Body Image, Ernährung

Leben ohne Obsession

Ich steige nicht mehr auf die Waage. Meine Kleidung verrät mir eh die Wahrheit: 90 Prozent meiner Klamotten sind zu eng geworden. Da braucht es keine Zahl auf der Waage um zu bestätigen, was ich schon lange ahne. Ich könnte ja jetzt im angesagten neuen Selbstbewusstsein aufschreien: Ich bin schön so wie ich bin!

Tja, das bin ich sicher. Rubenesque-wunderschön.

Aber wenn die Speckrolle beim Bücken in die Rippen drückt, wird’s mir unangenehm. Ich bin echt nicht dafür geschaffen, zu viel Ballast mit mir rumzuschleppen. Andere Frauen können das vielleicht und fühlen sich wohl dabei. Ich nicht. Hat jetzt echt nix mit falschem Schönheitsideal zu tun.

Mein Problem liegt ganz woanders. Ich könnte ja jetzt die Ärmel hochkrempeln und lautstark verkünden: „Ich nehm jetzt ab, jawolljaja! Sport, Salat, Low Carb – alles nur eine Frage des Willens.“ Hab ich ja schon tausend Mal durch. Ich bin Jojo-Weltmeisterin. Genau da hakt’s: Ich hab keine Böcke mehr. Und ich hab Angst. Angst, dass der erste Schritt Richtung Abnehmen in Obsession endet. Ich kann nämlich entweder nur ganz oder gar nicht. 100 Prozent oder 0 Prozent. Vollgas oder Stillstand. Das Mittelmaß ist fremdes Land für mich. Abnehmen wird dann wieder so eine Vollgas-Nummer, die mich komplett vereinnahmt: mein Denken, mein Fühlen, mein Reden. Meine Stimmung wird abhängig von der Zahl auf der Waage, von meinem erfolgreichen Heißhunger-Unterdrücken, von dem, was über meine Lippen wandert. Ich kann mich ruckzuck mit strengem Sportregiment und Essensregeln versklaven. Meinen Körper auf einen Thron heben, supergesetzlich mit mir selbst ins Gericht gehen, eine Ernährungsweise zur Ersatzreligion ernennen. Und mich dabei die meiste Zeit kacke fühlen, weil ich a) Hunger habe und b) immer wieder vom Pferd falle.

Eine Weile Vollgas geben endet mit leerem Tank. Der wird dann nämlich so leergesaugt, dass ich ihn danach monatelang vollstopfe aus Angst vor dem nächsten Crash.

Jetzt stehe jeden Morgen in der Küche und weiß, dass ich nicht mehr im Stillstand leben möchte. Vollgas ist auch keine Option. Mittelmaß kann ich (noch) nicht. Wie lerne ich das? Ist es denn tatsächlich möglich?

Ich habe diesen Prozess schon zigmal durch. Und stehe doch wieder am Anfang. Diesmal demütiger und mutloser als sonst. Aber ich möchte mir und auch dir Mut! zurufen. Es muss ein gutes Leben ohne Ernährungs-Obsession geben. Ich mache mich jetzt auf die Suche danach. Wer macht mit?

Familie, Gedanken

Ich darf

Sally und ich sind unterwegs zu einer Lesung nach Schriesheim. Gerade haben wir Zwischenstopp in Heidelberg eingelegt, wo wir bei Raja Rani essen waren. Der Inder, bei dem sich nie was ändert. Das Interieur ist noch dasselbe wie vor 13 Jahren. An dem Tisch hinter dem Eingang haben Armin und ich früher immer Dhal und Chicken Tikka Masala gegessen. Damals, als wir noch ohne Kinder waren und nicht wussten wohin mit unserer vielen Zeit.

Wir reden über Haushalt, Kinder, Schreiben, Musik, Kunst. All diese Dinge füllen unsere Stunden, Tage, Wochen, Jahre. Und oft haben wir das Gefühl, dass das Alltägliche unserer anderen Berufung – dem Schreiben, der Musik – im Weg steht. Sally ist top in Sachen Selbstdisziplin und rechnet akribisch aus, wann ich aufstehen müsste, um ALLES zu schaffen. 5 Uhr früh. Das hieße, ich müsste abends um 9 Uhr ins Bett! 

Wir lachen und hauen uns zuviel Chili auf unser Palak Paneer und Karahi Murgh. Dann gibt mir Sally einen Rat, der mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf geht: „Ersetze einfach Ich muss durch Ich darf.“

Wie klingt das?: Du darfst deine Spülmaschine ausräumen. Du darfst Essen für deine Kinder kochen. Du darfst eine Arbeit verrichten, die dir Freude macht. Du darfst das Bad putzen. Du darfst deine Wäsche aufhängen. Du darfst abends deinen Kinder Geschichten vorlesen und sie dann zudecken.

Das klingt nach einem Leben voller Privilegien, die ich wieder einzeln vor mein inneres Auge halten und wertschätzen möchte. Viele kleine Segensmomente.

Nach einem laut-fröhlichen Abend mit Wort und Musik und schönen Begegnungen treten Sally und ich die Heimreise an. Sally hält mich wach, während ich fahre. Sie erzählt Geschichten aus ihrem Leben und dann verfahre ich mich genau an der Stelle, an der ich mich immer verfahre. Wir lachen. Und wir sind so unendlich müde.

Die neue Woche fängt weniger glamourös an. Kein Publikum, kein indisches Essen, keine Geschichten über Prominente. Aber dafür darf ich früh aufstehen. Ich darf schreiben und die Küche – meine eigene! – putzen. Ich darf Emails beantworten und Eis machen. Ich darf meinen Kindern vorlesen und ihre Wäsche waschen. Ich darf unseren Komposthaufen (den ich am Wochenende selbst gebaut habe – ich glaub’s net!) mit Blumen verschönern. Ich darf Brombeeren pflücken und Pausenbrote schmieren.

Segensmomente. Und wirklich das Leben, das ich schon immer leben wollte.

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Familie, Garten, Gedanken, Hausrenovierung, Hobbies, Rezepte, Wochenende

Dies und das und jenes

Ich habe dieses Jahr ausnahmsweise mal keine Sommerpläne. Sonst war ich ja immer voller Tatendrang, wollte die Ferien mit allerhand Kreativem und Aktionsgeladenem füllen. Aber die Kinder sind nun größer, sie brauchen immer weniger meine Anstöße und Ideen. Sie brauchen mich nur, um ihnen ein weiteres Eis aus dem Gefrierfach zu holen und Spreißel aus den Fußsohlen zu entfernen.

Außerdem bin ich einfach nur kaputt, völlig erledigt und möchte die Füße hochlegen,  Bücher lesen, im See schwimmen gehen ( am liebsten frühmorgens, wenn die Haubentaucher mit ihren Küken auf dem Rücken spazieren schwimmen). Ich habe das starke Bedürfnis nach Alleinsein, gekoppelt mit der Sehnsucht nach neuen Kontakten hier im Ort. Hab ich bereits erwähnt, dass ich höchst ambivalent bin?

Armin und ich haben Konkurrenz auf der Beliebtheits-Skala unserer Kinder bekommen: Zwei Zwergkaninchen haben sich löwenzahnmümmelnd in ihre Herzen geschlichen. Und auch in meins. Muss ich ja zugeben. Ich dachte ja, dass ich resistent gegen den Charme dieser völlig nutzlosen Tierchen sei. Pfff, so ein bisschen Fell und schnüffelnde rosa Näschen und große Kulleraugen sind doch echt nicht……AAAAAAAAAAHHHHH, sie haben mich niedergestreckt mit ihrer Charme-Offensive!!

Als Ersatz für unsere dauerbeleidigte Katze Muffin, die nun endgültig die Biege gemacht hat, haben wir Amelie zwei Kaninchen geschenkt. Ich weiß nicht, ob wir uns Eltern damit auf Dauer selbst ein Bein gestellt haben, aber Hauptsache das Kind weint nicht mehr dieser intriganten Katze hinterher.

Ich stelle vor: Schnuffel und Zähnchen.

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Die Kaninchen werden also einen Teil des Sommers ausfüllen, da bin ich guter Hoffnung. Ab und zu wird uns der Weg auch in den Wald führen, wo wir frei und glücklich sind. Keine anderen Menschen, kein Lärm, keine Reizüberflutung…nur der Geruch nach Kiefernnadeln, Waldboden und gefiltertes Sonnenlicht auf unseren Köpfen. Dann gehen wir an unsere Stelle, wo wir seit Ostern an Eichhörnchen-Häusern bauen. Vielleicht wohnen aber auch Wichtel oder kleine Mäuse darin. Unsere Phantasie fügt bei jedem Besuch neue Bewohner und Szenarien dazu.

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Die Energie für Arbeiten am Haus liegt erstmal auf (Mango-)Eis und wir bewegen uns mit Mini-Schritten weiter. Ist völlig ok so, auch wenn die To-Do-Liste ellenlang ist. Ich hab jetzt erstmal mein Kräuterbeet nach langer Zeit fertig umrandet. Lange habe ich nach schönen Steinen gesucht, bis ich einfach mal in der Wildnis hinter unserem Garten gesucht habe und fündig wurde. Das Beet ist heute fertig geworden und fühlt sich an wie der erste hoffnungsvolle Schritt in Richtung Garten. Es müssen noch Hecken gerodet werden, die Wiese muss neu angelegt werden, ich hätte gerne Gemüsebeete und ein großes Beet mit Bauernblumen. Es liegt viel gute Arbeit vor uns, aber die darf auch noch eine Weile warten. Dieses Wochenende möchte ich aber schon mal einen Komposter aus Europaletten bauen. Der „Misthaufen“ in der Ecke unseres Gartens ist wahrhaft keine Augenweide.

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Diesen Sommer bin ich öfters wieder in der Küche. Meine Leidenschaft fürs Kochen und Backen ist neu aufgeflammt. Vielleicht schaffe ich es doch noch, ein bissl Marmelade einzukochen und Gurken einzuwecken. Sonst war der Vorratskeller Ende des Sommers voll mit Selbstproduziertem, aber bis jetzt reichte es zeitmäßig immer nur für einen kurzen Sprint zu Aldi und Konsorten.

Heute habe ich eines der letzten Schälchen Erdbeeren ergattert, bevor das Erdbeerhäuschen seine Pforten bis nächsten Mai schließt. Sie sind schon recht matschig und aroma-arm, aber ich musste doch noch unbedingt den Sommergarten-Salat aus meinem Buch „Willkommen an meinem Tisch“ zaubern. Ohne den ist nämlich für mich kein richtiger Sommer! Vielleicht kann ich ja demnächst statt Erdbeeren einfach Heidelbeeren oder Mangos verwenden? IMG_9884_edited-1

Den Rest der Woche werde ich paar Gänge rausnehmen und ein bissl Lebensfreude kultivieren.

Samstagabend bin ich dann ich Schriesheim bei einer Lesung mit Musik von Sally Grayson anzutreffen. Wer gerade in der Gegend weilt, ist herzlichst eingeladen ins Café Mittendrin, Kirchstraße 4. Beginn ist um 20 Uhr. Vielleicht treffe ich den einen oder anderen von euch dort? Ich würd mich riesig freuen!

Habt ihr einen Lieblingsort? Pläne für den Sommer? Projekte, an denen ihr nicht aus Pflicht, sondern Leidenschaft arbeitet? Was kommt bei euch gerade auf den Tisch?
Seid ihr gerne alleine? 

 

 

 

 

Familie, Gedanken, Glaube

Im Dickicht

IMG_9217Gestern Abend bin ich auf den Boden gekracht. Nur zehn Minuten wollte ich in der Hängematte ruhen, mich vom Abendlicht bescheinen lassen und den Kindern beim Spielen zusehen. Dann riss die Schnur. Warum auch immer, das sei dahin gestellt. Mein Hinterteil machte mit einer Wurzel schmerzhafte Bekanntschaft und ich blieb im Gras liegen. Ich hatte keine Lust mehr aufzustehen. Die Ameisen krochen meinen Arm hinauf. Vielleicht war etwas gebrochen? Die Kinder tanzten verlegen um ihre Mutter herum und holten dann Armin, der ebenfalls verlegen um mich herumtanzte. Zumindest ein Kühlpack für meinen verlängerten Rücken bekam ich in die Hand gedrückt.

Es war der traurige Höhepunkt der letzten Tage. Ein bisschen musste ich ja schon grinsen, als ich ameisenübersät und mit Beule am Hintern auf dem Boden lag. Wieder typisch.

Ein paar Kindersachen wuchsen mir in den letzten Tagen über den Kopf und überwucherten mein Herz mit Sorgenunkraut. Unfriede im Haus führte zu vielen anstrengenden Gesprächen. Die Heizungsanlage gab ihren Geist auf und nun warten wir seit Tagen auf einen neuen Brenner (Kalt duschen ist übrigens nur halb so schlimm wie den Abwasch mit kaltem Wasser zu erledigen). Meine Seele war in Schieflage geraten und alle sonst nebensächlichen Sorgen (Der Keller ist ein Chaos! Das Dach muss noch ausgebaut werden! Wie finde ich hier jemals Freunde? Der Garten muss gemacht werden!) traten plötzlich in 3-D-Qualität wie ein Hologramm vor mein Auge.

Erwachsensein ist echt anstrengend. Manchmal gehe ich in letzter Zeit in den unaufgeräumten Keller und sehe meinen alten Rucksack an. Den mit den vielen Flaggen-Aufnähern. Oder ich träume davon, ein Wochenende ganz alleine wegzufahren. Aber dann schaue ich auf meinen Kalender und seufze. Ach ja, ich muss ja jetzt erwachsen sein, meine Pflichten erledigen, die Kinder zu anständigen Wesen erziehen, Geld verdienen und Kuchen für diverse Feste backen.

Ich bin überzeugt, dass einige von euch von schwereren, „echteren“ Sorgen niedergedrückt werden. Aber Sorgen vergleichen zu wollen ist genauso unsinnig wie Erfolge zu vergleichen. Jede Last ist individuell schwer und wir brauchen keine Olympiade der Nöte zu betreiben um festzustellen, dass jedes „Päckchen“ niederdrücken kann.

Die Müdigkeit weicht seit Tagen nicht. Ich möchte mich irgendwo verkriechen, den Kalender in die Ecke pfeffern, mich auf einen einsamen Berg stellen, an einen Strand legen und endlich wieder befreit aufatmen.

Ich finde Gott in dieser Zeit zwischen den Zeilen, nicht auf dem Berg oder am Strand. Mitten im Sorgendickicht halte ich inne und möchte beten. Mir fehlen die Worte. Ich bin es leid „Konsum-Gebete“ zu  sprechen. Dabei fühle ich mich nicht wohl (Gott, mach bitte dies und das). Aber das Vater-Unser bete ich alle paar Stunden und abends am Bett meiner Kinder.

Und ich finde einen Gott, der eben oft nicht unkompliziert einschreitet, sondern der bei mir sitzt. Wenn ich aus dem Dickicht nicht herausfinde, wenn ich auf dem Boden liege, wenn die Kraft ausgeht.

Vielleicht ist das wichtigste, das ich heute tun kann, einfach aufzustehen. Nicht liegenbleiben und warten, dass ein Wunder geschieht.

Denn manchmal ist das Wunder das ganz Kleine: Das Aufstehen, auch wenn man liegenbleiben möchte. Das Bleiben, auch wenn man lieber den Rucksack aufschnallen und in die weite Welt ziehen möchte. Das Weitermachen mit Minimal-Kraft. Das Beten, auch wenn die Worte fehlen. Das Aushalten von Menschen und Sorgen, auch wenn sich man am liebsten die Ohren zuhalten möchte. Die Liebe, auch wenn man sie gerade nur mit frisch gewaschener Wäsche, einem gesaugten Boden und einer gekochten Mahlzeit ausdrücken kann.

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