Gedanken

Veränderung

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„Die einzige Konstante in meinem Leben ist die Veränderung.“

Das sagte ich vor vielen (gefühlten) Jahrhunderten einem Freund, als wir in einer Prager Kneipe rumhingen, Pils tranken und über unser junges Leben philosophierten. Damals hatte dieser Satz einen erwartungsvollen, ja fast freudetaumelnden Unterton. Ich wollte immer wieder und unbedingt Veränderung. Denn hinter jeder neuen Wegbiegung meines Lebens könnte ja endlich das lauern, nach dem ich immer suchte. Nur wusste ich nicht so genau, wonach ich eigentlich suchte (Gruß an U2 an dieser Stelle: Still haven’t found what I’m looking for!).

Nach einem Mann, auf den ich alle meine Sehnsüchte projizieren könnte? Nach einer neuen Diät, die meinem Körper Modelmaße anhexte? Nach einer Reise, auf der ich Erleuchtung fände?

Alle paar Monate erfand ich mein Leben neu. Ein neuer Job, ein neuer Mann, eine neue Diät, eine neue Reise, ein neues Hobby, neue Schuhe, neue Philosophien. Das war keine ganz leichte Zeit, aber eine die ich niemals missen möchte. In dunkelsten Tälern fand ich einige der schönsten Momente meines Lebens. Irgendwann fügten sich einige Puzzleteile zusammen und auf einmal war ich meines Nomadenlebens überdrüssig. Alles, was vorher in Bewegung und Aufruhr war, kam zur Ruhe. Nach und nach erstarrte ich in meinem neuen Lebensmodell „Mann, Kinder, Familie“. Und ich mag dieses Leben! Unglaublich, aber wahr. Ich möchte mein „Hier und Jetzt“ in ein Weckglas packen, einkochen und damit bis in alle Ewigkeit konservieren. Am liebsten würde ich meinem Leben nichts mehr hinzu addieren und nichts mehr subtrahieren.

Aber ich vergesse, dass diese Rechnung niemals aufgeht. Denn nur Veränderung bringt das Beste und – oh ja!- auch manchmal das Schlimmste in mir zum Vorschein. Veränderung fordert mich heraus, mich wie eine Erwachsene zu verhalten – und nicht wie ein verwöhntes, ängstliches Kind, das sich daumenlutschend hinter dem nächsten Vorhang versteckt. Veränderung fordert meine Eigenverantwortung und meinen Glauben heraus. Ist Gott wirklich ein guter Gott, auch wenn Veränderungen schmerzhafter Natur sind? Kann ich ihm vertrauen, dass er mit hindurch geht? Dass er mir Veränderung zumutet, weil er nicht möchte, dass ich in meinem Wohlfühl-Kokon erstarre?

„Die einzige Konstante in meinem Leben ist die Veränderung.“ Für mich ist es an der Zeit, meine kindischen Ängste und das Festklammern an meinem jetzigen Leben loszulassen. Neue Schritte in neues Land. Was für mich früher ein Spiel, ein Vergnügen war, erfordert heute meinen ganzen Mut. Aber ich will lernen, der Veränderung eine Chance zu geben, auf den Wellen des Lebens zu surfen, statt in ihnen unterzugehen.

Ich habe das Gefühl, immer wenn ich mich in meinem Leben bequem eingerichtet habe, kommt Gott daher und wirbelt alles durcheinander. Typisch. Ich kann mich dagegen stemmen, was ziemlich sinnlos und auch schmerzhaft ist.

Oder ich kann sagen: „Ok Gott, ich hol mein Surfboard raus. Ich habe das Surfen verlernt, aber vielleicht erinnere ich mich wieder daran. Rein ins kalte, salzige Wasser, den rhythmischen Bewegungen der Wellen folgen, lospaddeln und mit großer Entschlossenheit aufs Board springen. Im Magen das euphorische Gefühl spüren, wenn die Welle mich nach vorne trägt. Aber Gott, wenn mich die Wellen böse erwischen, dann musst du mein Rettungsschwimmer sein.“

::“There is nothing, nothing, more sad than a surfer who used to surf.“::
Unknown author

 

 

Familie

Kein Löschwasser mehr

Die Sommerferien sind 7 Stunden alt, an der Wand hängt Amelies Liste gegen Ferien-Langeweile (Nähen mit Mama!), die Kinder sind immer noch nicht im Bett und ich hab nach diesem konfliktreichen Tag so wenig Kraft wie selten.

Ich weiß gerade nicht, wie mein Verstand die nächsten sechs Minuten – geschweige denn die nächsten sechs Wochen gesund überstehen soll. Und das macht mich traurig. Denn ich hab bisher immer die Ferien mit den Kids genossen. Den ganzen Tag für uns, ohne Termine!

Aber nun liegen sich meine beiden Liebsten im Minutentakt in den Haaren und ich komme gar nicht mehr hinterher, die vielen großen und kleinen Konflikte zu lösen. Kaum habe ich den einen Brand einigermaßen gelöscht, hat sich an anderer Stelle ein brüllender Flächenbrand entwickelt. Ich habe kein Löschwasser mehr. Mit Mühe und Not kann ich noch ein paar Tropfen rausquetschen, aber sie verzischen wirkungslos im Getöse. Und manchmal gieße ich noch ein bisschen Öl hinterher.

Ich habe keine Ruhe, keine Kraft, mir Strategien auszudenken. Außerdem habe ich auch gar keine Idee, was hinter all den Streitereien steckt. Ich bin nur noch am Reagieren, nicht mehr am Agieren.

Jetzt habe ich meine Jüngste ins Bett gebracht. Und zum ersten Mal haben wir beide an diesem Tag einen friedlichen Moment erlebt. Beim gemeinsamen Singen von „Der Mond ist aufgegangen.“ Da haben wir uns angelächelt und uns hinterher ohne böse Gefühle in den Arm genommen. Wir haben die Flammen mit ein bisschen Musik gelöscht. Aber hier liegt noch eine Menge Asche rum. All die Gefühle der Unzulänglichkeit, Hilflosigkeit, des Versagens. Die werde ich jetzt Stück für Stück aufsammeln und weitermachen.

Denn als Mutter habe ich manchmal nicht viel mehr Aussichten und Hoffnung als den nächsten Morgen. Manchmal ist es als Mutter meine größte Leistung am Morgen aufzustehen und einfach da zu sein. Und manchmal ist das letzte bisschen Löschwasser, das ich habe, meine Worte.

 

 

 

 

 

 

 

Familie

10 Dinge

  1. Es ist Montagmorgen, aber meine Gedanken beschäftigen sich noch mit dem Gestern. Ein Fest, ein schönes Sommerfest! Erst eine Wanderung mit Freunden, dann Genießen in unserem Garten bis in die Abendstunden. Inklusive Wasserschlacht.
    „So muss der Sommer sein!“ (Zitat Josefine und Amelie)IMG_9745IMG_9765
  2. Bis zu diesem Sommer mochte ich noch nie Eiskaffee (bis auf eine Sorte aus dem Norden Australiens – aber die liefern nicht nach Waldbach). Dann habe ich Miris Rezept für Cold Brew Coffee entdeckt. Und seitdem? Eiskaffee literweise!!

  3. Ich leide neuerdings unter PMS. Hatte ich noch nie. Holla, die Waldfee, gehen da die Hormone ab! Einen Tag lang darf ich mich wieder wie eine Hochschwangere fühlen: Reizbar, überemotional, extrem liebesbedürftig, schläfrig, monsterhungrig. Ich habe mich einfach abends in Amelies Bett gelegt und sie hat mir eine halbe Stunde lang aus ihrem Polizeibuch vorgelesen. Balsam für meine Seele.

  4. Letzte Woche habe ich eine kleine Pause von meiner Entrümpelungs-Challenge gemacht (ich hatte soviel andere Arbeit!). Aber heute gehts weiter. Es geht dem Spielzeug an den Kragen!

  5. Die Nähmaschine steht wieder draußen (habe ich erwähnt, dass ich dringend mein eigenes Näh- und Schreibzimmer brauche?). Ich repariere die Patchwork-Decken meiner Kinder. Einige Flicken hatten sich verabschiedet und die Decken sahen nur noch oll und ausgefranst aus. Hab neue Flicken ausgeschnitten und per Zickzack-Stich eingesetzt. Voila!
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  6. Man kann nie genug Decken haben, nicht wahr? Und deshalb liebäugele ich damit, einen Log Cabin Quilt zu nähen. Hab mir schon dieses Tutorial gespeichert….und demnächst – vielleicht in den Ferien? – werde ich mich an die Arbeit machen.

  7. Diese Woche will ich wieder Brot backen. Und Gurken einwecken (nach dem Rezept meiner Mutti – denn nur bei Mutti gibts die besten Gewürzgurken!). Die Brombeeren werden auch reif. Das ruft nach einer Marmeladen-Aktion. IMG_9793_edited-1
  8. Unser erstes Schuljahr geht in drei Tagen zu Ende. Es war ein gutes Jahr, in dem ganz neue Stärken und Schwächen zu Tage traten. Von uns allen.

  9. Erziehung ist dieser Tage mehr denn je: Try and Error. Und im Zweifelsfall? Immer Gnade. Und dabei das Atmen nicht vergessen.
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  10. Angst und Misstrauen und Hass wachsen. Jeden Tag mehr. Mit jeder Gewalttat. Ich halte mich aus den sozialen Medien immer öfter raus. Denn dort wird mir übel. Unsere (verwöhnte?) Generation hat wie keine vor uns eine lange Friedenszeit erlebt – eine geschichtliche Ausnahme, ein absoluter Segenszustand, eine Schein-Sicherheit. Oft frage ich mich: Haben wir ein Recht auf diesen Zustand? Unsere Welt war schon immer ein zerbrochener Ort, unterjocht von Gewalt an Mensch und Natur. Wahre Sicherheit gibt es hier nicht – die wird es erst in der kommenden Welt geben.Ich weigere mich hartnäckig, der Angst nachzugeben, mich von Hysterie anstecken zu lassen, verbale Munition abzufeuern, noch mehr Mauern aufzurichten.Dieses Gedicht von Luigi Nono hängt bei uns auf dem Klo (ich hänge alle wichtigen Gedichte im Klo auf, denn dort lese ich sie mehrmals täglich):

    (…)
    Lebendig ist wer das Licht erwartet
    in den Tagen des schwarzen Sturms
    wer die stilleren Lieder
    ohne Geschrei und Schüsse wählt
    sich zum Herbst hinwendet
    und nicht aufhört zu lieben. 

Familie, Wochenende

:Wochenende:

Auch wenn es idyllisch aussieht: Viele Wochenend-Momente waren alles andere als das. Die Emotionen kochten haushoch, ich knallte ordentlich mit den Kindern aneinander und spätabends im Bett fühlte ich mich ganz elend als Mutter-Versagerin des Jahres. Gerne hätte ich in mancher Situation anders reagiert…besonnener….liebevoller. Und dann sagte ich mir fest entschlossen: Morgen, morgen – da mach ich ALLES anders!

Nun: ALLES hab ich nicht anders gemacht. Aber doch ein bisschen.

Ruhiger. Überlegter. Wir brauchten dringend friedliche Momente. Hilfreich heute: einen Liter Johanniskraut-Tee, langes Pfannkuchen-Frühstück, Basteln und Sticken. Alles in sonntäglicher, heilender Ruhe.

Ach ja, und dazwischen gab es eine Hochzeit zum Fotografieren. Und Feuerwehr-Fahrten. Ein Zelt im Garten. Blumenpracht zum Niederknien. Chillen im Pfarrgarten. Trommelkonzert. Sommerfest.

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Dankbarkeit, Familie, Gedanken, Listen

Freude!

IMG_9585IMG_9583_edited-1IMG_9588_edited-1Gestern hat unser Hauskreis mal wieder das Wohnzimmer belagert und total frech alle Toffifee aufgefuttert (Moment, das war vielleicht ich!) Wir sind oft ein ziemlich müder Haufen, weil wir alle in der Lebensmitte stecken, in der so viele Anforderungen an uns zerren: Kinder, pflegebedürftige Eltern, Hausbau, Jobsorgen….

Wir können gut jammern – stopp: das muss ich anders formulieren! Wir sind gut darin, ehrlich mitzuteilen, wie es uns geht. Gott sei Dank gibt es diesen Ort – unser Wohnzimmer – wo wir uns einmal die Woche fallenlassen und weich landen.

Gestern haben wir überraschenderweise mal überhaupt nicht geklagt, sondern nur aufgezählt, was uns gerade Freude bereitet. Das war ein bissl spooky, fast schon  wie auf einem „Wir-sind-alle-so-gut-drauf-Motivationsseminar“.

Aber das Leben ist halt so: Es präsentiert uns nicht ein Geschenk, einen Erfolg, eine Problemlösung, eine Freude fein säuberlich nach einander. Nein, das Leben schüttet jeden Tag ein Wirrwarr an Gefühlen, Problemen, Schönheiten, Nöten, Freuden über uns aus. Gestern haben wir aus diesem chaotischen Lebenshaufen das Schöne rausgefiltert. Hat sehr gut getan!

Heute mach ich gleich weiter und fische ein paar wunderbare Dinge aus dem Alltagswirrwarr-Haufen.

Was mir Freude macht (gemacht hat): 

  • Ein paar spontane Tage Berlin. Friedrichshain, ick liebe dir!….Auch wenn deine Bärte langsam nerven…

  • Schokoladenbrot zum Frühstück.

  • Wäschewaschen mit Waschnüssen. Es ist so schön, die Chemie aus unserem Haushalt immer weiter zu verdrängen.

  • Meine Entrümpelungs-Challenge. Regale und Schränke atmen wieder Luft! Heute waren Bücher dran.

  • Die totale Überproduktion unserer wilden Brombeerhecken im Garten.

  • Herbstwetter im Hochsommer.

  • Tiefer, guter Schlaf. Die beste Medizin gegen Trübsal, Antriebslosigkeit und Denkfaulheit.

  • Sonnenstrahlen am Morgen auf dem Balkon.

  • Zucchini, Sommerflieder, Tomaten, Kräuter – der Garten wuchert.

  • Frische Buntstifte und die Geschichtenschreib-Lust meiner Tochter. Jeden Morgen finde ich neue Blätter vollgekritzelt mit wilden Abenteuern.

  • Wenn meine andere Tochter im Prinzessinnen-Kleid und in Gummstiefeln in den Kindergarten geht.

 

  • IMG_9598_edited-1IMG_9603_edited-1IMG_9618_edited-1IMG_9599_edited-1IMG_9616IMG_9611_edited-1IMG_9605IMG_9596_edited-1IMG_9613_edited-1IMG_9615_edited-1IMG_9591_edited-1
Haushalt

Entrümpeln in 27 Tagen

IMG_3501Seit Monaten, MONATEN!! will ich entrümpeln. Aber ich schiebe es vor mir her, weil andere Dinge wichtiger sind. Eisessen mit den Kindern, Kaffeetrinken auf der Couch, Marmeladekochen, Spontantrips. Und jedes Mal, wenn ich mich ganz ganz ehrlich ans Machen machen will, wirft mir das Leben einen Knüppel vor die Füße: Ein Kind wird krank, ich werde krank, die Sonne scheint, es regnet, ich bekomm meine Tage oder die Zeugen Jehovahs klingeln an der Tür.

Was wirklich Schuld an meiner Entrümpelung-Unfähigkeit ist? Mutlosigkeit vor einer gewaltigen Aufgabe! Wo soll ich anfangen? Ich werde doch niemals fertig! Ich brauche doch Jahre!!

Ich muss meine Ängste also irgendwie überlisten. Und deshalb habe ich beschlossen, diese gewaltige Aufgabe in kleine Tagesaufgaben herunter zu brechen.

Ich stelle mich hiermit der 27-Tage-Entrümpelungs-Challenge. 

Den ersten Tag (heute!) werde ich mit dem Ausmisten von Klamotten verbringen. Dazu angestiftet hat mich dieser Beitrag auf Heikes Blog.

Meine Tipps zum Entrümpeln: 

  1. Ich stelle mir den Wecker. Je nach Aufgaben-Umfang können das 10 Minuten sein (z.B. bei Schmuck) oder 1 Stunde (bei Klamotten). Unter Zeitdruck arbeite ich am schnellsten und effektivsten. Und ich lasse mich dann nicht von anderen Dingen ablenken.

  2. Ich behalte nur Dinge: 
    …die oft in Gebrauch sind.
    …die einen HOHEN sentimentalen Wert haben.
    …für die ich einen festen Platz habe.
    …die mir wirklich Freude machen.


  3. Ich gebe Dinge weg: 
    …die ich nie wirklich benötige.
    …die ich doppelt und dreifach besitze (wer braucht 23 Vasen???)
    …von denen ich hoffe, dass sie mir irgendwann passen.
    …mit denen die Kinder nicht mehr spielen.
    …von denen ich mich bisher nur nicht trennen konnte, weil sie noch relativ neu sind oder Geschenke, die ich aus Höflichkeit nicht weggeben möchte.


  4. Ich habe beim Entrümpeln drei Behälter:
    …Einen für den Diakonie-Laden.
    …Einen für Ebay-Kleinanzeigen.
    …Einen Mülleimer.


  5. Einige wenige Bastelarbeiten der Kinder kommen in einen extra Karton zur Erinnerung. Den Rest fotografiere ich und schmeiße ihn dann weg. Ihre gemalten Bilder sammle ich in einer Mappe – aber ganz ehrlich: ich behalte nur ca. 10 Prozent. Der Rest kommt weg.

  6. Ich entrümpele ALLEINE! Ansonsten hab ich hier zwei heulende Kinder und einen motzenden Mann.

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Ich freue mich schon so auf ein leereres Haus. Weniger Zeugs verschafft mir ein Freiheitsgefühl, ein erleichtertes Aufatmen. Mit jedem Schritt wächst die Motivation und die Ordnung dehnt sich bei mir auch immer in andere Lebensbereiche aus. 

Wer ist mit an Bord? Wer macht mit bei der 27-Tage-Entrümpelungs-Challenge??

Hier ist mein 27-Tage-Plan. 

Und hier ein Blanko-Plan. 

So, jetzt werden die Ärmel hochgekrempelt. Der Wecker ist gestellt – auf gehts!

 

Familie, Gedanken, Glaube, Kunst

Der Gott des Tanzes

Als ich 13 war, hab ich Anna geschaut. Ja, die Weihnachtsserie 1987, in der es um Ballett und Liebe ging. Und die alle Tanzschulen des Landes zum Boomen brachte. In meiner Nähe gab es keine Tanzschule und so übte ich ein paar Positionen daheim vor dem Spiegel. Das sind die einzigen Tanzerfahrungen, die ich je gemacht habe. Abgesehen von einer Runde VHS-Bauchtanz. Aber da hab ich eigentlich auch nur heimlich daheim vor dem Spiegel getanzt. Nur für mich. Ich glaube echt, dass tief in mir Tanzwut schlummert, aber die Angst vor Blamage ist größer.

Wenn es stimmt, dass man eigene unerfüllte Wünsche auf seine Kinder überträgt – na, dann Bingo! Vor einem Jahr habe ich Josefine beim Ballett angemeldet. Und dieses Wochenende war sie gemeinsam mit ihrer Freundin Teil einer gewaltigen Tanzproduktion auf der großen Theaterbühne Heilbronns. Mein Mutterherz war fett angeschwollen und das Leben schmeckte nach Champagner. Ich fühlte mich, als wäre ich wieder 13: Unfähig, meine Gefühle unter Kontrolle zu bekommen. 90 Minuten lang saß ich auf der Sitzkante, mein fettes Mutterherz wild klopfend. Tänzerinnen von ganz klein bis zum Profi führten vor ausverkauftem Haus ein Stück mit klassischem Handlungsstrang (Gut gegen Böse) auf.  Feen wirbelten zart herum, Eulen trippelten zu dramatischer Musik, Raben schlugen ihre Flügel, Zwerge hüpften mit wippenden Mützchen und roten Bäckchen über die Bühne, Ballerinas entfalteten ihre Grazie. Und ich saß auf meiner Sitzkante und heulte. Ich schluchzte natürlich besonders gerührt auf, als Josefine als Glühwürmchen im weißen Tutu und mit Licht auf dem Kopf schüchtern über die Bühne tanzte. Dieses mutige, ätherische Wesen. Auch bei allen anderen Tänzen hatte ich eine Ladung unterdrückter Schluchzer parat. Das macht Schönheit mit mir. Mein Herz schwillt auf dreifache Größe an, ich krieg Pipi in den Augen und ich spüre Gott. Die spirituellen Profis nennen das Transzendenz: Gott scheint durch. 

Es muss noch nicht mal der Name Gott fallen und trotzdem scheint er für mich im Tanz, in  guter Literatur, in einem Musikstück, auf einem Gemälde und einer Fotografie durch. Auf einem durch und durch zerbrochenem Planeten, voller zerbrochener Wesen, kämpft sich Schönheit immer wieder an die Oberfläche. Wie ein zartes Signal: Ichbinda! Ichbinda! Ichbinda! 

Oh, was bin ich dankbar für alle Menschen da draußen, die Schönheit schaffen. Ihr Gärtner und Designer, ihr Schriftsteller und Maler, ihr Tänzer und Schauspieler, ihr Bühnenbildner und Schneider, ihr Töpfer und Weber, ihr Fotografen und Pianisten, ihr Sänger und Grafiker. Macht bitte bitte immer weiter!

Und wenn es dich schon immer juckt, Schönheit zu schaffen, dann hör auf vor dem Spiegel zu tanzen. Geh nach draußen. Zeig dich. Tanze, als gäbe es kein Morgen. Schreibe, als würdest du bluten. Singe, als wolltest du einen Gletscher schmelzen.

Nach drei Vorstellungen schläft jetzt mein Kind einen erschöpften Schlaf. Ich packe ihre Tanzschuhe, Kuscheltier, Strumpfhose und Haarbänder aus. Morgen will sie wieder tanzen. Hier daheim. Vor dem Spiegel.