Labyrinth

Draußen weht warmer Novemberwind. Ich bin gerade mit nassen Haaren Fahrrad gefahren. Und ich hab keinen Plan, was ich heute zu Mittag kochen soll. Living on the Hausfrauen-Edge! Ich mach mir erstmal eine Tasse Kaffee. So, hier bin ich.

Ich überlege seit fünf Minuten, was ich schreiben soll. Meine Gedanken irren orientierungslos durch dunkle Labyrinthe, tasten mal hierhin und dorthin. Und kommen nirgendwo an. Ich weiß nur, dass ich schreiben will. Muss.

Ich spüre, dass vieles in mir im Umbruch ist. Und das ist vielleicht tatsächlich wie ein Gang durch ein Labyrinth. Ich muss erstmal in einigen Sackgassen an Grenzen kommen, bevor ich den Ausgang finde. Meine Kinder lieben Labyrinthe. Völlig furchtlos nehmen sie neugierig jeden Weg und lachen, wenn sie an Wände stoßen. Sie lieben den Prozess, das Ergebnis ist letzten Endes zweitrangig.

Und ich? Ich will sofort die Lösung. Sofort ans Licht. Ohne schmerzhaft lange Umwege. Aber Schmerz und Angst sind Teil des Lebengesamtpakets. Da müssen wir immer wieder durch auf dem Weg zu Heilung und Veränderung.

Ich weiß, was ich hinter mir lassen will, wenn ich mein eigenes Labyrinth betrete:

Frommen Dogmatismus. Das hohle Nachplappern von Phrasen, hinter denen ich nicht mehr stehen kann. Schubladendenken. Ein starres Gottes- und Menschenbild. Meine Mauern.

Wenn ich das Alte ablege, weiß ich nicht, was an seine Stelle tritt. Ich taste und spüre und gehe sehr wacklige Schritte. Ich habe mich lange Zeit von der Meinung anderer leiten lassen. Von ihrer Reaktion auf mich. Von der Angst vor meiner eigenen Wahrheit. Das Labyrinth zu betreten, bedeutet, dass ich anfangen muss, meinen Gefühlen zu trauen.

Die hatte ich nämlich lange in einen gepanzerten Giftschrank gesperrt.

Ich fühle mich unwohl unter diesen Menschen? Tja, das liegt ja dann wohl an dir. Streng dich mehr an. Du musst sie doch LIEBEN! 

Ich fühle mich in eine Ecke gedrängt und nicht ernst genommen? Du bist aber auch mal wieder viel zu empfindlich. 

Ich fühle, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmt? Sprich es bloß nicht an, sonst wird’s kompliziert.  

Ich fühle, dass mein Leben zu schwer geworden ist? Mach einfach eine Liste und dann gehts schon wieder. 

Ich fühle einen unausgesprochenen Konflikt? Ignoriere ihn einfach, dann geht er schon von selbst wieder weg. 

Sperre ich meine Gefühle in den Giftschrank, erleiden meine Beziehungen Schaden, erleidet mein Glaube Schaden, erleide ich selber Schaden.

Die kluge Anne Frank schreibt dazu:

„Aber Gefühle können nicht ignoriert werden, so ungerecht und unangenehm sie auch scheinen mögen.“

Ich muss meine Gefühle nicht überbewerten und als unumstößliche Wahrheit sehen. Das wäre unreif. Vielmehr sind sie Wegweiser und Warner. Gefühle sind Teil meiner Sinne, um nicht völlig blind durchs Lebenslabyrinth zu stolpern. Sie geben immer eine Richtung an.

Und meine Richtung heißt gerade: Mündigkeit. Erwachsenwerden. Liebe zulassen.

Nun sitze ich immer noch hier. Der Kaffee ist kalt geworden und ich nicke bestätigend. Das hört sich alles gut an. Aber ich stehe immer noch am Eingang meines Labyrinths und traue mich nur sehr zögernd hinein. Was lasse ich hinter mir? Was kommt als nächstes?

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10 Kommentare zu „Labyrinth

  1. Das Gefühl kenne ich von diesem Jahr nur zu gut… momentan laufe ich im Labyrinth nicht in Sackgassen, aber vermutlich fühle ich mich ab Januar wieder etwas verwirrter. Die Zeit bis dahin ist umso kostbarer 🙂
    Lg, Miriam

  2. Danke fürs in Worte fassen!!! Es tat sehr gut, deine Gedanken zu lesen.
    Gefühle wahrnehmen und angemessen damit umgehen ist ein lebenslanges Lernfeld.
    Mein Labyrinth scheint derzeit auch sehr groß und unheimlich zu sein, weil vertrautes nicht mehr da ist und die neuen Wege noch nicht so weit einsehbar sind, das man zuversichtlich und vertrauensvoll losziehen möchte.

  3. Hallo Veronika, oh diese Labyrinth Zeit kenne ich sehr gut. Ich bin Gemeindemäßig drin gesessen und bin ständig vor Wände gelaufen. Am vergangenen Sonntag habe ich meinen Austritt schriftlich abgegeben und möchte erst mal Luft schnappen… Nach fast sechs Jahren Loch in einer „Gemeinschaft“ braucht es Zeit der Erholung, aber ich weiß was ich nicht mehr will. Hohles Christengeplapper! Ich will gelebtes Christsein, glaubwürdiges und mündiges ernstgenommen sein im Sein als Königskind. 😉

    Nur Mut! … Beim Wege gehen…

    Liebe Grüße, Maike

  4. Hallo Veronika,
    danke für deine geschriebenen Zeilen! Ich kann mich in ihnen so gut wiederfinden… und da dachte ich immer, dass ich eher alleine bin mit solchen Gedanken und Gefühlen… bis ich deine Einträge und Texte in der Family (vor allem in der aktuellen Ausgabe) gelesen habe… ich fühle mich dadurch verstanden und angenommen, selbst wenn wir uns nicht kennen und ich nur deine Gedanken lese…

    Einen ganz guten Tag!

    Liebe Grüße,
    Judith

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