben, das ich schon immer leben wollte.

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5 Kommentare zu „Ich darf

  1. Danke für Deine wundervolle Ästhetik im Alltäglichen. Das tut meiner Seele beim Lesen jedes Deiner Beiträge so unendlich gut.
    Bitte mach einfach weiter damit, dem Blick auf das Schöne, auf das Kleine, auf das Alltägliche und vor allem auf das Positive. Unser Leben ist wirklich so wunderbar reich!
    Liebe Grüße Constanze

  2. Danke für den „Wortwechsel“, der gleich eine ganz neue Blickrichtung gibt! Was ein kleines Wort für eine große Kraft hat!
    Ich freue mich, dass ich heute den Tag leben darf mit allem, was er mir bringt!
    Danke!
    Liebe Grüße, Astrid

  3. Ich freue mich jedesmal, wenn ein neuer Beitrag auf deinem Blog erscheint! Sie ermutigen mich immer und oft motivieren sie mich, auch endlich etwas in Angriff zu nehmen, wie z. B. die Kinderzimmer-Entrümpelungsaktion mit Ergebnisfoto in einem der letzten Beiträge. Der Effekt war ähnlich wie bei euch….Habe auch die guten Kinderbücher, von denen ich mich nicht trennen kann oder will aus dem Zimmer ausgelagert. Der verbleibende Rest war plötzlich hochinteressant für meine beiden jüngsten Zimmerbewohner…. Ich werde nun versuchen, sie von Zeit zu Zeit auszutauschen, um das Interesse zu erhalten. LG Karoline und Danke!

  4. Liebe Veronika,
    möchte dir auch mal wieder DANKE sagen für deine Mühe mit deinem Blog und dein Teilhaben lassen an deinen Gedanken und deinem Alltag. Du ermutigst und inspirierst mich! Das Bewusstsein ich DARF den wöchentlichen Hausputz machen heute morgen hat meine Stimmung deutlich gehoben! Wünsch euch tolle und erholsame Ferien!
    Liebe Grüße,
    Judith

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