Von Bauschutt und Veränderungen

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Das Wasser im Planschbecken ist trübgelb. Zeuge eines glücklichen Wochenendes voller Kindergeschrei. Auf der Wasseroberfläche treiben tote Mücken und Sonnencreme-Schlieren. Die tief stehende Abendsonne leuchtet das kleine Wäldchen hinter unserem Haus an und für eine Stunde singen Blätter und Gräser. Eine Krähe ruft und die Turmfalken gehen auf ihre letzte Jagdrunde.

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Die Hand des Allmächtigen streicht in der Abendstunde vorüber und ich setze mich in meinem Arbeitszimmer ans Fenster um sie nicht zu verpassen. Die Kinder liegen müde in ihren Betten, ihre Bäuche voll mit Nektarinen und Tunfisch-Sandwiches und Erdbeereis. Ich habe vergessen, ihnen das Chlor aus den Haaren zu waschen. Morgen Abend vielleicht.

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Wenn ich den Hals etwas weiter strecke, dann fällt mein Blick auf vergessenen Bauschutt, ein bröckeliges Eternit-Dach und verstopfte Dachrinnen. Das Licht macht sogar den Bauschutt schön.

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Der Umbau-Prozess hatte mich vor vier Monaten eingesaugt, durchgeschleudert und verändert ausgespuckt. Ich habe Dinge geschafft, von denen ich dachte: Niemals! Ich habe gelernt, um Hilfe zu bitten und diese dann auch anzunehmen. Und ich bin völlig entgegen meiner Natur gelassen geworden. Die Veronika von vier Monaten würde nun im Garten stehen und den Bauschutt wegschaufeln, die Dachrinnen säubern, das Haus anpinseln, den verwahrlosten Garten fräsen. Das alles, bevor sie ihren Kindern beim Baden zusieht und nistende Turmfalken beobachtet und im Abendlicht badet.

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Es kann sein, dass diese Veränderung nicht von Dauer ist. Denn wann immer ich denke, jetzt hab ich es endlich kapiert und im Griff und jetzt ist endlich alles gut, entgleitet mir etwas anderes. Oder schon wieder dasselbe.

Wenn Jesus davon spricht, dass wir unser Leben verlieren, wenn wir uns daran klammern, dann zielt er vielleicht auch auf unsere Arroganz ab, wir könnten das Leben kontrollieren, uns immer weiter steigern. Um dann irgendwann fertig zu sein. In meiner jugendlichen, von 90er-Jahre-Motivationstrainern gefütterten Naivität, glaubte ich, das Leben sei wie eine Anordnung von Stufen. Ich muss mich nur gut genug anstrengen, dann geht es Stufe um Stufe bergauf. Jede Stufe ein abgeschlossener Prozess. Aber so ist mein Leben nicht.

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Es sieht aus wie diese Baustelle.

Wunderschönes neben Hässlichem. Halbfertiges neben Halbfertigem. Und wenn wir glauben, jetzt haben wir’s, dann funktioniert die Klospülung nicht mehr. Aber aus der Hand meines Allmächtigen fließen Licht und Gnade und Liebe über meine Lebens-Baustelle. Selbst in die Winkel, die ich vor allen und vor mir selbst verborgen halte.

In seinem Licht finde ich mitten im Bauschutt Frieden. Und mit seiner Gnade darf ich immer wieder neu anfangen, auch wenn ich keine weitere Stufe erklimme.IMG_5613_edited-1IMG_5616_edited-1

 

 

4 Kommentare zu „Von Bauschutt und Veränderungen

  1. Liebe Veronika, heute habe ich deine Briefe an die jüngere Veronika in der neuen Lydia gelesen und sie haben mich wirklich sehr berührt. Und vielleicht würde die sechzigjährige Veronika der von heute schreiben: wie gut, dass du es gut sein lässt für den Augenblick. Wie gut, dass du innehalten kannst, um die Hand des Allmächtigen zu spüren. Es mag nicht perfekt sein, aber für den Moment ist es vollkommen. Und was anderes sollte zählen, als der Moment. Kinder, die planschen, ein Haus, das zum Zuhause wird, ein Sommer, der verzaubert.
    Und ich möchte mir ein Beispiel nehmen und es gut sein lassen für den Moment, das Schöne und Gute im jetzt sehen und das ewige „wenn erst“ lassen. Danke! Und liebe Grüße.

  2. Liebe Veronika,
    Du magst es nicht, dass Menschen Dich kennen, die Du nicht kennst – tja: Deinen „heiigen Alltag wollte ich schon lange lesen, immer mal so Stück für Stück langsam geniessen. Aber das Buch blieb liegen. Heute war ich beim Arzt, laaaange Wartezeit, viel zu viel heiligen Alltag auf einmal, hochdosiert. Es war ein bischen so, als hätte mich eine liebe Freundin zu diesem Arzt begleitet. Danke dafür! Danke dafür, dass Du ein Segen bist!
    Liebe Grüße, Susisanne

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