Neue Zeiten

img_5880_edited-1Manchmal merkt man erst, dass eine neue Phase im Leben begonnen hat, wenn erprobte Strategien nicht mehr funzen und Beziehungen ins Wanken geraten. 

Gerade wische ich die letzten Frühstücksbrösel weg und überlege, ob ich heute lieber die dreckigen Fenster putzen oder die letzten Tomaten einkochen soll. Die Betten müssen auch neu bezogen werden. Ich stehe in den Zimmern meiner Töchter und hebe verstreute Kuscheltiere auf. Brauchen sie sie noch?  Auf der einen Seite wollen sie groß sein, unabhängig, alles selbst können. Sich nichts mehr sagen lassen wollen. Und abends brauchen sie mich, die Kuscheltiere, ein Lied, einen Kuss. Wie lange noch?

Dennoch: Tagsüber wackeln die Wände, knallen die Türen, wird eine enge Mutter-Tochter-Beziehung wie ein Gummiband so weit gedehnt, dass es fast droht zu reißen. Ist es schon gerissen? Ist das ein kleiner Ausblick auf die Teenie-Zeit? Wenn ja, dann lass ich mich für die nächsten 14 Jahre krank schreiben.

Ich weiß gerade überhaupt nicht mehr, wie ich auf Gefühlsausbrüche, Rebellion und unangemessenes Verhalten reagieren soll. Wenn wir strafen, dann guckt mir Jesper Juul missbilligend über die Schulter und ich befürchte, mein Kind nur noch weiter in die Rebellion zu stoßen. Bin ich gnädig, dann guckt mir Michael Winterhoff missbilligend über die Schulter und ich befürchte, mein Kind könnte ein Tyrann werden.

Wir finden keine Balance mehr zwischen Gnade und Konsequenz. Die alten Methoden funktionieren nicht mehr. Und ich fühle mich so ausgelaugt. Dabei habe ich eine leise Ahnung, was meine Kinder brauchen. Sie brauchen jemanden, der zuhört, die Gefühlsschichten behutsam abpellt, um zu sehen, was darunter liegt. Was ist das ursprüngliche Bedürfnis, die wahre Not?

Und genau das muss ich neu lernen.

Gute Zeitpunkte abpassen. Mir Zeit für mein Kind nehmen. Reden. Zuhören.

Das passiert nicht schnellschnell am Morgen vor Schule und Kindergarten. Das passiert nicht, wenn ich durch den Tag renne. Mein Kind zu tausend Aktivitäten und Playdates fahre.

Das passiert nur, wenn wir aufhören zu strampeln, machen, hetzen, kontrollieren, befehlen. Am Abend, wenn wir alle durchlässiger werden. Am Nachmittag, wenn ich uns allen einen Chai mache und wir uns an den Tisch setzen. Nach dem Mittagessen, wenn ich meinen Kindern Raum zum Ankommen, Ausruhen, Spielen gebe.

Meine Kinder wachsen nicht nur aus ihrer Sommerkleidung und den Schuhen heraus. Sie wachsen aus dem kleinen Alter heraus, hinein in ein anderes. Und das wirft uns alle total über den Haufen.

Die süßen, brandneuen Babyjahre sind vorbei. Wir müssen uns neue Pfade ebnen. Einen Vorrat für langen Atem anlegen. Aber die Kuscheltiere, die werden noch eine lange Zeit bleiben. img_5882_edited-1

 

 

22 Kommentare zu „Neue Zeiten

  1. Jedes einzelne Wort spricht mir so ins Herz und mitten in unseren Alltag: Bei Juul und Winterhoff bringen Deine Worte mich zum Lachen und einige Zeilen später Tränen in die Augen. Es stimmt! -You made my day!!!

  2. Hach ja. Kenne ich. Same here. Ich strauchele im Moment auch oft zwischen Bauchgefühl (Gnade) und der mir aufgezwungenen Tyrannen-Diskussion (Strenge, Konsequenzen ). Mir hilft meine Weiterbildung und die Texte dazu. Ich habe jetzt gerade einiges von Katia Saalfrank gelesen. Das entspannt mich sehr. Sie geht inhaltlich in Richtung Juuls, aber ohne die selbstgerechte Überheblichkeit, die bei ihm manchmal durchschimmert. Außerdem geht sie durchaus auch auf das Verhalten ein, dass Winterhoff als Tyrannei bezeichnet – mit anderer Bewertungen allerdings. Ein guter Gedanke, den ich daraus mitgenommen habe: Grenzen sind wichtig, aber nur deine persönlichen und nicht irgendwelche tradierten oder irgendwas was man auf dem Dorf, in der Schule oder in der Gemeinde gerade wichtig findet. Außerdem hat das Kind auch Grenzen, die gewahrt werden müssen.
    Außerdem die völlig erleichternd Einsicht, dass wir nicht zu allem JA sagen müssen, was die Kinder wollen, sondern lediglich darauf achten, wie wir NEIN sagen. Das reicht völlig, um in Beziehung zu bleiben.
    Was du über Beziehungspflege zu den Kindern sagst, kann ich 100% unterschreiben. Es braucht Zeit, Zeit und nochmal Zeit!!!
    Ich wünsche dir viele Nerven und viel Geduld und Gnade im Herzen beim Suchen neuer Wege. Du bist nicht allein. Ich suche auch und mit uns viele. Wir Mamas sollten uns immer wieder austauschen, von einander lernen oder uns auch im Zweifel nur mal in unserer Unterschiedlichkeit akzeptieren und wertschätzen.

  3. Danke Verena! Dein Beitrag könnte unsere Situation hier sein und er hilft mir heute sehr weiter! Hier fliegen seit Tagen die Fetzen mit meinem Drittklässler und keinem geht es gut damit…

  4. Ohhhhh, das waren heute genau die richten Worte… vielen Dank dafür – ich staune manchmal sehr wie ähnlich das bei uns ist… und bin auch ein bisschen beruhig, dass es anderen auch so geht… LG, Miri

  5. Ich sitze hier mit Tränen in den Augen und fühle mich dir so nahe. Du hast meine Gedanken in Worte gefasst. Ich könnte das gar nicht so gut. Hier bleibt im Moment kaum ein Tag aus, an dem ich nicht am verzweifeln bin, weil ich das Gefühl habe meinen Kindern nicht gerecht zu werden und einfach nicht zu wissen welche Erziehungsmethode die richtige ist. Und die Geduld und die Nerven für diese ständigen Kämpfe fehlen mir auch…..
    Danke für diesen Beitrag!!

  6. Ich mag mal aus der Zukunft winken. Meine Mädels sind jetzt 11 und 13 und ich kann sagen, wenn der Umbruch geschafft ist, wird es anders – in unserem Fall trotz Pubertät sogar besser denn je! Ich lasse zu, dass meine Mädels maulig sind und mich ungerechtfertigterweise anmotzen. Wie oft bin ich selbst vom Alltag überfordert und motze Leute an, die nix dafür können? Das passiert uns allen und das will ich ihnen beibringen – wir alle machen Fehler, aber wir können immer kommen und uns entschudligen und dann wieder in den Arm nehmen. Inzwischen halte ich das besser aus, sie sind eben keine Kindergartenkinder mehr, die nur spielen wollen. An unsere Kinder werden Tag für Tag hohe Anforderungen gestellt – gar nicht mal so sehr von mir, eher aus der Schule und von Freunden. Zu Hause versuchen wir einen Rückzugsort zu schaffen. Meine Kinder haben jeder nur ein Hobby, sie vertrödeln lieber ihre Nachmittage und treffen sich spontan zum Spielen. Manchmal backen wir Kuchen oder spazieren in die Stadtbücherei. So viel „Bullerbü“ wie möglich – der Stress kommt von ganz allein.

  7. Danke, Veronika, für diesen Beitrag. Gerade in der christlichen Szene existiert dieser Zerriss zwischen Juul und Winterhoff besonders krass: Absoluter Gehorsam versus Beziehungsorientierung, und beides wird biblisch „belegt“, so dass sich der Druck erhöht (zumindest bei mir; ich möchte am liebsten alles ganz, ganz richtig machen). Für mich habe ich nun einen Weg gefunden, der eine klare Hierarchie voraussetzt, aber die Beziehung stärker als den Gehorsam betont. Da ich genau umgekehrt aufgewachsen bin, bedeutet das für mich ein ziemliches Umdenken, und es erfordert Zeit.

    Der Wechsel von der Kleinkinder- zur „Kinder“-zeit (resp. Vorpubertät, gibt’s das bei Achtjährigen!?) findet auch bei uns seit längerem statt; wir sind mittendrin, aber auch in einer Spannweite (von 3.5 bis 8.5 Jahre). Konzepte, die früher funktioniert haben, zielen heute ins Leere – und anderes wird wichtiger. Dein Text spricht mir grad ins Herz. Das mit der Zeit ist nämlich, wie ich glaube, der Schlüssel. Resp. die Beziehung, die Liebe, die so Raum erhält.

  8. schön. Unsere Kinder sind im selben Alter und der 2. Klässlerin bin ich manchmal schon peinlich vor ihren Freundinnen oder sie verdreht die Augen, knallt die Tür und wir bleiben ratlos zurück: Sie ist doch noch nicht 13?! Ein schmerzhaftes Alter.

  9. Danke, liebe Veronika! Wir stecken noch nicht in dieser Phase drin (die Kinder sind 4 und 2), aber es ist gut, innerlich schonmal „vorbereitet“ zu sein… Bei der Juul-Winterhoff-Stelle musste ich auch lachen (das geht aber wahrscheinlich auch besser, wenn man noch etwas distanziert auf diese Zeit gucken kann).

    Ich wünsch euch, dass ihr gut und heil da durch kommt!

  10. Sehr wertvoll, bei dir und anderen Müttern mitzuerleben, wie sich das Leben mit Kindern verändert. Ich wünsche dir, dass du diesen Zeitabschnitt super meisterst und dir selbst und deinen Töchtern die Gnade gibst, nicht perfekt sein zu müssen. 🙂 Es bleibt sicher spannend, aber wird sich lohnen.
    Die Kuscheltiere … 🙂 Die habe ich sogar noch mit 24 und verheiratet und habe heute Nacht sogar davon geträumt ;D Mhm.

  11. Liebe Sonja,
    ja der Ausdruck vorpubertär gibt es- und der dürfte schon so mit 7-8-9 Jahren dran sein- ich erinnere mich noch gut – jetzt wird es etwas peinlich- wie ich mich über den starken Körpergeruch meiner Tochter mit 8 gewundert habe- ich dachte sie ist krank….
    Bis ich gegoogelt habe…. es waren die Hormone!!!!… das erste Achselhaar war dann der Beweis, dass jetzt die Hormone der Mama (Die Wechseljahre beginnen 7 Jahre vor dem ausbleiben des Zyklus und gehen nach dem Ausbleiben noch 7 Jahre weiter bis sich der Hormoncocktail wieder eingependelt hat) und die Hormone der Tochter mit- oder gegeneinander amüsieren.
    Wir sind ja kein Opfer unserer Hormone- aber manches Emotionshoch und Tief wird schon davon gepusht- da braucht es Gnade der Mama mit sich selber und mit dem Kind, das ja noch weniger weiss was mit ihm geschieht…
    Heute ist das Mädele 13 und oft gehen die Funken Raketenartig zwischen uns hoch- aber wir haben zwischenzeitlich super gelernt uns wieder zu versöhnen – Streiten ist völlig in Ordnung- solange die Liebe füreinander wieder durchkommt wenn sich der Rauch verzogen hat!!!
    Liebe Grüße
    Esther

  12. Meine Kinder sind noch etwas kleiner, der Älteste gerade 7 geworden. Aber ich schwanke auch immer wieder zwischen zu streng? zu inkonsequent?? Man will alles richtig machen und vergisst manchmal, dass es nicht so sehr um das Machen geht. Wenn ich mich wieder mehr auf die Beziehung fokussiere, dann kommt schon meist mehr Entspannung rein. Aber manchmal sind es auch so Phasen, da hilft alles nix, die muss man wohl aushalten und umso mehr Liebe schenken, weil die Kinder selbst ganz durcheinander sind. Zumindest habe ich in solchen Zeiten oft das Gefühl, dass die Kinder selbst gerade nicht wissen, wohin mit sich…

  13. „Das passiert nur, wenn wir aufhören zu strampeln, machen, hetzen, kontrollieren, befehlen. Am Abend, wenn wir alle durchlässiger werden. Am Nachmittag, wenn ich uns allen einen Chai mache und wir uns an den Tisch setzen. Nach dem Mittagessen, wenn ich meinen Kindern Raum zum Ankommen, Ausruhen, Spielen gebe.“

    Schön und richtig. Meine Mama hat niemals eines dieser Bücher gelesen. Sie hat Fehler gemacht. Ich habe sie verletzt. Wir haben uns viel an- aber auch unheimlich gut getan.
    Ihre unendliche Liebe, ihr großes Herz und unfassbare Geduld haben mir Platz und Raum gegeben ich sein zu dürfen und zu werden: groß, vernünftig, individuell und nicht zuletzt ihr Kind zu bleiben. Ich glaube, es geht wirklich nicht darum, perfekt zu sein und alles immer gut und richtig zu machen, sondern beziehungstechnisch ein zu Hause zu schaffen. Und „zu Hause“ schauts nun mal auch manchmal chaotisch sein. Man muss nur wissen, wo man das Herz findet und die Geduld wieder raus holen und den Konflikt bei Seite räumen kann.

  14. Jetzt muss ich fast schon schmunzeln….habe gerade einen Eintrag zu ähnlichem Thema gemacht. Vielleicht liegt es ja in der Luft? Nein ernsthaft, es ist wohltuend, dass letztlich alle die selben Kämpfe kämpfen. Mich stressen alle Arten von Ratgeber nur noch mehr und ich versuche auf mein Bauchgefühl zu hören (außer Anna Wahlgren, auf die schwöre ich in Teilen wirklich) Zwischendurch einen Schritt zurückzutreten. Einatmen und Ausatmen nicht vergessen.

  15. Liebe Veronika,

    mir geht’s wie den meisten anderen: Du sprichst mir echt aus der Seele! Nur, dass ich grad die volle Bandbreite hab- von 0,5 bis 9,5. Aber so hab ich meinen Kleinen noch als kleinen Ausgleich😉
    Mir geht’s auch so, dass ich mir immer wieder schwer tue, was jetzt dran ist. Ich glaube, die vielen Kommentare zeigen auch, dass (christliche) Erziehung gerade irgendwie im Umbruch ist. Es tut gut zu sehen, dass andere auch am Ringen sind, um das Beste für die Kinder zu tun und dabei nicht selbst unterzugehen.
    Liebe Grüße, Judith

  16. Liebe Veronika,

    ich habe deinen Eintrag gelesen und wollte sofort kommentieren, wie tief du mein Herz getroffen hast. Ich bin soooo getröstet von deinen Worten, wie du „meiner“ Situation Ausdruck verleihst, obwohl du mich nicht kennst. Jetzt habe ich alle Kommentare gelesen und obwohl meiner auch den anderen gleicht, soll er hier stehen um uns Mütter zu stärken, dass wir alle kämpfen um das beste Verhalten unseren Kindern gegenüber und es so anstrengend finden immer wieder zu versagen.
    Mach weiter so…
    „Willkommen an meinem Tisch“ ist auch sooo gut. Tolle Rezepte, spannende Geschichten, viel Einblick in dein Leben. Danke dafür. Bin fast fertig damit. Ich kann auch nicht ohne Lesen. ;-))
    Fühl dich mal gedrückt.
    Liebe Grüße
    Christiane

  17. Ich bin froh, heute keine Kinder in der Verantwortung der Erziehung mehr zu haben. Das ist bei uns 10 bis 15 Jahre durch. Ich beobachte also nur noch sozusagen von der Peripherie, von der Seite. Ich bemerke: die Kinder bekommen offenbar alles geboten, was nur geht. Materiell sowieso. Mangel scheint ein Fremdwort zu sein. Dass das Leben manchmal „nein“ zu einem sagt, können sie vor dem Hintergrund ihres gesättigten Daseins anscheinend nur schwer akkzeptieren. Wir sind doch als Eltern mehr als nur Bespaßungskasper für verwöhnte Wohlfühl-Kids.

    1. Hi Jo, ich geb dir Recht. Wir müssen uns permanent gegen die Überfrachtung unserer Kinder mit Materiellem, Leistungsansprüchen, Freizeitgestaltung stemmen. Heute war Amelie verwirrt, weil Klassenkameraden mit ihrem eigenen Smartphone rumlaufen. In der zweiten Klasse. Ich weiß, dass wir unsere Kinder ins Abseits stellen, wenn sie erst als Teenies ein Telefon bekommen, wenn sie nicht ständig in Freizeitparks dürfen und keine Disney-Filme glotzen (die sie eh nicht mögen). Aber ich hoffe, dass sich das Dagegenstemmen irgendwann positiv auszahlen wird.

  18. Liebe Veronika, eigentlich wollte ich hier gleich nach dem ersten Lesen kommentierten. Aber das ist bei mir so eine Sache, denn eigentlich schaffe ich es nie zum Kommentieren. Ich lasse die Website auf meinem Smartphone offen, bis ich sie ein paar Tage später wieder mit viel zu viel anderen offenen Seiten unerledigt schließe…😐
    Eigentlich wollte ich dir unbedingt schreiben, dass wir dasselbe durchmachen und es einfach nur phasenweise „schlimm“ ist. Aber die vielen Kommentare unter deinem Post sind echt der Hammer. Es tut ja so gut zu merken, dass man nicht alleine ist…! Bisher hat mich niemand in meinem Umfeld mit diesem „Problem“ verstanden. Und auch ich habe mittlerweile Jesper Juuls und Winterhoff verworfen. Ich habe mich richtig geärgert, dass ich Erziehungsratgeber so ernst genommen habe. Meine arme, geliebte Erstgeborene musste mal wieder alles mitmachen… Das einzige Buch, an dem ich hängen geblieben bin, ist „die fünf Sprachen der Liebe“. Ich glaube, das ist das wichtigste: unseren Kindern Liebe zu geben, so wie sie es brauchen. Und dazu gehört natürlich auch die Zeit, so wie du und viele es geschrieben haben. Danke für diesen Post und bitte mehr von diesem coolen Mütteraustausch! 😉

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