Wir brauchen einander

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Ich mache mich hier gerade ein bisschen rar. Denn ich wate knietief im Sumpf des Hausumbau-Denksports. Das fordert mich an allen Fronten und Kanten. Außerdem tendierte ich in letzter Zeit zu freiwilliger Isolation. Seit Jahresanfang war ich recht depressiv unterwegs. Ich machte mir selbst und meiner Familie das Leben schwer mit meinen unangekündigten Stimmungsschwankungen. Mal lag ich heulend mit größtem Weltschmerz und einem Hauch von Selbstmitleid im Bett. Mal keckerte ich wie ein Gecko vor übertriebener Freude. Ich hatte von allem ein wenig zuviel. Nur kein gesundes Mittelmaß. Anfang letzter Woche fiel ich in ein dunkles Loch, in dem kein Staubkörnchen Hoffnung zu finden war. Ich wollte in diesem Loch ganz gerne bleiben, mich in einem Eck zusammenrollen und nicht mehr ans Tageslicht kommen.

In meinem Kalender stand an diesem Tag fett umrandet: „20 Uhr Book Club“. Mein lieber, lieber Book Club mit Freundinnen, die mir so sehr am Herzen liegen. Ich schrieb eine kryptische Rundmail, dass ich nicht kommen könnte, mir ginge es nicht gut. Es gibt zwei Urängste, die mich absolut an den Rand bringen: Die Angst verlassen zu werden. Und die Angst, zur Last zu fallen. Beides verursacht Fluchttendenzen.

Das Telefon klingelte. Ich ging nicht ran. Nein, nein, ich lasse mich nicht umstimmen! Das Email-Glöckchen machte „ding“. Nein, nein, ich geh nicht in mein Postfach! Alte Ängste verkrümmten meinen gesunden Menschenverstand. Aber meine Book-Club-Freundinnen bogen ihn wieder zurecht. Letzten Endes ging ich doch. „Wir sind so froh, dass du gekommen bist. So haben wir die Chance, für dich da sein zu können“. Ich durfte mein Herz ausschütten und dabei Rote-Beete-Chips essen. Wir beteten gemeinsam und ich wurde in den Arm genommen. Dann ging in nach Hause und sank erleichtert in mein Bett. Ich war nicht zur Last gefallen. Ich war nicht verlassen worden. Und nein: ich schaffe es nicht alleine – so sehr ich es auch versuche. Ich brauche meine Frauen. Ich brauche meinen Muttergott, der tröstet und nährt und Geborgenheit im Sturm schenkt.

An diesem Abend ließ ich die Finger von meiner Pille. Ich vermutete, dass mein Hormonhaushalt völlig aus den Fugen geraten war. Und tatsächlich ging es mir diese Woche jeden Tag ein bisschen besser. Mitte der Woche brachte eine andere Freundin „Anti-Frust-Kekse“ vorbei. (Zuerst las ich auf der Packung „Anti-Trump-Kekse“)

Und gestern rief mich meine Freundin Sally an, ob ich sie zum Women’s March on Washington in Heidelberg begleiten würde. Meine Vernunft sagte sofort nein. Ich muss eine Küche planen und tausend Dinge für den Umbau vorbereiten. Meine Leidenschaft schrie ja! Ja, ich will dorthin und gemeinsam mit anderen Frauen für eine gerechtere, friedvollere Welt marschieren. Ja, ich will laut mein Missfallen kundtun, dass immer mehr chauvinistische, rechtspopulistische Herrscher das Ruder in der westlichen Welt an sich reißen! Vernunft und Leidenschaft stritten eine Weile und eine halbe Stunde später war ich unterwegs nach Heidelberg. Kühlschrank, Backofen und Co. konnten warten.

Wir kamen etwas zu spät und rannten quer durch die Stadt bis wir auf die Demonstranten stießen. Hier strömten alle zusammen, die immer noch an eine bessere Welt glauben und bereit sind, für diese ihre Ärmel hochzukrempeln und sich pinke Pussy-Hats aufzusetzen. Ich stand mittendrin und schmunzelte. Was für ein Schlusspunkt hinter einer verrückten Woche. Nein, kein Schlusspunkt: sondern ein Doppelpunkt und ein Ausrufezeichen! Wir brauchen einander! Niemand muss in seinem dunklen Loch ausharren. Es gibt hilfreiche Hände, die etwas hinunterreichen (Anti-Trump-Kekse), die uns segnen, uns festhalten, uns hinaufziehen, zurechtbiegen und applaudieren. Und wenn es sein muss, ballen wir die Hände zu Fäusten, um mit ihnen friedlich für alle unsere Schwestern rund um den Globus zu protestieren.

 

Oh und PS!: Das letzte Mal ging ich 2002 in Melbourne auf die Straße. Gegen George W. Bush. Lustig. Den hätte ich jetzt ganz gerne irgendwie zurück…..

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6 Kommentare zu „Wir brauchen einander

  1. Yeah. Die Küche kann warten. Die Kreativität wird durch so eine Aktion wie Womensmarch doch erst angeregt!
    (Freue mich trotzdem drauf sie mal hier auf dem Blog zu sehen, wenn sie fertig ist)

  2. Schon spannend, dass man sich Bush gerade zurück wünscht. Geht mir auch so. Trump macht mir einfach nur Angst! Ich habe gestern zu meinem Mann gesagt, dass mich Strafzölle und Co auch schon gar nicht mehr interessieren. Ich will einfach, dass diese vier Jahre rum gehen, ohne dass Trump irgendwo den dritten Weltkrieg angezettelt hat und ohne dass er versehentlich den falschen Knopf gedrückt hat. Wobei ich schon hoffe, dass Trumps Wirtschaftspolitik ihm um die Ohren fliegt, denn das wird wohl der einzig plausible Grund für seine Abwahl sein.
    Ich würde trotzdem gern mal darüber reden, wie es soweit kommen konnte, denn das Trump-Phänomen zieht sich ja in Abstufungen durch die gesamte westliche Welt. Ich fürchte, dass auch wir gebildeten kosmopolitischen Weltbürger uns das eine oder andere Fragen lassen müssen und dass wir vielleicht erlauben müssen, dass wir in der einen oder anderen Frage, in der wir im letzten Jahrzehnt rasant voran geprescht sind, mal kurz wieder einen Schritt zurücktreten und andere Fragen, warum sie da nicht mitkommen und was wir für sie tun können, damit es sich besser anfühlt.
    Viel Spaß beim Küche planen. Ich bin sehr, sehr gespannt.

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