Dornen

img_6783Heute bin ich mit einem Kater aufgewacht. Passiert mir immer nach Verzehr von zu vielen schlechten Nachrichten und doofen Facebook-Kommentaren am Vorabend. Beim Aufwachen tastet mein Bewusstsein tapsig nach seinem Erinnerungsvermögen, bis es in die Dornen der Realität greift. Autsch. Ich greife in eine ganze Welt aus Dornen. Und dann mach ich mir erstmal einen Kaffee. Ich höre die Stimme der Alten, der Weltschmerzromantiker: Früher war alles besser. 

Wirklich?

War die Welt früher dornenfreier? Gott sei Dank für Geschichtsbücher: Die Welt war schon immer ein Rattenloch (siehe 30jähriger Krieg). Die Welt war schon immer zerbrochen (siehe Dschingis Khan). Und zugleich war die Welt schon immer ein blühendes Wunder (schau aus dem Fenster).

Wenn ich aus dem Fenster unseres neuen Hauses sehe (dazu ein anderes Mal mehr!), dann sehe ich einen verträumten Park und einen Garten voller Brombeerranken.  Zu lange schon hält er seinen Dornröschenschlaf und wartet auf eine Prinzessin, die ihn wachküsst. Im Klartext: Ich muss Brombeerranken entfernen, um den Garten betretbar zu machen. Ich dachte lange Zeit, es würde genügen, die Ranken einfach abzuschneiden und zu verbrennen. Allein das ist schon mühevoll und schmerzhaft. Die Dornen beißen durch Handschuhe, klammern sich an Hosenbeine und sind ganz furchtbar störrisch. Auch Gift, das ich hin und wieder heimlich versprühe (pst, nicht verraten!), hilft kein bisschen. Die Dornen lachen mich aus. Nun habe ich gelesen, dass man die Ranken nur dauerhaft durch Ausgraben der Wurzeln besiegen kann. Das sei eine mühevolle Aufgabe. Der Spaten steht bereit, damit auf traurigem Brachland wieder Gemüse und Gras wachsen kann.

Dieses kleine Stück Land kann ich durch das Herausreißen der Dornenranken verändern. Aber was ist mit den Dornen, die Wunden in Herzen und Köpfe bohren? Die wuchernde Mauern zwischen den Menschen errichten? Die Körper zerfetzen?

Irgendwann und irgendwo im Garten Eden wucherten die ersten Dornenranken. Und seitdem wachsen sie weiter. Wir werden sie nicht entfernen können, weil ihre Wurzeln so alt wie die Menschheit, so alt wie unsere Rebellion sind.

Vor 2000 Jahren ist ein Junge geboren worden, der in einem der größten Konfliktherde der Welt groß wurde und mit knapp 33 Jahren eine Dornenkrone auf den Kopf gedrückt bekam. Damit ging er ans Kreuz, um für uns die Wurzeln des Bösen auszureißen. Weil wir selbst es nicht können.

In der Krippe liegt die Lösung. Am Kreuz hängt die Heilung. Und die Dornenkrone sagt uns: „Ich spüre den Schmerz jeden einzelnen Dorns.“

Die Sonne geht gerade über den Baumwipfeln auf. Die Katerstimmung bleibt noch eine Weile. Nachher stelle ich Gartengeräte bereit, mit denen ich mich an die Wurzeln der Brombeeren wage. Und dann suche ich noch ein bisschen Medizin zusammen, mit der ich Dornenwunden ein bisschen lindern kann.

 

5 Kommentare zu „Dornen

  1. Danke für dieses passende Bild dass so gut verdeutlicht warum so etwas geschieht.
    Und dieser kleine Junge, der vor 2000 jahren geboren wurde, streckt uns heute die Arme entgegen und will uns trösten und trotz der Angst und dem Zorn Frieden schenken.
    Shalom beim Dornenwurzeln herausreißen.
    Liebe Grüße

  2. Danke! Toll dass du Worte findest, wenn ich nur stammeln kann. An Tagen wie heute würde ich besonders gern noch einmal mit meiner Großmutter väterlicherseits oder meinen Urgroßeltern sprechen können. Ich würde sie gern fragen, wie sie es geschafft haben, mitten in Angst und Krieg zu leben. Wie sie nach einer Nacht im Luftschutzkeller ihren Alltag wieder aufgenommen haben. Wie sie optimistisch bleiben konnten, als sie merkten, dass die Welt sie zum zweiten Mal in ihrem Leben in den Krieg riss. Wie sie ihre Kinder erziehen konnten und zu vernünftigen Menschen machen. Wie sie es selbst geschafft haben, die liebenswerten, warmherzigen Menschen zu bleiben, die ich kennenlernen durfte- in all dem Leid. Die letzte, die diese Antworten kannte, war meine Großtante. Sie ist gestern 102 jährig verstorben. Nun müssen wir unsere eigenen Antworten auf unseren eigenen Wahnsinn finden. Texte wie deiner helfen dabei
    PS. Glückwunsch zum Haus!!!

  3. ich beneide dich um die Brombeerranken und das Grundstück, auf dem sie wachsen! Ich hatte auch mal so eins.
    Nimm Bauarbeiterhandschuhe und zieh eine Profi-Gartenhose an. Da kommen die Dornen nicht durch. Und gib nicht auf. Die Mühe lohnt sich.

Kommentar verfassen