Erziehen mit Zuschauern

img_6458_edited-1Waren Herbstferien? Hab ich gar nicht gemerkt. Sie sind an mir vorbei gerast wie ein Bulle auf Speed.

Die letzten Tage waren ruhig. Ja, richtig friedlich. Wie schönstes Sommer-Hochdruck-Wetter. Aber ich kenne natürlich auch die Herbststürme, wenn Emotionen hochfliegen und Türen knallen. Und die ratlosen Nebelwände, wenn ich Erziehung per try and error steuere, ohne zu wissen, wo wir damit landen werden. Oder Minus-Temperaturen, wenn jeder mit jedem sauer ist. Ein Wetterbericht wäre hilfreich, aber ich weiß nie, was mich jeden Morgen erwartet. „Surprise! Das Wetter ist heute perfekt für einen Ausflug in die Vorpubertät!“

Ich versuche mir Taktiken zu erarbeiten, um als Mutter nicht immer wieder auf dem Glatteis meiner Emotionen auszurutschen. Denn wenn ich ausrutsche, fallen alle anderen mit hin. Meine neueste Taktik?

Ich erziehe, als würde mir jemand dabei zuschauen. Jemand, den ich respektiere und der mir Vorbild ist. Wenn die Wut in mir hochsteigt und ich am liebsten einen saftigen lauten Fluch brüllen will, stelle ich mir vor, dass diese Person mit im Raum ist.

Ich habe nämlich festgestellt, dass ich in der Öffentlichkeit tatsächlich anders mit meinen Kindern umgehe als daheim. Dann lasse ich mich weniger von meinen Emotionen steuern, sondern von der Vernunft. Außerdem will ich auch nicht als die größte Assi-Mutter dastehen. Ist ja klar.

Wir haben immer ein öffentliches ICH und ein privates ICH.

Mein öffentliches ICH muss in der Erziehung eine größere Rolle spielen.Dagegen darf mein privates ICH nur in Erscheinung treten, wenn es sich benehmen kann. Ausgenommen sind Rülps-Wettbewerbe. Aber nur, wenn Armin nicht da ist (haha, er war dieses Wochenende in Berlin und wir haben das weidlich ausgenutzt!).

Jemand ist mit mir im Raum…

….wenn ich mein Kind anschreien will.

…wenn ich es grob anfassen möchte.

…wenn ich unüberlegte Strafen ausspreche (und dann überhaupt nicht durchziehen kann!).

…wenn ich meine Ungeduld und Gereiztheit auf meinem Kind abladen möchte.

Und schon schlucke ich meine negativen Ambitionen hinunter.

Ich muss authentisch mit meinen Kindern umgehen. Dazu gehört auch, dass ich meine Gefühle angemessen ausdrücken darf. Und nicht in einem Gewitter entlade. Vielleicht eher als Wind mit sanftem Nieselregen.

Es ist ein langer Weg, auf dem ich entlang stolpere. Und ich brauche Taktiken, die mir helfen, einen kühlen Kopf und ein liebendes Herz zu bewahren.

Jemand ist da und schaut mir zu. Nicht anklagend, sondern helfend. Vergebend.

Und wenn alle Stricke reißen, dann holen mich die Sprüche, dieses kluge, absurde Buch in der Bibel, auf den Boden der Tatsachen zurück:

„Wenn der Dummkopf gekränkt wird, zeigt er seinen Ärger sofort. Der Kluge beherrscht seine Gefühle.“ Sprüche 12, 16

 

 

 

 

15 Kommentare zu „Erziehen mit Zuschauern

  1. Liebe Veronika, was für eine gute Idee. Der schließe ich mich sofort an. Und dazu ist mir dann gleich eingefallen, es ist ja eh so. Es schaut ja eh immer jemand zu. Sogar jemand der uns gar nicht dafür verurteilt. Sogar beim Rülps-Wettbewerb (ob wir wollen oder nicht ;)) Alles Liebe Sarah

  2. Wie wahr!!!!
    Tolle tolle Idee. 😉
    Danke. Das hab ich heute so gebraucht!!
    Fühle mich oft so hilflos.
    Dann noch meine Schwangerschaftshirmone…. uff…

  3. Danke. Ich mag gerade abends oft selbst nicht, weil ich zu den Kindern etwas gesagt habe, was mir hinterher total leid tut. Und die Große bringt mich so an meine Grenzen. Da ist dein Tipp eine gute Hilfe.

  4. Liebe Veronika
    Ich hab mir diesen Gedanken schon vor vielen Jahren angewöhnt und viele gute Erfahrungen damit gemacht. Das tolle daran ist, dass man mehr und mehr merkt, dass man diesen extrem herausfordernden Situationen und vor allem den starken Gefühlen nicht ausgeliefert ist.
    Gott hat uns einen freien Willen gegeben und wir entscheiden, wie wir reagieren. Welch ein Vorrecht. Unsere Kinder sind es absolut wert, dass wir Selbstbeherrschung lernen und üben.
    Und ich komme heraus aus der Opferrolle und beginne zu agieren anstatt nur zu re- agieren.
    Das fühlt sich besser an.
    Viel Erfolg allen, die sich darauf einlassen!

  5. Liebe Veronika,
    Dein Blog lässt mir jedes mal das Herz aufgehen, wenn ich deine Bilder von eurem so reichen Alltag sehe. Du bist eine liebevolle, angagierde Mama, vermittelst deinen Mädchen so viele Werte. Du machst das super!
    Ich hab mir lange überlegt ob ich kommentieren soll….meist wenn ich über haupt was schreibe überleg ich kann/ soll ich wirklich ? 🙂 und tu es dann doch, weil es mir so unter den Nägeln brennt.
    … wenn deine Große oft so unausgeglichen ist habe ich das Gefühl, das es ihre Art ist mit einem „zu viel“ (z.B. Aktivitäten/Hobbies, zu wenig eigene Zeit für eigene Pläne, über-oder unterfordert, oder eventuell eine Form von Hochsensibilität, wo sie die vielen Eindrücke und was auf sie einströmt noch nicht gut verarbeiten bzw. kanalisieren kann)so umzugehen. Das Verhalten von Kindern in diesem Alter ist dann stellenweise mehr Hilfeschrei als Vorpubertät…..
    Daher ist es wichtig genau hinzu schauen, auch mit ihr darüber reden wie es ihr gerade in ihrem Schulalltag geht, was ihr gut tut – was nicht, was sie braucht um sich wohl fühlen zu dürfen bzw. können. Etwas zu experimentieren, aha so ist es wenn sie kaum Termine hat, so ist sie wenn sie sehr anspruchsvolle Aufgaben hat, so wenn sie einfache erledigen muss….etc. ich denke du weißt wie ich das meine. Ich habe das Gefühl in dieser Richtung könnte für euch eine Lösung liegen. Die Umstellung zum Schulkind ist manchmal ein längerer Prozess was den Kindern viel abverlangt und wo wir Eltern oft hilflos daneben stehen wenn es unseren Kids dann nicht gut geht. Die einen bekommen da dann Kopf-und Bauchweh in der Grundschule, die anderen kauen Nägel, der nächste kann nicht schlafen und andere rebellieren.
    Ich finde es gut, das du dir Luft machst, das tut dir als auch deinen Mädels gut, nimmt Spannung raus….
    Für viele ist das Thema ein Tabubereich, da ja sonst das Bild nach aussen hin dann nicht mehr „chic“ oder perfekt genug wäre 😉 , vielen Dank für den Umgang mit dieser belastenden Thematik auf deinem Blog, das du diese Dinge ansprichst bzw. aussprichst.
    Und ich finde es auch wichtig für dich, gut für dich selbst zu sorgen, indem du genug schläfst, Dinge tust die dir gut tun, wo du Kraft tanken kannst, fünfe mal grad sein lassen…..und ich bin
    froh, das du bzw. ihr im Glauben lebt, so kannst du im Gebet all deine Sorgen und Themen vor den Herr bringen – an ihn abgeben bzw. übergeben und dadurch loslassen und ihn wirken lassen in eurem Leben.

    Gott segne euch – mitfühlende Grüße

    1. Wow- vielen Dank! Du triffst den Nagel auf den Kopf. Bei uns ist es eine Mischung aus schulischer Unterforderung und einem hohen Maß an Sensibilität. Ich werde deine Worte noch eine Weile durchkauen. Wunderbar, dass du hier kommentiert hast!

  6. Liebe Veronika,

    ich lese schon eine Weile still auf deinem Blog mit und immer häufiger treffen deine Beiträge mich direkt ins Herz und ich bin dir für viele offene Worte sehr dankbar.
    Vor vielen vielen Jahren war ich mit Armin und dir in Ungarn über Crossover (damals hatten so einige die Pläne euch zu verkuppeln :-)), mittlerweile habe ich selbst drei äußerst quirlige und herausfordernde Kinder und in vielem, was du schreibst, finde ich mich wieder…und viele Gedanken von dir bewege ich lange und ziehe Gutes für mich daraus.
    Hab vielen Dank für deine Offenheit und deine Ehrlichkeit!

    Liebe Grüße,
    Anna

    1. Hi Anna, das ist ja eine Überraschung. Ungarn ist echt schon eine gefühlte Ewigkeit her. Aber es ist mir neu, dass wir verkuppelt werden sollten, haha! Der Plan hat ja geklappt – Gott sei Dank!!
      Liebe Grüße!

      1. 😂 ja…Doch. ..Kann mich noch dran erinnern.
        Bin froh deinen Blog gefunden zu haben und es freut mich dass ihr eine so tolle Familie seid!
        Grüße an Armin

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