Ich geb meinen Senf dazu

Meine Kinder toben durch den Flur und ich versuche mein kleines Mittagsschläfchen zu halten. Normalerweise gelingt mir das – auch mit Kinderlärm als Soundtrack. Ohropax rein, Decke über den Kopf und für eine Viertelstunde ab ins Reich der Träume.

Aber heute habe ich keine Chance. In meinem Kopf verfasse ich zehn verschiedene Fassungen eines wütenden Blogeintrags. Ich habe einen steifen Nacken, weil ich seit dem Morgen mit fassungslosem Kopfschütteln beschäftigt bin. Ein orangefarbener Clown ist Präsident der USA. Seufzend popele ich das Ohropax aus meinem Gehörgang und schlichte einen Geschwisterstreit. „Jaja, Friede fängt in den eigenen vier Wänden an…“ denke ich frustriert. Dann beschließe ich, keinen Blogeintrag zu schreiben. Ich habe Worte satt. Zuviele davon sind mir heute schon um die Ohren geflogen. In Facebook-Diskussionen (ganz schlimm: idea). Im Fernsehen. In regen Selbstgesprächen.

Und dann…ach jetzt hacke ich doch auf der Tastatur rum, weil ich natürlich meinen Mund nicht halten kann. Nun geb ich meinen Senf einfach noch obendrauf.

Trump ist demokratisch gewählter Präsident. Der Wille des Volkes. Das müssen wir akzeptieren und wenn uns die Zähne vor lauter Zähneknirschen zerspringen. Fluch und Segen der Demokratie. Es ändert nichts, sich darüber zu mokieren. Oder sich über die Tatsache aufzuregen, dass 80% der evangelikalen amerikanischen Christen für ihn gestimmt haben.
An der Spitze der USA steht nun ein populistischer, sexistischer, machtgeiler, rassistischer, islamophober Mann, der das Land zutiefst gespalten hat. Ich wünsche ihm aber aus tiefstem Herzen, dass er gute Berater an die Seite bekommt. Ich bete, dass er zur Vernunft kommt und mit einem Mindestmaß an Weisheit regiert. Ich wünsche ihm nichts Schlechtes. Würde ich ihm Versagen wünschen, dann nur aus dem Grund, damit ich mich bestätigt fühle. Und das wäre kindisch.

Überall blühen neuerdings Nährböden für große Demagogen. Das macht mir Angst. Aber ich will mich nicht von Angst, sondern von Hoffnung leiten lassen.

Aus Abgrenzung und Hass – egal von welcher Seite – sind noch niemals Segen und Heilung gewachsen. Im Gegenteil: sie sind Nährböden für die großen zerstörerischen Demagogen unserer Zeit. Petry. Putin. Erdogan. Marine Le Pen. Trump.

Ich will mich mehr denn je trotzig am heiligen Dreiergestirn festhalten: Glaube, Liebe, Hoffnung. Ich will mehr denn je lernen zuzuhören. Ich will mehr denn je das Verbindende zwischen den Völkern, zwischen den Religionen, zwischen mir und dir suchen. Ich will mehr denn je beten. Ich will mehr denn je meine Tür weit öffnen. Ich will mehr denn je dieses eine kostbare Leben feiern. Ich will mehr denn je meinen Mund aufmachen.

Wenn der Wind uns hart entgegenbläst, dann lasst uns geschützte Feuerstellen bauen, an denen wir uns gemeinsam wärmen. Auch wenn ich als hoffnungsloser, lächerlicher Idealist dastehe (und das tu ich gerne!): Ich möchte alles tun, damit diese Welt ein besserer Ort wird….

6 Kommentare zu „Ich geb meinen Senf dazu

  1. gut gebrüllt, Löwin.
    Du bist mir ziemlich oft eine wichtige Denk-Lenkung. Danke.
    Hab heute in der Zeitung gelesen, dass „liberale Demagogen“ gesucht werden. Klar, Leisetreter sind gerade nicht gefragt. Die gehen in Rente, wie Gauck, Lammert und Co.

    Das mit dem Dreigestirn (pst: ohne ‚er‘) gefällt mir ausgesprochen gut.

  2. Was mich gestern ermutigt hat, ist die Predigt von Heather Larson, die sie beim letzten Willow Creek Gottesdienst (also direkt vor der Präsidentenwahl) gehalten hat: https://willowcreek.tv/sermons/south-barrington/2016/11/welcome-everyone-always/#message. Ist leider ohne Übersetzung! Sie drückt das aus, wie wir Christen auf Fremdenhass und Abgrenzung reagieren sollten: mit Gastfreundschaft und offenen Armen! Meine Hoffnung ist, dass die Christen in Amerika sich mit ihrem Engagement aber auch mit deutlichen Worten so positionieren, wie Heather Larson es getan hat.

  3. ja, wir sind so oft gut darin zu beurteilen.
    Lieben und anerkennen ist so viel schwerer- anerkennen, dass selbst die bösen Christen ihre Gründe haben könnten diesen Mann zu wählen. Das ist mein innerer Konflikt…

  4. liebe veronika

    wieder einmal sprichst du mir mit deinen worten so aus dem herzen …! du hast es auf den punkt gebracht, das land wurde gespalten und sogar ehepaare entzweiien sich, weil sie unterschiedlich gewählt haben (bei einer freundin von mir, sie ist amerikanerin, der fall …:-( ).

    gleich nach der wahl war facebook ja überhäuft mit einträgen und kommentaren zu trump’s sieg. vieles hab ich gar nicht angeschaut, einen artikel aber hat mich sehr zum nachdenken angeregt, ich hab dir den link hier gepostet, wenn du magst, kannst du dich ja mal reinlesen …
    http://johanneshartl.org/einige-gedanken-zu-trump/

    ich war vor 8 jahren in den usa, als obama zum präsidenten gewählt wurde. wir waren damals als gruppe unterwegs und haben in (gläubigen) gastfamilien gewohnt und sind quer durch die staaten gereist. ich erinnere mich noch gut, wie sich die menschen (und vorallem christen) mit zum teils unglaublichen worten über obama geäussert haben, einige bezeichneten ihn sogar als antichrist …! heute, 8 jahre später klingt es ja so ganz anders und ich hoffe und bete, dass der anfängliche schrecken sich legt und trump zum segen für die menschen werden darf.

    ich habe mir auch ganz neu vorgenommen, wieder für unsere regierung zu beten und unsere politiker zu segnen. was wäre alles möglich, wenn ich meine kraft und energie auf das beten für unsere nation verschwenden würde, als mich „nur“ über die amerikaner zu ärgern …

    liebe veronika, ich wünsche dir einen wundervollen tag, sei reich gesegnet und danke, dass du uns an deinem leben teilhaben lässt!

    much love, tanja

Schreibe eine Antwort zu Frau Vorgarten Antwort abbrechen